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Dienstag, den 28. Januar

Nr. 23

1879

Meßmer Anzeiger

AilM- unii AmlsblÄ für htn Kreis Gießen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlol n. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Arankreich.

Paris, 25. Januar, DieR6publique franraise" meldet, daß die Armeecorps-Commandeurs, Generale Bourbaki, Bataille, Ranson und Larttgue, zur Disposition gestellt seien.

Versailles, 24. Januar. Deputtrtenkammer. Unterrtchtsmtntster Bar- doux bringt einen Gesetzentwurf ein, wonach der Elementar-Unterricht vom 1. Januar 1881 an obligatorisch sein soll; Familienväter, die gegen diese ge­setzliche Bestimmung fehlen, haben eine öffentliche Verwarnung zu gewärtigen und können, wenn sie zum vierten Male rückfällig werden, zeitweilig der polt-

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Aesterreich.

Wien, 25. Januar. DiePoltt. Corresp." meldet aus Athen: Die

Pforte hat durch ihren Vertreter in Athen ihr Befremden ausdrücken lassen, daß die griechischen Commiffare für die Grenzregulirung abgeretst sind, bevor die Pforte den Tag für den Zusammentritt der Commission bekannt gegeben hatte. Die Pforte ließ gleichzeitig der CorvetteOlga" mit den griechischen Commtflären an Bord die Einfahrt in den Golf von Arta verwehren. Die griechischen Commtffäre sind demzufolge bei Vonitza gelandet, von wo sie auf dem Landwege nach Antno sich begeben werden. Das Vorgehen der Pforte erregt in Athen sehr peinliches Aufsehen; man erblickt darin eine neue Ver­schleppung der Verhandlungen.

Wien, 25. Januar. Abends. DiePolit. Corr." meldet: Die unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Auersperg tagende Commission behufs Berathung der gegen die Weiterverbrettung der Pest zu treffenden Maßregeln setzte heute ihre Beratungen fort, die zum vorläufigen Abschluß gelangten. Der deutsche Vertreter, Finkelnburg, begibt sich morgen nach Berlin zurück. Die Commission bt schloß heute, daß folgende Gegenstände und Waaren von der Einfuhr aus Rußland event. auszuschließen seien: ungereinigte Leib- und Bettwäsche, gebrauchte Kleiderhadern, Pelzwerk, Felle, Häute, halbgares, sowie sämisch zugerichtetes Ziegen- und Schafleder, Blasen, Därme, gesalzene Därme, Haare, Borsten, Federn, Caviar, Fische und Sarepta-Balsam. Schafwolle ist vor der Zulassung zu destnfictren, desgleichen Briefe und Paptergeldsendungen. Die Schiffe aus russischen Häfen nebst den darauf befindlichen Personen und Waaren sind vor der Zulaffung zum freien Verkehr, unbeschadet der in den Vorschriften begründeten weiteren Verfügungen, einer sanitären Revision zu unterziehen. Nach Umständen sind die von der Commission ausgestellten Grund­sätze auch auf Provenienzen aus den unteren Donaugegenden anzuwenden. Der rumänischen Regierung sind die genehmigten Beschlüffe bekanntzugeben und die Bereitwilligkeit zum wetteren unmittelbaren Einvernehmen auszusprechen.

