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Nr. 206» Samstag den 4 September 1S8O
Kietzener Wiyeiger
AMige- Md Amtsblatt für des grtis Gießen.
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Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MvutagA.
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Die deutschen Truppen-Manöver.
Die deutsche Armee ruht nicht auf ihren Lorbeern aus. Es scheint im Gegenthetl, als ob sie mehr „arbeite" denn je, und Mannschaften wie Osfi- ciere wiffen ein Lied davon zu singen, daß es in der Vervollkommnung des „Materials", wozu man nicht allein die Waffen, den Park und alle Aus- rüstungs- und Verpflegungs-Gegenstände rechnet, sondern die Soldaten selbst keine Rast und keine Ruhe giebt. Der Kaiser selbst und der Kronprinz, die regierenden Fürsten, welche eine Stellung im Heere einnehmen, und die dienenden Prinzen, die Kriegswinister, Moltke und „General Staff", wie die hohe Generalität leuchten allen anderen Chargen durch Eifer und Thätigkeit voran, so daß es den Anschein hat, als stünde ein neuer Krieg vor der Thür. Si vis pacem,para bellum! — so lautet die alte Parole; es gilt das Wort: loujours en vedette, das Friedrich der Große in den Worten aussprach: „Das Land muß von Fürsten regiert werden, die „immer auf dem Posten" sind, die Ohren aufsperren, und über ihre Nachbarn zu wachen, bereit, sich von einem Tag zum andern gegen die verderblichen Pläne ihrer Feinde zu vertheidigen.
Das Manöver ist der Prüfstein der Erziehung und Tüchtigkeit der Truppen. Da wird nicht allein jeder Knopf und jeder Riemen geprüft, da werden nicht nur die Waffen erprobt; nicht allein die Mannschaften und Officiere zum Examen in freiem Felde geführt, dort werden nicht nur die Strategen der Zukunft herangebildet und die Unfähigen ausgemerzt, sondern eS wird neben der Jahresrevue über die Ausbildung der Armee auch alles Neue studirt und, .was sich davon bewährt, wird als Fortschritt eingeführt. Die Armee darf nicht rasten, sonst rostet sie; sie ist ein lebensvoller Organismus, der nicht nur gepflegt und erhalten, sondern auch im Wachsthum befördert werden muß. „Der Frieden", sagte der alte Feldmarschall v. Steinmetz, „ist die Vorschule des Krieges"; und bei den Manövern wie im Felde handelt es sich nicht um gelehrte Theorien, sondern um praktische Thätigkeit, denn die Quintessenz aller Strategie bleibt, wie Moltke erklärte, „das Arbeiten mit dem gesunden Menschenverstand."
Man prahlt in Frankreich gegenwärtig damit, daß man in kurzer Zeit eine ganz neue Armee geschaffen habe; der wieder auftretende Chauvinismus hat Lust, das neue Instrument zu probiren. Der ewige Wechsel in den Institutionen war seit Napoleon I. das charakteristische Merkmal der französischen Armee; was heute als gut und vorzüglich gepriesen wird, verschwindet morgen, um neuen Einrichtungen Platz zu machen. Zu unseren Gardemanövern bei Berlin treffen diesmal besonders viele hervorragende französische Officiere ein, denen man in Deutschland nicht so viel „Neues" zeigen kann, wie sie bei ihrer „neuen" Armee sehen können, aber das gute Alte, was sie nebst zeitgemäßen Verbesserungen erblicken werden, wird htnreichen, um sie zu belehren, daß es für Frankreich nützlich sein wird, die Revanche an den Nagel zu hängen. Ihr Urtheil wird den Einfluß Garnbettaffcher Punschreden wohlthättg abkühlen.
Deutschland.
Darmstadt, 1. Septbr. Das Großherzogl. Regierungsblatt (Beilage Nr. 23) enthält:
1. Verzeichniß der Vorlesungen, Uebungen und Praktika, welche im Winter-Semester 1880/81 in den fünf Fachabtheilungen der Großherzoglichen technischen Hochschule zu Darmstadt geholten werden.
2. Uebersicht der für das Jahr 1880 von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal - Bedürfniffen in der Gemeinde Biebesheim, Kreis Groß-Gerau.
3. Ordensverleihungen.
4. Ermächtigung zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.
5. Namensveränderungen.
6. Dienstnachrichten. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben aller- gnädigst geruht: am 27. Juli dem evang. Pfarramts-Candidaten Ludw. Völ- flng aus Damshausen die evang. Pfarrstelle zu Gimbsheim, am 28. Juli dem tvang. Pfarrer Karl Schoffnitt zu Messel die evang. Pfarrstelle zu Langstadt zu übertragen; am 4. August den seitherigen ersten Gebülfen bei der Verwaltung der Landes-Irrenanstalt Finanzaspiranten Karl Bauer aus Gießen zum Oeconomen und Werkmeister an den Gefängnissen zu Mainz zu ernennen.
