Märkten der fremden Concurrenz gegenüber günstiger gestellt werden würde, hat stch auch nicht verwirklicht, weil das ausländische Getreide und Mehl außer den deutschen Bahnen noch den Seeweg zur Verfüguug hat. Und so wird es in allen Fällen sein, wo die See-Concurrenz in der Frachttarif-Frage als Regulator auftritt.
— Die Wiederbelebung der Industrie scheint sich nicht als eine nachhaltige zu erweisen, wie man vielleicht gehofft hatte. Sie ging bekanntlich von der Eisenbranche aus, und diese empfing ihren Impuls von Amerika, wo in Folge neuer großer Eisenbahnbauten die heimische Industrie nicht im Stande war, den Bedarf zu befriedigen. In Folge deffen hoben sich die Preise schnell und erheblich, jetzt ist aber bereits ein Rückschlag eingetreten. Die Steigerung der Eisenpretse veranlaßte überall, die Production zu vermehren. In Amerika find 127 Hochöfen wieder angeblasen, Amerika ist jetzt im Stande, 4^2 Mill. Tonnen Roheisen zu erzeugen, während es selbst nur 3 Mill, verbrauchen kann. Es ist also jetzt wieder in den Stand gesetzt, mehr als seinen Bedarf zu erzeugen. In England hat man seit November v. Js. 141 Hochöfen wieder angeblasen, welche fast soviel Roheisen als ganz Deutschland erzeugen. Wenn das so fortgeht, so ist neue Ueberproduction und abermaliger Rückgang unausbleiblich.
— Die Hamburgischen Abgg. Wolffson und Möhring haben bei dem Reichstage folgende Interpellationen eingebracht: „An den Herrn Reichskanzler erlauben stch die Unterzeichneten die folgende Anfrage zu richten: Ist es richtig, daß die preußische Regierung bet dem Bundesrath beantragt hat, die Einverleibung der Stadt Altona und eines Theils der Hamburger Vorstadt St. Pauli in das Zollgebiet zu beschließen I Sind der Einbringung dieses Antrags Verhandlungen mit der Stadt Hamburg wegen Einverleibung eines Theils ihrer Vorstadt St. Pauli vorausgegangen und eventuell welchen Erfolg haben dieselben gehabt? Ist der obenerwähnte preußische Antrag darauf gerichtet, daß die Einverleibung eines Theils der Vorstadt St. Pauli in das Zollgebiet auch ohne die Zustimmung der Stadt Hamburg stattzufinden habe; zutreffendenfalls, wie ist ein solches Vorgehen in Einklang zu bringen mit Art. 34 der Reichsverfaffung?"
Asten.
— Die Niederlage, welche Mahomed Chan am 19. ds. vor den Thoren Ghuznts erlitten hat, dürfte die afghanischen Streitkräfte in dem Maße geschwächt haben, daß sie nicht so bald wieder an einen Angriff denken werden. Mahomed Chan hatte mit 20» bis 25,000 Mann Fußvolk und 2000 Reitern — wovon jedoch nur etwa die Hälfte zum Kampfe kam — Stellung auf einem wellenförmigen Kamme des Galkahgebirges bei Akmedkeyl genommen und griff von drei Setten her an. Die britische Infanterie unter Str Donald Stewart stand fest und richtete gleichwie die Artillerie mit ihrem Kartätschenfeuer große Verheerungen unter dem Feinde an. Die Kavallerie that ebenfalls ihre Schuldigkeit. Eine Zeitlang schwankte der Sieg; hätte Mahomed Chan seine ganze Macht zusammengerafft, um sie im entscheidenden Augenblick auf die britische Stellung zu werfen, so wären die Folgen für letztere sehr schlimm gewesen. Die Verluste der Afghanen werden auf 2000 Todte und Verwundete veranschlagt, während auf britischer Sette nur 147»Mann getödtet oder verwundet wurden. Offictere sind nicht gefallen, aber verwundet wurden acht, darunter zwei, an deren Aufkommen gezweifelt wird. Die indische Presse betrachtet den Sieg als entscheidend und den Feldzug als thatsächlich beendigt. Die Straße nach Kabul ist jetzt vollkommen sicher; General Stewart wird dieser Tage dort ankommen und, wie man glaubt, an Roberts' Stelle den Oberbefehl übernehmen.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'« telegr. Eorresp,n»e«r ■
Berlin, 29. April. In einem Artikel anläßlich der Geburtstagsfeier des russischen Kaisers sagt die „Post" : Sie glaube nicht, daß es in Rußland einen ernsthaften Staatsmann gäbe, der sich auf Gladstone Rechnung mache. Das Blatt vermuthet dagegen, daß die Regierung des Kaisers Alexander in Wien und Berlin keine Zweifel gelaffen, daß sie sich nicht auf den Weg phan- tasttscher Ziele und gefährlicher Abenteuer durch unberechenbare Bundesgenoffen drängen laffen wolle und nimmt an, daß die militärischen Beglückwünschungen, wenn auch an sich kein diplomatischer Vorgang, doch ein Zeichen seien des wiederkehrenden sich befestigenden Vertrauens zwischen den Drei-Kaiser- Regierungen.
