sten Regierungskreise zugekommen. Nachdem Fürst Krapotkin ermordet, hat sich die Thältgkeit des geheimen Comttös durch neue anonyme Todesdrohungen geoffenbart, welche der Reche nach dem jüngst ernannten Minister des Innern, Malow, dem Generalgouoerneur von Kiew, General Tschertkow, und dem gegenwärti- gen Vorstande der butten Abtheilung der kaiserlichen Kanzlei, Genei ai Baron Drentelen, der bekanntlich erst vor wenigen Monaten zum Nachfolger des er» mordeten Mesenzew ernannt worden ist, zugekommen sind. Besonders kennzeichnend ist das dem Baron Drentelen zugekommene Schreiben des geheimen Comtt6s, worin gesagt wird, daß man wohl wisse, daß Baron Drentelen den Tod nicht fürchte, dafür aber nur eine Leidenschaft aus dieser Erve habe und daß diese seine Tochter sei. Das Comits habe demnach beschlossen, ihn in dieser Tochter zu treffen. Offenbar ist es die Absicht dieser Mörderbande, Schrecken zu verbreiten, und nicht umsonst erscheint das Wort Schrecken in ihrem Manifeste in fetten Typen gedruckt. Gegenüber diesen Erscheinungen muß es geradezu als unerklärlich und unfaßbar bezeichnet werden, daß derlei Drohungen und Morde ungestraft erfolgen können, ohne daß d>e Mörder und das geheime Comtt6 zu entdecken sind. (Polit. Corresp.)
Amerika.
New-N^rk, 19. März. Eine Botschaft des Präsidenten Hayes weist aus die Noihwendigkeit einer außerordentlichen Session des Congreffes zur Annahme von Ereditvorlagen hin.
— Eine Depesche aus Kingston meldet eine zwischen den Dampfern „Bolivar" und „Michel" stattgesundene Coüision. Der letztere Dampfer, ein hayti'sches Fahrzeug, ist gesunken. 60 Personen sind ertrunken.
Telegraphische Depeschen.
Wagner's telegr. Eorrespondenz-Bureau.
SBerlitl, 20. März. Im kaiserlichen Palais findet heute Abend eine musikalische Soir6e statt, zu welcher die Mitglieder der königltchen Familie, die zur kaiserlichen Geburtstagsfeier bereits eingetroffenen Fürstlichkeiten, einige Minister, der französische Botschafter Gras St. Ballier, der französische Botschafter in Petersburg General Chanzy, sämmtliche Militäibevollaiächtigte und andere hochgestellte Personen eingeladen sind. Se. Maj. der Kaiser wird die Soiröe nickt besticken.
Berlin, 20. März Reichstag. Fortsetzung der zweiten Lesung des Reichshaushalts- Etats. Von de« der Budget-Commission zur Vorberathung überwiesenen Capiteln, betreffend die Verwaltung des Reichsheeres, werden die einmaligen Ausgaben für tie preußische Heeresverwaltung nach den Anträgen der Budget-Commission genehmigt, ausgenommen die für den Neubau eines Kascrnements für 5 Compagnien des ersten Garderegiments in Potsdam geforderte erste Rate von 600,000 JL, welche entgegen den auf Abstrich lautenden Anträgen der Budget-Commission vom Hause bewilligt wird. Im weiteren Verlauf der Debatte weist Graf Frankenberg auf die häufige Verwendung amerikanischer Hölzer bei den Bauten der Militärverwaltung hin und beklagt die dadurch verursachte Schädigung der einheimischen Industrie. Kriegsminister v. Kamecke erwidert, die einheimische Industrie werde im Allgemeinen bevorzugt. Wenn ausnahmsweise amerikanisches Holz verwendet sei, so geschah dies wegen den besseren Eigenschaften des amerikanischen Holzes. Der Verbrauch desselben sei übrigens nur ein geringer ; er könne nur versprechen, daß die deutsche Industrie möglichst berücksichtigt werden solle. Richter (Hagen) bekämpft die Ausführungen Frankenberg's und bittet den Kriegsminister, cs bet dem bisherigen Verfahren zu belasten und nur die Meinung der Architekten, nicht das Privatinteresse der Forstbesttzer zu berücksichtigen.