Am 10. Juli wurde dem Hülssdtener an der technischen Hochschule Garde-Sergeanten Andreas Zimmer aus Darmstadt die Stelle eines Hofbiblto- thekdieners übertragen; am 13. Juli wurden der Amtsgerichtsdiener bet dem Amtsgerichte Michelstadt Friedrich Korell zum Amtsgerichtsdtener bet dem Amtsgerichte Offenbach und der Amtsgertchtsdiener bei dem Amtsgerichte Offenbach Daniel Schäfer zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgerichte Michelstadt ernannt; am 20. Juli wurde dem Friedrich Schäfer aus Fürstengrund das Patent als Geometer zweiter Klaffe für den Kreis Erbach erthetlt; am 23. Juli wurde dem Schulamtsaspiranten Franz Mulch aus Friedberg eine Llhrerstelle an der Gemetndeschule zu Groß-Gerau, am 28. Juli wurde dem Schullehrer Otto Koch zu Groß-Linden die Lehrerstelle an der Gemeindeschule AU Rodheim, am 31. Juli wurde dem Schulamtsaspiranten Georg Voos aus Bensheim eine erledigte Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Roden,
am 8. August wurde dem Schulamtsaspiranten Johannes Strohauer aus Crumstadt die erledigte erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Dornheim und dem Schullehrer Adam Dexheimer zu Beerfelden eine erledigte Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Pfeddersheim, am 13. August wurde dem Schullehrer Philipp Poth zu Walldorf eine erledigte Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Alsbach übertragen; am 14 August wurde der provisorische Lehrer Heinrich Staffen aus Niederheimbach zum Lehrer an der Realschule zu Bingen mit Wirkung am 1. October d. I. an unter Belaffung in der Kategorie der Volksschullehrer ernannt. (Schluß folgt.)
Berlin, 31. August, lieber das Secessionisten-Manifeft schweigt die „Nat-- Ztg.", da ihr Chefredacteur Dernburg nicht mitunterzeichnet hat, während ihr Mit- rebacteur Alexander Meyer unterschrieb. — Das „Tageblatt" schreibt über das Manifest : „Im Verhältniß zur Stärke der nationalliberalen Fraction des Reichstages und des Abgeordnetenhauses sind die 16 Mitglieder der einen und die 13 der anderen, welche ihren Austritt erklären, nur kleine Minderheiten. Dennoch muß man von heute an die nationalliberale Partei als aufgelöst erachten, mag immerhin die zurück- bleibende Mehrheit der gleichnamigen parlamentarischen Fraktionen jene Bezeichnung noch beizubehalten versuchen. Die Partei, in welcher von dem ganzen bisherigen Generalslab nur Bennigsen und Miquel übrig bleiben, während Forckenbeck und Lasker, Stauffenberg, Bamberger und Rickert ausgeschieden sind, ist eine andere, als sie ehedem war. Daran würde selbst ein Zuwachs von neuen Mitgliedern, welche die jetzige Einbuße zahlenmäßig aufwöge, nichts ändern. Die politische Physiognomie, die geist'ge Bedeutung des Natioualliberalismus, wie er als ein höchst einflußreicher Factor unserer staatlichen Entwickelung seit 1866 bestand, ist nunmehr eine durchaus andere geworden, nachdem er schon während der letzten zwei Jahre sich in beständiger Krisis befunden." — Die „Tribüne" sagt: „Daß die jetzt vollzogene Trennung einer Anzahl national- liberaler Abgeordneten von ihren bisherigen Genossen an sich nicht schon gleichbedeutend mit der Bildung einer neuen Partei-Fraction ober -Gruppe in dem Sinne ist, daß die jetzt scheidenden Mitglieder eine grundsätzliche Gegnerschaft gegen die alte Fraction proclamiren. Schon der Schluß der Erklärung, der die Bereitwilligkeit zur Einigung auf dem Boden der lediglich erneuerten alten liberalen Grundsätze ausspricht, schließt diese Deutung aus. Es ist kein Scheidebrief an'die bisherigen Freunde, sondern ein Sammelruf an die gesammten Liberalen Deutschlands, die es mit der Zukunft des Vaterloses aus freier volksthümlicher Grundlage ehrlich meinen und die weder durch princü< lle Oppositionslust, noch durch willenlose Dienstbereitschaft gegen jede Re- gterungsnrömung sich abhalten lassen, die alten Ueberzeugungen offen zu bekennen und zu bethätigen." — Die „Volkszeitung" meint: „Die neue Gruppe erstrebt mithin in letzter Instanz, nennen wir es Auflösung ober Verdrängung ober Aufsaugung ber nationalliberalen wie