— Das Officter-Corps des Kaiser-Alexander-Regiments feierte den Geburtstag des Kaisers von Rußland mit einem Diner, zu welchem die militärischen Mitglieder der russischen Botschaft eingeladen waren. Die officielle Feier in der russischen Botschaft findet der russischen Charwoche wegen erst am 3. Mat statt.
London, 29. April. Das Parlament wurde heute Nachmittag um 2 Uhr ohne Thronrede eröffnet. — Im Unterhause forderte Srlborne zur Wahl des Sprechers auf. Das Haus wählte einstimmig Brand und vertagte sich darauf bis morgen. Die Gruppe Parnell nahm ihre Sitze auf den Bänken der Opposition ein, die übrigen Homeruler nahmen Platz auf den Bänken der Ministerpartet.
Berlin, 29. April. Heute Nachmittag wird in Fortsetzung des Vormittags stattgehabten Verhandlungen die Rumänische Bahn dem neuen Dtrec- tortum übergeben. — Der Aufsichtsrath der Seehandels-Gesellschaft (Samoa) wird morgen anläßlich des Reichstagsbeschluffes Sitzung halten.
— Der Reichskanzler legte dem Bundesrathe einen Gesetzentwurf, betr. die Consulargerichtsbarkeit m Egypten, vor.
Berlin, 29. April Reichstag. Fortsetzung der Berathung des Reichsftempel- gesetzes. v. Hölder spricht gegen den Entwurf: er habe sich 1879 für die neue Steuerpolitik erklärt; aber nach dieser Richtung dürfe sie sich nicht bewegen. — v. Benda ist zwar wesentlich für die Vorlage, hält aber weitere neue Bewilligungen auf Grund des vorjährigen Programms so lange für mißlich, bis die Folgen der Zoll- und Steuerreform des vorigen Jahres klarer zu übersehen seien.
Unterstaatssecretär Scholz kommt nochmals auf das am 2. Mai 1879 vom Reichskanzler entwickelte Programm zurück; der Reichskanzler habe schon damals dasselbe nicht als ideales Ziel, sondern als allerdings nicht in kürzester Zeit, aber doch Schritt für Schritt praktisch erreichbares bezeichnet. Em solcher Schritt seien die vorliegenden Stemvelabgaben v Hölder habe darin Recht, daß das Reich im Ganzen und Großen schon jetzt finanziell aus eigenen Füßen stehe; es sei aber 1879 sofort als Theil des Programms hingestellt worden, daß die Einnahmen des Reiches so vermehrt werden müßten, daß es aus seinen Mitteln den Einzelstaaten die nöthigen Summen zu deren Steuerreform überweisen könne. Der Gedanke, das Reich völlig in seinen Finanzen von den Einzelstaaten loszulösen, sei ein idealer und praktisch unmöglich.
v. Mirbach tritt für die Vorlage ein: besonders die Börsensteuer sei ein unabweisbares dringliches Bedürfniß. Rickert erklärt sich für Besteuerung der Transactionen des mobilen Capitals unter der Voraussetzung, daß der Immobilien-Stempel herabgesetzt werde, aber gegen die Quillungssteuer. W nn die Börsensteucr eine Fassung erhalte, welche den Verkehr hindere und beschränke, so sei sie für ihn unannehmbar.
