Ausgabe 
24.8.1879 Zweites Blatt
 
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Zur Währungsfrage.

Unter dem Vielen, was in den letzten Reichstagsverhandlungen aufgerührt morden ist, mar bekanntlich auch die Münzpolitik. Zwar ist von dem Reichskanzler deut­lich gefaßt worden, daß amtliche Besprechungen über eine Aenderung der Münzgesetz­gebung noch nicht stattgefunden haben, aber die Unsicherheit für die Zukunft ist damit nicht gehoben und officiöse Blätter verbreiten noch immer von Zeit zu Zeit, daß Bis­marck mit der ihm eigenthümlichen Energie nächstens die Währungsfrage in die Hand nehmen und die Doppelwährung anbahnen werde. Die thörichten Reden von der Doppelwährung zeigen nur, daß man von manchen volkswirthschaftlichen Dingen ziem­lich viel missen kann, ohne von der Münzfrage auch nur die Elemente zu wisfen, und daß es etmas ganz Anderes ist, einen Uebelstand zu empfinden, als die Mittel zu finden, ihn zu heben.

Die Doppelwährung macht zwar scheinbar noch Eroberungen. Eben jetzt arbeiten Pariser Finanzleute daran, die Türkei mit in den Doppelwährungs-Bund ä la fran^aise zu ziehen, und rechnen dem Sultan vor, daß er bei der Herabsetzung der Piaster ein nettes Geschäft machen könne. Möglich, daß sie ihr Ziel erreichen. Aber man mag nur nach Italien sehen, so offenbaren sich leicht die schlimmen Folgen solcher Doppel­währungsbündnisse. Dies Land hat bekanntlich nur Papier und Bronze. Das Silber sogar bis zu den 20 Centimesstücken ist ausgewandert, gegen 100 Mill. Frcs unter; werthigeu Silbers. Dies Geld soll nun in Belgien, der Schweiz und in Frankreich gesammelt und in seine italienische Heimath zurückverkauft werden, und damit es hübsch darin bleibt, soll Italien die kleinen Papierabschnitte einziehen.

Alles sehr schön, aber wo bleibt da die Souveränetät des großen Staates? Und was ist auch in den anderen Ländern des Bundes aus der Doppelwährung geworden ? Ist das Doppelwährung, wenn die Münze kein Silber mehr prägt? Aber diese Ab­schließung gegen Silber war nothwendig geworden, weil sonst das Gold noch schneller ausgeführt würde als 1849 und in den darauf folgenden Jahren das Silber aus Frankreich verschwand. Und das will man nicht, trotz der Doppelwährung, weil Gold wirklich bessere Gelddienste leistet als Silber. Kurz, die Doppelwährung ist facffsch aufgehoben. Ein amerikanischer Versuch, sie durch einen Congreß zu retten, ist mißlungen.

So ist es denn kaum denkbar, daß irgend Jemand, der zur Sache unterrichtet ist, jetzt dem Reichskanzler rathen könnte, man solle unsere Münzgesetzgebung nach der Richtung der Doppelwährung abändern, jetzt, da sie fast durchgeführt ist und nur unpatriotische Zmeifelsucht, wie sie m Frankreich unerhört wäre, bedenklich von dem Gelingen des Werkes redet. Man hat unsere Silberverkäufe in Hamburg-London ein­fach fuspendirt, weil der Preis so niedrig mar, und glaubte, der Preis würde sofort in die Höhe schnellen. Aber es hat nicht viel geholfen, und wenn nicht aus anderen Gründen zu erwarten wäre, daß das Silber nächstens vorübergehend steigen wird, sollte man auch die provisorische Suspension des Silberverkaufs bedauern. Wir müssen eben hindurch, mögen auch noch 300 ober 470 Mill. Mk. Silber zu verkaufen sein. Der Verlust ist nicht zu vermeiden ____________________________

Vermischtes.