Fortschrittspartei. Erreicht sie bas Ziel nicht, bleibt neben ihr eine ungeschwächte Partei Bennigsen und bie Fortschrittspartei bestehen, so qt bas Gegentheil von bem erreicht, was angestrebt ist. Den verwirrenben unb aufreibenben Kämpfen ber liberalen Gruppen untereinanber, ist ein neuer Factor hinzugefügt. Em solches Resultat käme in Hinblick auf die beabsichtigte Wirkung einem totalen Fiasco gleich. Es gibt nur zwei Wege, auf welchen bie neue Partei ihr Ziel erreichen kann: entroeber ben Weg frieblicher Vereinbarung, unb zu biesem Zwecke sinb bie leitenbar Grunbsätze der liberalen Zukunftspartei kurz scizzirt, ob r den des Kampfes. Die Herren Forckenbeck unb Genossen proponiren ben ersten, inbem sie sich zu einer Einigung auf Grunb des von ihnen entwickelten Programms bereit erklären; biese Offerte soll sich aber bock nur an bie Fortschrittspartei richtm: benn eben weil jenes Programm, bas zu ber conftitutioneöen Regierungsform führen soll, von der bisherigen national- liberalen Partei nicht gewahrt ist, erfolgt ja der Austritt." — Ferner schreibt bie „Voss. Ztg": „Gewicht legen wir ber Erklärung vorläufig nur insofern bei, als bann die Trennung definitiv ausgesprochen wird, welche Bedeutung ihr sonst beizulegen ist und ob die neue Gruppe durch ihre Haltung in der bevorstehenden Parlamentsession im Stande sein wird, sich zum Mittelpunkt einer neuen Parteibildung zu machen, das warten wir ab. So viel ist sicher, daß, wenn sie nicht wie ein schwankes Rohr sich im Winde hin- und herwehen lassen und festen Boden in der Wählerschaft gewinnen will, sie Halt und Fühlung nach links hin wird suchen müssen. An Anstoß dazu wird es der neuen Gruppe nicht fehlen, denn man wird ihre Mitglieder nationalliberalerseits als Renegaten betrachten und sie mit Haß und Erbitterung angreifen und verfolgen. Entweder werden dabei die Nationalliberalen so nach rechts gedrängt, daß sie etwa den linken Flügel ber konservativen Partei bilden werben unb bann würbe bie neue Fraction eine Mittelstellung einnehmen können; ober bie Nationalliberalen wollen selbst wie es ben Anschein hat, biese Mittelstellung behaupten unb bann würbe bie neue Gruppe ben rechten Flügel der Linken einnehmen Ob aber eine solche Stellung auf bie Dauer haltbar sein wirb, ohne einen festeren Anschluß an bie Fortschrittspartei zu suchen, bas erscheint uns fraglich."
Berlin, 1. Septbr. Die „Nordd. Allg. Ztg." bringt folgende Erklärung : Verschiedene Blätter sprechen ihre Verwunderung über die kürzlich veröffentlichten allerhöchsten Ordres aus, durch welche der Minister Hofmann aus feinen früheren Aerntern entlasten worden ist, und beweisen dadurch, wie unbekannt man mit den wirklichen Verhältnissen des Reichs- und Staatsdienstes in den Kreisen selbst der angesehensten Publtcisttk ist. Wer über die in Frage kommenden Vorgänge überrascht sein wollte, der konnte es vielleicht vor drei Wochen darüber sein, daß der Staatssecretär des Innern und preußische Handelsminister, ohne von seinen umfänglichen Geschäften zurückzutreten, zu^einem Amte ernannt wurde, welches feinen Sitz nothwendig in der Stadt Straßburg hat. Wer jetzt aber über die Enthebung des Staatsministers Hofmann von seinen Berliner Aemtern überrascht ist, der muß geglaubt haben^ daß das Retchsamt des Innern und der Vorsitz im Bundesrath sich von L>traßburg aus oder das Straßburger Staatsmintsterium sich von Berlin aus versehen laste. Jeder, der auch nur oberflächlich mit den Aufgaben beider Stellen vertraut ist, mußte seit drei Wochen darauf gefaßt sein, daß der Staatsminister Hofmann sich die Uebernahme seines neuen Amtes durch Aufgeben seines älteren möglich machen werde. Ueberraschend hätte höchstens gefunden werden können, daß dies nicht gleichzeitig geschah. Dergleichen Zufälligkeiten werden aber immer vorkommen, wo drei Behörden, von denen zwei mit der dritten in keiner Verbindung stehen, nämlich der Reichskanzler, das preußische Staatsmintsterium und die Statthalterschast von Elsaß-Lothringen, zu einem und demselben Akte zu concurriren haben. Die Statthalterschaft ist in der Publtcirung