Unterftaatssecretär Scholz weist R-ckert's Behauptung, das Steuervrogramm des Reichskanzlers sei unklar, zurück. Er lScholz) habe schon früher ausgeführt, daß das Detail der Steuerreform den Einzelstaaten überlassen werden müsse. Die Steuerreform in Preußen sei in der Ausarbeitung begriffen. Rickert habe also keinen Grund, von Unklarheit des Steuerprogramms zu sprechen. — Schröder (Friedberg) befürwortet die Besteuerung der Werthpapiere, mit Ausnahme der Pfandbriefe, tritt aber der Quittungssteuer entgegen. — Bundes-Z^mmissar Gierth erörtert die technischen Einzelheiten der Vorlage ausführlich, um verschieden-Einwendungen der Vorredner zu widerlegen. v. Kardorff vertheidigt Rickert gegenüber das System der indirecten Steuern — Die Vorlage wird einer Commission von 21 Mitgliedern überwiesen.
Bei der zweiten Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Küstenfrachtschifffahrt, beantragt Berichterstatter Mosle unveränderte Annahme des Gesetzentwurfs. Rogge- mann begründet seinen Antrag, die Küstenfrachtschifffahrt ausländischen Schiffen gleich den deutschen zu gestatten, durch eine mit Zustimmung des Bundesraths erlassene kaiserliche Verordnung aber für die Schiffe derjen gen Staaten, welche deutsche Schiffe von ihrer Küstenfracktfahrt ganz oder theilweise ausschließen oder denselben solche mitunter erschwerenden Bedingungen zuzugestehen, die Küstenfrachtfahrt ganz oder theilweise zu untersagen. Staatssecretär Hofmann erkennt an, daß der practische Effect fast derselbe sei, ob man den Antrag Roggemann oder die Regierungsvorlage annehme; dennoch bitte er, den Antrag abzulehnen, da die Regierung sonst in jedem einzelnen Falle genöthigt werde, einzelne Nationen von der Wohlfahrt der Cabotagefreiheit auszuschließen und hierdurch das freundliche Verhältniß zum Auslande leiden könne. Ueber- dies sei es nicht zweckmäßig, die Negierung zu bmden, jede fremde Nation zuzulassen, welche ihrerseits die deutschen Schiffe zulasfe. Man müsse der Regierung in dieser Hinsicht möglichst freie Hand lassen. Die Besorgniß, daß das Ausland durch dies Gesetz veranlaßt werden könnte, Repressalien zu ergreifen, sei deßhalb unbegründet, weil wegen der geringen Betheiligung fremder Schiffe an der deutschen (Sabotage das Ausland durch die Vorlage sehr wenig berührt werde. Wolle das Haus dem Gedanken Ausdruck geben, daß das Princip der Gegenseitigkeit möglichst gewahrt werden soll, so möge es dies in Form des Antrages Stolberg oder Beseler thun, nicht aber in der vom Abg. Roggemann vorgeschlagenen Fassung. Den Antrag Beseler, im 8 1 das Wort „ausschließlich" zu streichen, bitte er abzulehnen, da die Vorlage nach Annahme desselben gar keinen Sinn mehr haben würde. — Beseler und Graf Stolberg empfehlen ihren Antrag, die Anwendung des Grundsatzes der Gegenseitigkeit in dem Gesetzentwurf als Regel aufzustellen. — Die Debatte wird hinauf geschlossen: der Antrag Roggemann wird an Stelle der §§ 1 und 2 angenommen; der Rest der Vorlage ohne Debatte unverändert genehmigt. — Nächste Sitzung Freitag.
