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Freitag den 4. Juni
1880.
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Anreize- ui MtoMitt sir Bta Kreis Gieße«.
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Schulstraße B. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MotttagK.
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Hheik.
Bekanntmachung.
Erforderliche zu erfahren ist, melden.
Gießen, den 2. Juni 1880.
Die Stelle eines Fleischbefchauers in hiesiger Stadt ist zu besetzen. . -
Geeignete Bewerber wollen sich bis zum 30. dieses Monats bei der unterzeichneten Behörde, bei welcher auch das zur Übernahme der stelle
Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen- I. V.: Kra em er.
Der deutsche Handel.
Die deutsche Industrie ist durch bittere Erfahrungen zu der Selbst- erkenntntß gelangt, daß die geschäftliche Ehre für den heimischen und den Weltmarkt ein wichtiges Moment ist. Reellität, Streben nach künstlerischer Vollendung, Solidität und Beschränkung der Production aus das Bedürfntß gelten für geeignet, eine neue Aera einzuleiten. Eine größere moralische Festigkeit führt also schließlich zu dem gedeihlichen Resultate, daß sich das Geschäft bessert. In gleicher Weise muß auch der deutsche Handel alles Ungesunde und Krankhafte abstretfen, wenn er auf dem Weltmärkte mit Ehren bestehen will. Daß gerade in neuester Zett das Gefühl für die BerusSehre sich im Handel lebhaft regt, sehen wir z. B. an der Petition der deutschen Buchhändler an den preußischen Minister des Innern, eine Speculatiou, welche eine Pserdelotterie mit der Verbreitung eines Conversattons-Lexicons verbinden will, nicht zu genehmigen. Wir denken aber nicht an diesen einzelnen Fall, sondern meinen, daß überhaupt der Handel sich vom Lotterie- und Börsenspiel, von den Schwindelauctionen, von falschen Ausverkäufen, von allerlei Täuschung und Betrug im Waarenverkehr, von den außergerichtlichen Vergleichen, welche nur geschlosien werden, um die Fabrikanten zu schädigen, vom Wucher, von den Reit- und Kellerwechseln, von Klagen mit falschen Einwendungen und von der Betheiligung an „faulen" Unternehmungen fern hatten soll. Man kann einen ganzen Stand niemals für die Ausschreitungen Einzelner verantwortlich machen, aber jeder Stand kann dahin wirken, daß aus den Einzelnen nicht Viele werden, wenn er das Gefühl für die Standesehre lebhaft erhält.
Es ist sehr falsch, bet solchen Mahnungen von unpraktischem Idealismus zu sprechen, denn auf die Dauer ist alles Unehrliche, Gemeine, Niedrige unpraktisch, geschäftliche Tugenden dagegen sind immer praktisch. Handel und Gewerbe müssen nicht allem nach technischen, speciellen, sondern auch nach allgemeinen, großen, sittlichen Gesichtspunkten betrieben werden; und zwar gilt das ebenso vom Großhandel und der Großindustrie, als vom Detailgeschäft und Handwerk. Daß dieses unscheinbare, aber sehr nothwendige E»forderniß in der jüngstverflosienen Zeit zu wenig beachtet worden war, darin lag eine der vornehmsten Ursachen der geschäftlichen Krisis. Das Geschäft soll und muß verdienen. Handel und Industrie sollen dem Bedürfniß dienen, und an solchem Dienst zu verdienen, ist der Zweck des anständigen Geschäftsmannes.
