Sonntag den 31. August
1879
Nr. 202
ichener 'Anzeiger
Auzeigk- uni) AmisbluU für den Kreis Gießen
RedactionSbureau r \ (pxpeditionSbureau r f
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Schulstraße B. 18.
Schweiz.
Bern, 27. August. Für die Leitung der Fortführung des Gotthard-
tunnelbaues ist von den Erben des Herrn Favre jetzt derart gesorgt worden, hi btU I daß von diesen ein sog. Directions-Comitä zu diesem Zwecke ernannt wurde, em««. An dessen Spitze stehl der Ingenieur Bösst, welcher seit 1874 Stellvertreter
-—' TjJpnßäJ1 des Herrn Favre war, mit dem Titel „Direktor des Gotthardtunnel-Unter- \ WV ' uehmens/' Ihm stehen zur Seite die Herren Stockalpen, der bisherige Bohr- > de«80. Äugu^. Ingenieur auf der Nordseite des Tunnels, und Rambert, als juristischer
nennung dieses Comitss bereits ihre Genehmigung erthetlt.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P^
Rathgeber. Herr Bösst ist ein Genfer und hat seine Studien auf der Central- ichule zu Parts gemacht; Herr Stockalpen ist aus dem Canton Wallis, Herr Rambert von Lausanne gebürtig. Die Gotthardbahn-Direction hat der Er-
Telegraphische Depeschen.
Wagner'» telegr. Uorrespoudeuz-Bureax.
Darmstadt, 29. August. Prinz Ludwig von Battenberg, Bruder deS Fürsten von Bulgarien, ist aus England in Jugenheim eingetroffen.
Berlin, 29. August. Der Kaiser empfing gestern den General-Feld- marschaü v. Manteuffrl vor desten Abreise in Audienz. — Der „Reichs-Anz." veröffentlicht die Ernennung des Geh. Regterungsraths Schlieckmann zum Regierungs-Präsidenten in Gumbinnen.
Weimar, 29. August. Der altenburgische Minister v. Gerstenberg ist heute früh auf seiner Besitzung Sulza gestorben.
London, 29. August. Einer Meldung aus Captown vom 12. d. zufolge ist General Wolseley mit der Clarke'schen Truppeuabthetlung in Ulundi angekommen. Die Zulus zerstreuten sich und kehrten zu ihren Wohnplätzen zurück. Die Verhandlungen Wolseley's mit den Vornehmsten der Zuluhäuptlinge dauern fort. Letztere haben versprochen, sich unterwerfen zu wollen. Cetewayo befindet sich in der Nachbarschaft von Ulundi.
Paris, 29. August. Anläßlich der Gerüchte über Entsagung seiner Ansprüche Seitens des Prinzen Don Carlos veröffentlichen die legttimisttschen Journale eine Note, in welcher sie sich ermächtigt erklären, zu melden, daß Don Carlos sich seiner Rechte, die er mit dem Schwerte in der Hand ver- theidigte, wider begeben könne, noch wolle.— König Alphons hat heute Morgen Arcachon verlassen. Die Erzherzogin Marte'Christine wird heute Abend abreisen und nach Paris zurückkehren.
Warschau, 29. August. General-Feldmarschall v. Manteuffel ist in Begleitung von fünf preußischen Officieren heute Nachmittag 23/4 Uhr hier angekommen, auf dem Bahnhof von dem Gehülfen des General-Gouverneurs Krüdener, Stabschef Fürsten Schachowskot und dem Poltzeichef Buturlin empfangen. Der Feldmarschall begab sich von da nach dem Lustschloffe Lazienki, wo er im weißen Hause abstteg und wo ihn eine Ehrenwache vom Garde- Regiment Kaiser Wilhelm erwartete.
Petersburg, 29. August. Der „Regierungs-Bote" bringt ein offi- ctelles Commumqus, welches die leidenschaftliche Besprechung der ausländischen Politik durch russische Blätter auf's Entschiedenste mißbilligt. Der leidenschaftliche Ton, worin die russische Preffe innere Fragen der ausländischen (Staaten und die Wendung der auswärtigen Politik behandle, grenze nicht selten an den Mißbrauch der Rechte der Preffe. Die Aeußerungen der Journale über die ausländischen Regierungen und deren leitende Staatsmänner gingen über die Grenzen einer vernünftigen Zurückhaltung hinaus.
Petersburg, 29. August. Das bereits signaltsirte Communiqu6 des „RegierungS-Boten" lautet: „Ein gewisser Thetl der russischen Preffe, welche in der letzten Zeit eine besonders lebendige Aufmerksamkeit der inneren Politik ausländischer Regierungen zuwendet, ließ in diesem Falle sich mit fortreißen von dem Verfahren bekannter ausländischer Preßorgane, welche sich hinsichtlich Rußlands uno seiner Politik einen feindlichen, bis zur Unschicklichlett scharfen Ton aneigneten, und verfällt in daffelbe Extrem der Leidenschaftlichkeit. Das Urtheil unserer Preffe über innere Fragen, welche diesen oder jenen Staat in Aufregung versetzen und über die Aenderung der Stellung dieses oder jenes Staates in der äußeren Politik grenzt an den Mißbrauch des gedruckten Worte?. Die Urtheile unserer Preffe über ausländische Regierungen und deren leitende Staatsmänner überschreiten die Grenzen einer einsichtsvollen Zurückhaltung. Die Regierung, die solche Haltung der Preffe entschieden mißbilligt, findet dieselbe unvereinbar sowohl mit unseren freundschaftlichen Beziehungen zu allen fremden Staaten, als mit einer ernsten Auffasiung der Preffe von ihrer patriotischen Pflicht."