Rom, 29. April. Die Kammer der Deputirten setzte die Berathung der Vorlage über Verlängerung der Finnrizgebahrung bis Ende Mat fort, wobei mehrere neue Tagesordnungen eingebracht wurden. Devretis wies die Beschuldigung der Unfähigkeit des Ministeriums, das Programm der Linken aus- zufübren, zurück, und erklärte sich gegen die Tagesordnung Z rnardellt's, welche die Vertrauensfrage bis zur Berathung des Budgets des Ministeriums des Innern verschieben will. Die Vertrauensfrage muffe h^ute entschieden werden. Das Ministerium könne nicht länger h Ungewißheit bleiben. Cairoli acceptirte Namens des Ministeriums die Tagesordnung Baccelli's. welche lautet: Die Kammer, von der Erklärung des Ministeriums Act nehmend, geht zur Tagesordnung über. Die Baccellt'sche Tagesordnung wird darauf in namentlicher Abstimmung mit 177 gegen 154, also mit einer Mehrheit von 23 Stimmen gegen das Ministerium, abgelehnt. Die provisorische Finanzgebahrung bis Ende Mat wird genehmigt. Cairoli ersucht, die Sitzungen zu suspendiren, bis das Ministerium die Befehle des Königs eingeholt habe.
Paris, 29. April. General Vtnoy ist gestorben. — Die Commission des Senats für die Berathung des Zolltarifs ist aus 9 Schutzzöllnern und 9 Freihändlern zusammengesetzt. — Das Gerücht von Unruhen in Rheims, welche gegen Schluß der Börse Mattigkeit veranlaßten, werden dementirt. Der Strtke in Rheims dauert an, aber die Arbeiter verhalten sich ruhig.
Rom, 30. April. Cairoli überreichte dem Könige gestern Abend die Demission des Cabtnets.
Lokales.
Gießen, 30. April. Se. König!. Hoheit der Großherzog passirten heute Mittag auf der Rückreise von Alsfeld nach Darmstadt den hiesigen Bahnhof.
Gießen, 30. April. Die „Darmst. Ztg." meldet: Der neuernannte Großh. LandeS- cultur-Jnspector Dr. Klaas bat seine Bcrufstbättgkeit im Kreise Gießen begonnen, indem er in den letzten Tagen an vier Orten des Kreises Meliorationen (Zusammenlegungen von Grundstücken, Wiesenverbesierungen, Bachregulirungen) leitete, beziehungsweise begutachtete und anregte. — Der Königlich Preußischen Regierung ist die Erlaubniß zur Vornahme genereller Vorarbeiten für das Projeet einer Seeundärbabn von Lollar nach Gladenbach bezüglich der auf Großherzoglichem Gebiete belegenen Strecke dieser Bahn ertheilt worden.
Local-Hiftorisches Museum.
Neu eingelaufen diverse Gegenstände Nr. 690 bis 747 von den Herren Wilson, Weidig, Soldan, Avam, Briegleb. (Mehrere intlresianre Gegenstände aus schweizerischen Pfahlbauten wurden durch freiwillige Beiträge einiger Dereinsmitglieder käuflich erworben.) H.
Irischbäcker in Gießen.
Sonntag, den 2. Mai. Deniel Rühl, am Ratbhaus. Georg Busch, Kreuz. Hermann Spieß, Wallthor.
Kirchliche Anzeigen der evangelischenGemeinde zuGießen.
Gottesdienst:
Sonntag, den r. Mai.
Morgens: Pfarrer Dr. Naumann.
(Feier des heil Abendmahls, zunächst für das Militär.) Nachmittags: Dr. Buch hold.
Donnerstag, den 6. Mai (Himmelfahrt).
Morgens: Pfarrer Dr. Naumann. Nachmittags in der Friedhofeapelle: Pfarrer Schlosser.
Die Pfarrgeschäfte für die Wocke vom 2. bis 8. Mai besorgt Pfarrer Dr. Naumann.
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