Ausgabe 
24.8.1879 Zweites Blatt
 
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gesellen aus Hildesheim, die weibliche Leiche als die unverehelichte einzige Tochter des in fit Mahner ansässigen Schlächtermeisters Littmann recognoscirt worden. Die amtliche Unter­suchung wiro im Laufe des heutigen Tages vorgenommen werden. (Br. T.)

In Prag haben am 7. August vor dem Geschworenengerichte die Verhandlungen über einen Famiüenmord begonnen, wir er in den Criminalannalen so scheußlich und so grauen­erregend noch kaum je vorgekommen ist. Zwei Brüver, Joseph Vondra und Anton Vondra, Burschen von 20 und 17 Jahren, ermordeten ihre Schwester mit Hülfe ihrer Mutter, sie fallen ihren Bruder an, um ihn zu erschlagen und werden hierbei von der zärtlichen Mutter unter­stützt, welche sich jedoch nicht genügen läßt, ihren verworfenen Söhnen behülflich zu fein bei der Ermordung jenes armen Geschöpfes, welchem die niederträchtige Frau das Leben gegeben hat, sie versucht noch selbst mit Gift ihren jüngsten Sohn Philipp Vondra zu ermorden. Neben diesem Familicnmorde fallen den drei Angeklagten auch die Verbrechen des versuchten Meuchel­mordes und des gemeinen Mordes zur Last, begangen an mehreren außer dieser Familie stehen­den Personen, darunter einem dreijährigen Kinde. Rache war das Motiv, welches die ent­menschten Mörder leitete, am 27. Juni in der Werkstätte der Kebort'schen Eheleute am Jo- hannesplatz ein förmliches Blutbad anzurichten. Die Anklage war demnach erhoben: 1) Gegen den 20 Jahre alten Lithographen Joseph Vondra wegen des Verbrechens des vollbrachten Meuchelmordes, begangen an seiner Schwester Anna Vondra, ferner des Verbrechens des vcr« suchten Meuchelmordes, begangen an seinem Bruder Johann Vondra, an Joseph Kebort und Wilhelm Landshut, endlich wegen des Verbrechens des versuchten gemeinen Mordes, begangen an dem dreijährigen Kinde des Joseph Kebort; 2) gegen den 17jährtgen Galanteriearbeiter Anton Vondra wegen des Verbrechens des vollbrachten Meuchelmordes, begangen an Anna Vondra, wegen des Verbrechens des versuchten Meuchelmordes, begangen an Frau Anna Kebort, an Johann Vondra und an Frau Dolezal; endlich 3) gegen die 46 Jahre alte Schlosierwittwe Anna Vondra, die Mutter der genannten Angeklagten, wegen des Verbrechens der Mitschuld an den von ihren Söhnen begangenen vollbrachten und versuchten Meuchelmorden und wegen des Verbrechens des versuchten meuchlerischen Giftmordes, begangen an ihrem jüngsten Sohne Philipp Vondra. Joseph Vondra wurde des vollbrachten Meuchelmordes und des vier­fachen Meuchelmordversuchs, sein Bruder Anton V»dra des vollbrachten und in drei Fällen des versuchten Meuchelmordes, endlich deren Mutter Anna Vondra der Mitschuld an den von ihren Söhnen vollbrachten und versuchten Mordthaten und des Giftmordversuchs an ihrem jüngsten Sohne Philipp schuldig erkannt. Joseph Vondra wurde zum Tode, Anton Vondra zu zwanzigjährigem, Anna Vondra zu achtzehnjährigem schweren, mit Fasten und Einzelhaft »er schärftem Kerker verurtheilt. Die Verurteilten hörten den Schuldspruch mit bleichen Gesichtern, aber frechem Lachen an und verzichteten auf die Berufung.

