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8.8.1880 Zweites Blatt
 
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Mv. ISS» Zweites Blatt Sonntag ben 8. August 1880.

(Siebener MuMger

A»?eise- u«i> Amtsbiitl für ira Kreis Gieße«.

Amtlicher Hheit. Pfarr-Conferenz. Mittwoch den 1L August: Pfarr - Conferenz zu Gießen.

Lang-Göns, den 6. August 1880. Strack, Dekan.

Politische Ueberficht.

Das Ergebniß der Coburger Finanzconferenzen ist noch immer in Dunkel gehüllt. Man macht gegenwärtig darauf aufmerksam, daß die Ein­ladungen von dem preußischen Finanzminister, nicht vom Reiche ausgegan­gen sind; es habe sich sonach um die Feststellung der Finanzlage, oder vielmehr der Defictts der einzelnen Staaten gehandelt, also um die Klarstellung deö Gesammtbedürfnisses; erst in zweiter Linie sei das Reich betheiligt, da ihm die Deckung dieses Bedürfntffes obliege. Da über das Tabaksmonopol nicht verhandelt worden ist, so ist das Resultat zunächst ein negatives; denn die Defictts existtren und führen das Minuszeichen.

Das Tabaksmonopol, so unpopulär es ist, wird gegenwärtig un­verblümt von den Ultramontanen der Regierung offertrt. Man erklärt dieses überraschende Angebot als das Ergebniß einer Taktik, welche die Reichsregie- rung dazu drängen soll, die Unterhandlungen mit der Curie mög­lichst bald wieder auszunehmen.

Das preußische Justizministerium dehnt seine Erhebungen bezüglich einer Reform des Gertchtskostenwesens darauf aus, festzustellen, ob eine Verminderung der Processe stattgefunden habe. Stellt sich eine solche heraus, so ist damit nicht der Beweis geführt, daß sich die wirthschaft- ltchen Verhältnisse gebeffert haben, sondern nur zu erkennen, daß die zu hohen Gerichtskosten viele Parteien vom Processiren abschreck n.

Aus Oesterreich berichtet man, daß der Kaiser die Initiative zum Sprachengesetze in dem Sinne ergriffen habe, daß die deutsche Sprache zur Staatssprache erklärt werde.

In Frankreich hat ein Transportschiff die letzten 120 amnesttrten Deportirten in Brest gelandet; unter ihnen befindet sich Professor Fontaine, der Direktor der Domänen der Commune.

Die Erkrankung Gladstone's, welche innerhalb und außerhalb Englands großes Aufsehen erregte, nimmt einen günstigen Verlauf. Das Fieber ist verschwunden und die Lungenentzündung völlig behoben.

Die Türket behält ihre Verzögerungspolttik bet, und sie thut Recht, denn ihre Energie hat gegenüber der Uneinigkeit der Großmächte von Tag zu Tag Erfolge aufzuwetsen. In aller Ruhe hat sie an der griechischen Grenze eine ansehnliche Truppenmacht concentrirt, und trotzdem verkündet der Sultan, sein eifriges Bestreben sei, die griechische Frage auf dem Wege der diploma­tischen Verständigung betzulegen. Ebenso erklärt sich die Pforte bereit, Dul- ctgno an Montenegro abzutreten, denkt aber gar nicht daran, die Abtretung auszuführen. Inzwischen treten Gerüchte auf, Oesterreich beabsichtige, über Novtbazar hinaus in der Türkei einzurücken.

In AfghantÜan marschirt General Roberts mit 10,000 Mann auf Kandahar zu, und trifft hoffentlich noch zu rechter Zett ein, um die gefährdete Besatzung zu retten.

Deutschland.

Darmstadt, 5. August. Das Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 21) enthält:

1. Verzeichniß der Vorlesungen, welche auf der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Universität zu Gießen im Winterhalbjahre 1880/81 gehalten werden uud am 1. November ihren Anfang nehmen.

2. Bekanntmachung Großherzoglichen Kretsamts Worms, die für das Jahr 1880 und das 1. Vierteljahr 1881 zur Bestreitung der Communal- Bedürfniffe der Stadt Worms zu erhebenden Umlagen betreffend.

3. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.

