Berlin. Wie die „Kreuz-Ztg." meldet, hat der Präsident v. Seydewitz unter dem 17. d. Mts. an die Mitglieder des Reichstages, welche bei der namentlichen Abstimmung am 16. d. Mts. gefehlt haben, ohne beurlaubt oder entschuldigt zu fern, nachstehendes Schreiben erlassen:
Bei der in der gestrigen Plenarsitzung erfolgten namentlichen Abstimmung hat sich die Abwesenheit von mehr denn hundert Abgeordneten ergeben, welche weder Urlaub erhalten noch sich entschuldigt haben. Die große Wichtigkeit der Vorlagen, die gegenwärtig den Reichstag beschäftigen, macht es besonders wünschenswerth, daß die Mitglieder des Reichstages so zahlreich als irgend möglich an den Beratungen theilnehmen, und es ist deshalb in der heutigen Sitzung die Anregung gegeben worden, dahin zu wirken, daß die ohne Urlaub und Entschuldigung fehlenden Herren ihren Sitz im Reichstage schleunigst wie. der etnnehmen. Demzufolge beehre ich mich, Ew. . . ganz ergebenst zu ersuchen, sich zu den Berathungen gefälligst recht bald wieder einfinden zu wollen, even- tuell nur in den allerdringendsten Fällen von einem Urlaubsgesuch Gebrauch machen zu wollen.
Berlin, 18. Juni. Die Budget-Commission des Reichstags beantragte in Folge einer Petition beim Plenum zur Vollendung des Denkmals auf dem Niederwald den einmaligen Betrag von 400,000 Mk. zu bewilligen und nahm ferner den Nachtragsetat, betr. die Umwandlung der vormaligen Decker'schen Hofbuchdruckerei in die Retchsdruckerei, an.
— Der Reichskanzler publictrt eine kaiserliche Verordnung vom 14. d., wonach unter Aushebung der bezüglichen Verordnung vom 2. Februar 1879 jeder aus Rußland kommende Reisende sich durch einen von der deutschen Bot- fchast in Petersburg oder von einer deutschen Consularbehörde in Rußland vistrten Paß auswetsen und solchen beim Eintritt über die Reichsgrenze behufs Gestattung der Weiterreise der diesieitigen Grenzbehörde vorlegen muß.
Berlin, 18. Juni. Die Tabaksstcuer-Commisston hat heute die erste Lesung des Entwurfs beendet. Es wurden am Schluß derselben alle auf die Nachsteuer bezüglichen Anträge abgelehnt. Zuerst ein Antrag Richter.Hagen aus Streichung der Rohtabake; dann ein Antrag Buhl, der die Nachsteuer nur auf Rohtabak beschränken und eine Trennung von inländischen und ausländischen Tabaken wollte; endlich auch § 1 des Gesetzes und damit das ganze Gesetz bezüglich dec Nachsteuer mit 20 gegen 8 Stimmen. Bei der voraussichtlich morgen schon beginnenden zweiten Lesung der Vorlage ist die völlige Verwerfung der Nachsteuer doch fraglich und ihre Annahme, wenn auch mit sehr wesentlichen Aenderungen, nicht unwahrscheinlich.
Schweiz.
Bern, 18. Juni. Die Ratificationen des zwischen Deutschland, der Schweiz und Italien am 12. März 1878 abgeschlossenen Nachtragsvertrages zu dem Vertrage vom 15. October 1869 bezüglich des Baues und Betriebs der Gotthardbahn wurden gestern ausgewechselt.
England.
London, 19. Juni. Das „Reuter'sche Bureau" meldet aus Alexan- drien vom 18. d., der französische Consul habe sich nach Kairo in das Palais oes Khedive begeben, um daselbst die Mittheilung zu machen, daß die sranzö- sische Regierung die Absetzung des Khedive verlange.
Amerika.
New-Nork, 17. Juni. Ueber das Seetreffen von Jqutque liegen endlich ausführlichere Nachrichten, und zwar aus peruanischer Quelle, vor, dattrt Lima, 27. Mai. Danach forderte das gepanzerte peruanische Thurm- schiff „Huascar" die arg zerschoffene „Esmeralda" zur Uebergabe auf, erhielt aber eine volle Breitseite, woraus der „Huascar" die „Esmeralda" rammte. Das Schiff sank sofort, und von 150 Mann Besatzung konnten nur 40 gerettet werden. Der chilenische Capitän Thomas sprang mit einer Handvoll Leute aus das Deck des peruanischen Schiffes und fiel dort im Kampfe. Währenddeffen hatte die Panzersregatte „Jndependencta" das Kanonenboot „Covadonga" längs der Küste gejagt, blieb aber dabei auf einem Felsen sitzen. Nachdem die Mannschaft in Sicherheit gebracht worden war (die ersten Nachrichten ließen diesen Punkt in Zweifel), verbrannte man das Schiff, um es nicht den Chilenen in die Hände fallen zu lasten. Die „Covadonga" entkam, und der „Huascar" dampfte nach Pisagva ab. Präsident Pardo von Peru ist nach Arica abgereist, um den Oberbefehl über die dort stehenden 6000 Bolivier und 9000 Peruaner zu übernehmen. 6000 Mann peruanischer Truppen sollen in Lima bleiben.
