Sonntag den 1. Februar
1880
Zweites Blatt
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Politische Uebersicht.
Die zweite Kammer der Hess. Land stände trat am 28. dss. wieder (n Darmstadt zur längeren Session zusammen. Als wichtigsten Punkt der Berathungcn dürfte wohl die am Freitag mit 24 gegen 24 Stimmen angenommene Vorlage der Regierung, den Verkauf der Main-Wescr-Bahn an Preußen, zu verzeichnen sein.
Die plötzlich aufgeschobene Abreise des deutschen Kronprinzen nach Pegli giebt zu einer Fülle von Combinationen Anlaß, über deren Richtigkeit wohl die nächsten Tage Ausschluß bringen werden. Während von einer Seite behauptet wird, daß die euswärtge große Politik in den langen Con- ferenzen des Reichskanzler mit dem Kronprinzen und dem Kaiser besprochen worden ist, nehmen andere Kreise an, der Kronprinz sei mit einer officiellen politischen Mission nach Italien betraut worden, als deren Hauptzweck eine persönliche Begegnung mit dem Papste und dem Könige von Italien genannt wird. In politischen Gerüchten sind die Gedanken zollfrei, es blerbt vor Allem jedenfalls übrig, daß die Berathungrn des Kaisers und des Thronfolgers mit dem Reichskanzler äußerst dringlich und wichtig gewesen sind, denn sonst hätte man schwerlich den gesammten detailltrten Reiseplan des Kronprinzen geändert.
Tie deutsche Armeevorlage erhält sich im Vordergründe der politischen Aufmerksamkeit. Sie hat nicht allein in unserem Volke eine tiefgehende Bewegung hervorgcrusen, sondern wird auch von der Presie aller Länder discutirt. Ist es doch gewisiermaßen auch die eigene Sache aller europäischen Völker, welche dabet zur Sprache kommt, denn ganz Europa starrt von Bajonetten und niemals ist der Gedanke der Abrüstung populärer gewesen als jetzt, wo man in allen Staaten neue Wehrvorlagen discutirt und kein Ende der Wehrrüstnngen erblickt!
Die russische Presse behauptet, die Stärkeberechnung der Armeen sei in den Motiven der deutschen Militärvorlage in Bezug aus Rußland falsch und tendenziös, wenn auch geschickt zusammengest.llt. Die Unrichtigkeit sei sofort bemerkbar, wenn man bedenke, daß den preußischen Bataillonen mit ungefähr 1000 Mann Friedensstärke die russischen nur mit 600 Mann gleichgestellt werden.
Die Verhältnisse Deutschlands zum Vatikan gelangen zu keiner Klärung. Sowohl die Kundgebungen des Papstes, als in jüngster Zeit des Fürstbischofs von Breslau zeigen nur, daß die alten principtellen Gegensätze in voller Schroffheit svttbestehen. Der Reichskanzler soll den Standpunkt, daß die kirchliche Frage eine innere Angelegenheit sei, sesthalten und aus ihm nahestehenden Kreisen verlautet, daß alle Gerüchte über ein abzu- schließendes Eoncordat jeder Grundlage entbehrten.
In Großbritannien rüstet sich Graf Beaconsfield für das am 3. Februar zusammentretende Parlament zu großen Dingen und zwar werden dabei die auswärtigen Angelegenheiten des großen Reiches die erste Rolle spielen. Der englische Premier ist durchaus nicht Willens, die Waffen vor de» Liberalen zu strecken, und hofft auf einen günstigen Ausfall der nächsten Wahlen.
In Oesterreich ist die lange verschleppte Mtnisterkrisis zum Ausbruch gekommen. Stremoyr, Hoist, Chertek und Korb sind entschlossen, auszutreten. Die konservative Majorität verlangt jetzt von Graf Taaffe eine ihr genehme Eompletirung des Eabinets.