Der Titel, worin die Verlegung der Garnison von Soest nach Detmold festgesetzt war, wird auf Befürwortung v. Bockum-Dolff's nach längerer Discussion gestrichen. Die Summe von 125,000 JL zum Neubau des Kascrnements in Kastel wird entgegen den Commissionsanträgen bewilligt. Der Rest des Etats wird nach den Anträgen der Commission genehmigt. Der Titel des Etats des auswärtigen Amtes bezüglich deutscher Schulen k. im Auslande wird mit dem Antrag der Commission auf demnächstige Erhöhung der Zuschüsse für die zoologische Station in Neapel genehmigt — Nächste Sitzung morgen. Tagesordnung: Antrag v. Scyde- witz, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung, und Antrag Schneegans wegen der Elsaß- Lothringischen Verfastung.
Paris, 20. März. Morgen wird ein Decret unterzeichnet, durch welches wiederum ungefähr 120 Commune-Verurtheiite begnadigt werden, darunter auch Humbert, Melvil und Bloncourt. — Der „Temps" erklärt alle Angaben über vermeintliche Mißhelligkeiten innerhalb des Cabinets und Umgestaltungen deflelben, fowie über eine Unterredung zwischen Gambetta und Grevy für unbegründet.
Wiesbaden, 20. März. Der nassauische Communal-Landtag nahm mit 18 gegen 5 Stimmen den Antrag an, wonach die Regierung ersucht wird, Schutzzölle für Landwirthschast, Weinbau, Viehzucht und Eisen. Industrie kinzusühren.
Bern, 20. März. Der Ständerath beschloß mit 27 gegen 16 Stimmen , den Art. 65 des Bundesverfaffung, welcher die Todesstrafe verbietet, auszuheben, ausgenommen gegenüber politischen Vergehen, bet welchen das Verbot der Todesstrafe fortbestehen soll-
Paris, 20. März, Abends. Die dem Freihandel und der Aufrechterhaltung der Handelsverträge anhängenben Delegirten der Handelskammern beschlossen in einer heute abgehaltenen Versammlung eine Adreffe, welche sie morgen den Ministern Ttrard und Waddington überreichen werden; darin find hauptsächlich nachstehende zwei Forderungen aufgestellt: Aufrechterhaltung der Verträge auf vorläufige Beibehaltung der in den Conventtonal-Tarifen gegenwärtig festgesetzten Zollsätze.
London, 20. März, Abends. Unterhaus. Schatzkanzler Northcote erklärt auf eine Anfrage Montagu's: Er habe keine osficielle Nachricht von einer Bewegung der russischen Truppen in der Region des kasptschen Meeres, aber anderweit davon gehört; die Bestimmung der Truppen sei ihm jedoch nicht bekannt.
Paris, 21. März. Die schwimmende Batterie „Arongandte" (?) kenterte am Mittwoch bet den byerischen Inseln während eines heftigen Windes. Von der 122 Köpfe starken Mannschaft wurden 80 gerettet.
Rom, 20. März, Abends. Das Amtsblatt enthält die Aufforderung zu Sammlungen für Szegedin. — Durch ein im Amtsblatt bekannt gemachtes Decret wird die Quacautäne für Provenienzen ans Cypern aufgehoben und das Einfuhrverbot aus den Häfen deS schwarzen und Asow'schen Meeres auf wenige Wahren beschränkt. — Laut Meldung hiesiger Blätter erklärte die Re- gterung in der Budget-Commission, sie acceptire die Abschaffung der Mohl- steuer; wenn ober ein Deficit daraus resultiren sollte, so würde die Regierung neue Steuern oder die E'höbnng einiaer bestehenden Steuern beantragen.
DaS Schulwesen in Hessen vor dem Richterstuhl der „Deutschen ReichSpost".
(Fortsetzung.)
Mit der Fortbildungsschule ist es g.rade so. Die Kirche bietet ja eine Analogie. Was ist die Kinderlehre anders als ein religiöser Fortbildungsunterricht? Weil die Erfahrung gelehrt hat, daß das in 8 Schuljahren Gelernte allzu rasch wieder vergessen
wird, so sucht man es durch nützliche Verwendung einiger Winterabendstunden, die sonst nutzlos verbracht würden, zu erhalten und zu erweitern. Und das vom Gesetz verlangte Minimum sind 4 wöchentliche Stunden in 4—5 Wintermonaten. Wenn die jungen Leute, die sich vielleicht jetzt noch gegen die Fortbildungsschule aus jugendlichem Unverstand sträuben, einmal älter geworden sind, wann sie sich mit dem Werkzeug, das ihnen die Fortbildungsschule an Wissen und Können mit in's Leben gibt, einmal selbst durchschlagen müssen, dann wird noch mancher dankbar daran denken, daß man ihn seinerzeit gezwungen hat, einige Winterabendstunden seiner geistigen Weiterbildung zu widmen.