(Kaiser Wilhelm und die ,schwarze Liese".) Aus Gastein wird demN. P. I." unterm 12. d. geschrieben: Heute, um 2 Uhr Nachmittags, verließ Kaiser Wilhelm den hiesigen Kurort, der ihm, wie schon so oft, auch diesmal Stärkung und Heilung brachte. Die letzten Tage seines hiesigen Aufenthalts hat der greise Monarch dazu benutzt, alle jene Personen noch einmal zu sehen, mit welchen er während der jüngsten Wochen hier verkehrte, und er erreichte diesen Zweck, indem er dieselben, wie z. B. gestern, zu sich zur Tafel lud oder besuchte. Durch einen solchen Besuch wurde gestern noch eine Frau ausgezeichnet, die auf diese Ehre gewiß kaum mehr gerechnet haben mag, seitdem es bekannt geworden, daß es dem hochbetagten Fürsten schwer falle, Anhöhen hinanzusteigen. Man mag sich nun die um so freudigere Uebcrraschung der schwarzen Liese" denn von ihr ist hier die Rede vorstellen, als in ihrer auf der Anhöhe über dem Kaiserweg gelegenen Milch- und Kaffee - Wirtschaft gestern Nachmittag plötzlich der deutsche Kaiser erschien. Es ist bekannt, daß dieschwarze Liese" sich dieser Auszeichnung in früheren Jahren sehr häufig zu erfreuen hatte, ja sie ist sogar glückliche Besitzerin einer ihr vom deutschen Kaiser selber gespendeten und mit seiner Unterschrift gezierten Photographie, des Ferneren eines Autographenblattes, um welches sie mancher passionirte Sammler beneiden dürfte, denn dasselbe enthält neben den Namenszügen Kaiser Wilhelm s und Bismarck's so ziemlich die Unterschriften aller hervorragenden Persönlichkeiten, welche den Kaiser auf seiner Reise hier­her zu begleiten pflegen. Das letztere, in einem Rahmen von Edelweiß und Kornblumen an- muthig eingefaßte Blatt pflegt dieschwarze Liese", wenn sie just bei guter Laune, bevorzugten Gästen, d. h. solchen, deren Physiognomie ihr eben zu Gesichte steht, zu zeigen, die Photographie des Kaisers aber wird keinem profanen Auge preisgegeben.Das Bild hat der Kaiser mir ge­geben" antwortete sie auf eine dahin zielende Aufforderung resolutund et hat cs mir für mich gegeben, nicht aber, damit ich's andern Leuten zeig'!" ... Als gestern Nachmittag der deutsche Kaiser die brave Liese zum ersten Male seit vorigem Jahre wiedersah, begrüßte er sie freundlich und sagte ihr, er sei nicht nur gekommen, ihr Adieu zu sagen, sondern ihr auch für das Gratulations - Telegramm zu danken, das sie ihm zur Feier seiner goldenen Hochzeit nach Berlin gesendet. Dieschwatze Liese" wurde, so weit dieS ihr tiefbrauner Teint gestattete, ganz roth im Gesichte, und vielleicht zum ersten Male ward sie, der es sonst an Schlagfertig­keiten im Reden nicht gebricht, um eine Antwort verlegen. Endlich stammelte sie hervor, wie sie diese Erinnerung freue, und daß sie eigentlich schon gedacht, das Telegramm sei gar nicht in Berlin angekommen. Und nun wiederholte sie die Gratulation, indem sie den Wunsch daran knüpfte, daß cs dem deutschen Kaiser hier Wohlgefallen habe, und daß er bald wiederkehren möge.Will's Gott, Liese, über's Jahr l" erwiderte dieser, undAdics, Herr Kaiser!" gab die schwarze Liese" treuherzig zurück. Dann entfernte sich der greife Fürst, gefolgt von den ihn

stets begleitenden Herren und von dem Rollwägelchen, das ihn heraufgebracht hatte, und tcfieit er nun beim Abstieg nicht weiter bedurfte.

London, 12. August Ein höchst rnerkwürdizer Fall ist gelegentlich der Aburtheilung eines Verbrechers durch eine Geschworenenversammlung vorgekommen. Ein junger Mann Namens Gerold Mainwarmg war nämlich wegen Trunkenheit verhaftet worden und hatte auf der Polizeistaiion, ohne weiter gereizt zu sein, mit einem Revolver auf die Polizerdiew r geschossen, einen derselben auf der Stelle gelobtet, einen anderen verwundet, lieber die That- sache war kein Zweifel; die Geschworenen hatten nur zu entscheiden, ob wegen der Trunkenheit des Angeklagten das Verbrechen einfach als Todtschlag Oder als Mord anzusehen sei; ein Ver­biet von Morb untermilbemben Umftänben" kennt bas englische Gesetz nicht. Der Wahr­spruch fiel aufMorb" aus und ber Richter verurtheilte bcmgemäß ben Angeklagten zum Tobe. Da verbreitete sich bas Gerücht in der Presse, bie Geschworenen hätten sich nicht einigen können unb beßhalb geloost über bas Urtheil. Der Minister bcs Innern stellt Nachforschungen an und ber Obmann ber Geschworenen tbeilt barauf mit, baß allerbings sechs Stimmen für Mord, sechs Stimmen für Tobtschlag gewesen wären und baß bann bie Geschworenen beschlossen hätten, ben Obmann auszuloosen unb ihm bie ent'cheibende Stimme zu geben. So geschah es. Das Tobesurtheil konnte natürlich nicht ausgeführt werben, es ist schon in lebenslängliche Haft umgewanbelt worben.

