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Beschränkung der Wuchersreiheit ist bereits amtlich mitgetheilt worden, daß regierungsseitig tue Initiative zu einem Entwürfe nicht ergriffen wird- Eine allgemeine Revision des Strafgesetzbuches ist nicht einmal in Erwägung gezo­gen worden und im Reichstage deshalb bestimmt keine bezügliche Vorlage zu erwarten,"

Berlin, 24. August. Es scheint, den ultramontanen Staatsmännern dämmert so etwas, wie wenn am Ende doch Jemand noch früher ausstehen könnte als Herr Windthorst. DieGermania" ist sehr ungehalten über die dilatorische Behandlung", welche der Reichskanzler den Friedensvorschlägen des Papstes angedeihen laste, und ruft kategorisch aus:Das System muß fallen, auf welchem die unglückliche Gesetzgebung beruht und mit welchem, wie auch conservativerseits zugestanden wird, die katholische Kirche sich niemals ver­söhnen kann. Mit einer blos milden Praxis in der Ausführung der Gesetze würde sich die Kirche nicht zufrtedengeben können." Nun soll aber nach einem umlaufenden Gerüchte gerade in einem auf einer derartigen milden Praxis begründeten modus vivendi das Friedensprogramm des Fürsten Bismarck be­stehen. Das Gerücht klingt keineswegs unwahrscheinlich; dieGermania" aber erklärt, dies Programmwürde der politischen Weisheit des Kanzlers wenig Ehre machen und auf Seiten der Katholiken den schärfsten Widerstand finden." So das anerkannte Organ der Centrumspartet. Inzwischen hält dieProv.-Corresp." für zeitgemäß, die Mitglieder dieser Parcel den Wählern als zuverlässige Freunde der Regierung zu bezeichnen.

Ein alphabetisches Verzeichntß aller auf Grund des Socialistenge- setzes erlassenen Verfügungen gegen die Socialdemokratie bis zum 30. Juni 1879, nebst dem betr. Retchsgesetz und den Ausführungsbestimmungen systema­tisch zusammengestellt, ist jetzt von Christian Teich im Verlag von Christian Teich's Buchhandlung in Lobenstetn erschienen. Bis Ende Juni sind 647 Ver­bote erlösten, und zwar betrafen 217 davon Vereine, 147 periodische Druck­schriften , 278 nichtperiodische Druckschriften und 5 Kasten. Preußen nimmt natürlich hinsichtlich der Verbote die Hauptstelle ein, wobei jedoch in Betracht gezogen werden muß, daß die vom Reichskanzler in Berlin ergangenen 45 Ver­bote periodischer Druckschriften Preußen zugezählt sind. In Preußen wurden 304 Verbote erlösten; die Zahl der verbotenen Vereine beläuft sich auf 66, die der verbotenen periodischen Druckschriften auf 98, die der nichtperiodischen auf 138. Betrachtet man die in Preußen ergangenen Verbote nach den ein­zelnen Regierungsbezirken, bezw. Landdrosteien, so nehmen neben Berlin zunächst Breslau, das ja erst im Juli unter dem Socialistengesetz W. Hasencleoer an Stelle des verstorbenen Retnders zum Reichstag wählte, und Köln mit 12, Kastel mit 9, Schleswig mit 20 und Wiesbaden mit 14 Verboten die Haupt­stellen ein. Nächst Preußen wurden im Königreich Sachsen die meisten Ver­bote ausgesprochen. Von jeher war das industriereiche Sachsen Hauptsitz und Herd der Socialdemokratie. Die dritte Stelle nimmt Hesten-Darmstadt mit 53 Verboten ein, darunter sind nicht weniger als 43 Vereine.

