Stand gesetzt werden, den Moment des definitiven Absatzes an den binnen- ländischen Händler und Consumenten abzuwarten, bevor er gezwungen wird, durch Bezahlung des Zolles weitere, unter Umständen sehr erhebliche Lummen in die von ihm importtrten Waaren hinetnzustecken, deren Realisation vielleicht lange auf sich warten läßt, während durch Zinsenverlust auf den vorausbezahlten Zoll v. s. w. der Einstandspreis der importirten Waaren sich inzwi- schen merklich veriheuert. Diese zollfreien Lager sind mit der Zett ein unentbehrliches Bedürsniß für jeden größeren Hafenplatz, ja sogar für manche Btnnenstadt geworden, die einen ausgebreiteten Zwischenhandel betreiben will. Einen drastischen Beweis für die Nothwrndtgkeit solcher Anlagen erleben wir in diesem Augenblicke vor unseren Augen. Kaum ist der Beschluß gefaßten bisherigen Freihafen Altona in die Zolllinie etnzuverleiben, so ist die erste Sorge, aus dem neu geschaffenen Zollgebiete wieder ein Stück auszusondern, um ein neues Freihafen-Terrain zu schaffen, aus welchem der Altonaer Han- delsstand versuchen kann, auch nach der Einverleibung des übrigen Sradttheils den bisherigen Jmporthandel derselben fortzusühren. während Jedermann darüber einverstanden ist, daß, wenn Altona eine solche Einrichtung nicht erhält, es aushören muß, ein Jmportplatz für den Großhandel zu sein. Ja, um die Bedeutsamkeit dieses Falles für die Jüustrtrung der ganzen, jetzt zur Dtscusston stehenden Frage noch klarer zu machen, wird als verhältnißmäßtg wirksamstes Mittel für den in's Auge gefaßten Zweck nicht die Errichtung neuer Entrepot- baulichketten, sondern die Aussonderung eines bestimmten Stadtthetls aus dem Zollgebiete vorgeschlagen, um denselben nach wie vor dem eigentlichen Seehandel dienstbar zu machen. Mit einem Worte, es gibt keinen größeren Handelshafen, der nicht zum Theil auch Freihafen wäre und sein Frethafengebtet hätte, und nur die Namen sind verschieden. Was wir bei Hamburg und Bremen Freihafen nennen und bei Altona bisher Freihafen nannten, das nennt man in London die Docks mit ihren „bonded warehouses“, in Havre und Antwerpen, die Docks-Entrepots, anderswo zollfreie Niederlagen u. s. w. In Hamburg und Bremen nur sind diese zollfreien Niederlagen nicht in bestimmte Gebäude, in einem eng begrenzten Bezirke zusammengedrängt, sondern man hat sie sich nach dem Bedürsniß der einzelnen Geschäftszweige und der einzelnen Geschäftstreibenden beliebig über die ganze Stadt verbreiten lasten, tote es in jedem Falle am besten und sparsamsten einzurichten war. Es besteht demnach gar kein prirctpieller Unterschied in dieser Frage zwischen den zollfreien Niederlagen Londons und Antwerpens und denjenigen Hamburgs oder Bremens, sondern nur ein räumlicher, und auch dieser ist gar nicht einmal so sehr groß, denn die Londoner Docks bedecken ein Areal, das in seiner Gesammtheit der Größe unserer inneren Stadt nichts nachgibt."
— Es bestätigt sich, daß eine Viehzählung und Aufnahme einer land- wirthschaftltchen Bodenstatistik mit der Volkszählung am 1. December d. Js. nicht verknüpft wird. Der Bundesrath hat in Folge der Hinweise des Reichskanzlers die Vorlagen abgelehnt. Jedenfalls dürfte man im Reichstage wieder aus die Angelegenheit zurückkommen, zunächst aber werden wir auf eine Viehzählung und Bodenstatistik verzichten muffen.
Asien.
Kalkutta, 2. Juni. Vier Compagnien britischer Truppen erhielten Befehl, zum Zwecke der Einnahme von Stellungen zum Schutze der englisch- birmanischen Grenze sich zum sofortigen Abmarsch bereit zu halten.
tletegraphische Depeschen.
Waguer's telegr. Eorresp-uderrr ■ «Beteetu
Petersburg, 3. Juni. Ihre Majestät die Kaiserin von Rußland ist heute gestorben. (Wiederholt, weil nicht in allen Nummern des gestrigen Blattes enthalten).
— Nach officieller Mttlhetlnng ist die Kaiserin heute früh in der achten Morgenstunde sanft ohne Todeekampf entschlafen.
