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Anzeige- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.

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Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Uokitischer Hheik.

Politische Uebersicht.

Die Politik hat große Ferien. Damit die öffentliche Meinung nicht zu apathisch wird, hat der Bundesrath noch die Frage einschneidender Verfassungsänderungen in das Land geworfen. Solche Abwechselungen könnten ergötzlich sein, wenn sie nicht bedenklich wären. Es scheint, als ob man, nachdem mit Mühe das deutsche Reichsgebäude errichtet ist, jetzt daran gehen wolle, es theilweise wieder etnzureißen. Es ist offenbar dem Absolutis­mus nicht wohnlich genug, und wie man dem Liberalismus den Galopp in der Gesetzgebung vorgewoifen, so scheint die neue Aera der conservativ-klerikalen Allianz mit Stebenmetlenstiefeln rückwärts schreiten zu wollen. Man kann allerdings nicht annehmen, daß ein Blsmarck den Reichsgedanken vergesien könnte, aber Vorsicht ist in allen Dingen gut, und die Erfahrung lehrt, daß auch eine sogenannte wohlwollende Reaction leicht über das Ziel hinausschießt.

Es hat fast nur geringes Aufsehen gemacht, als plötzlich der Chef des Reichskanzleramts, (Ltaatsmintster Hofmann, zum preußischen Minister für Handel und Gewerbe erannt wurde, während der preußische Etsenbahnminister Maybach gleichzeitig zum Staatsiecretär für das Reichseisenbahnwesen vor- rückre. Und doch läßt gerade diese Verschmelzung recht deutlich erkennen, daß der Reichskanzler sehr eifrig dabet ist, Preußen in Deutschland aufgehen zu laffen, um den übrigen Staaten dann sagen zu können: Gehet hin und thuet desgleichen. Besonderer Gunst erfreuet sich diese Personalveränderung bet den Welfen und sonstigen Parttcularisten nicht.

Nach dem Breslauer Wahlsiege wird man gut thun, der wohl- organisirten privaten Agitation der Socialdemokratte etwas mehr Beach­tung zu schenken als bisher. Die Stimmung unter den Berliner Soctaltsten ist eine sehr hoffnungsvolle; sie schlagen der Polizei manches Schmppchen und hoffen viel von der nächsten Zukunft. Was ste vorhaben, weiß Niemand, aber man hört in den socialistischen Kreisen Berlins neuerdings mit großer Zuver­sicht davon sprechen, daß Etwas im Werke sei und daß ste auch ihrerseits gewillt sind, dem Namen der Aera der Ueberraschuugen Ehre zu machen.

Während bei uns für die Ultra montanen die Aera Kullmann been­det ist, scheint sie in Belgien in Scene gesetzt werden zu sollen. Die lächerlichen Drohbriefe scheinen aus dem jesuitischen Lager zu stammen und jedenfalls ist es ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, wenn die Dunkelmänner hinter den Couliffen die Leidenschaften des niedrigen Volkes zu entflammen suchen. Die gerichtliche Untersuchung wird wohl die Sache aufklären, und wenn die Mitglieder religiöser Körperschaften hinter dem Mummenschanz der Vehme stecken, kann der Spieß sich leicht umkehren. Auch in Belgien dürfte die verhöhnte Autorität des Staates solche Späße nicht verstehen.

Die Ultramontanen in Frankreich sind klüger. Sie wollen das gefährliche Ferryssche Unterrtchtsgesetz, weil sie es nicht zu Fall bringen können, auf die lange Bank schieben. Im Senate haben ste recht geschickt operirt, und wenn ihnen die energische Deputirtenkammer nicht einen Strich durch die Rech­nung macht, so ist es nicht unmöglich, daß sie einen Aufschub erreichen, den ste mit den Worten begrüßen: Zeit gewonnen Alles gewonnen.