Wien, 25. Januar. Abgeordnetenhaus. Der Ministerpräsident, Fürst Auersperg, beantwortet eine Interpellation, betr. die Pestgefahr, dahin: Nach den durch das Ministerium des Aeußern der Regierung zugekommenen Nach­richten herrscht eine allgemeine für die Pest gehaltene, jedoch ofstciell als solche nicht bezeichnete Epidemie tn 6 Ortschaften an der Wolga und deren Inseln. In Folge der von der russischen Regierung getroffenen Maßregeln ist es bis­her gelungen, den Heerd der Epidemie zu begrenzen. Die Gerüchte von dem Ausbruche der Pest in Zaritzin sind unwahr. Die Nachricht von dem Aus­bruch der Pest tn Ntschni-Nowgorod wird als unrichtig bezeichnet. Ueber den von Setten Rußlands errichteten Cordon hinaus ist die Seuche nicht gekom­men. Zur größeren Sicherheit stellte die russische Regierung auch einen Quarantäne Cordon um Zaritzin auf. Auch innerhalb des Cordons tritt die Epidemie neuestens weniger intensiv auf. Demnach ist die Gefahr für unsere Monarchie keine imminente. Dem ungeachtet ist die Regierung zu Maßregeln entschloffen und werden bereits mit der ungarischen Regierung und mit der deutschen Regierung wegen eines gleichförmigen Vorgehens Verhandlungen ge­pflogen. Zu äußersten Vorkehrungen zu schreiten, erscheint unter den obwal­tenden Verhältnissen nicht gerechtfertigt. Es ist die Möglichkeit nicht ausge­schloffen, daß die Epidemie auf dem gegenwärtigen Seuchenheerde beschränk: bleibe. Die Regierung wendet diesem Gegenstände die ernsteste Aufmerk­samkeit zu.

Im Abgeordnetenhause ergriff nach den beiden Generalrednern gegen den Majoritätsantrag in Betreff des Berliner Vertrages der Minister Unger das Wort, um den Vorwurf Sturm's, daß die Regierung nicht verfaffungs- treu sei, zurückzuweisen. Der Minister erklärt seine Auslegung der Verfassung für den Ausdruck der innersten Ueberzeugung und des besten juridischen Wissens. Die Auslegung der Verfaffung sei eine Sache des Rechts und nicht der Politik und habe mit der Verfaffungstreue nichts zu thun. Die Regierung nehme den unverdienten Vorwurf nicht an. Es waren deren Mitglieder stets con- stitutionell gesinnt und erwarten sehnsüchtig den Augenblick, von ihrem schwie­rigen Posten abgelöst zu werden. (Beifall. Große Bewegung). Grocholsky erklärt hierauf, die Polen würden im Falle einer Ablehnung des Antrages Dunajewsky's für den Majoritätsantrag stimmen. Hanisch beantragt die Rückgängigmachung der Occupation. (Der Antrag findet keine Unterstützung). Die Debatte wird alsdann auf morgen vertagt.

Ragusa, 25. Januar. Da die türkischen Bewohner etnsehen, daß die türkische Regierung entschloffen ist, den Berliner Vertrag zur Ausführung zu bringen^ so wandert eine große Anzahl derselben aus Podgorttza, Spuz und anderen an Montenegro abzutretenden Orten aus, um tn Skutart Zuflucht zu suchen.

Deutschland.

Darmstadt, 25. Januar. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Bet- läge Nr. 2) enthält:

1. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern, die Be stättgung von Stiftungen und Vermächtnissen betreffend.

2. Uebersicht der für das Jahr 1879 von Großherzoglichem Ministerium des Innern genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal-Bedürfniffen in den Gemeinden des Kreises Alsfeld.

3. Uebersicht der für das Jahr 1879 von Großherzoglichem Ministerium des Innern genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal-Bedürfniffen in den Gemeinden des Kreises Bingen.

4. Dtenstentlaffung.

5. Concurrenzeröffnungen. Erledigt sind: eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Freimersheim mit einem Gehalt von 900 «X; die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Fürstengrund utt einem Gehalt von 900 <X Das Präsentationsrecht zu dieser Stelle eht dem Herrn Grafen von Erbach-Schön berz zu.

