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22V Zweites Blatt. Sonntag den 21. September 187V.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag-.
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äßantrag enthalten seien.
Der Compromißantrag der Zehner-Commission lautete:
1) Der Congreß der deutschen Thierschutzvereine als solcher erklärt sich zwar bezüglich der Entscheidung der Frage über die Nothwendigkett der Vivisection für die Wissenschaft für incompetent. hat aber mit dem tiefsten Bedauern von den Ausschreitungen Akt genommen, welche nach der Versicherung glaubwürdiger Personen bei den Vivisectionen vorgekommen sind, und richtet an den hohen Bundesrath und den Reichstag die dringende Petition:
Die Vivisectionsfrage einer gesetzlichen Regelung entgegen zu führen und, so lange dieses Studium von der Wissenschaft für unentbehrlich erklärt werden sollte, in jeder Richtung dafür zu sorgen, daß Ausschreitungen
In erfreulicher Rüstigkeit und Frische hat der Kaiser nach den Manöver» bet Königsberg und Danzig die Reise nach Stettin angetreten, wo er eine gleich herzliche Aufnahme sand, wie in den beiden altpreußtschen Hauptstädten. Von allen festlichen Veranstaltungen trug die feenhafte bengalische Beleuchtung der Oderuser den Preis davon. Der Kaiser wohnte in Stettin dem Stapel- lause der neuen Panzercorvette „Stein" bet, an der er selbst die Taufe vollzog, und traf, nach beendeten Mavövern, am 16. d. mit dem Kronprinzen und dem übrigen hohen Gefolge wieder in Berlin ein, um schon Tags darauf die Weiterreise nach Elsaß-Lothrtngen anzutreten. An den dort bevorstehenden Manöver» werden auch die Kriegsmtntster Bayerns, Sachsens und Württem- bergs theilnehmen. — Unser Ostsee-Geschwader hat seine diesjährigen Hebungen beendet und ist nach Kiel zurückgekehrt. Dort werden die Schiffe außer Dienst gestellt, um im großen Bassin zu Ellerbeck ihren Winterschlaf zu halten. — Das Berliner Obertribunal, der höchste Gerichtshof Preußens, hat sich nach 200jährigem Bestehen aufgelöst und am 16. d. seinen feierlichen Schlußakt gehalten. — Am gleichen Tage ist im Deutschen Reichsanzeiger die königliche Verordnung erschienen, welches die Auflösung des preuß. Hauses der Abgeordneten verfügt. Für die Wahlmännerwahl wurde der 30. Septbr., für die Abgeordnetenwahl der 7.Octbr. festgesetzt. Ueberall sind die Wahlagitationen im vollen Gange und ganz besonders rührig zeigen sich die Liberalen. Bei den Ergänzungswahlen in den sächsischen Landtag verlor die Fortschrittspartei fünf Sitze, darunter zwei an die Socialdemokraten, die nun durch drei Abgeordnete in der sächsischen zweiten Kammer vertreten sein werden. Im Großherzogthum Baden haben sich bet der Wahlmännerwahl zu Constanz die Conservattven und Ultramontanen gänzlich auSgeschloffen und den Liberalen das Feld allein überlasten. — Der Münchener Magistrat beschäftigt sich bereits mit den Vorbereitungen zur Feier des 700jährigen Regierungs-Jubiläums des Wittelsbacher Hauses, welche am 16. September nächsten Jahres stattfindet, und beschloß die Niedersetzung einer Fest- commisfion. — Während der deutsche Kronprinz an der Seite seines Vaters den Manövern beiwohnt, verweilt die Kronprinzessin in dem steiermärkischen Römerbade. Sie sucht dort Heilung von einem Nervenleiden und gedenkt später in einem Seebade bei Genua mit ihrrem Gemahle zusammenzutreffen. — Der Einladung des österreichischen Kaisers folgend, ist der König von Sachsen nach Wien gereist, um sich von dort zu den kaiserlichen Hofjagden nach Steiermark zu begeben. — Dem Wunderschwindel in Wistek im Posenffchen, wo ein Mädchen auf einem Strohschober