Ausgabe 
20.12.1879 Zweites Blatt
 
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wachs von 70 gegen die entsprechende Zeit des vorhergehenden Jahres.

IVergeßt das Hüttern der hungernden Böget nicht!

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Kirchliche Anzeigen der evangetischenGemeinde?uGießen

Gottesdienst:

Sonntag den 21. December. (4. Advent.)

Morgens - Pfarrer Schlosser. Nachmittags- Pfarrverwalter Schöner.

Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 21. bis 27. December besorgt Pfarrer Schlosser.

Lokales.

Gießen, 19. December. Die gestrige Wahl zur Handelskammer war im Gcqenftp zu früheren Wahlen eine sehr lebhafte. Es stimmten 89 Wahlberechtigte ab. Gewählt wurde» die Herren F. Koch mit 82, S. Heichelheim mit 49 und Heinr. Schirmer mit 47 Stimmer. Die nächstfolgenden Candidaten, welche auch 40 und etliche Stimmen erhielten, waren Herren Georgi und Silbereisen.

Der gestrenge Herr Winter scheint sich zu bessern. Das Tbermomcter zeigte heu» Nacht blos 100 kalt.

DieVolksküche" tbeilte beute 835 Portionen Erbsensuppe aus. Hiervon erhtelttt' Arme, Schulkinder und Handwerksburschen 577 Portionen, die übrigen 258 wurden verkauft

Heute Morgen/211 Uhr versuchte sich in der Zeughauscaierne ein Unterofficter tu 8. Compagnie zu erschießen Motive bis jetzt unbekannt. Der sehr schwer Verletzte wurde n das Garnison-Lazareth verbracht.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Korrespondenz Bureau

Berlin, 18. December. Abgeordnetenhaus. Fortsetzung der Berathung des Berichtes der Unlerrlchts-Kommifsion über die Elbinger Petition- Petri spricht gegen den Commissionsantrag. Die formelle Berechtigung des Kultusministers zu dem Vorgehen in der Elbinger Angelegenheit bestreite er nicht. Redner betont, daß die Simultanschule in Nassau bereits seit 60 Jahren bestehe und die segensreichsten Früchte getragen habe. Ihre schönste Frucht sei der konfessionelle Friede gewesen.

v.Jazdzewski (für den Commissionsantrag) führt aus: Er und seine Gesinnungs­genossen hätten die Darlegungen des Ministers mit Freuden begrüßt, da diese die Besserung auch speciell der Zustände im Posen'schen in Aussicht stellten. v. Sybel erklärt: Er und seine politischen Freunde seien der Ansicht, daß ein Anlaß zu irgend einer principiellcn Discussion nicht vorliege. Sie seien der Meinung, daß je nach oen Umständen konfessionelle oder paritätische Schulen ihre Berechtigung haben können. Seine Parteigenossen würden für den Antrag Gneist stimmten und könnten die Ent­scheidung des Ministers nicht billigen, weil nach der thatsächlichen Lage der Dinge res integra nicht mehr vorhanden war.

Unterstaatssecretär Goßler tritt den Deductionen der Gegner des Commissions- antrages in einzelnen Punkten entgegen und kritisirt das Separat - Votum Gneist's. Röckerath erklärt sich für den Commissionsantrag und geaen die Ausführungen Sybel's und Petrt's, bemängelt die Gemeinde-Autonomie in Schulsachen, beschwert sich über die Unduldsamkeit der Elbinger Behörde gegenüber der Minorität und vertheidigt die Verfügung des Cultusministers. Hierauf wird die Diskussion geschlossen. In persön­licher Bemerkung bedauert Stengel, daß durch den Schluß der Debatte ihm und seinen politischen Freunden (den Freikonservativen) das Wort abgeschnitten worden sei. In namentlicher Abstimmung wird der Antrag Gne'st's, die Petition der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, mit 245 gegen 147 Stimmen abgelehnt Gegen den Antrag Gneist's stimmten geschlossen die konservativen, Polen, das Centrnm und der größte Theil der Freikonservativen. Dasür stimmte auch Falk. Hierauf wird der Antrag der Kommission mit großer Majorität angenommen. Die nächste Sitzung findet Freitag statt. Auf der Tagesordnung derselben steht die Interpellation von Hüne's in Betreff des Nothstandes in Oberschlesien.

Karlsruhe, 18. Decbr. Das Schwurgericht sprach den Redacteur derBad. Landpost", Pfeiffer, von der Anklage der Beleidigung dec Staats- regiernng durch die Presse frei.