In Italien begründen die vatikanischen Politiker mit vieler Energie eine Centrumspartei, welche sie in Deutschland schätzen gelernt haben. Ist an sich ein Erfolg zu constatiren, wenn sich die Päpstlinge auf den Boden es italienischen Staatswesens stellen, so ist doch für die freiheitliche Entwicke­lung Italiens die erhöhte Theilnahme der Geistlichen an den Wahlen sehr bedrohlich, weil der Einfluß derselben in vielen Bezirken entscheidend ist. Es wäre intereffant, wenn einst in Italien die Regierung mit einer klerikalen Majorität zu rechnen hätte.

Die Judenfrage gewinnt in Rumänien an Schärfe. Fürst Karl ist leider genöthigt, der Volkssttmmung Rechnung zu tragen, wenn er seine Dynastie nicht gefährden will. Das erklärt sein Lavtren dem Drängen der Großmächte gegenüber.

Deutschland.

Berlin, 20. Juli. Was die Arbeiten zur Hebung desGroßen Kur­fürsten" betrifft, so ist wohl mit Bestimmtheit anzunehmen, daß Herr Leutner bis zum 1. August d. Js., an welchem Tage der Contract abläuft, seinem mit der kaiserl. Admiralität abgeschlossenen Contracte nicht nachkommen wird. Ob- oleich man in den technischen Kreisen der kaiserl. Admiralität von Anfang an eine Hebung desGroßen Kurfürsten" für unmöglich hielt, so ist man doch nicht abgeneigt, am 1. August den Contract mit der von A. Leutner begrün­deten Wreck Recovery and Salvage Company (Limited) zu verlängern. Dieser Contract war für die kaiserl. Admiralität in jeder Beziehung günstig und bot kein Risiko, so daß, abgesehen davon, daß kein anderer Unternehmer überhaupt vorhanden war, der sich einem so gewagten Unternehmen unterzog, die kaiserl. Admiralität sich verpflichtet hielt, nachdem sie bei der deutschen Botschaft in London die umfassendsten Erkundigungen über die Leistungsfähigkeit des rc. Leutner eingezogen hatte, Alles zu thun, um die Hebung desGroßen Kurfürsten" möglich zu machen.

Berlin, 21. Juli. Zu den Sensations-Nachrichten, die leider wieder so sehr im Schwünge sind, gehört auch die Meldung desBerl. Tagebl.", daß der General-Feldmarschall Graf Moltke, die Enthebung von den Functionen des Chefs des Generalstabs der Armee nachgesucht habe. Glücklicherweise ist diese Nachricht gänzlich aus der Luft gegriffen. Es ist bedauerlich, daß man in einer ohnehin aufgeregten Zeit sich nicht entblödet, in so leichtfertiger Weise derartige Gerüchte in Umlauf zu setzen. Selbst wenn der Generalstabs-Chef wirklich die ihm zugemuthete Absicht hätte, würde gar nicht daran zu denken sein, daß Se. Majestät der Kaiser demselben die Entlassung bewilligen würde. Ein solcher Fall liegt außer dem Bereiche der Wahrscheinlichkeit. Inzwischen kennt Graf Moltke die Pflichten gegen seinen Kaiser zu gut, als daß er auch nur einen solchen Schritt in Erwägung ziehen sollte.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Wir brachten vor einigen Mo­naten die Nachricht, daß unter den deutschen Kriegervereinen, besonders in den Reihen der Allgemeinen deutschen Kriegerkameradschaft, gesammelt werde, um am Nationaldenkmal auf dem Niederwald die Figur des Krieges zu stiften. Die Sammlung ergab etwa 44,000 Mk. und wurde Ihren Majestäten zum 11. Juni durch Vermittelung des Herrn Ministers Grafen zu Eulenburg in einer Glückwunschadreffe von diesem Ergebniß Mittheilung gemacht. Ein von den Majestäten hieraus ergangenes Dankschreiben hat nachstehenden Wortlaut:

Wir haben aus der Adresse des deutschen Kriegervereins-Comit^s mit Interesse ersehen, daß im Hinblick auf das Fest Unserer Goldenen Hochzeit die ansehnliche Summe von fast 45,000 Mk. gesammelt worden ist, um aus diesem Fonds die Kosten der Figur des Krieges am- Nationaldenkmal zu bestreiten. Indem Wir für die in der Adresse ausgesprochenen Glückwünsche zu Unserem Ehe-Jubiläum freundlich danken, nehmen Wir dieselben mit dem Wunsche an, daß es Deutschland für alle Zeiten erspart bleiben möge, nochmals eine Verwirklichung des in jener Figur sich darstellenden symbolischen Gedankens zu erfahren.