Daß sich der Einführung in erster Zeit manche Schwierigkeiten entgegengestellt haben, ist richtig. Dieselben lagen nicht blos in der Renitenz der Verpflichteten, sondern sehr häufig in dem Mangel an gutem Willen und Energie auf Seiten Derjenigen, welche die neue Einrichtung ein- und durchzuführen hatten. Wo mit gutem Willen, Ernst und Eifer an das Werk gegangen und namentlich auch den Verpflichteten gegenüber verständige Belehrung angeordnet wurde, ging die Einführung und Einbürgerung der Fortbildungsschule ohne erhebliche Schwierigkeiten und rasch von Statten. Die Mittheilungen über Zuchtlosigkeit und Rohheit der Fortbildungsschüler sind arg übertrieben worden; und dann bedenke man doch auch, was in dieser Beziehung manchmal an höheren Schulen vorkommt. Die Ausschreitungen aber, die wirklich vorgekommen sind, sprechen ja in der deutlichsten Weise gerade dafür, daß der unvermittelte Uebergang aus den Schulen in's Leben für vierzehnjährige Jungen nicht taugt, daß sie eine theilweise Weiterführung der Schulzucht aus rem erziehlichen Gründen recht wohl brauchen können. Alle Welt schreit über Zuchtlosigkeit und Verwilderung unserer Jugend und bie Partei der „Reichspost" um allerlautesten. So nehme man doch dieses Mittel, das die Autorität der Schule noch einige Jahre weiter führt, einmal dauernd in Gebrauch. In einiger Zeit wird sich der Erfolg schon zeigen. Unerwähnt darf hier nicht bleiben, daß die meisten Zuchtlosigkeiten von Schülern m die erste Zeit der Einführung der Fortbildungsschule fallen, also von Schülern verübt wurden, die vor der „neuen Aera" die Volksschule besucht hatten.
Der Herr Correspondent der „Reichspost" wendet sich mit besonderem Eifer gegen die Verfassungskunde in den Fortbildungsschulen- Die Einführung dieses Gegenstandes ist einfach eine Folge unserer Verwaltungsgesetze und aufrichtig zu begrüßen. Der junge Mensch, der eben die Fortbildungsschule besucht, soll in ein paar Jahren mitwirken bei den Angelegenheiten der Gemeinde und des Kreises, er soll seine Stimme abgeben für Landtag und Reichstag- Soll man ihm nicht einen ungefähren Begriff geben von diesen Dingen, die er täglich nennen hört? Wenn man das nicht will, so mag man lieber gleich der ganzen Selbstverwaltung den Stab brechen, die nicht eher zur Wahrheit werden wird, als bis die große Maße des Volkes von den Einrichtungen und Gesetzen unseres Reichs und engeren Vaterlandes mehr Kenntniß und Verftändniß bekommt.
