UM, falls die Tabakssteuer in einer dem Zweck der Tabaksvorlage entsprechenden Höhe bewilligt werde, wogegen das Centrum den zweiten Theil des Franckenstein'schen Antrages ausgeben würde. Darnach würde die Forderung alljährlicher Bewilligung gewisser Zölle (Salz, Kaffee) Wegfällen; alle Zölle und Reichssteuern flöffen zur Reichskaffe behufs Ueberweisung an die Einzel. Regierungen. Die Feststellung der Höhe der Matricular-Beiträge bliebe nach Wie vor von der Zustimmung des Reichstages abhängig.
Darmstadt, 24. Juni. Zur Ausführung der veränderten Gerichtsorganisation haben Se. König!. Hoheit der Gcoßherzog mit Wirkung vom 1. October d. I. weiter zu ernennen geruht:
Den Landgerichtsrath zu Colmar Karl Weber zum Landgerichtsrath bei dem Landgericht der Provinz Rheinheffen und
den Friedensrichter zu Schlettstadt Karl Thaler zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Worms.
Berlin, 24. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg." erfährt bezüglich der Stellung Badens zu dem Gütertarif-Gesetz, daß in der Bundesraths-Sitzung vom 17. Juni, unmittelbar vor der Schlußabstimmung, der badische Bevollmächtigte erklärte, durch Annahme der Ausschuß-Anträge zu den §§ 2 u. 4, welche nach Auffassung der badischen Regierung eine in die finanziellen und politischen Verhältnisse des Landes tief eingreifende Veränderung der Verfaffung enthalten, wäre er nun genöthigt, gegen das Gesetz zu stimmen. Er hätte dies um so mehr zu bedauern, als die badische Regierung sonst mit dem Inhalte des Gesetzes in allem Wesentlichen einverstanden sei, insbesondere zu der durch § 6 bezweckten Abstellung der Mißstände im Bereiche der Ausnahmetarife gern mitgewirkt hätte. Die Möglichkeit einer Vermittlung zwischen den sich gegenüberstehenden Interessen und Ansprüchen scheine ihm immer noch nicht ausgeschloffen. Er habe deshalb zur Erwägung zu geben, ob nicht die Schlußabstimmung ausgesetzt und zur Herbeiführung eines Ausgleiches der Entwurf nochmals an den außerordentlichen Ausschuß, etwa unter Zuziehung der Ver- faffungsausschuffes zurückverwiesen werden sollte. Diese Anregung sei dann in der BundeSraths-Sitzung vom 21. Juni mit dem bekannten förmlichen Anträge Sachsens, Württembergs und Badens auf Zurückverweisung des Gegenstandes an den bestehenden außerordentlichen Ausschuß für das Gütertarifwesen wieder ausgenommen worden.
— Am 19. d. Mts. ist eine der Kruppschen Kanonen, die sich am Bord des gesunkenen Schiffes „Großer Kursürst" befanden, glücklich gehoben worden. Das Geschütz ist beinahe intact, der Kurbelgriff allein ist verbogen.
— Beim hiesigm königlichen Stadtgericht ist die Personalhaft gegen den socialdemokratischen Reichstags-Abgeordneten Max Kayser, und zwar wegen verweigerter Ableistung des Manifestations-Eides, beantragt und gegen Kostenvorschuß von 9 Mk. dem Kläger, einem hiesigen Schneidermeister B-, zugestanden worden. Den Termin zum Manifestations-Eide ließ K. unbeachtet, und hat der Kläger llch nunmehr genöthigt gesehen, die Personalhaft gegen K. zu beantragen, aber auch das Präsidium des deutschen Reichstages zu ersuchen, diese Verhaftung, wenn nöthig, selbst im Gebäude des Reichstages, exclusive Sitzungssaales und Berathungszimmer der Commissionen, vornehmen zu dürfen, da K. in seiner Schlafstelle sehr unsicher anzutreffen sei.
— Mit einiger Spannung sieht man den Berathungen der zweiten Lesung in der Tabakssteuer-Commission entgegen. Daß die in erster Lesung angenommenen Sätze von 60 Mk. auf ausländischen und 25 Mk. auf inländischen Tabak zur Annahme gelangen werden, wird nicht geglaubt; ebensowenig aber auch, daß die Anträge Schmidt und Genoffen von 100 resp. 60 Mk., für welche Sätze die Regierung sich eventuell entscheiden würde, die Mehrheit der Stimmen in der Commission auf sich vereinigen werden. Wie die „Magd. Ztg." hört, werden in der zweiten Lesung Versuche gemacht werden, zur leichteren Durchführung des neuen Zolles und der neuen Steuer Staffelzölle durch- zubrtngen. Die großen Tabaks'Jnteressenten, welche die massenhaften Ankäufe und Speculationen in Tabak gemacht, suchen bei den Mitgliedern des Reichstages alle Hebel in Bewegung zu setzen, daß in dieser Session für alle Fälle ein Tabakssteuergesetz zu Stande gebracht werde, da sie andernfalls nicht unbeträchtliche, ja sogar schwere finanzielle Verluste erleiden würden.
