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Donnerstag den 23 Oktober
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Hießener "Anzeiger
Anzeige- md AmtsdW für den Kreis Gießen
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
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Strapazen des Marsches die erforderliche Widerstandskraft nicht besaßen Darum hat das pi eußische Kriegsministerinm bereits von den General-Commandos sich die Fragen beantworten lassen: 1, Ist eine Verminderung des Gewichts des gepackten Tornisters im Interesse der Leistungsfähigkeit der Infanterie nicht nur wünschenswerth sondern sogar unbedingt erforderlich? 2) In welcher Weise könnte eine solche Gewichts-Verminderung, ohne eine etwaige Mehrbelastung der Truppen-Fahrzeuge erzielt, oder wenn eine solche Verminderung unthunlich erscheinen sollte, eine zweckmäßigere Vertheilung des Gewichts ermöglicht werden? Endlich ist man auf eine Verbesserung des Soldatenmantels bedacht, von dem das Bekannte: „Was thue ich mit dem Mantel, wenn er nicht gerollt ist", gesagt wird. Gerollt liegt er hinten auf dem Tornister, um das Gewicht des Tornisters zu erhöhen. Man hat der „Osn. Ztg" zufolge nun auch daran gedacht, den Soldaten einen besseren Schutz zu gewahren, indem man den Vorschlag machte, dem Mantel einen bis über die Ellenbogen herabfallenden Kragen anzufügen oder aber jedem Soldaten eine mit Guttapercha überzogene Leinwanddecke zu geben, die bei eintretendem Regenwetter umgehängt werden, außerdem auch im Lager, namentlich wenn die Truppen ohne Stroh auf vom Regen durchweichten Boden bwoua- kiren müssen, anderweitige gute Dienste leisten kann. Mit Freuden wird die Mannschaft diese Neuerungen begrüßen, wenn dieselben zur Ausführung gelangen, wenn namentlich der schwere Tornister mit dem gerollten Mantel nicht mehr die Rolle des unvermeidlichen Ballastes spielt, an die sich der ehemalige Infanterist mit einem gewissen Schreck erinnert, besonders wenn ihm in seiner Miutarzeit als kleines Straf- oder Vexirmittel einige Backsteine in den Tornister dann und wann gelegt worden waren. , - „ . r ,
Berlin, 19. October. Die altpreußische Generalsynode hat sich gegen den Fortbildungs-Schulunterricht am Sonntag Vormittag erklärt, welcher Be- schluß durch den Antragsteller dahin erläutert wurde, daß es gelte, „den irreligiösen Jntellectualismus der Fortbildungsschulen zu brechen." Danach soll also nicht blos von dem regelmäßigen Gottesdienst eine Concurrenz abgewehrt, sondern der Bildungsdrang'der Jugend selbst zurückgedrängt und abgestumpft werden. Man setzt einem angeblich einseitigen und übertriebenen Streben nach Verstandsbildung eine äußerliche Gemüthsabrichtung durch sonst nicht ausgesuchte öffentliche Andachten entgegen und fordert für diese die Zwangsgewall des Staates. Insoweit der letztere jetzt durch Herrn v. Puttkamer repräsen- ttrt wird, leider vielleicht nicht ohne allen Grund zur Hoffnung!
Berlin, 20. Octbr. Ein Petersburger Brief der „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Zeitungsmeldungen, wonach der russische Domänenmimster Walujew bald mit einer Mission nach Baden-Baden betraut sei, bald sich in Ltvadta befinden sollte und bestimmt wäre, die Oberleitung der Verwaltung zu übernehmen und an Stelle Gortschakoff's an die Spitze der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten zu treten, für pure Erfindung. Walujew war weder in Baden-Baden, noch war oder ist er in Livadia: derselbe befindet sich einfach auf Urlaub und begab sich über Wien und München nach Ouchy, wo er sich noch befindet und von wo er sich nächste Woche nach Baden-Baden begeben und nach einigem Aufenthalt daselbst nach Petersburg zurück- kehren wird.
