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1879»

Nr. 94.

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AMge- und Amtsblatt für den Kreis Gießen.

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| Schul st raße B. 18.

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Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringeclohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Theil.

Lehrer-Conferenz

des Conferenz-Bezirks Lieh-Hungen Dienstag 2 9. April 10 Uhr in Hungen.

Lehrer-Conferenr

des Conferenz-Bezirks Großen Bufeck Donnerstag den 1. Mai 10 Uhr in GroHen-Vuse^k.

Gieß en, 22. April 1879. Büchn er, Kreisschulinspector.

Bekanntmachung. *

Die Entscheidungen auf die Remonstrationen und Reclamationen gegen Einkommensteuer-Ansätze des ersten Quartals 1879 haben auch Wirkung auf die gleich gebliebenen Beträge des Etatsjahres 1879/80, ohne daß es deshalb einer weiteren Anregung Seitens der Pflichtigen bedürfte.

Ueber die bereits erlassenen Posten wird den Gr. Districts-Einnehmereien sofort das Geeignete zugehen.

Mit Beginn des Etatsjahres 1879/80 sind Reclamationen gegen die für dasselbe erfolgten Ansätze der direkten Steuern nur insoweit zugelassen, als sich dieselben auf die Steuer b ere ch n u ng beziehen.

Gießen, den 12. April 1879. Großherzogliches Steuer-Commissariat Gießen.

S ü f f e r t.

politisch

Deutschland.

Berlin, 21. April. Die Jntenfsen - Verbindung, schreibt dieKöln. Zig.", welche sich das Ziel gefetzt hat, den neuen goDtanf im Reichstag durch, zuireibtv, brgn.nt sich ollrnül g zu ledern. Tie Agrarier btklogen sich in ihren Dlüttern bereits feit lät'gerer Zeit, daß die ihnen bewilligten landwirthschaft- lrchen Zölle keineswegs eine genügende Ausgleichung bieten für die ihnen zvge- mutheten allzu zahlt eichen und allzu hoben Jndnstriezölle. Sie werfen die Frage aus, weshalb man die laut wir thschafil'chen Erzevgnisie nur mit einem Zoll von 3 pCt. b^egt hat, nährei d man der Eisenindustrie einen Schutz von 10 bis 20 pCt. gewährte, und sie sprech.» das Verlangen nach gleichem Recht aus. Dem Vernehmen nach werden auch im Reichstage von dieser Seite zwei Anträge Ungebleicht uerden, von denen der eine eine Erhöhung des Zolles aus Getreide rc., der andere eine Herabsetzung des Zolles aus Eisen fordern wird. Seit aber d e bundesrä-hliche Tarifvorlage im Lande ihre Ver­breitung gefunden hat, regt sich auch der Widerspruch aus industriellen Kreisen täglich lebhafter. Es wächst mit jedem Tage die Zahl der Petitionen von Städten, Handelskammern und andern kaufmännischen Corporationen und Jnteresien-Verbänden gegen den neuen Zolltarif. Tie Zahl dieser Petitionen beträgt bereits nahezu 500. Nicht allein der Handel, dessen Widerspruch wohl allgemein erwartet worden ist, die Seestädte und die Handelsältesten von Berlin rühren sich, sondern auch zahlreiche kleinere Industriezweige, welche seit 1865 sich entwidelt und eine bisher nicht geahnte Bedeutung und Ausfuhr erlangt haben, erklären sich durch die Vertheuerung ihrer Productionemittel mit Vernichtung bedroht. Da wird die vorberathende Commission des Reichs­tags viel zu studiren und zu ordnen finden! Dazu kommt nun, daß der zwischen Herrn Mosle und dem Reichskanzler Fürsten v. Bismarck, verab- redete Plan, die deutschen Hansestädte in das Jnterefien-Dündniß zwischen Agrarier und Jndustrie-Schutzzöllner mit hinein zu verfl.chten, schon als völlig gescheitert erscheint. Es ist v ohl erinnerlich, daß, als der Reichskanzler im März d. I. durch den Piäsidenten des Re'chskanzleramts, Herrn Hofmann, die Frage des Flaggenzolls im Reichstage anregen ließ, gewifiermaßen um den Seestädten Balsam aus die tiefe Wunde zu legen, welche ihnen durch den Tabaks-, Getreide- und Holzzoll unzweifelhaft beigebracht wird, Vertreter der­selben dieses Ansinnen mit der stolzen Erklärung zmückwtesen, deutsche Schiffs­baukunst und Schiffebemannung, der Unternehmungsgeist unserer Rheder und Rhederelen bedürfe solchen Schutzes nicht, sie fühlten sich ohne surtaxe Sieger in der Concurrenz der Seefahrt treibenden Völker und hätten höchstens repressive Maßregeln anderer Staaten zu befürchten. Dies hielt Herrn Mosle nicht ab, aus dem französischen Schutzzoll-Arsenal diesurtaxe dentrepot hervorzuholen. Ein Zuschlagszoll von 3 Mk. für 100 Kg. für alle landein- wärts in Deutschland emgesührten Colonialwaaren soll in den Seestädten zur Ueberwtndung der Folgen der Schutzzölle, mit welchen die deutsche Industrie bedacht werden soll, beitragen. Aber die Hansestädte wollen sich nicht eigen­süchtig von dem allgemeinen Handelstntereffe lossagen. Treiben nicht auch die Hansestaaten selbst einen sehr starken Zwischenhandel? Und ist derselbe nicht eine durch die Handelsgeschichte und die geographische Lage gerechiferttgte Nothwendigkett? Zudem ist es allerdings auch ein großer Jrrthum, wenn man glaubt, daß das industrielleHinterland" sich so gutwillig in die patriotische Rqfle finden werde, die ihm so ohne Weiteres zugemuthet wird nicht ein- m um den Eintausch der Schutzzölle.Oder meint man, daß die west­fälischen Schienenwerke nun das spanische Eisenerz aus lauter Patriotismus über Bremen statt über Rotterdam beziehen würden, nachdem ste so oft über