Börßum, 18. August. Am 17. b. M. Abends wurde die hiesige Bahnstation^ von Seesen benachrichtigt, daß sich an der Loeomotive des daselbst 10 Uhr 23 Mtn. cingetroffenen Personenzuges eine Soldatenmütze vorgefunden habe, und die Möglichkeit vorliege, daß ein Un­fall passirt sei. Nach Eintreffen des aus entgegengesetzter Richtung kommenden Personenzuges wurde den hiesigen Eisenbahnbeamten von dem auf der Maschine diensthabenden Heizer die Meldung gemacht, daß in der Gegend von Kl. Mahner ein schwarzer Körper im linken Gleise und ein heller Gegenstand neben dem Gleise liege, wodurch die Vermuthung, daß ein Mensch verunglückt sei, noch mehr bestärkt wurde. Seitens der Station Börßum ist dieserhalb zwischen 12 und 1 Uhr Nachts eine Maschine mit mehreren Stationsbeamten besetzt behufs Revision der Strecke abgelassen. Unweit Salzgitter, beim Hebet gange der Chaussee von Kl. Mahner bot sich den oben bezeichneten Beamten ein schrecklicher Anblick dar. Zwei menschliche Leichname, ein männlicher und ein weiblicher, lagen in geringer Entfernung von einander mit geöffnetem Hirn- schädel, außerdem gräßlich verstümmelt, mehrere Male überfahren auf dem Bahnkörper, der von den verschiedenen Körpertheilen behufs ungefährdeter Durchführung der Züge freigemacht werden mußte. Da an der Unglücksstelle eine Kreuzung von zwei Zügen stattgefunden hat, so läßt sich annchmen, daß die Gelödteten auf dem Wege nach Kl. Mahner, um Zeit zu gewinnen, un­mittelbar nach Passiren des letzten Wagens des nach Bößrum fahrenden Zuges, die geschloffene Barriöre umgangen, auf dem Wegübergange von dem in der Richtung nach Salzgitter fahrenden Personenzuge, dessen Herannahen sie nicht bemerken konnten, erfaßt sind, und auf diese Weise durch eigene Schuld ihr jähes schreckliches Ende gefunden haben. Wie mir mitgetheilt wird, ist der männliche Leichnam als der eines in Kl. Mahner seit Kurzem in Arbeit stehenden Schmiede-

8 d. Nits.

Skr. 196. Zweites Blatt. Sonntag den 24. August

1879.

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Wochenübersicht.

Unser Kaiser ist am 14. d. in bestem Wohlsein von Gastein auf Schloß Babelsberg, wo er von der kronprinzltchen Familie empfangen wurde, eingetroffen. Am folgenden Tage kehrte auch die Kaiserin, nachdem sie unterwegs noch der Münchener Kunstausstellung einen Besuch abgestattet, von ihrer Badekur zurück.

Am verflossenen Montag den 18. August feierte unser Heffenland die Enthüllung des Landes-Kriegerdenkmals in Darmstadt, welches Denkmal den gefallenen tapferen Heldensöhnen von Spenden aus dem ganzen Lande errichtet wurde. Ueber die Feier selbst verweisen wir auf die dies­bezüglichen Berichte.

Der Contreadmiral Bätsch, welcher bekanntlich wegen des Unterganges desGroßen Kurfürsten" zu 6monatltcher Festungshaft verurtheilt worden war, ist auf Fürsprache des Chefs der Admiralität, nachdem er 14 Tage von seiner Strafe in Magdeburg verbüßt, durch den Kaiser begnadigt, der mit Herrn A. Leutner behufs Hebung desGroßen Kurfürsten" abge­schlossene Vertrag, nachdem ersterer seinem Versprechen, das Schiff bis zum 1. August zu heben, nicht nachgekommen, Seitens der Admiralität bis zum 15. September verlängert worden.

Die Resultate der Schießversuche auf dem Kruppschen Schieß­platz bei Meppen haben die anwesenden fremden Officiere zu Aenßerungen der höchsten Anerkennung veranlaßt und zugleich zu der Ueberzeugung gebracht, daß für ihre Armeen Verbesierungen nicht blos in der Geschützfabrikatton, son­dern auch in dem gesammten Geschützwesen nothwendig sind.

In den Reichslanden hat die Regierung drei elsässische Turnvereine, welche sich politische Ausschreitungen hatten zu Schulden kommen laffen, auf­gelöst. Dem Oberpräsidenten von Elsaß-Lothringen, Herrn von Möller, wurde vom Kaiser das Großkreuz des Rothen Adler-Ordens verliehen, die Legung des unterirdischen Kabels Berlin-Metz-Straßburg am 13. d. vollendet.

In Oesterreich-Ungarn ist auf das Entlaffungsgesuch des Grafen Andraffy das des gefammten cisletthantschen Ministeriums gefolgt. Während indeß für den Minister des Auswärtigen, deffen Rücktritt allgemein als ein schwerer Verlust für Kaiser und Reich betrachtet wird, noch kein Nachfolger gefunden ist, hat Graf Taaffe die ihm übertragene Neubildung des ctsleitha- n,scheu Cabmets mit überraschender Schnelligkeit vollendet. Dies neue Mini­sterium, in welchem er selbst das Präsidium und das Ministerium des Innern übernommen hat, wird von den Organen der öffentlichen Meinung als ein Zeichen betrachtet, daß die Verständigung mit den Czechen, welche den Eintritt der czechischen Abgeordneten in den Reichsrath zur Folge haben soll, nunmehr eine vollendete Thatsache ist. Damit stimmt es, daß Dr. Prazak, einer der neuen Minister ohne Portefeuille, sich auf einem Festbanket in Brünn dahin geäußert haben soll, die Hauptaufgabe der neuen Regierung bestehe darin, die Einigung der Czechen mit den Deutschen, ja eine Vereinigung aller Völker Oesterreichs herbeizuführen Im Ganzen und Großen geht die Meinung inner­halb wie außerhalb des Tonaureiches dahin, es stehe nunmehr für die innere sowohl, wie für die auswärtige Politik deffelben eine neue Aera bevor.