Petersburg, 29. August. Der Kaiser von Rußland reiste in der Nacht vom 27. zum 28. d. aus Zarskoe-Selo nach Warschau ab, traf am 28. d., Nachmittags, in Dünaburg ein und hielt daselbst eine Truppenschau. Abends um halb 8 Uhr kam derselbe in Wilna an, wurde von den Spitzen der Behörden empfangen, besuchte das Kloster und begab sich hierauf in das Palais, wo ihn die Generalität und eine Ehrenwache erwartete. Die Bevöl- kerung empfing den Kaiser überall mit großem Enthusiasmus-
Breslau, 29. August. In der vergangenen Nacht hat zu Herminen- hütte bei Gletwttz eine Keffelexplofion stattgefunden, wodurch 5 Menschen das Leben verloren und 9 schwer verwundet wurden. Ein großer Theil des Hüttenwerkes ist ntedergebrannt.
Warschau, 30. August. Der Kaiser ist gestern Abend hier etnge- troffen und wurde von der Bevölkerung mit Enthusiasmus begrüßt. Die Stadt war festlich gefchmückt. Es fand eine allgemeine Illumination statt.
Deutschland.
Darmstadt, 28. August. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht:
Am 21. August den ordentlichen Professor Dr. Seuffert zum Rector der Lar des-Universität für die Zett von Michaelis 1879 bis dahin 1880 zu ernennen.
Berlin, 29. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Gutem Vernehmen nach haben weitere Erwägungen es der Regierung angängltch und zweckmäßig erscheinen lassen, auch noch dem Erwerb der Berlin-Anhalter und der Rheinischen Eisenbahn näher zu treten. Die erforderlichen Einleitungen dürften unmittelbar bevorstehen. Bet beiden Bahnen komme in Betracht, daß die künftigen Erträge durch verstärkte Belastung mit Verzinsung und Amortisation der Anleihe, resp. auch durch Vermehrung des Stamm-Acttencapttals und durch Concurrenz Abbruch erleiden würden. Umstände, welche um so mehr in's Gewicht fielen als manche Neubauten, womit diese Gesellschaften belastet, keineswegs zu den rentablen zu zählen seien. Die Regierung habe deßhalb gemeint, der Berlin-Anhalter eine vierprocentige Rente, der Rheinischen Eisenbahn für die Aclien Lit. A. neben einer einprocentigen Convertirungsprämte eine sechspro- centige Rente, für die jungen natürlich erst vom Tage ihrer Dtvidenden-Be- rechtigung an, bis wohin die Rente nur 5 pCt. beträgt, hier wie dort in Consols als einen entsprechenden Preis offertren zu sollen.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Nachdem die Generalversammlung der Potsdam-Magdeburger Eisenbahn-Gesellschaft mit der Aussicht auf eine noch folgende unbedingt beschlußfähige Versammlung zur Beschlußfassung über den Uebergang dieser Eisenbahn an den Staat auf den 12. September einberufen ist, dürfte die Einberufung der Generalversammlung der Köln- Mindener Eisenbahn-Gesellschaft zu dem gleichen Zweck bald folgen. Ueber die Höbe der Convertirungsprämte sei auch >n dem letzteren Falle eine Einigung zwischen der Regierung und den Gesellschafts-Vorständen nicht erzielt worden. Sie höre als gewiß bezeichnen, daß die Regierung hier wie dort über ihr wohl erwogenes Gebot nicht hinausgehen werde. Es bleibe abzuwarten, ob die Aktionäre die liberale Offerte des Staates ablehnen und es auf den Abbruch der Verhandlungen ankommen lassen würden.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt aus Wien von „gut unterrichteter Seite", daß Graf Andraffy nach seinem heutigen Eintreffen in Wien zum Kaiser in'S Brücker Lager gehen dürfte, um dem Kaiser über seine Reise nach Gastein zu berichten. Der Kaiser kehre am 5. September nach Wien zurück. Dann werde die Ernennung des neuen Ministers des Aeußern erwartet; es dürfte jedoch die Angelegenheit wahrscheinlicherweise bis Mitte September vertagt werden. Nicht ohne Einfluß auf dieselbe würden nämlich die erwarteten Berichte d.r in den Sandschak Novibazar abgegangenen Special-Commissäre bieiben, da, Falls sofort zur Besetzung der Lim-Linie geschritten würde, Andrassy diese Action noch unter seiner Amtswtrksamkeit und Verantwortlichkeit werde vollziehen lassen wollen.
Lokales.
Gießen, 30. August. Ueber den in gestriger Nr. erwähnten Einbruch in der hiesigen Synagoge können wir heute folgendes Weitere mittheilen. Dachdecker H. Nützlich und Schlosser Paul Kirchmann, beide schon längere Zeir hier wohnhaft, jedoch von auswärts gebürtig, erbrachen in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag eine neben dem Haupteingang zur Synagoge ^ftnv- ltche eiserne Thüre mittelst Brecheisen. Bet dieser Gelegenheit sprengten ste ein Stück Sinn, woran sich die Verschluß-Klammer befand, ab. Von dieser Thüre aus gelangten sie in die unter-
Banden rc. y tttt und Thoren Wär tungsvoll 'iegandt, En.
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Bekanntmachung.
Gefunden: 1 Hut, 1 Regenschirm, 1 schwarze Quaste, 1 Kinderstrumpf, 1 Schlüssel, 1 Pack Kleider (in der Nähe der Well er'schm Eishalle gefunden). Zugeflogen: 1 Hahn.
Gießen, den 30. August 1879. Großherzogliche Polizeiverwaltung Gießen.
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