Berlin, 24. August. Von radtcaler Seite wird jetzt geltend gemacht, daß die Spannung zwischen Rußland und Deutschland eine Art abge­karteter Comödie sei, um eine weitere Belastung des Milttäretats im Reichstage, mindestens aber die Beibehaltung des umfassenden deutschen Armee­apparats im Reichstage durchzudrücken. Eine solche Folgerung entbehrt aller­dings nicht des Reizes der Originalität, aber wir denken sowohl von der Stellung Deutschlands, ais von der Sittlichkeit seiner Staatslenker denn doch zu hoch, um diesen Verdächtigungen irgend welche Bedeutung beilegen zu können. Diesmal ist die russische Verstimmung keine Chimäre; es liegen nicht nur die Gründe derselben viel zu klar vor Augen, sondern es äußern sich die Symptome der Erkaltung der alten Freundschaft viel zu drastisch, als daß nicht auch jeder Laie einsehen könnte, daß die Zeit, in welcher die Cabtnete von Petersburg und Berlin, oder vielmehr Gortschakoff und Bismarck zusammen Seide spannen, vorüber ist. Der Conflict besteht, ob er irgendwie sich verschärfen oder schrofferen Ausdruck finden wird als bisher, das ist zur Zeit nur eine Frage an das Schicksal, die zwar Jedem freisteht, auf welche aber nur die Ereignisse selbst antworten können.

DieProvinztal'Correspondenz" gießt für die preußischen Land­tagswahlen eine Parole aus, welche offenbar mehr für die Reichstags­wahlen paffen würde. Man solle, heißt es da, die Candtdaten fragen, ob sie für oder gegen den Schutz der nationalen Arbeit sind. Wir würden dagegen nichts einzuwenden haben, wenn die Fragestellung nicht darin gipfeln sollte, daß es für selbstverständlich gehalten wird, daß jeder Freund der wirth- schaftlichen Reformen auch politisch conservativ sei. Dem Zolltarif gönnen wir seine ruhige Entwickelung, dann schließlich werden Schutzzöllner und Freihändler gerne bereit fein, ihn zu modificiren, wo er irgendwie schädliche Wirkungen äußert, welche durch Erfahrung und Statistik festgestellt sind. Auch liberale Männer werden sich befferer Einsicht nicht verschließen, wenn sie sich gebieterisch aufdrängt; aus anderen Gründen, sowohl als Bollwerk gegen die Reaktion im Reiche, als um dem Andrängen derselben im preußischen Land­tage entgegenzutreten, muß die liberale Gesinnung der Candtdaten in die erste Linie gestellt werden.

Die plötzliche Abreise Bis mar ck's nach Gastein in dem Momente, wo in München der neue päpstliche Nuntius Roncetti eintraf, sieht nicht danach aus, daß der Friedensschluß zwischen Deutschland und dem Vatican raschen Schrittes sich der Unterzeichnung nähert. Die Ultramontanen sind vorläufig sehrüberrascht".

In Oesterreich zerbricht man sich den Kopf über einen geeigneten Nachfolger And rass y's. Vorläufig treten die Namen der Grasen Szechenyi und Carolyi in den Vordergrund, eine Alternative, die insofern sehr bemerkens- werth ist, als beide Candtdaten deutschfreundlich und dem Berliner Hofe angenehme Personen sind.

Die Petttionsbewegung gegen die Ferry'schen Unterrichtsgesetze in Frank» reich gleicht auf ein Haar der Agitation der deutschen Priester und ihres Heer­bannes gegen die Maigesetze. Tont comme chez nous! Die liberale Partei Frankreichs verdammt diejesuitische" Vermittlung von Jules Simon und es ist mit Sicherheit anzunehmen, daßle culturcampf in Frankreich in Kürze jene Schärfe erlangen wird, die er bei uns zur Zeit der Vertreibung der Jesuiten und der Velurtdetlung der widersetzlichen Bischöfe und Priester hatte.

Aus dem Orient nichts Neues! Trotzdem aber wird das Wunderland am goldene» Horn noch manche Ueberraschung produciren.

Berlin, 24. August, ließet die schlechte Behandlung der Postpakete s itens der Unterbeamten bei dem Ver- und Umladen ist schon oft Klage ge­führt worden. Das kaiserl. Generalpostamt hat jetzt strenge Weisung ergehen

lasten, daß mit den Paketen behutsamer umgegangen und dieselben namentlich nicht geworfen, gegeneinander gestoßen oder zu Boden fallen gelaffen, sondern vorsichtig niebergelcgt werde» sollen.

