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-tr. 49» , Donnerstag, den 27 Februar 1879.

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Aiilcigc- uni Amtsblatt flr brn Kreis Gießen.

RedaettO«»dureau r «rpedittsnObttrechu r

| Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

politischer Hheil.

Die guten Engländer.

Die große englische Presie läßt sich herbei, die kleinen Angelegenbeitkn der deutschen Eisenindustrie ihrer Aufmerksamkeit zu würdigen. Thetis väterlich ermahnend, thetls strenge radelnd warnt sie uns in Deutschland vor dem bösen Kanzler, der dem armen Consumenten die Befriedigung seiner norh- lrendigsten Bedürsntffe durch Zölle verkümmern will. Voll tiefem Abscbm wendet sie sich zu den deutschen Eisen-Industriellen, welche sich zuBeilern" erniedrigt hätten und selbst von Jedem,der eine Furche zieht", ihren Trlbi t erheben wollen. Was, so darf man hierbei fragen, gilt tem Engländer die deutsche Landwirthschaft und was gilt er ihr?

Wahrscheinlich also wird ein großes englisches Interesse mit auf dem Spiele stehen und vielleicht ist es dieses Interesse, welches aus die Haltung der englischen Blätter bestimmend einwirkt, die Schärfe ihres Blicks und die Klarheit ihres Urtheils trübte.

Englands wesentliche Schwierigkeit" auch über fremde Angelegen­heiten unbefangen uriheilen zu könnenist in der Abwesenheit eines natio­nalen Gewissens zu finden"; so spricht sich der Nordamerikaner Carey aus. In den Augen des englischen Volkes", sagt der Franzose de Torcueville,ist das, was für England von Nutzen ist, auch immer die gerechte Sache. Der Mann oder die Regierung, welche den englischen Jnteresien dient, hat alle Arten guter Eigenschaften und derjenige, welcher diese Jnteresien verletzt, alle Arten von Fehlern, so daß für die Engländer der Maßstab dessen, was recht, edel und billig ist, lediglich zu suchen ist nach dem Grade der Begünstigung oder Bekämpfung der englischen Jnteresien."

Diese Worte find jedenfalls unhöflich und vielleicht zu hart. Es liegt uns fern, den Engländern einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie nickt uns, sondern sich selbst zu Liebe ihre Rathschläge ertheilen. Nur deshalb führen wir jene Worte an, weil fie zeigen, was andere Völker über die eng­lischen Stimmen denken und weil sie vielleicht auch geeignet sind, selbst in dem harmlosesten deutschen Gemüth den Argwohn zu erregen, daß die Engländer, wie ost, so auch dieses Mal nur pro domo gesprochen haben.

Die Engländer find viel klüger und verstehen wett mehr von der Natio­nal Oeconomie als wir; nicht sowohl, weil sie das Volk der Hume und -Lmith find, als besonders, weil sie einen praktischen Blick für's praktische Leben be­sitzen, wie er nach Vieler Ansichten uns Deutschen leider nur sehr allmählig zu kommen scheint.

Die englische Presie belehrt uns über die Fehlerhaftigkeit und Nutzlosig­keit der bet uns herrschenden Schutzzollströmung und ermahnt uns, den Bestre­bungen der Eisen-Industriellen keinen Vorschub zu leisten; die deutsche Eisen­industrie, sagt sie, arbeite nichr nur theuer, sondern auch schlecht, die deutschen Kohlen seien gering und schlecht, kurz, Deutschland sei überhaupt unfähig für ,ine Eisenindustrie. Nach den Vorschlägen der englischen Blätter müßten wir also unsere theuer und schlecht arbeitende Eisenindustrie eingehen lassen, und anstatt wie bisher die deutschen, so in Zukunft nur noch die billigen und guten englischen Eisenwaaren kaufen. Das ist des Pudels Kern!

Deutschland.

