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Str. 301. Donnerstag den 25 December 1870.

Kichener Anzeiger

Aiieigk- Mi AmtsRitt fit brn Kreis Gieße».

I Schulfiraße B. IS. Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS. dreis me^ei^ich 2 Mart 20 Pst »ringerlchn.

MMe»ttt»«Sbnrea« r j Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Tßeil.

Gießen, am 19. December 1879.

Betreffend: Die Herstellung und Lieferung von Formularien.

Das Grostherzogliche Amtsgericht Giesten

an sämmtliche Großh. Ortsgerichte des Bezirks.

Sie werden künftig Ihren Bedarf an Formularien zu Grundbuchsauszügen und Protocollen über Zwangsversteigerungen von Immobilien durch Vermittelung unserer Gerichtsschretberei erhalten und haben derselben zu dem Ende Ihren Bedarf von Zett zu Zett bertchtlich anzuzeigen, am zweckmäßigsten am Anfang jeden Quartals._______________________________ Langsdorfs.

Bekanntmachung.

Gefunden: 2 Portemonnaie's mit Inhalt, 1 Tasche mit Inhalt, 1 Peitsche, 1 Milchkanne, 1 Taschenmesser, verschiedene Schlüffe!, 1 Manchette mit Knopf.

Zugelaufen: ein Wachtelhund.

Die gefundenen Gegenstände find auf der Polizeiwache (Schloßgasse 258) aufbewahrt.

Gießen, den 24. December 1879. Großherzogliche Poltzeiverwaltung Gießen.

Fr ef e ni ns.

politisch

Weihnachten.

Ehre sei Gott tn der Höhe!

Die Verheißung einer besseren Zukunft ist unser Trost in bedrängter Zeit, und niemals klingt der fromme GesangHerr Gott, dich loben wir" inniger zum Himmel empor, als in den Tagen harter Prüfung und an dem Markstein, den wir hoffentlich mit diesem Wethnachtsfeste auf dem Pfade un­seres Volkes setzen, hinter ihm lastend alles Elend und alle Noth, allen Un­frieden und alle Trübsal. Noch leuchten tm deutschen Lande die Kerzen des Werhnacktsbaumes nicht den Glücklichen und Zufriedenen. In Hütten wie in Palästen, vor Allem auch im bescheidenen Heim des Mittelstandes fehlt es nicht an Kummer des Tages und Sorgen um die Zukunft, denn die Zetten find ernst und schwer und wirken hart auf alle Schichten der Bevölkerung. Weil es ober anderwärts im weiten Reiche, wie in fernen Landen noch größere Noth giebt als bet uns, weil schreckltches und außerordentliches Elend an vielen Orten herrscht, so preisen wir die Güte der Vorsehung und danken dem Schöpfer, daß er uns nur bescheidene Sorgenlasten aufgebürdet, während er in der Ferne schwere Prüfungen den Unglücklichen auferlegt. Oft kommt es uns vor, als litte unser Volk unter einem zürnenden göttlichen Strafge­richt , das den Menschen an seine Schwächen und zur Buße mahnt. Niemals drangen schlimmere Hiobsposten auf uns ein, als jetzt. Dort durchbrechen eiskalte Fluthen die Dämme und vernichten die Mühen langer Zett, hter raffen die schlagenden Wetter tief unter der Erd' Hunderte wackerer Bergleute hinweg, dort rast im Schneesturm des Feuers entfestelte Macht, hier schleicht bei grimmer Wtnterkälte der Hunger und der Typhus in die Hütten der Ar­men und Elenden. Der Nothstand fordert seine Opfer, die Elemente hasten das Gebild der Menschenhand, und überall führt das Volk einen so harten Kampf um das Dasein, daß der freundliche Glanz des WethnachtsfesteS ver­dunkelt wird. Aber in diese trübe Zeit hinein leuchten unwandelbar die Sterne der Hoffnung und führen das vertrauende Volk auf den rechten Weg zum Heil, wie einst die Könige im Morgenland.

Die Prüfung ist es, welche die Herzen läutert, und Kummer und Sor­gen vermögen das Vertrauen auf Gott, auf sich selbst und eine beffere Zu­kunft trotz allem Ungemach nicht zu erschüttern. Die Attentate auf gekrönte Häupter, die politischen Conflicte, die religiösen Wirren und Hetzereien, die Nothstände und die socialistische Erregung bei un8|, wie is andern Län­dern das Alles ist betrübend und erschütternd, aber es sind nur grollende Donner und zuckende Blitze im Ungewttter der schweren Zett, und endlich leuchtet doch wieder die Sonne des Friedens und der Versöhnung.

Friede auf Erden!