er Hheit.

die Ungunst der Frachten geklagt haben, die fie hinter den Eleveland-Werken zurückstehen ließen? Glaubt man, daß die Mühlhausener Baumwollspinner aus lauter Patriotismus für die Garnzölle den Bezug der Baumwolle über Havre ausgeben würden, daß die Fabrikanten in Elberfeld oder Aachen die australische Wolle lieber über den entfernteren als über den näheren Hasen tn's Land heretnlenken, daß wir z. B. in Frankfurt den Java-Kaffee aus lauter binnenländischem Patriotismus um 3 Mk. theurer bezahlen wollen?" So mehren sich die Anzeichen, daß die bundesräthliche Zollsuppe doch bei Weitem nicht so heiß gegeffen werden wird, wie Herr von Varnbüler fie gekocht hat

Aus Bayern, 21. April. Das Aprtlhest derZeitschrift des land- wirthschaftlichen Vereins in Bayern" enthält folgende landwirthschaftliche Mit- theilungen:Allen Nachrichten zufolge sind die Saaten leidlich durch den Winter gekommen und auch die Rcpssaaten sollen gut erhalten sein. Im Herbst haben wir viele junge unentwickelte Saaten gehabt, besonders da, wo wegen Schneckensraß nachgesäet werden mußte, diese haben etwas gelitten. Das Frühjahr kann jedoch noch Vieles gut machen. Im Viehhandel ist offen­bar eine Störung eingetreten, die fortwährend drohende Gefahr der Ver- scdleppung der Rinderpest aus Rußland nach Oesterreich und Deutschland wirkt lähmend auf den Unternehmungsgeist. Jedoch scheint sich auch darin etwas mehr Leben zu zeigen."

Außland.

Petersburg, 19. April. In gestriger Sitzung des Mtnisterialraths wurde die Einsetzung außerordentlicher General-Gouverneure beschloffen. Das heißt mit anderen Worten, über ganz Rußland ist der Belagerunnszustand verhängt, so wie es kürzlich im Astrachan'schen Gouvernement anläßlich der Pest unter LoriS Melikoff und 1863 in Polen unter Murawieff der Fall war. Ein solcher General-Gouverneur verfügt über gleiche Rechte wie der Kaiser, er kann über Leben und Tod aburtheilen, ohne eine Menschenseele darum zu fragen, nur ist er später seinem Kaiser Rechenschaft über alles Thun und Lüsten schuldig. Die Maßregeln, die ergriffen werden, sollen außerordentlich scharf sein. In Petersburg nehmeck inzwischen die Verhaftungen riestge Aus­dehnungen an, man zählt heute schon weit über Tausend. Die Unsicherheit ist aber auch im Wachsen begriffen. Solowieff fitzt in der Peterpaulsfestung in einem gepolsterten Zimmer und hat die Zwangsjacke an. Man befürchtet nämluh, daß er sich den Schädel an der Wand einrennen oder sich mit den Zähnen die Pulsadern durchbeißen könnte, daher diese Vorsichtsmaßregeln. Solowieff's Vater hatte früher eine Stellung als Roßarzt bei der geistvollen Großfürstin Helene Paulowna inne, bezog von dieser eine Monatsgage von 10 Rubeln nebst vollkommen freier Station, Licht, Kost, Heizung, Wohnung, für einen Mann dieses Schlages keine schlechte Stellung. Der Sohn Alexan­der, der Mörder, verdankt seine ganze Erziehung lediglich der Großfürstin, die ihn studiren und erziehen ließ, also direct ober indirect dem kaiserlichen Hause. Depeschen und Briese über den Gang der Untersuchung wider Solowieff wer- den nicht mehr durchgelasten. (P6ln. Ztg )

Telegraphische Depeschen.

Wagner'« telegr. «orresponten,. Bureau.

London, 22. April. Die Journale veröffentlichen einen Brief Lord Derby's. worin er erklärt, er wolle sich vorläufig von jeder Partei fernhallen.

Moskau, 22. April. In Folge des Hochwafiers wurde der Bahn, betrieb für Personen und Eilgüter auf der Strecke Moskau - Smolensk und