— Am 29. Mai, Nachts, wurde im Staate Costarica ein heftiges Erdbeben verspürt, das den Einsturz der Kathedrale von San Josä zur Folge datte._________________
Telegraphische Depeschen.
Wagner'- telegr. «srrespoudeur-vure«».
Berlin, 19. Juni. Der Kaiser conferirte gestern längere Zeit mit dem Fürsten Bismarck und empfing heule den neuernannten Gesandten der Vereinigten Staaten, White, zur Ueberreichung seines Beglaubigungs-Schreibens in feierlicher Audienz. Der Gesandte wurde hierauf auch bet der Kaiserin eingefübrt.
— Die Kaiserin ist heute Abend 8 Uhr über Weimar nach Coblenz ab- aereist. Der Kronprinz gab ihr bis zum Anhalter Bahnhof das Geleit.
Berlin, 19. Juni Reichstag. Zuvörderst wird die Interpellation Delbrück, ob die Regierung eine Abänderung der Münzgcsetzgebung beabsichtigt, zur Verlesung gebracht. Der Präsident richtet an die Reichsrcgievung die Frage, ob und wann dieselbe zur Beantwortung bereit sei. Fürst Bismarck, der schon vor Beginn der Sitzung anwesend ist, erklärt sich zur sosortigen Beantwortung bereit.
Delbrück motivirt die Interpellation mit Hinweis aus die Nothwendigkeit, daß die Sachlage klargestellt werde, da Besorgnisse gerechtfertigt seien, daß die Regierung geneigt sei, das jetzige Münzsystem aufzugeben. Redner bezieht sich auf die Verhandlungen des englischen Parlamentes, in welchen vor aller Welt die Frage, ob eine Aenderung des Münzgesetzes durch die Regierung beabsichtigt werde, als offene behandelt worden sei. Redner theilt die Befürchtung nicht, daß die Regierung das Münz- snstem ändern wolle, wünsche auch durch die Discussion nicht die Finanzoperationen der Regierung zu kennen oder zu erschweren, allein da die Sache vor Europa öffentlich verhandelt worden, so sei cs für den internationalen Verkehr Deutschlands von größtem Werthe daß man auf diesem Gebiete von Seiten der Regierung der Unsicherheit ent- aeaentr'ete welche durch die gedachten Gerüchte ent,landen. — Fürst Bismarck erklärt: ^st die Interpellation auch an die Regierung gerichtet, so bin ick doch über die Adresse, an welche sie geht zweifellos. Ich weiß nicht, wie die verbündeten Regierungen über die Frage denken- Ich für meine Person halte es nicht für nützlich, daß wir uns über eine so wichtige, weittragende Frage ohne jeden Anlaß akademisch aussprechen. Die Interpellanten scheinen selbst diesen Antrag zu theilen. Ich halte die Interpella
tion nicht für wohl überlegt. Was für die Zeitungen Interesse hat, liegt oft der Regierung fern. Wen» nun ein Name von der Bedeutung des Herrn Interpellanten an der Spitze dieser Interpellation steht, geben Sie da nicht den Zeitungsgerüchtm Nachdruck? Ueber die geschäftliche Lage kann ich versichern, daß weder im Bundesrathe noch im preußischen Ministerium irgendwie die Frage in Anregung gekommen ist, ob die Münzgesetzgebung geändert werden soll, daß kein Antrag, keine Anregung der Art vorgekommen ist. Das Einzige, was wirklich geschehen ist, beschränkt sich auf die aus ganz praktischen Gründen gegebene Weisung, die Silberverkäufc zu sistiren, da die Preise jetzt herabgedrückt seien, und auf bessere zu warten. Daß ich in dieser Session nicht irgend welche weitere Schritte in dieser Richtung hätte thun wollen, werden sie begreifen. Daß Finanzmänner an diesen Vorgang alle möglichen Kombinationen knüpfen, ist selbstverständlich. Es haben sich nun wohl einige Financiers dem englischen Botschafter Lord Russell gegenüber so gerirt, als ob sie mehr wüßten, als die Reichsregierung und der Botschafter hat dies pflichtgemäß nach Hause berichtet. Ich kann nicht finden, daß die Situation der Regierung durch die Interpellation erleichtert worden ist, aber ich hätte gewünscht, sie wäre unterblieben oder ich wäre gefragt worden, was ich wohl antworten würde, wie dies ja leicht möglich war. Ein Zweifel an der Stetigkeit unserer Gesetzgebung ist durchaus unberechtigt. Ich habe mit keiner Regierung, ja auch nicht mit dem preußischen Finanzminister darüber verhandelt. Daraus können Sie ersehen, daß an eine Aenderung der Gesetzgebung nicht gedacht worden ist. Unter solchen Umständen würde ich es für wenig angezeigt halten, wenn Sie in eine weitere Besprechung der Frage einträten. Ich muß das Ihnen überlassen, zunächst jedoch für meinen Commissar, den Herrn Bankpräsidenten, das Wort erbitten, um Ihnen eine Darlegung über den Stand der Silberoerkäufe zu geben.