Äus Baden. Dem Vernehmen derTauber" mach finden zur Zeit Verhandlungen zwischen den Regierungen von Hesten und Baden wegen ver­schiedener Aenderungen des unterm 19. Februar 1874 abgeschloffenen Staats­vertrages Zwecks Erbauung der Odenwaldbahn (Erbach-Eberbach) statt, ins' besondere hinsichtlich der Bestimmungen, wonach der Bahnkörper in Bezug auf Grunderwerb, Ueberbrückungen, Tunnels und sonstige größere Kunstbauten schon bei der ersten Anlage für ein doppeltes Schienengeleise vorzubereiten ist, so daß das zweite Geleise ohne Schwierigkeit gelegt werden kann. Die Heff. Ludwigsbahn-Verwaltung beabsichtigt nämlich, bczw. ist bereits vorstellig ge­worden, den gesammten Bahnkörper, darunter auch den großen Tunnel bet Beerfelden, zur Ersparung von Anlagekosten vor der Hand nur für ein Geleise zur Ausführung zu bringen. Für daö letztgenannte große Bauwerk sollten indeß die baulichen Einrichtungen derart getroffen werden, daß in späterer Zeit ohne Verhinderung des Betriebs eine Erweiterung des Tunnels ausge­führt werden kann, wenn solche durch den Verkehr erforderlich werden sollte. Auch die Verlängerung der im Stsatsvertrage festgestellten Baufrist sollen die obenerwähnten Verhandlungen umfassen.

Telegraphische Depeschen.

Waguer's telegr. G»rrcspoudeuz>Bure«».

Berlin, 25. August. Dem Vernehmen nach wird der Kaiser von Ruß­land bei feiner demnächstigen Anwesenheit in Warschau im Namen deS Kaisers durch den General-Feldmarschall v. Manteuffel begrüßt.

General-Feldmarschall v. Manteuffel tritt die Reise nach Warschau am Mittwoch an.

Berlin, 25. August. DieNat.-Ztg." meldet: General-Feldmarschall v. Manteuffel wird auf seiner Reise nach Warschau von dem Oberstlieutenant des 1. Garde-Regiments v. Lettow, dem Major v. Petersdorff (Kaiser Alexan­der-Reg.), dem Rittmeister v. Maltzahn (6. Cuiraff.-Reg.), dessen Chef der Kaiser von Rußland ist, und dem Hauptmann v. Manteuffel begleitet fein. Die Deputation soll am 28. August in Warschau eintreffen.

Stuttgart, 25. August. Auf dem heute hier eröffneten 20. deutschen Genossenschafcstage berichtete der Anwalt Schulze-Delitzsch über die Entwicke­lung des Genossenschaftswesens im letzten Jahre; er constatirte erfreuliche Fortschritte in Bezug auf die Zahl und die Solidität der Genossenschaften, hob deren sociale und nationale Bedeutung hervor und schloß feinen Vortrag mit dem Wunsche, daß die Genossenschaften fortfahren mögen, zur wirth- schaftlichen und sittlichen Hebung des Volkes und zur Förderung der Wohl­fahrt des Vaterlandes beizutragen. Der Genossenschaftstag trat sodann in die Berathung der Angelegenheit der Vorschußvereine ein.

25. August. Der Genoffenschaftstag nahm die von seinem Anwalt vorgeschlagenen Resolutionen gegen die Gewährung von Real­oder Jmmobilien-Credit, die Erhöhung des eigenen Fonds auf ein Drittthetl des Betriebsfonds der Credttvereine und die Bestellung eines Aufstchtsrathes zur Conkrole des Vorstandes, an. Die Vermifchung beider Organe fei durch­aus verwerflich. Längere Kündigungsfristen bei Aufnahme fremder Gelder wurden für nothwendig erklärt. Angenommen wurde ein einheitliches Schema für die Geschäftsübersicht, ferner der Antrag der Anwaltschaft auf Zulassung der Ausnahme von Amortisationsdarlehen von Seiten der Genossenschaften unter besonderen Verhältnissen.