Aus bem Thierleben. Man hält die Katze im Allgemeinen für ein falsches unb unzuverläßliches Thier, weßhalb man sie auch aus bem Schlafzimmer verbannt; allein bie Katze gibt dennoch zuweilen Proben großer Zuneigung, wovon folgenbe kleine Geschichte als Beispiel anzuführen ist. Ein Käthner eines Gutes in ber Umgebung von Neustabt an ber Dosse besitzt nämlich eine merkwürbig kluge Katze. Vor einiger Zeit fiel während» ber Nacht bas jüngste Kinb aus ber Wiege, ohne baß bie Eheleute von bem Fall unb bem Geschrei bes Kinbes er­wachten; aber bie Katze war auf bem Posten. Um bie Frau, die Mutter bes Kinbes, zu wecken, sprang sie auf bas Bett unb begann nun beren Haar auf solche Weise zu frlfiren, baß sic erst viele Tage hemach es toicber in Orbnung bringen konnte. Als bie Mutter beffcnungeachtet nicht schnell genug aus bem Bette sprang, um bas Kinb aufzuheben und zu beruhigen, klammerte sich bie Katze an ihren Arm an, so baß sie nur mit Mühe sich toieber von ihr losmachen konnte. Diese Katze hat sich .nämlich auf bemerkcnswerthe Weise an das Kind attachirt, was sie dadurch bezeigt, daß sie fast immer auf ber Wiege sitzt unb es gleichsam bewacht, wenn es schläft, aber sofort, wenn es zu weinen beginnt, bie Mutter aufsucht unb diese burch Kratzen an ihren Füßen auf biefen Umstand» aufmerksam macht. Das ist jebenfalls ein Beweis, baß bieses als treulos angesehene Thier mit voller Hingebung sich an bie Menschen fesseln kann.

Vielen bürfte bie Bestimmung ber Postorbnung unbekannt sein, nach welcher Corre- sponbenzkartcn, auf deren Adreßseite Rasuren vorgenommen sind, nicht zur Versendung gelangen, sondern dem Absender, falls er zu ermitteln, wieder zugestellt werden. Ebenso wenig ist es erlaubt, irgend welche Ausschnitte aus Zeitungen rc. auf die Rückseite der Postkarte zu kleben, da auch solche Karten von der Beförderung ausgeschloffen sind.

London. DieTruth" erzählt folgende Anekdote: Bei einem Wohlthätigkcitsfcft, welches kürzlich in der Albert Hall veranstaltet wurde, verkaufte eine vornehme Dame Thec in einem kleinen Kiosk. Ein ernst aussehender Gentleman nähert sich dem Kiosk unb fragt nach bem Preise einer Taffe.Ein Shilling!" erwibert bie liebcnäwürbige Verkäuferin. Der Gentleman bezahlt. Aber bevor bie Dame ihm bie Taffe gibt, führt sie biefelbe an ihre Lippen. Jetzt kostet sie einen Sovereign." Der Gentleman zieht ein Goldstück aus ber Tasche, über­reicht es ber Dame mit Würbe unb sagt:Hier, nun bitte ich aber auch um eine reine Taffe."

Staraja-Russa, Gouv. Nowgorob. Ein origineller Prozeß hat sich, wie bem Pet. Listok geschrieben wirb, vor Kurzem vor bem Friedensrichter abgespielt Als Beklagte war bie Frau bes Generals B. erschienen; ber gerichtlich gegen sie erhobene Thatbestanb lautete genau genommen auf ©eleibigung einer Ziege. Besagtes Thier gehörte ber Diaconiffe M. an unb war von ber Frau Generalin nachstehenb angepinselt worben: bie Ohren bunfclbau, bas Antlitz roth unb bas Rückgrat schwarz. Auf ihren eigenen Knicen vor dem Thiere ruhenb, hatte bie gnäbige Frau ihre künstlerische Arbeit verübt, unb offenbar sehr gut, benn eine ber Zeuginnen» bk in biesem Rechtsstreite aufgerufen würben, sagte ausbrüchlich aus, sie habe geglaubt, bie M.'iche Ziege schreite ins Theater, um Komöbie zu spielen. Frau B. würbe mit einem Ver­weise bestraft.

Besitzern von Hektographen biene zur Nachricht, baß auf Grund einer Verfügung bes General-Postmeisters alle mittels bieses Apparates hergestellten Schriftstücke eine Porto- Ermäßigung nicht genießen, sondern wie Briefe zu behandeln sind.

Scüiiirsberleliit. Mitgetheilt von bem Agenten des Norddeutschen Lloyd C 91t, Dietz in Gießen.

Southampton, 2 '. August. Der Postdampfer Weser, Capt. A. Jäger, vom Norddeut­schen Lloyd in Bremen, welcher am 9. August von Newyork abgegangen war, ist heule 3 Uhr borgens wohlbehalten hier angekommen unb hat nach Landung ber für Southampton be­stimmten Passagiere, Post unb Labung 6 Uhr Morgens bie Reise nach Bremen fortgesetzt. Die Weser überbringt 153 Passagiere unb volle Labung.

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