Berlin, 3. Juni. Durch Bekanntmachung des Ministers des königlichen Hauses tm „Reichs Anz." wirb auf kaiserlichen Befehl die Verlobung des Prinzen Wilhelm mit der Prinzessin Augusta Victoria von Schleswig- Holstein-Augustenburg publicirt. — Eine weitere Bekanntmachung des Ober- Ceremonienmetster-Amtes ordnet eine vierwöchentliche Hoftrauer für die Kaiserin von Rußland an.
— Fürst Gortschakoff ist heute Vormittag nach Frankfurt a. M. abgereist. Fürst Bismarck hat gestern Abend den ihm von dem Fürsten Gortfcha- koff vorgestern abgestatteten Besuch erwiedert.
München, 3. Juni. Der König hat dem bayerischen Gesandten in Berlin, p. Rudhart, einen zweimonatlichen Urlaub erthetlt und mit der interimistischen Führung der gesandtschaftlichen Geschäfte den Legations-Secretär, Frhr. v. d. Pfordten, beauftragt.
London, 3. Juni. „Standard" erfährt, daß die identische No^e an die Pforte schon redigtrt sei und Ende der Woche überreicht werde.
Konstantinopel, 3. Juni. Der britische Botschafter Layard ist abgereist. Der Empfangstag Göschen's wurde durch den Sultan noch nicht festgestellt. — Midhat Pascha hat seine Demission gegeben. Dem Vernehmen nach hat der Sultan dieselbe noch nicht angenommen.
Gens, 3 Juni. Rochefort erhielt in dem heutigen Duell mit Köchlin einen Degenstoß in den Magen. Die Verwundung ist eine schwere. Köchlin ist unverletzt.
Berlin, 3. Juni. In der heutigen Sitzung der Kirchengesetz'Corn- Mission beantragte Bruel zu § 2 anstatt „die Berufung an die Staatsbehörde gegen Entscheidungen der Kirchenbehörden steht nur dem Oberpräsidenten zu", zu setzen: „steht nicht denjenigen zu, gegen welche die Entscheidung ergangen ist." v. Zedlitz beantragt, als zweiten Satz einzufügen: „die Berufung ist einzulegen, wenn derjenige, gegen welchen eine disciplinarische Entscheidung erging, sie beantragt und der Antrag von vornherein nicht als unbegründet erscheint." v. Limburg-Styrum bezeichnete den Antrag v. Zedlitz für unzulässig. Die Commission lehnte den Antrag v. Zedlitz mit 11 gegen 10 Stimmen und den Antrag Bruel mit 15 gegen 6 Stimmen ab und nahm den $ 2 tn der Fassung der Regierungsvorlage mit 11 gegen 10 Stimmen an.
Nach der „Germania" frug Reichensperger, ob die Regierung die Verweigerung der Absolution noch als strafbares Zuchtmittel betrachte. Der Cul- tusminister erklärte, die Verwaltung habe de lege lata nichts zu sagen. Das Obertribunal habe in mehreren Fällen entschieden, daß die Verweigerung der Absolution ein kirchliches Zuchtmittel sei. Den Antrag Bruel erklärte der
Das Eisenbahn-Unglück bet Oschersleben-
Am 1. Juni ist auf der Strecke Magdeburg-Oschersleben zwischen den Stationen Blumenberg und Hadmersleben der Schnellzug 43 Berlin-Aachen entgleist. Telegraphisch wurde über dieses Ereigniß aus Magdeburg berichtet: „Die Maschine und alle Wagen geriethen von den Schienen und stürzten um. Zwei Passagiere (aus Breslau) blieben tobt, vier, darunter ein Postschaffner und ein Eisenbahnschaffner, wurden schwer, dreißig leicht verletzt. Fünf Verwundete befinden sich schon im hiesigen Krankenhause. Ein leicht Verwundeter brachte von der Bahn eine Schwelle mit, die ganz verfault war. Die Gegend, in welcher die Entgleisung stattfand, ist flach, die Bahn hat aber dort starke Cmven " Eine amtliche Mlttheilung. welche in den That- sachen mit obiger Meldung übereinstimmt (nur daß der faulen Schwelle keine Erwähnung geschieht und statt dessen bemerkt wird, die Ursache des Unfalles sei noch nicht ermittelt), nennt als die Umgekommenen den Kaufmann Kaltinich und den Rentner Volkmar Kuschel, beide aus Breslau. Die im Krankenhause zu Magdeburg aufgenommenen Schwerverletzten sind: Schaffner Brand, Verbands-Packmeister Lange, Postschaffner Andrup, unverehelichte Selle, sämmtlich aus Berlin, und Anna Benar aus Petersburg. Von den Leichtverletzten konnten in ihre Familien oder in die Heimath sofort zurückkehren: Frau Höppner aus Magdeburg, Frl. Göpel aus Potsdam, Frau Regierungsrath Zimmermann aus Berlin, Frau Bloch aus Frankfurt a. M., Geh. Regierungsrath Bensen aus Berlin, G- Metzenberg, Kaufmann aus Breslau, W. Zarecki, Kaufmann aus Breslan, Graf Milloradowitsch aus Petersburg.