Sultan Abdul Hamid ist über das Vordringen Oesterreichs besorgt und soll sich in sehr gereizter Stimmung befinden, seitdem er erfahren, daß die österreichische Occupatton anscheinend „ewig" dauern wird.
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©icfeen, 31. Januar. (Sitzung der Stadtverordneten am 29. Januar.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, die Herren Beigeordneten Keller und Heß; von Seite« der Stadtverordneten die Herren Batst, Gail, Grüneberg, Hornberger, Kauf, Lüdeking. Ad. Noll, Aug. Noll, Petri, Pfannmüller, Scheel, Schopbach, Wenzel und
«18 erster Punkt der Tagesordnung beschäftigte die heutige Sitzung die Frage, ob der ( q in «olae eines Unfalles bet Ausübung seines Berufs irrsinnig gewordene und auf Kosten v'-r Oberbest. Eisenbahnen in die Landes-Irrenanstalt verbrachte Anton Forschner, nachdem drrlelbe auf einige Zeit die Anstalt verlosten hatte, später aber wieder ausgenommen werden mußte auf Kosten der Stadt oder der Bahn weiter zu verpflegen sei. N^ch Einholung von Gutackten und Prüfung aller mit dieser Angelegenheit in Zusammenhang stehenden Umstande
nie Versammlung die Verpflichtung zur Traguug irgendwelcher Kosten ab.
% SS eiiunB vom 18. December v. I hatte sich die Stadtverordneten - Versamm- luna bet Erhebung von Ansprüchen um Ersatz der Kosten für Die Unterbringung des irrsinnig fl^6nTbenen Bahnwärters Fink zu dem Beschlüsse geeinigt, Herrn Rechtsanwalt Batst zu be- oustraorn sich^ mit der hier ebenfalls interesstrten Direktion der Oberh. Eisenbahnen behufs «MAiSfieß eines Vergleichs in« Einvernehmen zu setzen. Von Setten gen. Direktion wurde -irdvch ftde Verpflichtung zur Tragung der Kosten in Abrede gestellt, da Fink ntchttn Folge ncS tdm tm Di nste zugestoßenen Unfalles irrsinnig geworden sei. Da der fragliche Unfall <<™te J’” '«XL vaisirte, ein Beweis für die Verpflichtung der Bahn zur Tragung ft 'X krb eschlieht die Versammlung? »°n dem Betreten d.« W
w.rtXÄ “nbÄ.n '«uf 'm. Stadtzu übernehmen. «<tr Rech.sanwa.t Batst »er. MM. auf ^“unk’gb'JJo®l0%ntefuÜet’,M<n Lh°estau?benfall« tn d.r «»nd's-Jrrev-nstatt sich «uf öin^l ^8 Beitrag« bet zu den Bedürfnissen der .vang-lstchen
OlrAt Mio 1879 sind 50 «X, welche zur Anschaffung eines Harmoniums in der Hospttalktrch verwendet* wurden , nicht w Rechnung gekommen, so daß in heutiger Sitzung deren Genehmt- rung eingeholt und rrtheilt wurde.
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Ueber die Verwendung des sonntäglichen KirchenopferS wurde der Beschluß auSgesetzt.
Auf ein eingegangenrS Gesuch des Vereins zur Förderung der Blinden - Bildung um Unterstützung wurde in Anbetracht deS gemeinnützigen und humanen Zwecks dteseS Instituts ein jährlicher Beitrag von 50 JL bis auf Weiteres bewilligt.
Auf die Offerte der Jeremias Friedel Wittwe und Erben, den nach Abbruch threS an der Retchensand - Bahnhofstraße gelegenen Hauses frei werdenden Platz der Stavt für den Preis von io,000 Jl. zu überlasten, wird unter der Bedingung eingegangen, daß die Kosten der Expertisen gemeinschaftlich getragen werden.
