1879
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-kr. 226. Zweites Blatt. Sonntag den 28. September
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Wochenübersicht.
Die Anwesenheit des Fürsten Bismarck in Wien, seine Conserenzen mit den leitenden Staatsmännern Oesterreich-Ungarns, Andrafsy und fein Amts- nachsolgir, Baron Haymerle, an der Spitze, seine zuvorkommende Ausnahme beim Kaiser Franz Josef — das ist eine Kette politischer Vorgänge, welche alles Uebrige in den Hintergrund drängt. Das allgemeine Urtheil glaubt dahin einig sein zu dürfen, daß es sich dabet um ein künftiges feües Zusammengehen -wischen Deutschland und Oesterreich handle, gegenüber der bedrohlichen Haltung Rußlands und seinen pauslavistischen Gelüsten eineslheils, und einem etwaigen Revanchekriege Frankreichs, in welchem dieses Rußland an seiner Sette haben könnte. Wie freudig selbst die Bevölkerung der österreichischen Kaiserstadt ein solches Bündniß mit dem deutschen Reiche begrüßt, davon legen d>e sympathischen Kundgebungen, die dem Fürsten v. Bismarck überall zu Theil geworben sind, beredtes Zeugniß ab. Um das freundschaftliche Ver- hältniß der beiden Staaten auch materiell nutzbar zu gestalten, sind neben den politischen auch handelspolitische Abmachungen über möglichst weitreichende Verkehrs- und Tariserleichterungen getroffen worden, deren nähere Vereinbarung besonderen Bevollmächtigten Vorbehalten bleibt.
Auch die Manöver bet Straßburg haben den Kaiser Wilhelm in körperlicher Rüstigkeit und in unermüdlicher Ausdauer gesehen. Das 15. Armec- Corps, welches in seiner bunten Zusammensetzung aus Truppenthetlen fast aller deutschen Staaten sich durch die Mannigfaltigkeit seiner Uniformen aus- zetchnet, blieb hinter den Leistungen der Altpreußen und Pommern nicht zurück, wennschon bei der Katseiparade sich das Ungewöhnliche ereignete, daß infolge der vorhergegangenen Regengüsse die Stiefel vieler Soldaten in dem aufgeweichten Lehmboden stecken blieben und der Vorbeimarsch zum Theil in Strümpfen und sogar barfuß erfolgte. Die herzliche Ausnahme des Kaisers von Seiten der ländlichen Bevölkerung und der zahlreichen KrtegerverUne, welche mit Fahnen und Musiken erschienen waren, blieb nicht ohne Wirkung auf die Bewohner Straßburgs, wo sich von Tag zu Tag der Festschmuck der Privathäuser mehrte. Dienstag Abend reiste der Kaiser nach Metz, um sich von da nach Baden-Baden zu begeben.
Der ehemalige Cultusmtntster Falk hat sich in einem Schreiben an die „Deutsche Revue" mit einer in offictellen Kreisen peinlich berührenden Offenheit über die künftige Lage der Schule geäußert. Er trägt ernstlich Sorge um das Unterrichtswesen, da über den Geist, in welchem dasselbe geleitet werde, nicht daö Gesetz, sondern die Verwaltung entscheide, welche sich zu Zugeständniffen werde genöthigt sehen, falls bei den bevorstehenden Abgeordnetenwahlen die Gegner des Schulgesetzes den Sieg davontrügen. Hinsichtlich Btsmarck's glaube er nicht, daß derselbe nach Canoffa gehe, wenn er es — wie der sehr laue Ausdruck lautet — vermeiden könne. — Von dem neuen Cultusminister v. Puttkamer wurde der rheinische Regierungs- und Schulrath, Dr. Lauer, der früher katholischer Mtlttärgetstlicher war und dann eine Protestantin geheirathet hatte, bis auf Weiteres von seinen Geschäften enthoben. — Dagegen verurtheilte das Kretsgericht zu Deutsch-Krone den Cardinal Gras Ledochowsky, weil dieser gegen den staatstreuen Probst Ltzak in Schroda die große Ezcommunication verhängt hatte, zu 2000 Mk. Geldoder 70tägiger Gesängntßstrase.
Von den zahlreich auf Reisen befindlichen fürstlichen Persönlichkeiten ist die deutsche Kaiserin mit ihrer Tochter, der Großherzogin von Baden, nach den Straßburger Manövern nach Baden-Baden zurückgekehrt; die Königin von Württemberg befand sich zu Besuch bei der russischen Czarin in Jugenheim; der Großherzog von Hessen-Darmstadt hat sich mit dem Erbgroßberzoge nach Balmoral in den schottischen Hochlanden, dem Herbstsitze der englischen Königsfamilie, begeben.
Jn Karlsruhe tagten die Cultur-Chemiker aus verschiedenen europäischen Staaten, in Heidelberg die deutschen Irrenärzte, in Baden- Baden die über tausend Tbetlnehmer zählende Naturforscher-Versammlung, in Augsburg der Centralverband deutscher Industrieller, in Stuttgart der Congreß der inneren Mission.