Muttergottes-Erschei- nungen gehabt haben will, wurde durch die Polizei ein Ende gemacht. Beim Verbringen des Strohes aus dem Schober nach dem Gehöfte des Besitzers fand man als Quelle des wunderthätigen Masters, welches Tausende von Leichtgläubigen angelockt hatte, eine höchst prosaische, unter dem Stroh versteckte Flasche. Für die sichere Unterbringung des Wunderkindes, welches bei der Sache die Hand im Spiele hatte, trug die Behörde Sorge. — Die Oesterreicher sind von der Herzegowina aus in zwei Colonnen in das Sandschak von Novibazar eingerückt und haben Plevlje (Taschlitza) und Prie- polje besetzt, ohne aus Widerstand zu stoßen. Nur in Plevlje, bekannt als der Heerd von Agitationen, bereitete ihnen der Commandant der dort verbliebenen türkischen Garnison einige Schwierigkeiten; er erklärte, zur Räumung des Ortes keine Vollmachten von Konstantinopel zu haben und verweigerte die Zurückziehung seiner Truppen von einer die Stadt beherrschenden Anhöhe. Die Letztere wurde trotzdem von zwei österreichischen Bataillonen besetzt, welche sich friedlich neben den Zeltlagern der Türken postirten. — Rußland hat Oesterreich, aus besten Machterweiterung auf der Balkan-Halbinsel es mit scheelem Auge blickt, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Wiener Regierung stand eben im Begriff, mit Serbien eine Eisenbahn-Convention abzuschUeßen, die dem österreichischen Handel den Weg nach Salonichi öffnet. Bereits war die Zustimmung des Fürsten Milan in Aussicht gestellt, als die Unterhandlungen plötzlich in's Stocken geriethen, woraus man wohl nicht mit Unrecht schließt, daß russischer Einfluß den Fürsten noch in der letzten Stunde bewogen hat, die Concession nicht zu genehmigen. — In Bern tagte der Congreß für Sonntagshetligung, der von 225 Delegirten aus fast allen europäischen Staaten besucht war und sich namentlich für eine Beschränkung des Eisenbahndienstes an Sonntagen entschied. — An einer in Luzern abgehaltenen Generalversammlung der Gotthardbahngesellschaft wurde die Ausführung der MondCenere-Linie und die Verpfändung derselben gegen eine Anleihe von 6 Millionen Franken beschloffen. — Ein dritter Transport französischer Communisten landete in Port-Vendres und trat dann die Weiterreise nach Paris an, wo unter den üblichen Hochrusen auf die Republik die Rückkehr der Verbannnten durch Geldspenden, Bewirthung und Ansprache gefeiert wurde. — Trotz aller Agitationen für die Helden der Pariser Commune ist in Bordeaux der radikale Blanqu t bei der Stichwahl gegen eine» Republikaner unterlegen. — Jn Aides, in Ostrumelien, kam es zwischen der bulgarischen Bevölkerung und den zurückkehrenden moha- medanischen Flüchtlingen zu blutigen Zusammenstößen, wobei 16 Gensd'armen getödtet wurden. Verschiedene Botschafter haben deshalb bereits die türkische
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völlig vermieden werden.
2) Insbesondere hält der Congreß folgende Punkte im Allgemeinen besonderer Berücksichtigung bedürftig: „ .
Die Vivisectionen sind auf das möglichst geringste Maß zu beschranken, soweit dies ohne erhebliche Schädigung der Wissenschaft möglich ist; ganz unstatthaft sind Vivisectionen in den Fällen, wo todtes Material zur Erreichung des Zweckes ausreicht. , . r . „
In allen Fällen, wo es den Zwecken des Versuchs nicht widerstreitet, müssen Betäubungs- und dürfen nur höchst ausnahmsweise Lähmungsmittel angewendet werden; sobald der wissenschaftliche Zweck des Experimentes erreicht ist, ist das Thier sofort zu tobten und nicht zu weiteren Versuchen aufzubewahren, es sei denn, daß der Schmerz nach Schluß des Experiments bei dem Versuchsthiere aufhört.