4 Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: Die eoang. Pfarrstelle zu Güters- bach, dotationsmäßiger Gehalt 1447 <X; d^s Präsentatio, srecht" zu dieser Stelle steht dem Herrn Grafen ,u Erbach - Fürstenau zu; derselbe ist dem Classtficationsgesetz nicht beigetreten. Die dritte evang. Pfarrstelle zu Büdin­gen mit Herrnhag, dotattonsmäßiger Gehalt 1226 das Präsentations­recht zu dieser Stelle steht dem Herrn Fürsten zu Dsenburg- Büdingen zu. Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Seehetm mit einem jährlichen Gehalte von 900 Eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Schaafheim mit einem jährlichen Gehalte von 900 JL Eine mit einem evang. Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Butzbach mit einem nach dem Dienstalter des betr. Lehrers sich bemessenden jährlichen Gehalte von 1000 bis 1600 JL Die evang. Pfarrstelle zu Zötzenbach, dotattonsmäßiger Gehalt 2100 vM; das Präsentattonsrecht steht Sr. Erlaucht dem Herrn Grasen zu Erbach-Schönberg zu.

Berlin, 5. August. Die Bewegung zur Aenderung des Gesetzes über 'bin Unterstützungswohnsitz, welche sich eine Zeitlang gelegt hatte, scheint doch

wieder in Gang kommen zu sollen, und wird es sich dabei nur zeigen, ob die Regierungen geneigt sein werden, auf eine von rückschrittlicher Sette angestrebte Aenderung einzugehen, zumal eben diese Seite gegen die Fretzügtgkett und das Paßgesetz ankämpfen möchte, wie überhaupt gegen Alles, was von 1867 bis 1871 geschaffen worden ist. Die Ref rm des Acttengesetzes nimmt allerdings tm Rktchsjusttzamt ihren Fortgang, stößt, wie es heißt, jedoch auf manche nicht vorausgesehene Schwierigkeit.

Auf dem achten deutschen Aerztetag wurde folgende Resolution ein­stimmig angenommen: Es schädigt das Ansehen des ärztlichen Standes und ist unangemessen, in öffentlichen Blättern (Briefmappen",Briefkasten", Aerztltchen Correspondenzen" rc. rc.) ärztlichen Rath an Kranke zu ertheilen oder durch Vermittlung solcher Blätter als ärztlicher Berather in Privat- Correspondenz mit unbekannten Personen zu treten.

AuS dem Privatbriefe eines richterlichen Beamten über die Gerichts­kosten thetlt dieNat.-Ztg." Folgende- mit: Was die Gerichtskosten betrifft, so ist das, was darüber berichtet wird, wirklich richtig. Ich selbst habe neulich eine Sache in Händen gehabt, wo die einfache Beibringung von 9 «X 10 den Betrog von 8 <X überstieg. Vollkommen stimme ich Dir bei, daß bei solchen Verhältnissen die kleinen Leute nicht klagen können, und daß somit für ste bet kleinen Objecten sactisch Rechtsverwetgerung vorliegt. Das kann nicht so bleiben, namentlich bei uns in Preußen, wo bisher das Recht so billig war, wie irgendwo sonst, und das in dieser Beziehung seit länger als 100 Jahren ein Vorbild für gute und strenge Rechtspflege gewesen ist. Für die Criminal- sachen halte ich dagegen die hohen Gerichtskosten für einen Segen, denn es ist eine tüchtige Strafe für fahrlässige und böswillige Beschädigungen, wenn die Betreffenden die Gerichtskosten für die Erhebungen bezahlen müssen. Gegen das Verfahren der neuen Civilproceßordnung, soweit es die Amtsgerichte be­trifft, wo dem Richter die Verpfl chtung auferlegt ist, von Amtswegen für die vollkommene Klarstellung der Sache und Stellung der sachdienlichen Anträge zu sorgen, habe ich fast gar nichts zu erinnern; es ist bedeutend schneller als das srühere, und da der Richter nicht mehr auf die Vorträge der Parteien beschränkt ist, sondern den Kern der Sache herausschälen muß und die Par­teien ihm persönlich Rede stehen müffen, so wird dem materiellen Rechte, für dessen Klarstellung die Civilproceßordnung übrigens auch sonst besser als unser bisheriges preußisches Verfahren, eher und mehr zur Geltung verholfen.

Lokales.