Durch Nacht zum Licht dringt unaufhaltsam das deutsche Volk in ern­ster Arbeit und in friedlichem Sinn vor. Feinde ringsum, so kann es, das stammverwandte Oesterreich ausgenommen, von sich sagen, undViel' Feind', viel Ehr!" Wir ersehnen den Frieden auf Erden, und dennoch müffen wir tm Osten unser Pulver trocken und im Westen mit dem schneidi­gen Schwert die Wacht am Rhein halten. Wir schaufeln das Grab für den leidigen Kulturkampf, ober wir sehen in unfruchtbaren Verhandlungen und in einer halben Versöhnung nur den Keim neuer Zwiste. Wir möchten mit allen Mitbürgern in Frieden leben, und erblicken Hetzereien auf religiösem Ge­biet, die mit mittelalterlichem Spuk die Bekenner des neuen und alten Testa­ments zu verfeinden suchen. Unsere Zett aber, daran soll uns das Fest der Freude und Liebe, unser Weihnachten mahnen, dürstet nach dem großen dritten Testament der allgemeinen Versöhnung und Humanität, dos uns ein Börne und ein Lessing gepredigt. Gesetz und Recht und Sitte bereiten uns den Boden für den socialen Frieden, aber noch immer schüren Neid und Haß die Unzufriedenheit und treiben zu dem Kampfe zwischen Reich und Arm, der alle Cultur vernichtet. So mahnt denn mehr als je das Weihnachtsfest zum

er Hheil.

Frieden, auf dem allein die beffere und glücklichere Zukunft erblühe» kann. --

Und den Menschen ein Wohlgefallen!

Ja, das möge Deutschlands Zukunft sein! Die Treue zu seinem Rat« serbause und zu seinen Lar.dessürsten, die Liebe zum Vaterlande, das Vertrauen auf Gottes Hülfe, die am nächsten, wo die Noth am größten ist sie mögen uns unerschütterlich gewahrt bleiben, das sei die schönste Gabe der Vorsehung für die Seele des deutschen Volkes znm heiligen Weihnachtsfeste. Das Voll das Alles seht an seine Ehre, wird Mittel und Wege fhiben, sich aufzuraffen aus aller Noth um nicht nur seine Mission zu erfüllen, sondern auch zur Wohlstand und zum Frieden zu gelangen. Und darum rufen wir trotz alle­dem freudig den Wethnachtsgruß in alle Welt hinaus: Glückauf zu« fröhliche« Feste!

Deutschland.

Schotten, 22. December. Der im Gegensatz zum hohen Norden in Mittel- und Süddeutschland besonders heftig auftretende Winter beginnt auch im Vogeleberge sein trauriges Hungergeschäft. In den höher gelegenen Orten reichen die Kartoffelvorräthe, einzelne relativ vermögende Familien ausgenom' men, nur noch bis zum neuen Jahre. Was von dieser Zeit an aus den armen Familien, die fast nur auf vorgenannten Nahrungszweig angewiesen sind, werden soll, ist eine Frage, deren Lösung jeden Menschenfreund mit Sorge erfüllen muß. In unserer Stadt hat sich Angesichts des bereits eingetrete- nen Nothstandcs eine Suppenanstalt gebildet, die durch freiwillige Gaben mit 800 Mk. fundüt und für 3 Monat berechnet ist. Selbstverständlich ist be» diesen geringen Mitteln nur die Noth der einheimischen Bevölkerung in's Auge gefaßt. Kommen die Armuth und der Hunger aus den verdienstlosen Ort­schaften heran, so steht die Kreisstadt, die den ersten Anprall auszuhalten har, rathlos da und ihre für die eigenen Unterstützungsbedürftigen kaum ausreichen­den Mittel genügen nicht zur Beseitigung der allgemeinen Calamität. Es ist wohl am Platze, diesen nahe bevorstehenden Nothstand jetzt schon zu signaltsi- ren, um neben der Hülfe für die Bewohner des Riefengebirges, des Westcr- waldes, des RhöngebirgeS k. auch auf die armen Vo. elsberger aufmerksam zu machen, um so mehr, als auch der Typhus recurrens bereits seinen Einzug in einzelnen Ortschaften gehalten hat.

(3«m Nothstand in Oberschlesten.) DerRat -Leobsch. Ztg." wird vom Lande über folgende schreckliche Scene berichtet: Eine arme HäuSler- wittwe, Mutter von fünf noch unerzogenen Kindern, ist eben damit beschäftig:, von dem letzten auf der Handmühle zermahlenen Roggen einen placek aus der Osenplatte zu backen und eine Mehlsuppe dazu zu kochen. Sie zieht ihre Holzschuhe aus, läßt diese ihre älteste Tochter anziehen und heißt sie die gestern vom Nachbar beim Düngeraufladen verdienten 25 Pfg, die einzige Baarschaf! im Hause, nehmen und für 10 Pfg. Salz und für 15 Pfg. Talg holen, um die Suppe damit bereiten zu können. Kaum ist die Tochter aus dem Hause getreten, so tritt der Gemeinde-Execuior in die Thüre und fordert die für den letzten Monat noch schuldigen Steuern. Das Mädchen mit den 25 Pfg. wird zurückgerufen, die Steuer zur Vermeidung der Execution gezahlt und placek mit Suppe wird ohne Salz und Schmalz verzehrt, denn der Hunger thu: weh. Dies gibt zu denken, und sollte auch hier bei dem gegenwärtig herrschen­den Nvthstaude Wandlung geschaffen werden. Der Ein vand, daß der Ezce- cutor in solchen Fällen die Unbettreiblichkeit zu bescheinigen berechtigt fei, ge­nügt r icht. Man muß unser gutmüthigeö und furchtsames Volk k«nen. Eher gibt die Wittwe ihren letzten Zehrpfennig hin, bevor sie durch den Ezecutor ihre elenden Lumpen im Kasten revidiren läßt. Wer's nicht glaubt, der lasse sich von den Nothleidenden bei Ueberreichnng der Liebesgaben die Steuer-