bedeutenden Schachzug unternommen. Das ist dieselbe Politik, welche unter dem Schein einer Lorkämpferschast für unsere constitutionellen Rechte und Freiheiten die große Menge zu captiviren versucht, denn solche Borgänge werden in der ultramontanen Presse mit der ihr eigenen Färbung einseitig auegebeutet, rind mündliche Interpellation in Vereinen, Versammlungen rc. thun ebenfalls das Nothwendige, um die Anträge und Reden der Centrumsmänner paffend zu ergänzen.
— In Frankreich ist das Ministerium Dufaure durch ein Vertrauensvotum des Abgeordnetenhauses zwar momentan befestigt, aber nichr gek-äftigt worden. Die Heißsporne der Linken haben nahezu einen Riß in die republi- Eantsche Mehrheit der Versailler Kammer gemacht und die Monarchisten der verschiedenen Linien lachen stch in's Fäustchen, weil die Republikaner selbst um Zo viel wirksamer, als ste es vermocht, an der Zersplitterung ihrer Kräfte arbeiteten. Gambetta's Autorität selbst hat bei diesem Anlaß einen argen Stoß erlitten, den sie Mühe haben wird, rechtzeitig zu verwinden. Der Verband des Exdtctators sagte ihm, daß das conservattv-republikanische Cabinet für jetzt erhalten bleiben müffe, daß seine eigene Zeit noch nicht gekommen Hei. Aber die Eierschalen seiner revolutionären und oppositionellen Vergangenheit hinderten ihn daran, dies offen zu bekennen. Glücklicher Welse für ihn vergißt man in Frankreich noch schneller, als anderswo.
— Die Erklärungen der österreichischen Regierung im Reichsrath bezüglich der Pest, sowie die Beschlüsse der austro-deutschen Conferenz beruhigten wesentlich, doch besorgt man, Rußland werde die gemeinsamen austro-deutschen Vorstellungen zwar formell nicht abweisen, aber auch nicht lebhaft unte stützen und zwar um so weniger, je schlimmer stch die Verhältniffe gestalten sollten. Bereits sollen die bisherigen Verhandlungen in Petersburg empfindlich vernimmt haben, wo man darin auch ein dlrectes Streben, den russischen Handel vollkommen lahm zu legen, erblickt.
— Die rumänischen Bemühungen betreffs Einziehung der Bestimmungen des Berliner Vertrags hinsichtlich Gleichstellung der Confessionen, namentlich der Emancipation der Juden, welcher auch die Misston Rosetti's in Paris und Rom gegolten, ist absolut erfolglos geblieben; ebenso die serbischen Absichten.
Berlin, 27. Januar. Nachrichten aus den Provinzen und anderen deutschen Staaten zufolge machen die Schutzzoll Projecte keine Fortschritte. Die namhaften Mitglieder der hiesigen volkswirihschaftlicheu Gesellschaft erhalten sogar aus Württemberg Zustimmungen, sowie entsprechende Proteste gegen das Tabaksmonopol und ähnliche Entwürfe. Der frechändlerische Verein zählte im vorigen Jahre 235 Mitglieder. Seit dem Kanzlerschre ben vom 15. Dcbr. ist die Zahl auf 740 mit je einem jährl chen Beitrage von 12 aestieg n. Am lebhaftesten ist überall die Abneigung gegen die Zölle auf Getreide und Vieh. Man prophezeit denn auch, daß diese Zölle in den künftigen Sitzungen des Bundesraths, wenn es eil mal Ernst wird, einen sehr harten Stand haben werden. Baiern und Sachsen beispielsweise werden angesichts der Bedürfn sie ihrer Bevölkerungen sehr wahrscheinlich gegen Getreidezölle zu stimmen sich ver- Änlaßr sehen.
Kolland.
