ricktßschreibergehilfin" vertauschen sollen. In einem öffentlichen Lokale, ober bei verschloffenen Thüren, fand soeben eine Zusammenkunft von Frauen hiesiger Gerichtsbeamten statt, wobei es ungemein stürmisch herging. Frau Schulze hatte die Versammlung einberufen uno zwar unter der harmlosen Bezeichnung einer Kaffeegesellschaft. Allein die Sache hatten einen tieferen Grund. Kaum hatten die eingeladenen Damen Platz genommen, als die Einberuferin sich von ihrem Sitze erhob und mit zorngeröthetem Gesicht also anhub: „Meine werthen Kolleginnen! Jedenfalls haben Sie gegen die neue Gerichtsorganisation im Allgemeinen ebenso wenig etnzuwenden, wie ich. Was aber unsere neuen Titulaturen betrifft, so ist durch dieselben unsere Ehre auf's Tiefste verletzt. Sehen Sie dieses Aktenstück, welches ich hier in der Hand habe, es ist im Namen des ersten Präsidenten des königlichen Kammergertchts ausgefertigt und an meinen Mann adressirt. Dasselbe lautet wörtlich: „Auf Grund der dem Unterzeichneten von dem Herrn Justizmintster ertherlten Ermächtigung, wird der bisherige Kreis - Gerichtssecretär Schulze Hierselbst hierdurch zum Gerichtsschreiber ernannt." Was sagen Sie zu dieser Ernennung, meine Damen? Also Frau Gerichtsschreiberin? Nur mit Widerstreben bringe ich dieses Wort über meine Lippen. Dreißig Jahre ist mein Mann bereits im Amte und hat sich nie eine Pflichtverletzung zu Schulden kommen lasten, und als Lohn dafür wird er zum Gerichtsschreiber ernannt. — Meine Damen, ich habe es geschworen, Jeden, der mich mit diesem Titel anredet, wegen Beleidigung zu verklagen. Zum 1. Oktober wechseln wir die Wohnung, da müsten auch die Schilder geändert werden; soll darauf etwa geschrieben stehen: Zum Gerichtsschreiber Schulze? Eher liefe ich mir die Finger abhacken. Es kommt nichts Andere- auf das Schild, als: „August Schulze", ohne jede andere Titulatur. Wie klang das früher so erhaben: „Köntgl. Kreisgerichts - Secretär August Schulze." Meine Damen, ich habe schon so viel geweint zu Hause, ebenso meine Tochter; mein Mann läßt sich zwar äußerlich nichts anmerken, aber seinem stillen Wesen, seinen trüben Augen merkt man es deutlich an, daß er sich innerlich abgnättert." Jetzt erhob sich eine zweite Frau: Was soll ich erst sagen? Mein Mann war Aktuarius und soll in Zukunft heißen „Gerichtsschreibergehülfe." Warum nicht lieber gleich Geselle? Das
wäre ein Aufwaschen. In dieser Weise ging es über eine Stunde fort. Ueber das Resultat der Verhandlungen können wir im Vertrauen mittheilen, daß eine Petition an den Herrn Justiz- ministcr aufgesetzt werden soll, worin die Bitte ausgesprochen wird, eS bei den alten Titulaturen :n Gerichtssachen zu belasten, da die Frauen es als eine Herabsetzung ihrer gesellschaftlichen Stellung betrachten müßten, sich in Zukunft Frau Gerichtsschreiberin oder gar „Gcrichtsschreiber- gehülfin" nennen lasten zu müsten. — Nun, es ist vielleicht möglich, daß der Herr Justizrm- nister aus Galanterie die Bitte der so schwer verletzten Damen in Erfüllung bringt.
— Eines der originellsten und naivsten Bittgesuche, welche an den Kaiser bei seiner neulichen Anwesenheit in Königsberg gelangt sind, dürfte das eines kleinen Kegelburschen sein, der in seiner eigensten Schreibweise für seine „blutarmen" Eltern bittet, aber nicht schlechtweg um eine Gabe, sondern daß der Kaiser die Gnade haben möchte, seiner Mutter, die schon 21 Jahre lang als Mitspielerin bei zwei Lotterieloosen der preußischen Klaffenlotterie betheil,gt ist (die Nummern sind in dem Bittgesuche genannt), aber noch nie etwaS gewonnen hat, die Freude zu gewähren, eines dieser Loose bet der nächsten Ziehung gewinnen zu lasten. Der kleine Bittsteller verspricht, wie die Königsberger Hartung'sche Zeitung mittheilt, für die Erfüllung der Bitte, die er schon voraussieht, wenn er groß sein wird, für seinen kaiserlichen Herrn kämpfen zu wollen, „wie es die Väter gethan haben."
SehiiFsberieht. Mitgetheilt von dem Agenten deS Norddeutschen Lloyd E. W» Dietz in Gießen.
Southampton, 24. September. Der Postdampfer Oder, Capt. E. Leist, vom Nord» deutschen Lloyd in Bremen, welcher am 17. d. Mts. von Newyork abgegangen war, ist gestern 11 Uhr Abends wohlbehalten hier angekommen und hat nach Landung der für Southampton bestimmten Pastagiere, Post und Ladung heute 1 Uhr Mittags die Reise nach Bremen fortgesetzt. Die Oder überbringt 107 Pastagiere und volle Ladung.
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