Ob der praktische Geschäftsmann sich des Zusammenhangs seiner Thätig- keit mit der Culrurmission des Handels bewußt ist, oder ob er glaubt, er habe nur seinem Verdienste nachzustreben, kommt hierbei nicht in Betracht. Der tüchtige solide Geschäftsmann strebt nicht nach einem einmaligen großen, sondern nach dauerndem nachhaltigen Gewinn. Hätte der deutsche Handel diesen Gesichtspunkt nach Außen sestgehalten, so würde er in vielen Ländern nicht sich den Markt verschlossen haben; hätte er im eigenen Lande danach gehandelt, so würde er der Schwindelproduction nicht Vorschub geleistet haben. Da nun die Industrie moralischer geworden ist, so darf der Handel nicht zurückbleiben. Je höher entwickelt das Ehrgefühl im Hondelsstande wird, um so besser wird das Geschäft, um so einflußreicher wird der Handel nicht nur im eigenen Lande, sondern auch auf dem Weltmärkte. Deutschland ist auf dem besten Wege, ihn zu erobern. Die Industrie hat vorgearbettet, der Handel muß das Uebrige thun. Die Concurrenz ist schwer, der Erwerb mühevoll, aber um so ehrenvoller. Für Deutschlands Wohlfahrt ist es eine Lebensfrage, daß der Handel seine Stellung als wichtiges Glied eines großen Cultur-Ganzen richtig erfaßt. Seine Ehrlichkeit schafft ihm Adel und Würde, und außerdem Wohlstand.
Keutschland.
Darmstadt, 1. Juni. Zu den bemerkenswerthesten Gesetzen, welche in letzterer Zeit in Hessen erlassen worden sind, gehört zweifellos das gegen die sog. Engelmacherei gerichtete, vor etwa zwei Jahren publicirte Gesetz, den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren betreffend. In der kurzen Zeit seines Bestehens hat sich dieses Gesetz schon sehr wohl- thätig erwiesen, indessen ermangelte es doch in einzelnen Richtungen gewisser Aussübrungs-Beflimmungen, welche geeignet waren, dem Gesetze die volle praktische Durchführung zu sichern. Diesem Mangel ist jetzt abgeholfen, tnbeni das neueste „Regierungsblatt" eine Instruction für die Kreisämter, Kreisgesund- heitsämter, delegirten Kreisräthe und Ortspolizeibehörden enthält, welche auf das Eingehendste Alles regelt, was von diesen Organen vorzukehren und zu beobachten ist. Jemehr sich in neuerer Zeit der hier fraglichen Materie das öffentliche Interesse zuwendet, um so mehr verdient auf die fragliche Instruction in der Presse hingewiesen zu werden. (Fr. Journ.)
Berlin, 1. Juni. Die „Volkszeitung" schreibt: „Die zwettägigen Debatten über die Kirchenvorlage in erster Lesung haben mit deren Ueberwer- sung an eine Commission von 21 Mitgliedern geendet. Wiewohl die Redner aller Fractionen sich über ihre Stellung zur Vorlage ausgesprochen, besteht doch noch heute in parlamentarischen Kreisen dieselbe Unsicherheit des UrtheilS, ob, in welcher Gestalt und mit welcher Majorität die Vorlage schließlich zur Annahme gelangen wird. Nachdem die Nalionalliberalen in der Fraction fast einmüthig gegen Art. 1 (Dispensation für Geistliche), Art. 4 (Rückberufung der Bischöfe), Art. 9 (die an den Oberprästdenten betreffs der Ausführung der Strafbestimmung zu ertheilenden unbeschränkten Vollmachten) erklärt und der Abg. Gneist Namens der Fraction ausdrücklich sich gegen diese Bestimmungen erklärt, liegt die Hauptentscheidung Äber das Schicksal der Vorlage in den Händen des Centrums. Es muß hervorgehoben werden, daß der Abg. Windthorst in bekannter diplomatischer Weise die Cenirumssraction für die Schlußabstimmung nach keiner Richtung hin engagirt hat. er hat ausdrücklich betont, daß das Centrum seine Stellung nehmen werde, je nachdem die Vorlage aus der Commission herauskommen würde. Nun ist es ein öffentliches Geheimniß, daß das Centrum wünscht, das Gesetz möge in der einen oder anderen Form zu Stande kommen