Reichsbankpräsident v. Dechend beleuchtete das anhaltende Sinken der Silberpreise, wodurch man bereits im Ganzen 92 Vz Millionen bei den Silberverkäufen verlor, indem Silb r neuerdings um 211/ioP@t gesunken sei. Wollte man Silber jetzt weiter ununterbrochen verkaufen, so würde man bet den jetzigen Preisen noch weitere 96 bis 100 AMionen verlieren. Vor solchen Verlusten müßte man doch erschrecken und vorsichtiger bei Verkäufen verfahren. Bei Einführung der Münzreform habe Niemand an einen so kolossalen Rückgang der Silberpreise gedacht. Jetzt müsse auch jeder Anhänger der Münzreform mit der Sistirung der Silberverkäufe einverstanden sein. Sistirungen der Verkäufe wären auch ohne dies durch den Rücktritt des bisherigen größten Silberkäufers Oesterreich-Ungarns, vom Markt geboten. Unter den coursirenden Thalern leide man andererseits in keiner Weise und könne mit dem Verkauf wohl noch einige Jahre warten. Man möge es deshalb bei den getroffenen Maßregeln lassen! (Beifall).
Aus Antrag Bambergers erfolgt eine Besprechung der Interpellation. — Bamberger rechtfertigt die Interpellation gegen den Vorwurf der Unüberlegtheit, welcher tbatsächlich durchaus unbegründet sei. Er unterhandelte schon vor 3 Monaten mit dem Präsidenten des Rcichskanzleramts über die Frage, erhielt aber keine sichere Auskunft. Daraus sei in officiösen Blättern aus die Nothwendigkeit der Rückkehr zu den früheren Verhältnissen im Münzwesen hingewiesen worden; dennoch hätten erst die Vorgänge in England ihn zur Stellung der Interpellation veranlaßt. Uebrigens sei Delbrück beauftragt worden, dem Reichskanzleramts-Präsidenten initzutheilcn, daß die Interpellation beabsichtigt sei. Darauf wäre die Antwort erfolgt, die Interpellation sei nicht willkommen, aber man werde sie beantworten. Erst da habe der Redner mit seinen Freunden beschlossen, die Interpellation zu stellen. Somit sei durchaus loyal verfahren worden. Außer dem englischen Botschafter gäbe es in Berlin auch einen englischen Generalkonsul und es müßte doch angenommen werden, daß der Botschafter sich auf den Bericht dieses Generalkonsuls gestützt habe, zumal derselbe Mitglied des Bankausschusses sei. Redner habe nur die Beweggründe zur Stellung der Interpellation erläutern wollen, nicht aber sei ihm und seinen Freunden eingefallen, sich in die Angelegenheit der Silberverkäufe einzumischen. Das fei eine reine Frage der Executive, welche kein Parlamentsmitglied etwas angehe, obwohl er, Redner, früher stets auf einen schnellen Verkauf des Silbers gedrungen habe. Jedenfalls wäre die Thatsache, daß Deutschland eine Aenderung seiner Münzgesehgebung wollte, von so großer Bedeutung, daß eine Klarstellung wünschenswert^ gewesen sei. Redner wünscht nur Auskunft darüber, ob über die Silberverkäufe in der nächsten Session Maßregeln geplant würden.