Darmstadt, 24» Februar. Der Handelsverein für Darmstadt und Beffungen hat an die beiden Kammern der Stände und an Großh. Gesammt- ministertum eine Eingabe gerichtet, welche die Bitte enthält, dahin wirken zu wollen: 1) daß die fundirten und nicht sundirten Etnkommensarten unter sich m ein billiges und gerechtes Besteuerungsverhältniß gebracht werden; 2) daß die Grundsteuer dergestalt veranlagt werde, daß sie die einzige und alleinige für die Besteuerung des aus dem Haus- und Grundvermögen entspringenden Reineinkommens ist; 3) daß die Gewerbesteuer so gestaltet und veranlagt werde daß sie der einzige und alleinige Ausdruck für die Besteuerung des aus Gewerbetrteb entspringenden Reineinkommens ist, geradeso, wie die Einkommen­steuer die einzige und alleinige dtrecte Steuer für Kapitalrenten, Gehalte und Arbeitsverdienst ist; 4) daß das in einer Hand zusammenfließende Gesammt- Einkommen jeder Art Gemeindeweis einer mäßigen Progressivsteuer unterworfen werde. Es wird dabei der Wunsch und die Hoffnung ausgesprochen, daß einer befriedigenden, den Staats- und Volks-Jntereffen entsprechenden Lösung der staatlichen Steuerreform die dringend nothwendige Reform der bestehenden Communalsteuer-Gesetzgebung auf dem Fuße folgen wird.

Berlin, 24. Februar. Der Feldmarschall Graf v. Roon ist Sonntag Mittag VA Uhr gestorben. Wie Karl der Große manchen seiner Paladine, ,o steht auch Kaiser Wilhelm manchen der Männer scheiden, mit denen gemein­sam er das große Werk der Einigung Deutschlands durchgeführt. Freilich, das leuchtende Dreigestirn, welches des Kaisers Pfade mit Ruhmesglanz be­strahlt Bismarck, Moltke, Roon stand bis jetzt ihm noch lebenskräftig zur Seite, wenn auch der Letztgenannte sich schon seit Jahren von der amt­lichen Thätiakett zurückgezogen hatte. Nun ist Gras Roon als der erste ge- Riebet!, fein Werk, die Reorganisation drr Armee, sichert ihm ein langes Andenken joß sehr unangenehm berührt worden sein, als der

Reichstag die Genehmigung zur Verfolgung der socialdemokrattschen Abgeord­

neten versagte. Dadurch ist die Abstimmung des Grasen Moltke einigermaßen erklärt. Wie man bört. äußerte Se. Majestät, als er die Nachricht empfing: Ich habe im Reichstage die erste Schlacht verloren." V .

Bei der interesianten Breslauer Wahl hat der Kern der Breslauer Bevölkerung denn nicht in demNeuen Wahlverein", sondern in der Wäh­lerschaft liegt der Kern des Breslauer Bürgertbums, alle Schwierigkeiten überwunden und den endlichen Sieg davon getrogen. Die Liberalen wie die Soctaldemokraten haben fast in gleicher Zahl im Vergleich zu der letzten Wahl an Wählern zugenommen ein Beweis, daß von beiden Parteien gleichmäßig alle Kräfte in Bewegung gesetzt wurden.

Oesterreich.

Wie«, 24. Februar. Die österreichische Regierung glaubt^ bezüglich der Fürstenwahl in Tirnowa, die ostrumeltsche Commission biete keine Bürg­schaft gtgen den Ausbruch einer bulgarischen Erneute. Der Schwerpunkt ihrer Thätigkcit ruhe theoretisch in der Ausarbeitung des Verwaltungspatuts, prak­tisch in der Comrole der russischen Administration. Eine eigene Regierungs­gewalt stehe der Commission nicht zu und nur die Pforte könne sich einer solchen bemächtigen. Die Räumung Ostrumeltens von Seiten Rußlands sei ein kritischer Augenblick für die künftige Stellung der Pforte in diesem Dr- strict. Wenn es der Türkei nicht gelänge, on die Stelle der russischen das Vollgewicht ihrer eigenen Autorität zu setzen, so könne das zum Keime neuer schwer berechenbarer Verwickelungen werden. DaS Schicksal der Pforte sei von ihrem eigenen Verhalten abhängig.