Marburg, 18. Octbr. Die „Oberh. Ztg." schreibt: Es ist bekanm, daß allseitig große Anstrengungen gemacht werden, den Bau einer Zweigbahn von der Station Cölbe der Main-Weser-Bahn nach Lasphe endlich zum Abschluß zu bringen. Die bethetltgten Gemeinden haben ihr lebhaftes Jntereffe an dieser Bahn durch unentgeltliche Gewährung des Bahnterrains, sowie durch namhafte Beiträge zu den Baukosten mantfestirt und die Staatsregierung hat sich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß es sich bei den Bestrebungen in der That um ein wirthfchafllich dringend wünschenswerthes Unterneh. men handelt. Die Staatsregierung hat denn auch, wenn wir recht unterrichtet sind, die Bahn unter die Zahl derjenigen Linien ausgenommen, für welche sie von dem Landtage bei dessen bevorstehenden Zusammentritt Bau-Credtte in Anspruch zu nehmen gedenkt. Wie wir hören, treten jedoch neuerlich den be- züglichen Absichten eigenartige Schwierigkeiten entgegen. Die Main-Weser. Bahn steht bekanntlich im Miteigenthum des Großherzogthums Heffen. Durch Vertrag vom 30. Mai 1868 hat Preußen zwar die Verwaltung und den Betrieb auch der hessischen Strecke auf ewige Zetten übertragen erhalten und sich verpflichtet, die gesammte Main-Weser-Bahn durch eine königl. Dtrection einheitlich verwalten und betreiben zu lasten. Dieser Vertrag sieht jedoch für den hessischen Thetl des Anlagekapitals keine feste Rente, sondern nur einen Anthetl an dem jeweiligen Reinerträge im Verhältniß des Kapital-Antheils zu dem gesummten Anlagekapital vor. Preußen ist deshalb in der Bewirthschaf- tung der Matn-Weser-Bahn insofern beschränkt, als der Verwaltung der Bahn, an welcher zudem ein hessisches Mitglied mit einem administrativen Decernat Theil nimmt, nicht noch Obliegenheiten übertragen werden können, welche außerhalb des unmittelbaren Jnterestenkreises der Matn-Weser-Bahn liegen. In Folge desten ist Preußen auch nicht in der Lage, der königl. Direction der Main-Weser-Bahn den Bau und Betrieb einer Zweigbahn Cölbe-Lasphe zu unterstellen. Andererseits ist aber auch das letztere Unternehmen selbstredend zu unbedeutend, als daß dastelbe als ein in sich selbstständiges, mit einer besonderen Verwaltung in's Leben gerufen werden könnte. Eine Lösung dieser Verhältnisse läßt sich nur dadurch gewinnen, daß Preußen den hessischen An- theil an der Main-Weser-Bahn erwirbt, und irren wir nicht, so findet denn auch gerade in diesen Verhältnissen, die sich natürlich bet jeder anderen Ver- anlastnng in ganz ähnlicher Weise geltend machen, der Wunsch der preußischen Regierung seine Begründung, das bisherige Miteigenthum Heffens durch Kapital abzulösen.
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Die politische Lage des Continents.
Die Erklärungen des Lord Salisbury haben nicht allein den Engländern, sondern der gesammten politischen Welt über die eigentliche Bedeutung des deutsch-österreichischen Traktates klaren Wein eingeschenkt. Wer die diplomatische Sprache der englischen Staatsmänner kennt, liest unschwer zwischen den Zellen heraus, daß in der That schriftliche Abmachungen zwischen Deutschland und Oesterreich bestehen und der Inhalt derselben dem englischen Cabimt bekannt ist. Es ließ sich auch annehmen, daß Bismarck und Ändraffy nicht 15 Stunden gebraucht hätten, um sich auszusprechen, daß aber diese lange Conferenzzeit recht wohl erklärlich erscheint, wenn es sich um die sorgfältige und klare Redaciion eines Vertrages gehandelt hat, der nicht allein für Deutschlands und Oesterreichs Zukunft entscheidend ist, sondern als die Grundlage einer neuen und gesunderen europäischen Politik betrachtet werden kann. Wie so manche Btsmarck'sche That ist auch die deutsch - österreichische Allianz von den Zeitgenoffen noch lange nicht genügend gewürdigt; — die Salis- bury'sche Rede hat darum das Verdienst, daß sie die Rückwirkung der Wiener Abmachungen zuerst offen zuqesteht und die Stellungnahme Englands enthüllt.