Frankreich beging unter festlichem Gepränge die Einweihung zweier Denkmale; in Perpignan wurde die Bildsäule des Astronomen Arago, in Mümpelgard die des Obersten Denfert-Rocherau, des Vertheidigers von Beifort, enthüllt, bei welcher Gelegenheit es natürlich nicht an politischen Reden fehlte. — Der 86. Jahrestag der Proclamtrung der ersten französischen Republik (21. September) gab Louis Blanc Veranlaflung, im Theater zu Marseille eine Rede zu halten, worin er entwickelte, welche demokratischen Reformen dem jetzigen republikanischen Frankreich noch noththäten. Bei seiner Ankunft in Marseille hatte ihm das Volk die Pferde vor dem Wagen ausgespannt und ihn nach dem Gasthause gezogen.
Zwischen Waddington und Salisbury, den Vertretern der auswärtigen Ministerien Frankreichs und Englands, fand zu Puy in der Ober- Loire eine Zusammenkunft statt; wie es heißt, hätte es sich um eine beiderseitige Verständigung über die egyptische und griechische Frage gehandelt, die auch erzielt worden fei.
Der türkische Sultan ist glücklich einem gegen ihn geplanten Atten- täte entgangen. Ein Grieche, Namens Karajanopulo, versuchte, als der Sultan sich eben zum Beiramfeste begeben wollte, in den Palast zu dringen, wurde aber durch die Garden daran verhindert, von denen er mehreren Dolchstiche beibrachte. Selbst verwundet, starb er die darauf folgende Nacht im Gefängnisse , nachdem das mit ihm vorgenommene Verhör ergeben, daß er geisteskrank war.
Wie aus Ostrumelien nachträglich berichtet wird, ging die Aufreizung zu dem blutigen Tumulte in Aid es von der aller Mannszucht entbehrenden Miliz aus. Mit besonderer Wuth hätten sich die Bulgaren gegen die wehrlosen Weiber und Kinder der zurückgekehrten mohamedanischen Emigranten gewendet, wobei 80 Menschenleben zu Grunde gingen.
Jakub Khan hat den Engländern wiederholt, und zuletzt sogar durch eine besondere Gesandtschaft, Versicherungen seiner Aufrichtigkeit geben lasten, an welcher jetzt um so weniger gezweifelt werben kann, als sich dec Emir offenbar selbst in einer sehr bedrängten Lage befindet. Es wurde ihm vom Vicekönig von Indien denn auch Unterstützung und Entsatz durch englische Truppen zugesagt. Aber mittlerweile zerstörten die Grenzstämme die Verbindung zwischen dem Khyberpaste und Kabul und legten dadurch dem Vormarsche von Khyber und Khuram her erhebliche Hinderniste in den Weg. Bei Sbutur- Gardan erfolgte bereits ein Angriff auf das englische Lager und auf eine Proviant-Colonne, wobei die Begleitungs-Mannschaften getödtet und 54 Maul- thiere erbeutet wurden. Jn Herat ist ein Aufstand ausgebrochen, der um so bedenklicher erscheint, als dieser Theil Afghanistans den russischen und persischen Einfiüsten offen steht. Ebenso bört mau von Unruhen in Turkestan.
Nachdem Cetewayo, der besiegte Zulukönig, durch den engl. Major Marter gefangen genommen wurde, ohne daß seinem Gesuche, man möge ihn erschießen, entsprochen worden wäre, dürften auch die bisher noch nicht unterworfenen Häuptlinge ihren Frieden mit den Engländern machen. Das Zulu- land wird in mehrere Bezirke getheilt, welche unter englischen Residenten stehen. Cetewayo verbleibt bis auf Weiteres als Staatsgefangener in oer Capstadt.
Jn Neumexico haben sich die Indianer neuerdings verschiedene Grausamkeiten zu Schulden kommen lasten, sodaß die Regierung der Vereinigten Staaten die Zusammenziehung von Truppen für gut befand.
Nach Berichten aus Valparaiso eröffnete am 26. August der peruanische Kriegsdampfer „Huascar" ein Bombardement gegen die chilenische Küste i stabt Autofagnste und zwei Kanonenboote, von denen bas eine Tobte und Verwundete zählte, während die Stadt, deren Forts das Feuer erwiderten, fast gar keinen Schaden erlitt. — Dagegen traf aus Australien die Kunde oon einem friedlichen Ereignisse ein; in Sidney hat nämlich am 17. August die feierliche Eröffnung der Weltausstellung stattgefunden.
Vermischtes.
Berlin, 18. September. Nach dem „B. T." droht hier eine Revolution unter den Gattinnen der neu ernannten Gerichtsschreiber auSzubrechen, weil sie ihre seitherigen wohl, klingenden Titulaturen mit der neuen schlichten „Frau Gerichtsschreiberin" oder gar „Frau @e.