Daö englische Parlament ist am 15. d. geschloffen resp. bis zum Winter vertagt worden. Am Cap scheint der Krieg doch noch nicht zu Ende zu sein: wenigstens sollte am 3. d. ein neuer Vormarsch englischer Truppen beginnen 1 Bei der am 11. d. in London durch den Lordmayor eröffneten und am 17 d. geschloffenen Jahresversammlung des Vereins zur Reform und Codification des Völkerrechts war Deutschland durch verschiedene Gelehrte, u. A. durch den Appellationsgertchts-Präsidenten Dr. Sieveking aus Hamburg, würdig vertreten.

Die belgischen Bischöfe haben, nachdem ihre Erwartungen, die Volks­schullehrer würden in Schaaren von der gottlosen Staatsschule zu den katho­lischen Lehranstalten übertreten, gründlich getäuscht worden, ihre Wuth an den atmen Lehrern dadurch ausgelaffen, daß sie mit einem bisher unerhörten Fanatismus beschlossen, alle Lehrer, welche in Staatsschulen Religionsunter­richt ertheilten, sollten der Excommunicatton verfallen, alle, welche überhaupt ; an solchen Schulen unterrichten, mit der Verweigerung der Absolution bestraft werden I

Frankreich erfreut sich, seitdem seine Kammern in die Ferien gegangen sind, einer verhälinißmäßigen Ruhe. Trotzdem fehlt es dort nicht an Reibun­gen, welche beweisen, wie tiefgehend der Kampf der Regierung und der Bevöl­kerung gegen den Klerikalismus schon geworden ist. Die Regierung ist in der Frage betreffs Besetzung des Bffchofsstuhles in Amiens auf Schwierigkeiten Seitens der römischen Curie gestoßen, weil diese keinen liberalen Geistlichen zum Bischöfe ernennen will. In Lyon haben aus Anlaß der Aufführung der Marseillaise blutige Händel zwischen Republikanern und Klerikalen stattgefun­den. Jules Simon mußte sich von den Wählern eines Pariser Bezirks ent­schiedene Einsprache gegen seine Bestrebungen zu Gunsten der Jesuiten gefallen laffen. Selbst der Prinz Jerome Napoleon hat der öffentlichen Meinung so- weit Rechnung tragen zu müffen geglaubt, daß er ein Programm veröffent- lichen ließ, welches dem Klerikalismus den Krieg erklärt. Für die Stimmung

in den Provinzen ist es charakteristisch, daß die feit dem 18. d. Mts. tagen­den Generalräthe fast zu zwei Dritteln (drei mehr als das vorige Mal) Republikaner zu Präsidenten gewählt haben. Auf welchem Wege die Regie­rung eine etwaige Verwerfung des Art. 7 des Ferry'schen Gesetzentwurfs über den Universitäts-Unterricht Seitens des Senates zu pariren gedenkt, erhellt aus der Thatsache, daß sie neuestens ein Decret erlassen hat, wonach Niemand mehr zur Auditoriatsprüfung für den Staatsrath zugelassen werden soll, der nicht ein Zeugniß über tie Erlangung eines akademischen Grades an einer Staatsfakuität beibringen kann. Nicht mit Unrecht erblickt man in diesem Decret den ersten Schritt zum Ausschluß der Schüler der katholischen Univer­sitäten aus allen Staatsämtern.

Es wird immer klarer, daß die Regierung der Vereinigten Staaten Nordamerikas dem Leffeps'schen Project der Durchstechung der Landenge von Panama feindselig gegenübersteht: für den Fall, daß Leffeps die Vor­arbeiten beginnen laffen sollte, hat sie schon Weisung ertheilt, jedem Versuche der Art sofort mit Gewalt entgegenzutreten. Gleichzeitig hat die nordamen- kanischc Regierung zwei andere für den Frieden und die Culturentwickelimg der Welt bedeutsame Schritte gethan, indem sie einerseits, unter Hinweisung auf die Thatsache, daß die Vielweiberei in allen Theilen der Vereinigten Staaten ein Verbrechen sei, bti den fremden Mächten Einsprache gegen die fernere Einwanderung von Mormonen erhob und andererseits den mit einan­der Krieg führenden Staaten Chili und Peru ihre Vermittelung zur Beendi­gung des Krieges anbot.