Nachdem die russische Politik in Wien und Paris Niederlagen erlitten hatte, tauchte eine Zett lang die absurde Idee einer englisch-russtschen Freundschaft auf, als deren Ziel eine gemüihliche Nachbarschaft in Asten durch eine Thetlung Afghanistans und eine Verständigung im Orient hingesteüt wurde, deren Zweck eine Zurückweisung der Ausdehnung der österreichischen Herrschaft war. Es ist wahr, daß die Oesterreicher in Salontchi den Engländern ihres Handels wegen gleich unangenehm wären, als den Ruffen ihrer großrussischen Politik halber, deren Endziel die Erfüllung des Testaments Peters des Großen, das griechische Kreuz auf der Sophten-Moschee von Konstantinopel ist Aber es waren nicht die Traditionen des Krimkrieges allein, welche Eng- land und mit ihm Frankreich sich entscheiden ließen, den russischen Lockungen zu widerstehen. Auch den Franzosen ist die neue mitteleuropäische Allianz um bcauem genug, weil sie jede Revanchepolitik nahezu unmöglich gemacht hat, aber gleich den Engländern schätzen sie sich doch als zu hohe Culturvölker, als daß sie nicht das Unwürdige einer politischen Lage eingesehen hätten, welche die Westmächte in das Schlepptau der russischen Politik genommen hätte Die sympathische Begrüßung, welche nunmehr von England aus der neuen Lage der Dinge auf dem Continent zu Thetl geworden ist, schmettert die letzten Hoffnungen Rußlands darnieder. Die Diplomatie des Czarenrelches bat ein Sedan erlitten, ohne daß ein Schwertstreich geführt ist, und es ist ganz natürlich, daß sich die volle Wuth von Neuem um so mächtiger gegen Deutschland richtet, je ohnmächtiger sie ist.
Jetzt erst kann man von einer vollständigen Jsolirung Rußlands sprechen. Die Folgen einer Einigkeit des gesammten Continents, wo es sich auch um Bekämpfung ehrgeiziger großrussischer Pläne handelt, sind fast unberechenbar. Bor allen Dingen ist die Lösung der orientalischen Frage ungemein vereinfacht, nachdem der russische Einfluß gebrochen ist, und es wird sehr wesentlich u der endlichen Pacificirung deö Orients beitragen, daß bte Energie aller Großmächte strikte den Berliner Vertrag durch den erwählten Execuior Oesterreich ausführen laffen wird. Es ist mit der Schwächung Rußlands den van lavisiischeu Agitationen der Garaus gemacht worden. Ob nunmehr auf diei r Basis Rußland auch zu handelspolitischen Concesstonen wird gezwun- ' werden können, mag die Zukunft zeigen; — vorläufig aber kann mit den wenigen Worten ber großartige Erfolg der deutschen Politik verkündet werden LP hat ganz Europa von d>m russischen
Alpdruck befreit!__
Deutschland.
Berlin. Der Lohn und die Spötteleien in „den Pariser Blättern über die Stiefel-Affaire bei der Kaiserparade bei Königshofen^dürfte A allem
Befferung
zuführen, ließ man, nachdem die Schmerzen für die Mann chaft vorüber warm, auch die Angelegenheit in Vergessenheit gerathen. Jetzt, da die flAtrostscy P N Y Svott ausgegossen, wärmt man die Sache wieder auf und denkt ^ die ^««Ngung von Mißständen aus dem Krieg gegen Oesterreich. Es Eden verschied s ) g gemacht dem abzuhelfen. Wenn die Nachrichten der .»Osn. länaft ein
man au* an Abhülfe weiterer Uebelstände. Der Tornister ist in der Armee langst ein lästiaes mißliebiges Ding, »Affe" genannt. Aber was that das seither, ob s de Mannschaft lästig ist oder nicht! Jetzt erinnert man sich, daß im GFecht, daß mit dem aevackten Tornister auf dem Rücken Berge und Anhöhen zu erstürmen oder große Märsche zu machen, in militärischen Kreisen als eine zu großeAnforderunga Soldaten erachttt wird. Die Erfahrung hat auch in den .diesiahngen Manovern zur Genüge bewiesen daß die Belastung für den Soldaten eine zu große ist. In dem nahen9 Dhenmalbe sind z. B- Soldaten auf den Manövrirmarschen an einem Tag Masse unfähig geworden, welche offenbar in Folge der schweren Belastung g g
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