Bukarest, 25. August. Die Meldung des WienerExtrablattes" von einem Attentat gegen den Minister Cogalniceanu ist unrichtig. Dasselbe rebucirt sich barauf, baß vor 5 Tagen eine aus Unvorsichtigkeit abgeschossene Kugel in der Villa Cogalniceanu's eine Fensterscheibe des Speisesaales zer­trümmerte. in welchem Niemand anwesend war.

Wien, 25. August. DasArmee-Verordnungsblatt" meldet: Baron Jovanovics ist von seinem bisherigen Dienstposten als Stellvertreter des com- mandirendeu Generals und Chefs der Landesregierung von Bosnien und der Herzegowina auf sein eigenes Anfucken unter dem Vorbehalt anderweitiger Wiederverwendung enthoben und Feldmarschall-Lieutenant Baron Dahlen an dessen Stelle ernannt.

Wien, 25. August. Die Generalversammlung des Verbandes der österreichischen Müller beschloß, den Vorstand zu beauftragen, in der Kürze Schritte bei dem Ministerium und dem Neichsralhe zu thun, damit Oesterreich einen Mehlzoll von mindestens einem Gulden pro Centner einführe.

Wie verschiedene Blätter melden, reist Graf Andrassy morgen früh nach Gastein, um de» Fürsten Bismarck zu besuchen.

München, 25. August. Der König hat dem Erzbischof von München-Freising den mit dem persönlichen Adel verbundenen Kronen-Ordeu verliehen.

Athen, 25. August. Nachrichten aus Kreta zufolge erklärte sich die dortige christliche Bevölkerung gegen die Entscheidungen der Pforte in der Amnestiefcage und überreichte dem Gouverneur eine darauf bezügliche Adresse. Von verschiedenen Punkten Kretas werden große Ansammlungen Bewaffneter ftgnalifirt.

Berlin, 26. August. DieNordd. Allg. Ztg." erfährt: Eine am Sonntag stattgehabte Versammlung des nationalliberalen Wahlvereins machte sich »ach sehr heftigen langwierigen Debatten gegen die Ansicht v. Forckenbeck's und Lasker's für die Zustimmung zur zweijährigen Budget-Periode in dem nationalliberalen Wahlaufrufe schlüssig.

Lokales.

Gießen, 26. August. Das Personal der hiesigen Sckutzmannschaft besteht bemalen QU§ 14 Köpfen. Einer der Schutzmänner versieht ständig Büreaudienste auf dem Polizetbüreau; verbleiben also faktisch nur 13 für den äußeren Polizetdienst.

Diese 13 Schutzleute haben im ersten Halbjahr 1879 im Ganzen 1698 Patrouillentage und 906 Patrouillennächte gehe.bt und ist die Mannschaft während dieser Zeit bei Ersteren 13043 Stunden und bei Letzteren 2940 Stunden gegangen Der Wachtdienst auf der Polizei- Wache vertbeilt sich aufs Personal mit 2548 Stunden Wacke bei Tag und 1820 Stunden b'i Nackt. Feiner hatte das Polizei-Personal 189 Stunden Theaterdienst und bet Tanzbelusti- aunaen 148 Stunden zuzubringen, also im Ganzen 20688 Dienststunden. Bon diesen 20688 Stunden erhielt der einzelne Mann im Durchschnitt 265 Stunden im Monat und 9 Stunden pro Taa. welche sich zu Vs auf den Tagesdienst und Vs auf den Nachtdienst vertheilen. F Ferner wurden vom Polizei-Personal besorgt: 48«> polizeiliche Ladungen, 442 Briefe und 10,'91 Steuerzettel; Impfscheine für Jmpflichtige 116, Umfragen wurden abgehalten über gestohlene Gegenstände bei Händlern ic. 115, Vernehmungen bei «Gericht 187, Verfügungen würben zugestellt 770 unb Ermittelungen 151 vorgenommen.

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