128. Erstes Blatr. Sonntag den 6. Juni 188V.
Meßener Mnzeiger
A,M- Md Amtsblatt für de« Kreis Gieße«.
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Amtlicher Theit.
Bekanntmachung.
Betreffend: Generalversammlung des landwtrthschaftltchen Bezirksvereins Gießen.
Qu der Samstaa den 12, Juni l. I. zu Gießen im Gasthause zum Einhorn »ormittagS 10 Uhr beginnenden Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen beehre ich mich, alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwtrthschast ergebenst einzuladen.
Tagesordnung:
I. Vorlage der Rechnung für 1879.
II. Feststellung des Voranschlags für 1880.
III. Wahl von zwei Ausschußmitgliedern.
IV.
Geschäftliche Mittheilungen.
V. Verhandlungen: n • ß.,
t) Ueber Wiesenbau- Referent der Großherzogltche Landescultur-Jnspector Herr vr. Klaas von Darmstadt.
2) lieber die Frage, ob es zweckmäßiqer scheint, daß für bas Landgestüt außer den Anglonormannen auch noch Hengste der Ostpreußischen ober der Mecklenburger Züchtung verwendet werden. w , ,o
Gießen, am 2. Juni 1880. Der I. Dtrcctor des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
vr. B o e k m a n n. ____________________
Platze ist, beweist sein Verhalten dem Vatikan gegenüber. Ueber den Werth der Zoll', Steuer- und Ftnanzresorm, über ein wirthschaftliches System Bismarck mögen die Meinungen dtfferiren, zumal Niemand jenes sichere Urthril haben kann, das nur der Erfolg bildet, aber daß der Kanzler bei seinen Reformen aufrichtig das Beste des Landes erstrebte, das werden auch feine Gegner nicht in Abrede stellen.
Warum soll also die Nation ihren edelsten Sohn zu den politisch Todten werfen? Es wäre doch wahrlich richtiger, mit ihm vereint die Wege zu suchen, auf denen wir aus einer Periode der Unzufriedenheit und Schlaffheit, eines politischen und wirthschaftlichen Unbehagens uns wieder herausarbeiten können. Deutschland hat so viele gefährliche Feinde, daß man nur mit tiefstem Bedauern zusehen kann, wie seine ehrlichsten Freunde sich untereinander befehden, so übereifrig, daß sie sich schließlich gegenseitig für Rnchsfetnde halten. Es ist Zeit, den inneren Frieden zu schließen und alle nationalen Elemente zu versöhnen, in denen nur die starken Wurzeln der Macht des Fürsten Bismarck ruhen, und man soll damit nicht warten, bis die Roth dazu zwingt, an jenen Patriotismus zu appelliren, der in der Stunde der Gefahr alle Freunde und Söhne des deutschen Vaterlandes zu einigen vermag.
Fürst Bismarck und die deutsche Nation.
Das deutsche Volk zeigt kein Verständniß für den von extremen Parteien seit einigen Monaten lebhaft kolporttrten Ruf: „Fort mit Bismarck!" Die eigentliche Schwäche der Gegner des Reichskanzlers beruht in dem Umstande, daß sie keinen ebenbürtigen Ersatzmann für den Fürsten aufzuweisen haben, und wenn auch irgend ein obskurer Diplomat wirklich die Frage gestellt haben mag, warum ein Mann wie Eugen Richter noch nie Minister gewesen ist, für den deutschen Kanzlerposten werden selbst seine begeisterten Freunde den schlag- fertigen fortschrittlichen Parlamentarier nicht vorzuschlagen wagen. Man hat ja so Recht, wenn man den alten Aussvruch verschiedener Leute über verschiedene Berühmtheit cittrt, daß Niemand unersetzlich sei, und wenn man, nicht gerade mit besonderer Zartheit dem müden und leidenden Staatsmanne gegenüber, in logischer Consequenz an den Tod des Fürsten Bismarck erinnert, so hecht es dann allerdings: „Ernst ist der Anblick der Nothwendigkett l — Sie wird einst an das Volk herantreten, aber zur Zeit kann man im Jntereffe des Vaterlandes nur dringend wünschen, daß dies erst in langer Zett geschehen möge, in einer Zett, in welcher sich das Vertrauen der Nation auf einen Mann concentriren kann, und wenn Fürst Bismarck nicht mehr unersetzlich sein wird, so wird man selbst dann noch fühlen, wie schwer er zu ersetzen ist.