Berlin, 24. Januar. Die in der Gegend von Astrachan ausgkbrochene Pest fängt an, die hiesige Bevölkerung bis in die höchsten Schichten zu beun­ruhigen. Doch werden die Berichte, wonach die Pest sich schon in Odeffa und Ntschnei-Nowgorod gezeigt habe, durch die amtlichen Berichte nicht bestä- 'igt. Nach den Nachrichten der russischen, sowie der österreichischen Regierung ist die Seuche bis jetzt auf ihren ursprüglichen Heerd, einen Theil des Gou­vernements Astrachan mit der Kosakenstantza Wetljanka als Mittelpunkt, be­schränkt. Sowohl Deutschland als Oesterreich wollen ihre Grenzen zu schützen suchen und man wünscht lebhaft, daß in der Vorsicht lieber au viel als zu wenig geschehe. Der Glaube, daß wir schon durch unser nördliches Klima vor der Ansteckung geschützt seien, dürfte sich als trügltch erweisen. Man erzählt sich hier, daß General Totleben schon vor einem halben Jahre verlangt habe, die russischen Truppen, die nach Rußland zurückkehrten, sollten vorfichtshalber eine gewisse Quarantäne beobachten; aber in Petersburg zuckte man die Achsen und sagte:0 Mr. de Totleben! II tracasse tout le monde. Von Petersburg bringt übrigens dieNordd. Allg. Ztg." heute beunruhigende Nachrichten, wonach man ferneren Studenten-Unruhen entgegen­zusehen hat. Dte Quelle des Uebels liegt nach der Petersburger Correspondenz theils bei den Professoren, welche aus Popularitätssucht den Unfug der Stu­denten auf die leichte Achsel nähmen, oder wohl gar als Aufwallungen der Jugend entschuldigten, theils darin, daß die Universitäten von einem Proleta­riat überschwemmt werden. Rußland hat noch großen Mangel an höherer Bildung, und so gibt es eine Menge Stiftungen, um Leuten aus dem Volke oas Studium zu ermöglichen. Dte armen Studenten werden meistens tn den Strudel der oppositionellen und nihilistischen Ideen fortgertssen.

Berlin, 25. Januar. Das Abgeordnetenhaus nahm in dritter Lesung den Gerichtsgemeinschafts-Vertrag mit Lippe an und genehmigte tn zweiter Lesung dte Gesetzentwürfe über die Radfelgenbeschläge der Fuhrwerke tn der Provinz Hannover, über die Rhetnschifffahrtsgerichte und dte Elbzollgertchte nach den Commissions-Anträgen. Der Gesetzentwurf über dte Landescultur- Rentenbanken wird in zweiter Lesung nach mehrstündiger Debatte wesentlich nach den Commissions-Anträgen angenommen. Nächste Sitzung Dienstag.

Berlin, 25. Januar. Dte Budget-Commission des Abgeordnetenhauses beschloß mit 15 gegen 5 Stimmen, die Regierung aufzufordern, bet der finan­ziellen und wtrthschaftlichen Lage des Staates von dem Ankäufe von Vollbah­nen Abstand zu nehmen. Dte Commission nahm ferner mit 17 gegen 2 Stim­men dte Anträge Richters an, eingehende Untersuchung anzustellen, inwieweit der Bau localer und Anschlußbahnen geeignet sei, die Rentabilität der vorhan­denen Eisenbahnen, besonders der Staatsbahnen, zu heben und den Absatz der landwtrthschaftlichen Producte zu erleichtern, ferner dem Landtage in der nächsten Session sdarzulegen, inwieweit der Bau von Localbahnen durch die Gesetzgebung und Verwaltung bezw. Staatsmittel zu unterstützen seien.

Bezüglich des Beschlusses der Budget-Commtssion, der Staatsregie­rung dte Abstandnahme von dem Ankauf der Vollbahnen zu empfehlen, äußert dieNordd. Allg. Ztg.", daß die von dem Reichskanzler warm vertretene Politik der Consolidatton des Staatsbahn-Netzes nur Erfolg haben könne, wenn der Staat für den Verkehr dte wichtigsten Linien tn Händen habe. Um dies Ziel zu erreichen, sei der Ankauf gewisser wichtiger Vollbahnen unumgänglich nothwendtg. Der Beschluß der Commission gestatte übrigens keinen sicheren Schluß aus das Votum des Hauses. Die Budget-Commission spiegle in Bahnsachen nicht dte Anfichten des Plenums ab. Dte Mehrheit der Com­mission habe unter sehr geschickter Führung Richters dessen Zwecke gefördert. Man dürfe erwarten, dte politischen Führer der noch maßgebenden national­liberalen Partei würden dte Annahme des Beschlusses zu hindern wissen, der ihre ohnehin nicht mehr sehr feste Stellung im Lande erheblich erschüttern könnte.

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