Frankreich.

Paris, 24. Februar. Ueber die Amnestie in Frankreich sagt das Organ Gambelta's:Das System der vollständigen Amnestie war und bleibt das beste, denn es macht allen Zweifeln ein Ende, es löst alle Schwie­rigkeiten, es zerhaut den Knoten, den man vergebens aufzulösen sucht, es giebt Allen und Jedem die Freiheit zurück, die ein Jeder wieder zu erlan­gen sucht."

Diese Worte lasten keinen Zweifel über die Meinung ihres Inspirators.

England.

London, 24. Febr. Unterhaus. Aus Anfragen von Seiten Onslow's erklärte Bourke: Von der Absicht Persiens, russische Osficiere Bei der Armee- Organisation zu verwenden, sei der britischen Regierung nichts bekannt. Eine Anfrage Cowen's wurde von demselben Regierungs-Vertreter folgendermaßen beantwortet: Weder Oesterreich noch Deutschland hätten England die Auf­hebung des fünften Artikels des Prager Friedens notificirt. Die britischen Botschafter in Wien und Berlin hätten eine entsprechende Mittheilung gesandt, deren Beantwortung von der Regierung nicht beabsichtigt sei. Auf Veran- lastung Anderson's thetlte Bourke ferner mit, nach einer Depesche Layard's vom 3. d. fet der türkische Ministerrath zum Abschluß eines Vertrages wegen Verhinderung des Sclavenhandels autorisnt worden.

Afrika.

Kairo. Es ist schon kurz der sonderbaren Scenen Erwähnung gethan, die vor dem Mtnisterpalais in Kairo durch entlaßene Söldlinge unternommen wurden und von welchen die Behauptung laut wird, daß der Khedtve selbst die Hand dabei im Spiele habe. Ueber die Vorgeschichte der Revolte finden wir in englischen Blättern Folgendes:Die Vorbereitung des ägyptischen Budgets ist nun nahezu vollendet, aber die Behörden beobachten die strengste Verschwiegenheit betreffs der Vorschläge deffelben. Es wird indeß als sicher erachtet, daß beträchtliche Reductionen in den Ausgaben stattfinden werden und daß Einschränkungen in jedem Zweige des Staatsdienstes beabsichtigt find. Das Heer wird auf 10,000 Mann herabgesetzt, und die übrigen Truppen, einschließlich 2000 Osficiere, sollen entlasten werden." In dem Falle, daß der Khedrve den ganzen Scandal angezettelt hätte, haben die Aufständischen ihre Rolle mit außerordentlicher Virtuosität gespielt, denn die erste ausführlichere Schilderung in Londoner Zeitungen stellt den Conflict gefährlich genug dar. Danach versammelten sich ungefähr 400 abgedankte Osficiere, die ihren rück­ständigen Sold noch nicht erhalten haben, vor dem Finanzministerium und insulttrten Mr. Rivers Wilson, den Finanzminister, sowie Nubar Pascha, dm Präsidenten des Ministerraths. Letzterem wurde der Rock zerrissen; 30 Osfi- ctere drangen in das Ministerium, wurden aber bet der Ankunft des Khedive hinausgeworsen. Die Tumultuanten umzingelten sodann das Ministerium. Der Kbedive hielt vom Fenster aus eine Ansprache an die Menge und machte später Drei vergebliche Versuche, in seiner Equipage sortzufahren, aber er selber wurde angehalten und beleidigt. Mittlerweile kam seine Leibwache an, feuerte auf die Tumultuanten und zerstreute sie. Nubar Pascha erhielt eine Kugelwunde, sein Kutscher einen Säbelhieb, und Abd-el-Kader, der Ceremonien« meister des Khedive, eine Wunde an der Hand. Der Khedive trug während des ganzen Vorganges merkwürdige Geistesgegenwart zur Schau. Die Gene- ralconfuln Englands, Deutschlands, Italiens, Oesterreichs und Frankreichs