Die Vivisectionen als Lehrmittel und als Illustrationen bei Vorlesungen, als Hülfsmittel beim Studium, in Fällen, wo die Fragen der Forschung bereits festgestellt sind und als Mittel zur Befriedigung der Neugier sind
Regierung interpellirt, der man die Schuld an diesen Vorgängen beimeffen toiD. — Jakub Khan, der Emir von Afghanistan, hat endlich, nachdem man über sein Schicksal eine Zeit lang im Ungewiffen schwebte, em Lebenszeichen von sich gegeben und in einem Schreiben an den Vicekönig von Indien seine freundschaftlichen Gesinnungen betheuert. Trotzdem beschuldigt man ihn des Ginverständnisies mit den Aufständischen, welche die englische Gesandtschaft ermordeten. Ein starkes Heer soll in Kabul zusammengezogen sein, um bie afghanische Hauptstadt gegen die Engländer zu vertheidigen. Während gegen die Letzteren die afghanischen Priester den „heiligen Krieg" predigen, trifft General Roberts Vorbereitungen zum Vormarsch. Zur Verstärkung seiner Streitkräfte ist bereits ein Truppentransport von England abgegangen. — Im Zululande sind die Engländer hart hinter dem Könige Cetewayo her, welcher von Kraal zu Kraal verfolgt und nach neueste» Nachrichten gefangen genommen wurde. — Wieder hat der Tod einige Name» von Bedeutung aus der Liste der Lebenden gestrichen. In Freiberg in Sachsen starb dieser Tage der ausgezeichnete Mineraloge Bernhard von Cotta, Prv- seffor an der dortigen Bergakademie, in Paris der berühmteste französische Opernsänger Roger, der auch in Deutschland auf seinen früheren Gastspielreisen Triumphe feierte; eine hochgeachtete politische Persönlichkeit Oesterreichs, Paul Rainer, ehemaliger Minister des Innern, nahm sich in Folge von Krankheit selbst das Leben.
Der I. deutsche Thierschutz-Congreß zu Gotha.
(Fortsetzung und Schluß..)
Correferevt Dr. Schaefer hält die Vivisection im Interesse der Wissenschaft und Heilkunde für notwendig, weil noch nicht entbehrlich; er constattrte, daß durch dieselbe wesentliche Vortheile für die Wissenschaft zum Wohle der Menschheit, rote der Thierwelt erreicht worden seien. Allerdings bedaure er, daß man nöthig habe, zur wissenschaftlichen Forschung solche Wege einschlagen zu müssen, und würde sich freuen, wenn dies ohne Nachtheile geändert werden könne: so lange dies nicht möglich, müsse er sich leider für die Vivisectionen aussprechen. Redner erkannte jedoch an, daß man bei Vornahme von Vivisectionen in vieler Beziehung zu weit gegangen sei und Ausschreitungen vorkämen, denen die Vereine wie allen bei Thierbenutzung vorkommenden unnöthigen und frivolen Quälereien auf das Entschiedenste entgegentteten müßten. Auf die Stellung besonderer Anträge verzichtet auch er, da ja seine Anträge in dem Com-
jedenfalls zu verbieten. , „ £, t
Bei der sehr lebhaften, aber der Sache durchaus würdigen und obiectwen Debatte ergriff zuerst Professor Dr. Zürn-Leipzig das Wort und vertheidigte die Vivisection gegen die ihr gemachten Vorwürfe; auch er bedauert, daß man die Vivisectionen noch nicht entbehren könne, und wünschte, daß der Congreß diese Nothwendigkett anerkennen möge, indem er die sog. Crefelder Beschlüsse des rheinisch-westphaliichen Thierschutzverbandes dem Congreß zur Annahme in folgender Form empfiehlt:
1) Die Nothwendigkett und Berechtigung der Vivisection muß tm Interesse der Wissenschaft und der Menscbenheilkunde anerkannt werden.
2) Dieselben sollen auf das nothwendigste Maß beschrankt werden, namentlich sind sie unstatthaft, wo todtes Material zur Erreichung des Zweckes genügt.
3) In allen Fällen, wo es nicht den Zwecken der Operationen widerstreitet, sollen Betäubungs- und nicht blos Lähmungsmittel angewendet werden.
4) Sobald der wissenschaftliche Zweck des Experiments erreicht ist, darf das Thier, wenn der Schmerz nach demselben fortdauert, zu fernem weiteren Experimente aufbewahrt, sondern muß sofort getödtet werden.
5) Die Vivisectionen sollen unter staatliche Controle gestellt sein.
Advocat Schanz-Dresden vertheidigte dementgegen in längerer Rede den Com- vromißantrag, indem er darauf hinwies, daß derselbe wohl von allen acceptirt werden könne; er selbst sei principieller Gegner der Vivisection, aber auch er nähme den An- ttaa an. da er einsehe, daß im Augenblick nicht mehr erreicht werden könne. Nachdem sich noch v Seefeld-Hannover, "Vertreter des Vogelschutz- und G-flüg-Izuchtver-inS in Papenburg, in allgemeinen Redensarten gegen die Vivisection unter auffallender Unruhe der Versammlung ausgesprochen und namentlich empfohlen Hatte, sich mehr mtt Homöopathie und Naturheilmethode zu beschäftigen bei deren section überflüssig sei, erklärte sich noch Dr. Schwaab-Cafiel für die Vermittelungs- Anträge der Zehner-Commission.