Bad Ems, den 3. Juli 1879.

Wilhelm. Augusta.

Am 17. d. ist von Coblenz das nur theilweise bestätigte Erkenntniß des zweiten Kriegsgerichts in Sachen desGroßen Kurfürsten" bei dem com- mandirenden General des Gardecorps, als dem Gerichrsherrn, in Berlin ein­getroffen. Wie zu erwarten stand, hat der Kaiser, dem Vernehmen nach, das kriegsgerichtliche Erkenntniß gegen den Hauptangeklagten, das auf längere Festungshaft lautet, und das freisprechende Urtheil gegen den. Capitän zur See und Commandanten desKönig Wilhelm", Kühne, und den Capitän- Lieutenant Klausa bestätigt, dagegen gegen den Capitän zur See und Comman­danten desGroßen Kurfürsten", Grafen v. Monts, der in dem ersten Kriegs­gericht nur zu einem vierwöchentlichen Stubenarrest verurtheilt und in dem zweites Kriegsgericht ganz fretgesprochen worden war, ein drittes Kriegsgericht, das so bald wie möglich abgehalten werden soll, befohlen. Die Angabe verschiedener Blätter, daß der Chef der Admiralität, General der Infan­terie, v. Stosch, hauptsächlich auf Verwerfung des Urtheils des zweiten Kriegsgerichts hingewirkt habe, wird von -anscheinend osficiöser Seite als un­richtig bezeichnet. Derselbe soll, wie behauptet wird, die Absicht haben, später die ganze Untersuchung der Oeffentlichkeit zu übergeben. Die Nachricht eines Blattes, daß das königliche General-Auditoriat das Erkenntniß des zweiten Kriegsgerichts dem Kaiser mit einem Begnadigungsgesuch eingesandt hätte, ist jedenfalls unrichtig, obgleich sich solche Fälle wiederholen, in denen das General- Auditoriat eine Milderung des Urtheil« beantragt; für gewöhnlich reicht aber bereits das Kriegsgericht selbst mit dem Urtheil ein Begnadigungsgesuch ein.

(Köln. Ztg.).

München, 21. Juli. Der Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer hat die Regierungsvorlage betreffs Conversion der Eisenbahnanlehen unver­ändert angenommen.

Hesterreich.

Wien, 21. Juli. Meldung derPolit. Corresp." aus Konstantinopel. Der französische und englische Botschafter haben gestern der Pforte eine iden­tische und sehr energisch gehaltene Note überreicht, in welcher die Pforte auf­gefordert wird, den Inhalt des Investitur-Fermans des Vicekönigs von Egypten der französischen und englischen Regierung binnen 3 Tagen mitzu- theilen, widrigenfalls die Pforte für ernste Consequenzen verantwortlich ^gemacht werde. Man behauptet, Frankreich und England würden, falls ihre Schritte fruchtlos blieben, die Unabhängigkeit Egyptens proclamiren. Die Abreise Pertew Effendi's nach Sofia, um dem Fürsten von Bulgarien den Investitur- Ferman zu überreichen, ist auf heute festgesetzt. Aus Athen signalisirt die Polit. Corresp." den Ausbruch einer Ministerkrisis als bevorstehend.

Telegraphische Depeschen.

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Berlin, 22. Juli. DerReichs Anz." publicirt die Ernennung des Geh. Ober-Finanzraths Scholz zum Unterstaatssecretär, des Wirklichen Geh. Ober-Finanzraths Burchard zum Director, des Obersteuer»Jnspectors Klein