Auf eine Eingabe von Einwohnern der Schießgärten zwecks Herstellung der jetzigen Schützenstraße beschließt die Versammlung, dem Anträge der Baudeputation, „daß für dieselbe keine Veranlassung vorllege, auf den Inhalt dieser Eingabe einzugehen", betzutreren; einen gleichen Beschluß faßte die Versammlung gegenüber einer Eingabe mehrerer Anwohner der Bleichstraße um vollständige Ausbauung dieser Straße.
Die Liquidation zur Rechnung der Stadt Gießen vom Jahre 1*78 in der Höhe von 6547 JL. 34 wurde geprüft und nichts dabet zu beanstanden gefunden.
Der Voranschlag der Polizetverwaltung über sachliche Bedürfnisse für das Jahr 1880, welcher sich auf 2940 JL berechnet und welcher einen unwesentlichen Mehraufwand ergiebt, wird nach stattgehabter Prüfung genehmigt.
Die zur Ausstattung der höheren Mädchenschule sich noch nothig machenden Kosten werden bewilligt, desgleichen die sich auf 1312 belaufenden Kosten der Herstellung deS Hofes der neuen Realschule.
Im städt. Bürgerhospital hat sich die Mangelhaftigkeit der Schornsteine herausgestellt, weShalb die Herstellung neuer nach dem vorgelegten Plan genehmigt wird.
Da die Bachmauer hinter der Pfarrhofraithe an-der Kirche sich in sehr defektem Zustande befindet, spricht sich die Versammlung für Bewilligung der nach dem Voranschläge 720 J4 betragenden Baukosten aus.
Mehrere Kostenoecreturen werden genehmigt, sowie die Aufstellung zweier Pegel am St adtrtnggraben beschlossen.
Für die Beaufsichtigung der Schleusen wird in Anbetracht der Wichtigkeit der rechtzeitigen Oeffnung und Schließung derselben eine Extravttgütung von jährlich 60 JL bewilligt.
Der Entscheid über das Gesuch des Georg Stühler um Ueberlaflung von Gelände an der Wolfstraße behufs Erbauung eines Wohnhauses wurde ausgesetzt.
Dem Weißbinder Karl Kämmerer wurde in einer früheren Sitzung die Anlegung einer Einfriedigung des PlatzeS vor seinem in der Löwengasse gelegenen Hause mit dem Vorbehalt gestattet, daß die Ecke dieser Einfriedigung nach der Katharinengasse htv abgestumpft werde. Da Petent erklärt, hierauf nicht eingehen zu wollen, wird beschlossen, von der geforderten Abstumpfung abzusehen. „
Das Gesuch der Firma Nattmann & Weidig um Errichtung eines Ladens in dem links am Eingang zu deren Hofraithe liegenden Hause wird befürwortct, desgleichen das Gesuch des Fritz Lony, welcher an seinem an der Marktstraße gelegenen Hause bauliche Veränderungen vornehmen will. _
Gegen das Baugesuch des Jacob Wagner, welcher an der Grunberger Straße ein Wohnhaus zu errichten gewillt ist, hat die Versammlung keine Einwendungen, weshalb Befürwortung unter der Bedingung erfolgt, daß der Nachsuchende auf Straßenanlage, Beleuchtung x. zu verzichten habe. Mit diesem Beschlüsse wurde die öffentliche Sitzung beendigt.
Gießen, 31. Januar. Viele Bewohner hiesiger Stadt haben in den letzten Wochen einen Aufruf zu Beiträgen für Gründung einer Herberge zur Heimath erhalten. Dieser Aufruf hat folgenden Wortlaut:
Aufruf.