und stand es bet dem Ceutrum fest, daß hierfür eine Majorität, bestehend aus den beiden conservativen Gruppen und einem Theile der Nationailiberalen, sich finden würde. Nachdem sich das Centrum hinsichtlich der letzteren getäuscht — denn die Nationalliberalen hebm hervor, daß Falk mit seiner Rede und der von ihm der Vorlage gegenüber eingenommenen durchaus ablehnenden Haltung die in ihrer Fraction einmüthig herrschenden Ansichten wiedergegeben — muß das Ceutrum eine neue Daktik einschlagen. Und da curstren zweierlei Versionen im Abgeordnetenhause; die eine geht dahin, daß, sobald das Centtum eingesehen haben wird, daß schließlich für die Vorlage nur die beiden conservativen Fractionen stimmen werden, mithin eine Majorität für deren Annahme nicht vorhanden, das Centrum zur Schaffung dieser Majorität sich der Abstimmung erhalten wird, da alsdann die beiden conservativen Fractionen gegen die vereinigten Nationalliberalen und Fortschrittler in der Mehrheit sich befinden würden; He andere Version null wiffen, daß das Zentrum im äußersten Falle, wenn das Zustandekommen der Vorlage gefährdet fein sollte, einen starken Bruchtheil seiner Fraction sür b e Vorlage mit vottreu lassen würde, um dadurch die Majorität zu Gunsten des Gesetzentwurfs zu gewinnen. Der Standpunkt der Conservativen ist dahin präcisirt worden, daß man bei dem Vertrauen zu dem gegenwärtigen Cultus- mtnifter die Vorlage fast unverändert annehmen werde; die von ihm vorgeschlagene Terminbestimmung bis zum 1. December 1881 hat bereits die Zu- stimmung des Kanzlers gefunden. Die Stellung der Freiconservativen bleibt nach den vom Abg. v. Zedlitz gemachten höchst verworrenen Ausführungen noch immer unklar; wir hören jedoch, daß b;e große Mehrheit derselben bereit ist, sich auf den priucipiellen Standpunkt der Vorlage zu stellen und mit Amenl i- rungen vorzugehen. Mit die klarste Position nimmt die Fortschrittspartei ein, welche, wie Virchow meisterhaft ausfühcte, sowohl gegen die Verweisung an die Commission, wie für die pure Ablehnung ter Vorlage sich erklärt. Die in der Commission etwa vorzunehmenden Amendirungen können für diejenigen, die, wie Gneist sich ausdrückte, den Kern und das Wesen der Maigesetze beibehalten wollen, gar keinen Werth haben; da jedoch in der Commission Klerikale und Conseroative (Freiconservative nicht einbegriffen) über eine Stimme Majorität verfügen, so wird dort der Versuch gemacht werden, das Gesetz so zu verschlechtern, daß es für die liberale Seite noch unannehmbarer, für das Centrum jedoch acceptabler wird. Die Führer des Centrums wenden daher ihre ganze diplomatische Gewandtheit auf, um den Gesetzentwurf ohne ihre Stimmen zur Annahme gelangen zu sehen. So stehen in Wahrheit die Sachen."
Berlin, 2. Juni. Das „Berl. Tagbl." meldet aus Rom: In stolzer Sprache bringt der officiöse „Osservatore romano" jetzt die Antwort des Vatikans auf die Briefe des Fürsten Bismarck an den deutschen Bot- schafter am Wiener Hose, Prinzen Neuß Er nennt dieselben diplomatisch unziemlich, weil darin unwahre Verdächtigungen gegen den Papst ausgestreut und die Centrumspartei ungerecht beschuldigt würde. Die wahre Ursache des Conflicts, sagt der Artikel, liege im Fürsten Bismarck selber. Der Vatikan habe zu Preußen stets herzliche Beziehungen unterhalten (?), so lange B s rnarck nicht an der Spitze der Regierung gestanden. Bismarck aber habe die Einmüthigkett, die er voraefunden, durch seine Maigesehgebung zerstört- Zwischen Papst Pius und Papst Leo bestehe schlechterdings Fein Unterschied- Die Kirche habe immer nur ein und dieselbe Waffe, das sei das heilige Kreuz. Was Bismarck „römische Anmaßung" nennt, sei nur dasjenige Recht, welches