Gießen, 7. August. (Sitzung der Stadtverordneten vom 5. August.) Behufs Fest­stellung des Schadens, welchen der Frost des letzten Winters an den Obstbäumen angerichtet, |oU dieselbe durch die hiesigen Feldgeschworenen gegen entsprechende Vergütung geschehen. Die Holzversteigerung vom 22. März d. I. wurde genehmigt. Die Herstellung des Einbandes der (Arunv- und Hypothekenbücher soll aus der Hand vergeben werden. Die Vernichtung der zur 1 K79r Rechnung gehörigen Zinscoupons wird von den Herren Stadtverordneten Aug. Noll und Pfannmüller vorgenommen. In Betreff des Ausbaues der nach dem neuen Universitäts- Gebäude führenden Straßen soll auf einen von Großh. LandeSuntversität an Großh. Ministerium des Innern und der Justiz gerichteten und zur Aeußerung verschriebenen Bericht geantwortet werden, daß der für die Ludwigsstraße vorgesehene Betrag in diesem Jahre verwendet und auch die Goethestraße entsprechend unterhalten werden soll, während der Weg von der Nau- hetmer'schen Besitzung her nicht al« Communtcationsweg anzusehen wäre. Verschiedene für die höhere Mädchenschule nöthigen Anschaffungen werden genehmigt, desgl. der von der Armen­deputation für die Kletnkinderschule pro 1880 beschlossene Beitrag von 100 JL Die Her­stellung der Trottoirpflasterungen in der Ludwigs- und in der Bismarckstraße wird genehmigt, dagegen soll auf das Gesuch des Louis Hklmoldt wegen Trottotrherstellung in der Schiller­straße geantwortet werden, daß die Stadt die Auffüllung des Trottoirs besorgen lasten wolle, aber jetzt kein bindendes Versprechen wegen des Geländeerwerbes machen könne. Betreffs des Baugesuchs des Georg Brönner beschließt die Versammlung, darauf zu bestehen, daß Bitt­steller vorerst daS Vorderhaus baue. Die wetteren Bauerlaubnißgesuche von Karl Wigandt (Vornahme von Bauveränderungen und Anlage einer Einfriedigung), I. P. Sann (Errichtung einer Einfriedigung), Philipp Wilhelm ldesgl.), Jacob Helfenbein (Erbauung einer Trink­halle) werden befürwortet, ebenso dasjenige der Gebrüder Heinrich und Jacob Keßler (An­legung einer Einfriedigung), jedoch sollen die Gesuchsteller zur Herstellung des arg beschädigten Trottoirs angehalten werden. Die durch Beschluß vom 20. März 1879 dem Oeconomen Christian Wagner ertheilte Erlaubniß zur Abtragung zweier städtischen Raine wird zurückge­zogen, da derselbe und sein Nachfolger Fr. Helfrich trotz mehrmaliger Aufforderung unterlasten haben, diese Abtragung vorzunehmen. Dem Gesuch des ProfestorS Dr. Birnbaum um käufliche Überlastung städtischen Geländes gegenüber erklärt die Versammlung, daß die Stadt auf dasselbe einzugehen nicht abgeneigt wäre, insofern sich Bittsteller mit M. Rosenthal, da derselbe auch eine Einfahrt in das fragliche Gäßchen besitze, geeinigt hätte. Dem Gesuch de8 Kunstgärtners Karl Deines um Erlaubniß zur Auffüllung eines Uebergangs in der verlängerten Asterwegstraße wurde stattgegeben. In der Angelegenheit der durch verschiedene Gerberet- besitzer in Benutzung gezogenen Stadtbach wird beschlossen, den betr. Gerbern die Benutzung derselben widerruflich zu gestatten, wenn sie die Bachmauer nach Angabe des Stadtbaumeisters ordnungsmäßig herstellen. Für die Anlage eines Hühnerstalls auf der Böschung des Schoor- grabcns Seitens des Bterbrauereibesitzers Pöschel soll auf einer Abgabe von 40 H jährlich be standen oder die Entfernung dieses Stalles gefordert werden. Sollte dann die Beseitigung desselben nicht binnen einer bestimmt werdenden Zeit erfolgen, so soll gegen den qu. Pöschel klagend vorgegangen werden. Die Beschwerde des Jacob Wießner wegen Benutzung des Vorgartens des Ludwig Schmttt'schen Hauses als Werkstätteplatz wird dahin beantwortet, daß nach Ansicht der Stadtverordneten die Vorgärten zur Verschönerung dienen und nicht als Werk-