Inzwischen bringt die „Magdeburger Zeitung" einen ausführlicheren Bericht, dessen Einsender auf der Fahrt von Halberstadt nach Magdeburg tur9 nach dem traurigen Ereignisse an der Unglücksstätte angekommen war. „Schon von Oschersleben ab", schreibt derselbe, „wurde vielfach die Bcrspätung des Schnellzuges im Coupe besprochen, bis wir zwischen Hadmersleben und Blumenberg, zwischen Wärterbude 26 und 25, die Ursache erfahren sollten, indem plötzlich unser Zug mitten im Felde, gerade dem Dorfe Bottmersdorf gegenüber, anhielt. In nicht geringer Entfernung bot sich uns ein kaum zu beschreibender schrecklicher Anblick dar. Auf der linken Seite lag im Abgrunde auf der Kehrseite die dampfende Locomotive, welche vom rechten Fahrgeleise quer über den Eisenbahnkörper sich hinweggewälzt, die Eisenbahnschienen zertrümmert und einen Graben an der etwa fünfzehn Fuß hohen Böschung gewühlt hatte. Auf der rechten Seite lagen die zertrümmerten sechs Personenwagen, der vorderste Packwagen wie der Briefpostwagen vollständig zertrümmert, theils umgekehrt, theils inemander- geschoben und zermalmt. Ein schreckliches Bild der Verwüstung! In unmittelbarer Nähe waren die mit großer Mühe geretteten, vielfach auch sehr beschädigten Passagier- und Postgüter. Auf jedem Schritte begegnete man verwundeten Reisenden, Kmdern und Frauen, von Blut triefend und wehmütbig klagend und nach Hülse suchend. Aus einem Coupe zweiter Classe wurden zwei Kaufleute, tm besten Mannesaller, tobt herausgezogen, welche den Anzeichen nach jedenfalls zerqnetscht waren, da man keine erheblichen äußerlichen Verletzungen bemerkte. Ein schreckliches Bild bot auch die Verstümmelung des Postschaffners (der Postsecretär ift glücklicherweise gerettet), welchem die Kinnbacken auseinandergerissen waren und der die schrecklichsten Schmerzenstöne hervorbrachte. Ferner waren mehrere 2)amen, darunter angeblich eine Französin, in jammervoller Weise beschädigt. Einem Schaffner war das Bein gebrochen, während der seit 28 Jahren im Dienste stehende Packmeister, welcher im Augenblick der Gefahr sich fest angeklammert hatte, eine Armverrenkung davontrug. Locomotivführer und Heizer sind gerettet. Zum Glück war zufällig in der Nähe der Unglücksstätte Dr. Boye aus Wanzleben, welcher in Gemeinschaft mit dem von Oschersleben kommenden Heil- gehülfen Robert Winkelmann in aufopfernder Weise Hülse reichte. Wir sprechen diesen Herren Namens der unglücklichen Verwundeten den herzlichsten Dank aus. Ebenso gebührt auch den Bewohnern von Bottmersdorf, welche rasch zur Stelle waren und in gleich uneigennütziger und hingebender Liebe sich der Unglücklichen annaha en, der innigste Dank. Die beiden tobten Brüder wurden nach Bottmersdorf gefahren, während die Schwerverwundeten nach fast dreistündigem bangem Harren unter den größten Schmerzen nach Magdeburg in's Krankenhaus überführt wurden. Während von Oschersleben aus sehr pünktlich eine Lokomotive zur Stelle war, war von Magdeburg anfänglich fein Expreßzug gestellt, so daß die Passagiere, sowie die Verwundeten erst um 4 Uhr, anstatt 121/? Uhr in Magdeburg eintrafen. Heber dic Ursache des Unglücks hat man selbstverständlich keinen sicheren Anhalt; die meisten anwesenden Passagiere waren aber der Ansicht, daß die Entgleisung infolge eines Schienenbruches geschehen ist. Die bloßgelegten Eisenbahnschwellen zeigten auf dem Schnellzuggeleise an dem Orte des Unglücks allerdings vielfach morsche Stellen. Eine gründliche Untersuchung der Beschaffenheit des Bahnkörpers halten wir für dringend geboten. Nicht ohne Schaudern werden wir noch lange an die so schrecklich verlebten Stunden des 1. Juni zwischen Blumenberg und Hadmersleben zurückdenken. Zum Glück hatte der von Thale kommende Personenzug eine Verspätung von etwa 10 Minuten, sonst hätte auch dieser Zug gerade an dieser Stelle zertrümmert werden müssen."