In dem erregten Partettreiben der Gegenwart wird häufig ganz ver- geffen, daß der Kanzler des deutschen Reiches nicht in der Lage ist, alle Voiks- wünsche, alle Forderungen einer parlamentarischen Majorität zu erfüllen. Manche Ereignisse der neuesten Zeit lasten deutlich erkennen, daß die Haltung des gegenwärtigen Reichskanzlers — und das wird naturgemäß auch bet späteren deutschen Kanzlern der Fall sein — sehr wesentlich von der Stellungnahme des deutschen Kaisers und der deutschen Fürsten zu einzelnen wichtigen Fragen der Gegenwart beeinflußt ist. Es ist das ein Gebiet, welches Zeitgenosten niemals klar überblicken können, nnd so gehört es keineswegs zu den Unmöglichkeiten, daß die posthume Geschichtsschreibung uns den Fürsten Bismarck in anderem Lichte zeigen wird, als von der Parteien Gunst verzerrt. Die z vielbesprochenen Friktionen liegen nicht allein im Wirkungskreise der Volksvertretung, sondern auch im Bundesrath und endlich in Hoskreiseu, wo bekanntlich seit alten Zeiten zuweilen auch von unberufener Sette in höherer Politik gemacht worden ist. Affairen ä la Arnim würden vielleicht einen minder starken Geist schon müde, todtmüde gemacht haben, und auch in der bohen Politik der letzten Jahre, um nur an den russischen Einfluß in deutschen Hoskreisen zu erinnern, ist keineswegs Alles so glatt gegangen, wie es sich dem Auge des Laien in der Diplomatie darstellt.
Fürst Bismarck's unbestrittene Meisterschaft in der Führung der auswärtigen Politik macht schon allein den Gedanken an die Möglichkeit seines Rücktritts dem Volke ungemein peinlich. Mit richtigem Instinkt würdigt man auch den Werth des Vertrauens, das die deutschen Fürsten für den Kanzler hegen, und sollte nicht vergesten, daß das loyale Wirken des Kanzlers außer der Hamburger Zollaffaire noch niemals Confltcte mit Regierungen hervor- gerusen hat. Daß er dem Parlamente nicht in allen Dingen zu Gefallen leben konnte, das liegt im Wesen des Parlamentarismus. Einen wirklichen Gegner fester konstitutioneller Verhältniffe kann man Bismarck nicht nennen, wenn er auch nach seiner Stellung und conservativen Neigung in erster Linie das Recht der Regierungen vertreten zu müffen meint. Daß er auch bet Vertretung der Staatsrechte und dabei des Volksrechtes der Mann aus dem
Gefu «bene Gegen st ander
Verschiedene kleine Geldbeträge, 1 Handtuch, 1 Badehaube, 1 Strohhut, 2 Taschenmesser, 2 Portemonnaie's mit Inhalt, 1 Wassereimer, 1 Taschentuch.
Die Gegenstände sind auf der Polizeiwache (Weidengaffe 93) aufbewahrt.
Gießen, den 4. Juni 1880. Großherzogltche Polizeiverwaltung Gießen.
I. V. Krämer.
Deutschland.
Darmstadt, 4. Jun«. Seine Großherzogltche Hoheit der Prinz Alexander sind auf die Nachricht von dem gestern erfolgten Hinscheiden Höchst- ihrer Schwester, der Kaiserin von Rußland Majestät, heute früh nach St. Petersburg abgerelst. . ,
Berlin, 3. Juri. Nach der neuen Faffung der 48 und 50 deS Betriebsreglcments für die Eisenbahnen Deutschlands sind nunmehr folgende Gegenstände von der Beförderung auSgeschloffen: 1) alle Güter, die nach der Einrichtung und Benutzungsweise der Bohn sich zum Transport auf derselben nicht eignen, 2) die postzwangspflichttgen Gegenstände, 3) alle der Selbstmt- zündung und Explosion unterworsenen Gegenstände, soweit nicht besondere Bestimmungen deren Zulaffung gestatten. Bedingunsweise werden zugelaffen: 1) di, besonders bezeichneten Sprengstoffe. 2) Gold- und Silberwaaren, Pla- tina, 3) gemünztes und Papiergeld, goldwerthige Papiere, Documente, Pre- tiefen, Edelsteine, ächte Perlen u. s. w. 4) Gemälde, Kupferstiche und ähnliche Gegenstände, deren Verladung oder Trantport nach dem Ermessen der Verwaltung außergewöhnliche Schwierigkeiten verursacht. Der § 50 «bestimmt, daß zu den bedingungsweise zugelassenen Gegenständen besonder« Frachtbriefe angefertigt werden müffen. Mit dem 1- August 1880 sollen diese Be- sttmmungen in Kraft treten.
Berlin, 3. Juni. Das schreckliche Eisenbahnunglück bei Blumenberg bat besonders auch in Abgeordnetenkretsen das peinlichste Aufsehen erregt und vielfach wird in Erwägung gezogen, ob es nicht gcrathen sei, in Form einer Interpellation den Vorfall zur öffentlichen Besprechung von der Tribüne d-S Abgeordnetenhauses zu bringen und den M,nister Maybach zur Aufklärung undAeußerung seiner Meinung zur Verhütung ähnlicher, Vorfälle- zu veranlassen. Der gestrige „Retchs-Anz." chrelbt bezüglich des Unfalls: Die Ursache de? Unfalls ist noch nicht aufgeklärt. Die sofort angestellte Untersuchung hat ergeben daß das Geleise sich in normaler Lage, Maschine und Wagen- in sehr gutem Zustand- befanden. Seitens des Ministers der öff-nt tchen Arbeiten ist ein besonderer Commiffarius an Ort und Stelle gesandt. Die eingehendste Untersuchung ist im Gange, und sofern Grund zu der Annahme sich ergibt,