Fürst Bismarck bemerkt, die Rede Bambergers sei nicht motivirt, da die Regte- rung keinen Antrag auf Einführung der Silberwahrung aestellt habe. „Ich habe nur gewünscht, daß man sich vorher mit mir darüber verständigt hätte, wie ich die Interpellation beantworten sollte. Ich habe darin eine Demonstration im Sinne der Opposition gegen den Tarif erblickt. Hätte mich der Interpellant privatim gefragt, so hätte ich mich unumwundener aussprechen können, als ich es vor der Oeffentlichkeit thun konnte" Die Hereinziehung des Mitgliedes des Bankausschusses Bleichröder in die Debatte habe ihn peinlich berührt. Wenn die Interpellation auf das Publikum beruhigend habe wirken wollen, so sei dieser Zweck nicht erreicht. — Bankpräsident Dechend constatirt, v. Bleichröder sei als Mitglied des Centralausschusses der Bank nicht von den Absichten der Reichsregierung unterrichtet v Kardorff dankt der Regierung für /bie Sistirung der Silberverkäufe, die großen Schaden verhütet habe. — Delbrück constatirt, er habe zu wissen gewünscht, ob die Interpellation vermieden werden solle und habe sich nicht direct an den Reichskanzler gewendet, da dessen Zeit, wie er wußte, zu sehr in Anspruch genommen sei. Ein Schlußantrag wird abgelehnt. An der weiteren Debatte betheiligte sich noch Schröder (Lippstadt). Damit schließt die Discussion- Es folgen persönliche Bemerkungen v. Kardorff, Bamberger und (Sonnemann, worauf das Haus in Berathung des Zolltarifs fortfährt.
Die Tarifdebatte beginnt bei Nr. 15 b (Maschinen). Die Positionen btejer Nummer werden unter Ablehnung verschiedener Amendements angenommen; Nr. 15 c 1 und 2 (Wagen und Schlitten) werden unverändert genehmigt. Bei 15 c 3 (See- und Flußschiffe zollfrei) kündigt Mosle einen Antrag auf Verzollung auswärts gebauter Schiffe an. Delbrück kündigt einen Antrag auf Befreiung von Schiffsbaumatertalten vom Zolle an. Bundescommissar Burchard erklärt seine Sympathie für die Wünsche Mösles. Stumm und v. Kardorff sprechen sich ebenfalls im Sinne Mösles aus. Abg. Rickert erklärt sich dagegen. Die Position wird unverändert genehmigt. _
Die Berathung gelangt nun zu Nr. 26 (Oel rc.). Ein Antrag, Ricmusol zollfrei zu lassen, wird mit 124 gegen 102 Stimmen abgelehnt und werden alle Posittonen unter Nr. 26 unverändert angenommen. Nächste Sitzung Samstag Vormittag 11 Uhr.
Wien, 19. Juni. Der „Pvlil. Corresp." zufolge ist in Den Wiener maßgebenden Kreisen über das angeblich Seitens der französischen Regierung gestellte Verlangen aus Absetzung des KhediveS bis heute Mittag nichts bekannt gewesen.
Petersburg, 19. Juni. Aus hier eingezogene Erkundigung, ob der Kaiser im Juli in Ems die Kur gebrauchen werde, wird versichert, daß hier von einem solchen Entschluffe nichts verlautet.
New-Uork, 19. Juni. Den letzten Berichten aus Mexico zufolge ist der Aufstand daselbst gewachsen. Der Postverkehr mit dem Innern Mexicos ist unterbrochen. Alle Zeitungen von Montercy, ausgenommen das amtliche Blatt, find gezwungen worden, ihre Pnblicationen einzustellen. — General Marano organisirte Streitkräfte gegen Diaz.
Haag, 19. Juni. Erste Kammer. Auf eine Interpellation erklärte die Regierung, daß nach dem Votum der zweiten Kammer über das Kanal- project der Minister der öffentlichen Arbeiten und der Minister des Innern ihre Entlaffung ohne Vorbehalt, die übrigen Minister bedingunsweise gefordert hätten. Der König habe am 15. d. diese Entlassungsgesuche abgelehnt.
Madrid, 19 Juni. Zu San Miguel bei Jerez ist eine focialistische Verschwörung entdeckt worden. Sieben der leitenden Mitglieder sind verhaftet und die Mitgliederverzeichniffe mit Beschlag belegt worden.
Versailles, 19. Juni. Der Congreß wurde heute Vormittag 10 Uhr 15 Min. eröffnet. Das Präsidium führt Märtel, Präsident des Senats. Justizminister Leroyer legt den Gesetzentwurf betr. die Aufhebung des Artikels 9 Der Verfassung vor, dessen Dringlichkeit fast einstimmig ausgesprochen wird. Märtel beantragt sofortige Berathung. Fresneau (von der Rechten) wünscht Verweisung an die Bureaus. Testelin (von der'Linken) beantragt, daß eine Kommission von 15 Mitgliedern in den Bureaus durch das Listenscrutinium