Lokales.
Gießen, 4. Juni. Die Sitzungen des Schwurgerichts der Prov-nz Oberbessen für das 2. Quartal beginnen Montag, den 28. Juni- Zum Vorsitzenden desselben ist der Großb. Ober-Landesgerichtsrath Herr Maurer ernannt worden.
Gießen, 4. Juni. Am 8. Juni, Vormittags 11 Uhr wird im Gasthaus zu Einhorn zu Gießen eine Ausschußsitzung des landw. Provtnzial-Vereins für Oberhesien stattfinden mit folgender Tagesordnung: 1) Aufnahme neuer Mitglieder. 2) Berathung des Commtssions- gutachtens, betr die Organisation des Ausstellungs- uno Pramiirungswefens tm Großherzog- thum 3) Wahl der Delegirten zum deutschen Landwirthschaftsrath für die Periooe 1881/83. 4) Beschlußfassung über Verwendung der 600 welche nach Beschluß des Ausschußes vom 10. Februar d. I. demjenigen landw. Bezirksveretn zur Verfügung gestellt werden sollen, welcher tm Laufe dieses Jahres eine Vtehpreisvertheilung abhält und aus Bezirks-Vereinsmitteln mindestens 250 JL zu Preisen zuschießt. 5) Geschäftliche Mitthetlungen. _ (*$■ Z)
Gießen. 4. Juni. Das Madborn-Mannchen (Marktbrunnen-Männchen) jeoem alten Gießener von feinem Standpunkt auf dem Markrbrunnen bekannt, (seit langen Jabren im Besitz des Herrn I. Rothenberger), welcher es durchaus für unsere Stadt erkalten wollte, schaut jetzt gar traulich im Garten des Herrn JuliuS Hoch (neben der Wieseck-Brücke am Seltersthor) nach seinem früheren Standpunkte und wird es gewiß einem Jeden, der dasselbe kannte, eine freundliche Rückerinnerung an die Jugendjahre bieten.
— Gestern Abend wurde ein Arbeiter verhaftet, welcher seinem Nebenarbeiter eine Hose gestohlen batte; desgl. wurde ein Waschdiebstahl ermittelt und Anzeige erbobeM—
Vermischte-.
Eberstadt, 30. Mai. Auf einem ganz in der Nähe des Ortes befindlichen Sandhügel waren gestern einige Jungen mit Spielen beschäftigt, als sie plötzlich zu ihrem nicht
Minister für unannehmbar. Der Antrag v. Zedlitz sei eine unerwünschte Abschwächung des Gedankens der Vorlage.
Der „Germania" zufolge erklärte Wmdthorst, bei Ablehnung des Antrags Bruel werde das (Zentrum für den Paragraphen stimmen, obwohl es sachlich mit ihm nicht einverstanden sei und den Gerichtshof perhorrescire. Das Centrum wolle aber Schlimmeres verhindern und behalte sich sein Schluß wtum vor.
Prag, 3. Juni. In Folge des Todes der Kaiserin von Rußland ist der h.utlge Besuch der Festoorstellung tm deutschen Theater Seitens des Kaisers abgesagt. Der Kaiser sprach gegenüber dem Bürgermeister den Wunsch aus, daß morgen Fackelzug und Serenade unterbleiben möchten.
Magdeburg, 3. Juni. Das Jubelfest wurde heule Abend 51/2 Uhr mit sämmtllchen Glocken feierlich etngeläutet. Hierauf fand ein zahlreich besuchter Festgottesdienst in der Johanniskirche fhtt. Alle Häuser sind bereits festlich geschmückt, besonders an dem Weg, den der Kaiser passirt, sowie die Tribüne, bei w lcher dec Festzug der Gewerke vorüber; eht und das Rathhaus. Der Zuzug von Fremden ist außerordentlich groß. Um 9 Uhc findet großer Zapsenstteich statt.
— Der Kaiser wird der morgigen Festlichkeiten wegm des Todes der russischen Kaiserin nicht bis zum Schluß beimobnen. Beim Festdiner und bet der Festvorüelluna im Tbeater wird der Kronprinz den Kaiser vertreten.
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