Es sind nunmehr 35 Jahre verflossen, seitdem vr. Wich er n mit schonungsloser Wahrheitsliebe das Verderben, das von den Herbergshäusern aus die in denselben übernachtenden Handwerksgesellen auszugehen pflegt, beleuchtet und die evangelische Christenheit zur Abhilfe aufgerufen hat- Zehn Jahre später gründete Professor Perth es in Bonn die erste Herberge zur Heimath und veröffentlichte alsdann seine klassische Schrift über „das Herbeigswesen der Handwerksgesellen". Seit jener Zeit ist die religiös-sittliche Zerrüttung und die sociale Verhetzung, wie sie m den arbeitenden Classen unseres Volkes um sich greift, im allgemeinen, insbesondere aber auch die vn- sucherische und verführerische Wirthshausumgebung, m der die wandernden Gesellen und jüngeren Arbeiter zu leben pflegen, immer deutlicher an das Tageslicht getreten. Zugleich haben die Herbergen zur Heimath, die an ihrem Theil jenen Uebelslanden steuern wollen, eine weite Ausbreitung erlangt. Es bestehen jetzt über 100 j^er Anstalten in den verschiedenen Städten Deutschlands; dieselben haben mit sichtlichem Segerr gewirkt und auf solche Weise das Mißtrauen, das ihnen von Ansang an begegnete, von Jahr zu Jahr mehr überwunden. .
Der Vorstand des Vereins für innere Mission m Gießen und Umgegend hat nun den Plan gefaßt, auch in Gießen eine Herberge zur Heimath zu gründen, und die unterzeichneten Bewohner Gießens sind mit den in dieser Stadt ansässigen Borstandv- mitgliedern zu einem LocalcomiU zusammengetreten, um die Anstalt ins Leben zu rufen. Der Verkehr der wandernden Gesellen ist in Gießen sehr stark, es haben ui Gunter schon über 100 derselben hier zu gleicher Zeit übernachtet, auch die Zahl der in Schlafstellen untergebrachten jugendlichen Arbeiter ist nicht unbedeutend; die physischen und moralischen Nothstände aber, die in diesen Kreisen herrschen, sind offenkundig und namentlich in diesem Winter grell heroorgetreten. Wir wollen diesen wandernden oder hier wohnhaften einzelstehenden Gesellen oder Arbeitern, ohne Unterschied der Confession in der Herberge zur Heimath gesunde und wohnliche Unterkunft, anständige und billige Verpflegung und die Zucht und Ordnung eines, christlichen Haushaltes bieten. Wir wollen sie dadurch vor Verführung zum Brandwemgenuß zum Harardspiel, rum Bettel und zur Sittenlosigkeit bewahren und insbesondere den soliden und anständigen Elementen derselben einen behaglichen Aufenthalt verschaffen. . s a
Ein für die Herberge geeignetes Haus ist bereits von einem Freunde des Vereins gekauft und uns gegen entsprechende Miethentschädigung zur Benutzung überlassen worden. Es kommt jetzt darauf an, daß wir die zur^Emrichtung und -um Betriebe der Herberge erforderlichen Mittel aufbringen. Diese Mittel sind allerdings nicht unbeträchtlich. Nach dem von Sachverständigen ausgestellten Voranschlag bedürfen wir zur Herrichtung einer Herberge mit 30 Betten für Uebernachtende und 20 B"en^für Schlafburschen eine Summe von 15000 JL Außerdem wird die Anstalt für die erste Zeit ihres Bestehens einen kleinen Zuschuß ndthig Haden. ,..
Wir wenden uns nun an die Mildthat>gkeitunseret ßandsleute m,d bitteni dieselben uns ihren Beistand zur Aufbringung der erforderlichen
Sie können uns Hilfe gewähren durch einmalige Beiträge, durch Jahres-Beiträge und bUrd) «..«trauen woUen werben wir
Schuldscheine ausstellen über je 25, 50, 100 JL Sobald der Ertrag der Herberge es gestattet, werden die Schuldscheine zur Rückzahlung ausgeloost werden. Mr bitten in dem anliegenden Schema durch Aussülluny der entsprechenden Rubriken angeben zu wollen wieviel man an einmaligen Beträgen, Jahresbeiträge,., unkündbaren Darlehen zu geben beliebt. Den gezeichneten Betrag wolle man gesälligst
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