Haag, 25. Januar, Abends. Die feierliche Beisetzung der Leiche des Prinzen Heinrich hat heute in der Kirche zu Delft stattgefunden. Der Feierlichkeit wohnten bei neben der Prinzessin - Wit. we der König, die Prinzen Alexander und Friedrich der Niederlande, Prinz Friedrich Karl von Preußen, Prmz von Wied und der Großherzog und Prinz Herman von Sachien-Weimar, ferner viele auswärtige fürstliche Specialabgesandte, die Mitglieder des dtplo» matischen Corps, die Spitzen der B Hörden und zahlreiche Deputationen. Die Trauerrede wurde von dem Pastor Koetsvcld gehalten, welcher die Verdienste des Verstorbenen um den König, das Vaterland und Luxemburg hervorhob.
Rußland.
Petersburg. Unter der bäuerlichen Bevölkerung der im Krollwez'schen Kreise (Gouvernement Tschernigow, nördlich von Kiew) gelegenen Dörfer Bli- stowo und Luxnowo. ist, nach dem „Golos", eine gefährliche Kr nkheit ausgetreten, der bereits 50 Personen zum Opfer gefallen sind. Da, wie man dem Blatte meldet, an den Erkrankten Anschwellungen, wie auch ein schneller Verlauf der Krankheit festgestellt worden sind, so erscheint eine genaue Beobachtung dieser Krankheit, welche, nach der vorliegenden Meldung zu schließen, pestartige Symptome aufweist, dringend geboten. Einen weiteren, sehr ungünstigen, hoffentlich übertriebenen Bericht bringt die „Russische Welt". Dan>ch bestand die ganze Bevölkerung des Gouvernements Astrachan vor dem Ausbruch der Pest aus 229,900 Seelen. Heute zählt dt-ses Gouvernement kaum noch 220 000 Seelen, indem die fehlende Zahl Einwohner theils ausgestorbe«,, lhells nach anderen Gouvernements des Reiches ausgewandert ist. Die Einwohner Vieler an der Wolga gelegenen, von der Pest zu allererst hetmgesuchten Orte in den Gouvernements Astrachan und Saratow existiren jetzt entweder gar nicht mehr -der nur zum geringen Theile. Bemerken wollen wir hier, daß bereits der Vorschlag gemacht worden ist, zur Verhütung der Weiterv rbrntung der Krankheit ein Radikalmittel anzuwenden und die versengten Ortschaften nieder
zubrennen. Dieser Vorschlag ist thatsächlich gar nicht so furchtbar, wie er auf den ersten Blick aussteht. Die Hütten in den Kosakenstanitzen sind an und für sich zi-ml'ch werthlos, die dafür zu zahlende Entschädigung könnte daher, auch bei weitgebendster Ausführung der gedachten Maßregeln kaum mehr als einige Hunde tt usend Rubel b-trauen und ein Radicalmittel wäre es jedenfalls.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 28. Januar. Heule fand eine Sitzung des Bundesraths statt, in welcher sich derselbe mit der Berakhuug der Maßregeln gegen die Einschleppung der Pest beschäftigte.
— Der Reichs-Anz." publictrt eine kaiserliche, vom Grafen Stolberg contrasignirte Verordnung vom 23. Januar, durch welche der Reichstag bis zum 12 Februar einberufen wird.
— Die Commission zur Berathung von Schutzmaßregeln gegen die Pest wird bet der Regierung die Entsendung eines Commiffärs nach Rußland beantragen. Ferner wird die Commission die Ergreifung derselben Maßregeln in Betreff der E-nfuhr gewisser Artikel aus Rußland beantragen, welche die Wiener Commtision beschlossen bat. — Der „Nat.-Zeitung" zufolge hat Dr. Finkelub irg in der Commission mitgethellt, daß die Ausdehnung der Pest über den ursprünglichen Seuchenheerd nach officiellen Daten nicht constatirt und die Abschließung der verseuchten Localitäten durch einen doppelten Sicher- hetts Co don in's Werk gefitzt sei.
Paris, 28. Janurr, Die „Agence Havas" meldet: Wie versichert wird, bar der M -rschall Mac Mahon in dem heute Morgen stattgefundenen Ministerralhe erklärt, er werde in der Frage der militärischen Commandos nicht na-t^ben. so fern eher feine Demission nehmen.