Kesterreich.
Wien, 20. Juni. Die Abendblätter veröffentlichen folgendes Telegramm aus Serajewo vom 17. d., das in Bosnien nicht zur telegraphischen Beförderung angenommen war und mit der Post aus Brod befördert werden mußte: Hadschi Loja, der bereits vollständig geheilt ist, aber wegen des fehlenden Fußes auf Krücken geht, entfioh heute Nachts aus dem Militärhospital, indem er sich an dem Leintuch seines Bettes aus dem Fenster herabließ. Die Flucht wurde erst am Morgen entdeckt. Eine der ausgesandten Patrouillen entdeckte Loja in einem Gebüsche aus dem jenseitigen Miljacka-Ufer und nahm ihn fest. Mittags wurde er unter dem Jubel einer ungeheuren zusammenge- strömten Menschenmenge in die Stadt zurück und in^s Gefängmß gebracht. Er floh wahrscheinlich, weil er sich noch in strafgerichtlicher Untersuchung befindet wegen mehrerer vor der Besetzung begangener gemeiner Verbrechen. Er wollte, so viel man erfahren konnte, in'S Paschalik Novibazar flüchten.
Schweiz.
Bern, 24. Juni. Der Bundesrath bewilligte die Psandrechtsbestellung in erster Stelle für das am 12. Februar 1878 zwischen der Gotthardbahn rind einem Finanzconsortium abgeschloffene Anlehen von 74 Millionen auf die sämmtlichen Linien der Bahn.
Arankreich.
Paris, 24. Juni. Gestern begaben sich einige bonapartistische Senatoren und Deputirte zu dem Prinzen Jerome Napoleon. Im Laufe der Unterhaltung, welche einen mehr allgemeinen Charakter trug, machte ein Deputirter eine Andeutug von der Combination, wonach Prinz Victor Napoleon seinem Vater als Oberhaupt der Partei zu substituiren wäre. Daraufhin zog sich Prinz Napoleon zurück, indem er lachend sagte: „Meine Herren, es gibt Fragen, welche sich nicht einmal discutiren laffen." — Der dem Prinzen Napoleon von einigen Morgenblättern zugeschriebene Brief wird ausdrücklich nach Form und Inhalt bementirt.
Rußland.
Petersburg, 24. Juni. Ein Telegramm des Gouverneurs von Cherson meldet unterm 23. d.: Die Felder der am Strand liegenden Dörfer Knoblewka und Adschiaska sind von enormen Maffen von Kornkäfern bedeckt,
die durch die Meereswogen ans Ufer geschleudert wurden; es find Maßregeln behufs Ausrottung der Käfer ergriffen.
Telegraphische Depeschen.
Wagner's telegr. Tsrrespoudent-Burea«.
Ems, 25. Juni. Der Kaiser hat gestern Mittag eine Promenade zu Fuß und später eine Spazierfahrt unternommen. Heute Morgen nahm Se. Majestät die Trinkkur im Zimmer und ein Bad. — Prinz Alexander von Heffen und sein Sohn haben heute Mittag Empfang und sind zum Diner um 4 Uhr geladen.
Wien, 25. Juni. Meldung der , Polit. Corresp." aus Sofia vom 25. d.: Macedonische Insurgenten unter Führung des Wojwoden Anastas griffen das türkische Blockhaus Dolchar an, mußten sich aber nach mehrstündigem Gefecht mit schweren Verlusten zurückziehen. In den letzten Tagen kam es wiederholt zu Zusammenstößen, die größtentheils unglücklich für die Insurgenten ausfielen.
Konstantinopel, 25. Juni. Seitens der Regierung wtrd bekannt gegeben: Photiades Pascha erhielt die Sanction des Sultans für die Forderungen der kretensischen Nationalversammlung, soweit solche legitim und billig. Photiades kehrt morgen oder übermorgen nach Kreta zurück. Der General- Gouverneur von Kreta wurde von der Pforte ferner autoristrt, auf die Zolleinkünfte Kretas vorweg die Summe zu erheben, welche erforderlich ist zur Herstellung des Gleichgewichts des kretensischen Budgets, sowie zur Ausführung der nothwendigen öffentlichen Arbeiten.
Paris, 25. Juni. Das Journal „Pays" meldet: Rouher bleibt in Chislehurst in Folge des Zustandes der Kaiserin, über welche die letzten Nachrichten ungünstig lauten. „PayS" fügt hinzu: Wir befürchten ein neues Unglück. — Das Journal „Ordre" meldet: Die Trauer um den Prinzen wird 6 Monate dauern. Morgen nach dem Traueracte für den Prinzen LouiS be- absichl'gk Prinz Jerome Napoleon persönlich an die Kaiserin zu schreiben.