Die Kritik der „Reichspost" wird am abfälligsten, wo es sich um die Organisation der Schulbehörden handelt. Namentlich das Institut der Kreisschulinspectoren erfährt eine vollständige Verurtheilung. Entspricht dieses Institut einem Bedürfniß? Ohne Frage. Jeder öffentliche Bedienstete, vom letzten Polizeidiener bis zum obersten Ministerialbeamter!, braucht eine Aufsicht, eine controlirenbc Behörde, also der Lehrer auch. Aber war eine Aussicht nicht auch früher da? — Gewiß, durch die Pfarrer! Die Pfarrer haben auch jetzt noch an den meisten Orten die Localaufsicht und sehr viele haben sich bei dec Neugestaltung der Verhältnisse energisch und erfolgreich beteiligt. Aber der Kreisschulinspector ist nach den neueren Verhältnissen nicht zu entbehren. Sehr viele von den früheren geistlichen Inspektoren sind mit den Dingen, die jetzt in der Volksschule gelehrt werden, selbst nicht vertraut, und ohne das läßt sich doch ein Aufsichtsamt nicht wohl führen- So gut ein Gymnasiallehrer verlangen kann, daß der seine (Haffe visitirende Schulrath tüchtig Latein und Griechisch versteht, so gut muß der Volksschullehrer verlangen können, daß sein Jnspicient alle Lehrgegenstände der Volksschule beherrscht. Und gerade aus den Lehrerkreisen ist denn auch der Ruf nach einem fachmännischen Jnspector am lautesten ertönt. Auch der Staat bat an dem Institut das größte Interesse. Sobald der Staat den Volksschulunterricht selbstständig in die Hand nimmt, muß er auch für Organe sorgen, die, blos von ihm abhängig, seine Interessen und die Interessen der Schule am besten zu vertreten geeignet sind.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— Das „Neue Pesther Journal" meldet aus Szegedin vom 16. d. Mts: In N eu- Szegedin spielten sich heute und gestern die buntesten und erschütterndsten Scenen ab. Das dortige Stuhlrichteramt, in welchem der Stuhlrichter, die Szegebiner Behörde, die Geistlichen und eine Abtheilung des Mtlitärcommandos Tag und Nacht in einem engen Stübchen amriren, ist fortwährend von Tausenden von Flüchtlingen umlagert die gruppenweise eingelassen werden und ihre Rationen Brod und Speck in Empfang nehmen. Manche der Unglücklichen, vor wenigen Tagen noch Besitzer von Haus und Hof, nehmen schluchzend die Gabe in Empfang um nicht zu verhungern. Die Thüre bleibt kaum eine Sekunde geschloffen. Hier wird Recht gesprochen, werben Häftlinge verhört, Flüchtlinge befördert, ©eburtb und Todesfälle immatri- kulirt. Da kommt eine abgehärmte Mutter, ihr Kind auf dem Arme, und theilt unter herzzerreißendem Jammern mit, daß sie unter den exponirten Leichen ihren Gatten agnoscirt habe; ein Pandur bringt einen Fuhrmann, der von den Flüchtlingen Geld erpreßt; ein alte- Mütterchen ruft den Pfarrer zur Taufe ihres Enkels, Oberfiskal Novak übernimmt hierbei die Pathcnstelle — die wievielte seit dem Eintritt der Katastrophe, weiß er selbst nicht; kaum zurückgekehrt, muß der Pfarrer auf den Friedhof eilen, wo wieder ein Dutzend Leichen beerdigt wird. In der engen Kapelle liegen die unglücklichen Opfer maffenweise; Hunderte treten ein, um ihre vermißten Familienglieder da zu suchen; draußen stehen Särge in Bereitschaft. Bemittelte beschaffen für die von ihnen agnoscirtcn Verwandten einen Sarg und erhalten Ein;eln- gräber; Unbekannnte kommen in ein Massengrab. Dieses entsetzliche Bild wiederholt sich mehrmals im Tage in Neu-Szegedin und Szöregh, denn immer werden neue Opfer unter den Trümmern hervorgezogen. Im Kotter des Stuhlrichteramts befinden sich zwölf verlotterte Individuen, welche inmitten des allgemeinen Elends nickt vor Verbrechen zurückschrcckten. Aus der Landstraße sind von den Nackbargemeinden beigestelltc Wagen zur Weiterbeförderung der Flüchtlinge ausgefabren.
Hrifchbäcker in Gießen.
Sonntag den 23. März. Daniel Rühl, am Rathbaus. Emil Tauer, Seltersweq. Martin Lenz, am Marktplatz.
Kirchliche Anzeigen
der evangelischenGemeinde zuGicßen.
Gottesdienst:
Sonntag den 23. März:
Morgens: Pfarrer Dr. Seel.
Nachmittags: Pfarrer Schlosser.
PassionSgotteSdienst in der Hospitalkirche.
Mittwock ben 26 März:
Abends 6 Ubr: Gymnasiallehrer Stamm.
Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 23. bis 29. Mär; besorgt Pfarrvicar Schöner.
Für Szegedin
gingen weiter ein: von Dr. Kübel .AL 3 O S. 3. H. H. 3 2D JL 2. Justizrath Ouvrier JL 10. W. und A. G. JL 5 Dr. ® JL 3. 2. JL 1.50. S. F. .AL 1. Frl. v. Harthausen JL 5. A. Z. in Lollar JL 5. Postdireetor Lockmann JL 5. Pfarrer Dr. Seel 5. Wilh. Löber JL 10. Summa 61 JL 50
Um weitere Gaben bittet dringend
Die Expedition deS Gießener Anzeiger-.