Konstantinopel, 28. Januar. Ein Telegramm Kiamil Paschas, des Co-.mlffärs der montenegrinischen Grenzregulirung, zeigt an, daß es ihm bester gehe und er hoffe, die noch obwaltenden Schwierigkeiten zu begleichen. — Der Proccß Suttiman Paschas wird vor einem neuen Kriegsgerichte revldirt.
Hamburg, 28 Januar. Die Verhandlungen vor dem See-Amte in Sachen der .Po-merania" sind heute beendet. Der Capitän Prttchard hatte vor dem deutschen General-Consultte in London erklärt, er könne sein Schiff nicht verlosten und deßhalb nicht als Zeuge in Hamburg erscheinen. Die Verhandlungen brachten sonst nichts wesentlich Neues. Schließlich beantragte der Commistar des Reiches, das See Amt wolle erklären, Capitän und Officiere der „Pommerania" Men an dem Zusammenstoß schuldlos; daneben aber aussprechen, daß das Offenhalten leerer Kohl nbehälter ohne zwingende Noth- wendigkeit in Zukunft zu vermeiden sei. — Die Publicatton des Erkenntntffes wurde a"sgesetzt.
Dortmund, 28. Januar. Das Criminalgericht verurtheilte Tölcke wegen Beleidigung von R ich^tagsmitgliedern zu 9 Monaten Gkfängniß. Der Antrag des Staatsanwalts hatte auf 1 Jahr Gkfängniß gelautet.
Paris, 28. Januar. N rchts. D'e M nister beratbschlagten heute Abend mit den P äsidenttn und einflußreichen Vorstandsmitgliedern der Fractionen der Majorität beider Kammern in Bezug auf die Weigerung des Marschall- Präsidenten, das Decret betr. der großen M litärcommandos zu unterzeichnen. Die Delegirten der Major-tär erklärten, letztere wolle den Marschall nicht stürzen, würde aber seine even'uelle Demission annehmen. Die Minister wurden von d n Delegirten aufgefordert, von Neu-m darauf zu dringen, daß die Unterzeichnung des bez. Decrers erfolge. Jm Frlle einer abermaligen Weigerung würden voraussichtlich die Minister den Kammern eine Darlegung der Lage geben und ihre Entlastung nehmen. — Der Bericht der U'ckersuchungs-Com- mission schließt mit dem Anträge auf Erhebung der Anklage gegen das Ministerium vom 16. Mai.
Kaffel, 29. Januar. Der berühmte Augenarzt, Geheimrath Dr. Benedict Stilttng, ist gesiern Abend g storben.
Kalkutta, 28. Januar. Die Ghilzais sehen die Feindseligkeiten gegen Jakub Khaa fort, besten Autorität außerhalb Kabul schwindet. Schir Ali soll in Mazaricheriff fein.
Paris, 28. Januar, Abends. Das Journal „Soir" meldet: Ja dem heute Vormiit g stattgehabten Cabinetsrath unterzeichnete der Marschall-Präsi- reut das Decret, durch welches V->iä cherungen im Zustizpersonal verfügt werden. Als aber die Frage der großen Militär Commandos zur Erörterung kam. erklärte derselbe, er könne derartige Entschließungen n>cht annehmen, wüste es ablehnen, die Armee zu desorganisiren und überlaste eine solche Verantwortlichkeit Anderen. Nich diesen Worten verließ der Marschall den Sitzungssaal.
Lokales.
Gießen, 29. Januar. (Sterblichkeit in Gießen.) In der Woche vom 19. biS 25. Januar batten wir in Gießen tm Ganzen 7 Todesfälle. Von erwachsenen Personen starb eine an Typhus, und eine an Brtqhtiscker Krankheit, von Kindern zwei an Gehirnentzündung, eins an Dipbtherttis, eins an Brighlischer Nierenkrankheit und eins an Epilepsie. G.
Allgemeiner Anzeiger.
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