Berlin, 25. Juni. Bezüglich der Zolleinnahmen und beten Verwendung wurde von der Zolltarif-Commission des Reichstages das erste Alinea des Antrages Frankenstein mit 16 gegen 11 Stimmen angenommen; danach soll der eine bestimmte Höhe jährlich übersteigende Betrag an Zöllen und Tabakssteuer den einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe ihrer Bevölkerung überwiesen werden und diese Überweisung vorbehaltlich der definitiven Abrechnung zwischen der Reichskaffe und den Etnzelstaaten auf Grund der im Vecfaffungsartikel 39 erwähnten Quartals-Extracte, bezw. Jahresabschlüffe erfolgen. Das zweite Alinea des Antrages Franckenstein, betreffend die Bewilligung nur bis zum 1. April 1881, wurde zurückgezogen und das zweite Alinea des Antrages Bennigsen's, betreffend die Ueberweisung der Ueberschüffe des Reichs-Etats an die Bundesstaaten mit 19 gegen 8 Stimmen abgelehut.
— Bezüglich der augenblicklich stattfindenben vertraulichen Verhandlungen über die sogenannten konstitutionellen Bürgschaften schreibt die „Provinzial- Correspondenz": Es dürfe als ein Gegenstand allseitigen Einverständnisses gelten, daß die Ueberschüffe aus den neuen Einnahmen, soweit sie nicht birect ober inbirect zu den im Reichsbudget festzustellenden Ausgaben gebraucht würden, den Einzelstaaten zur Erleichterung ihrer Ausgaben und Steuerlasten zufließen sollten. Unter welchen Modalitäten die Ueberweisung vom Reiche an die Bundesstaaten stattfinden solle, inwieweit dabei der Form nach Matrikular- beiträge fortbesteyen könnten, darüber werde dem wesentlichen sachlichen Ein- verständntß gegenüber die Verständigung nicht allzu schwer erreichbar sein. Nach der jetzigen Lage der parlamentarischen Arbeiten sei der Abschluß der Session in der dritten Juliwoche in Aussicht zu nehmen. — Die „Provin.- Corresp." meldet ferner: Seine Majestät der Kaiser werde in nächster Zeit die Freude haben, den Besuch des Kaisers von Rußland in Ems zu empfangen. Der Aufenthalt unseres Kaisers in Ems dürfte bis Mitte Juli dauern. Nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Coblenz und einigen andern Ausflügen sei ein Aufenthalt auf der Insel Mainau, bann die Badekur zu Gastein in Aussicht genommen, von wo Seine Majestät nach Berlin zurückkehre.
Stuttgart, 25. Juni. Der „Staatsanzeiger" enthält die Bewerberaufrufe für die Justizstellen fammt einer ossiciösen Note, wonach trotz der Nichtverabschiedung des Nachtrags-Etats des Justizdepartements wegen der dermaligen Reichstazsfessivn diese Aufrufe dennoch in Hinbtick auf die Dringlichkeit der Bevürfniffe der Justizverwaltung, sowie iai Interesse der Justiz- beamten erlaffen werden mußten, damit die Besetzung der künftigen Gerichte keinen Aufschub erleide. — Ferner enthält der „Staatsanzeiger" einen Artikel, welcher einem Artikel des „Schwäb. Merkur" entgegentritt, worin wegen der angeblich allzu geringen Besoldungserhöhung der richterlichen Beamten das Eingreifen der Reichsgewalt herbeigesehnt wird. Dem gegenüber weist der Artikel des „Staatsanzeigers" darauf hin, daß im Schoße des Staatsministeriums bezüglich dieser Angelegenheit vollständige Uebereinstimmung herrsche; es sei vorauszusetzen, daß eine solche Denkungsweise nur bei einer kleinen Minderheit der württembergischen Richter herrsche. Der bez. Gesetzentwurf enthalte eine erkleckliche Verbefferung der ökonomischen Lage der Richter. Die Regierung ko- nte die Angehörigen eines einzelnen Departements nicht ungebührlich vor den übrigen bevorzugen.
Kiew, 25. Juni. Das Urtheil in dem Proceffe gegen die 48 Angeklagten wegen Organisation rc. einer gesetzwidrigen geheimen Gesellschaft lautet gegen 5 Angeklagte auf Uebergabe an eine Correctionsabtheilung auf die Dauer von 2 Jahren 9 Monaten bis zu 1 Jahr 7 Monaten herab. Ein Angeklagter wurde zu einer Festungshaft von 2 Monaten verurtheilt, die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.
Nom, 25. Juni, Abends. Der Fürst von Bulgarien ist hier eingetroffen und am Babnhofe von Adjutanten des Königs und den Botschaftern Deutschlands und Rußlands mit dem Botschaftspersonale empfangen worden. Der Fürst bat im deutschen Botschaftspalais sein Absteigequartier genommen.
Washington, 25. Juni. Senat. Burnside brachte eine Resolution ein, welche erklärt, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten nicht ohne große Beunruhigung die Versuche sehen könne, welche Seitens eines Theiles der europäischen Mächte gemacht würden, einen Kanal unter ihrer Protection und Herrschaft durch den Isthmus von Panama herzustellen, und daß ein solcher Versuch als Manifestation feindlicher Gesinnungen gegen die Vereinigten Staaten angesehen werde.
Zweibrücken, 26. Juni. Das Pfälzische Schwurgericht verurtheilte den achtzehnjährigen Schreinergesellen Jakob Schüler aus Speier wegen Mordes zum Tode.