Petersburg, 18. December. DerRegier.-Bote" schreibt: Eine Befferung im Gesundheitszustände der Kaiserin im südlichen Klima ist nicht den gehegten Erwartungen entsprechend eingetreten. Hinsichtlich des chroni­schen Leidens der rechten Lunge hat keine Veränderung zum B ffern stattge­funden. Gegenwärtig ist dieses Leiden durch hinzugetretene Pleuritis compltctrt.

Londo«, 18. December. DieTimes" meldet aus Kandahar von gestern einen Zusammenstoß von Eingeborenen und Heratischen Truppen einer­seits und Kabuler Truppen andererseits unweit Herat. Der Ausgang des Kampfes sei unentschieden. Jndeß hätten die Kabuler den Gouverneur gefan­gen genommen, einen neuen Gouverneur eingesetzt und die Citadelle von Herar besetzt.

Köln, 18. Decbr. Die Generalversammlung der Rheinischen Eisen­bahn-Gesellschaft hat die Proposttion der Regierung mit 102,088 gegen 27,356 Stimmen angenommen.

MonS, 18. Decbr. 2700 Arbeiter von 5 Kohlengruben bei Qua- regnon haben die Arbeit niedergelegt.

Straßburg, 18. December. Am Schluffe der gestrigen Abendtafel, an welcher die meisten Mitglieder des Landesausschuffes theilnahmen, hielt der Statthalter Feldmarschall v. Manteuffel eine Ansprache. Er hieß die Mit­glieder des Landesausschuffes, welche seiner Einladung gefolgt, herzlich will­kommen und sagte: Es sei ferne von ihm, diejenigen richten zu wollen, welche Elsaß-Lvthringen den Rücken wendeten, ihre Kinder nicht auf dem Boden der Heimath erzögen und sich fernhielren von den Berathungen der Kreistage, Be­zirkstage ;-nd des Landesausschuffes. Neber die Emigration habe die Geschichte ihr Uctheil gesprochen. Frankreich habe davon keinen Nutzen gehabt. Er hoffe, diejenigen würden bald wieder gewonnen werden, die sich jetzt Effaß- Lothringcn entzögen. Er bitte die Anwesenden, den Ausdruck seiner warmen Anerkennung für ihren elsaß-lothringischen Patriotismus, den dieselben durch ihr Hiersein bethätigten, freundlich aufzunehmen. Er wolle nur noch mir voller Offenheit über die persönliche Auffassung seines Verhältniffcs zu Elsaß-Loth- ringen sprechen. Anläßlich des Todes seiner Gemahlin sei ihm ans allen Theilen des Landes große Theilnahme erwiesen, die ihm unendlich wohlgethan habe. In den letzten Wochen habe er schwere innere Kämpfe bestanden. Die Sehnsucht, sich in seinem Alter zurückzuztehen und das Grab seiner Gattin zu pflegen, sei immer mächtiger geworden. Aber im Beginne seiner übernommenen Aufgabe freiwillig vom Platze zu scheiden, entspreche weder seiner Vergangen­heit, noch wäre es im Geiste seiner entschlafenen Gattin. Er wolle mit Gottes Hülfe Herr werden seiner Gefühle; er wolle wie die Dogen Venedigs sich mit dem Meere vermählen, werben um Elsaß Lothringen, seine volle Selbstständig­keit in Gesetzgebung und Verfaffung des Reiches erstreben.

Elsaß-Lothringen sei nicht occupirt und nicht annectirt, sondern nach dem aufgedrungenen Kriege reoindicirr. Elsaß-Lo'hringen, vor 1000 Jahren dem deutschen Reich gewonnen, sei, als das deutsche Reich von seiner Weltstellung herabgesunken, an Frankreich verloren gegangen. Jetzt, wo das deutsche Reich wiedererstanden, sei es dem deutschen Reiche wieder zugesprochen worden. Er sehe darin ein glückliches Omen für Deutschlands Zukunft. Daß die Wieder­vereinigung im Verfolge großer Felbschlachten geschehen, bringe der Gang der Weltgeschichte mit sich. Seine alten deutschen Landesrechte habe Eisaß-Loth- ringeu niemals verwirkt. Es sei nicht freiwillig zu Frankreich getreten. Die Schwäche des Reiches habe das herbeigeführt. Gleichberechtigt mit allen an­deren Reichsländern habe es seinen Platz wieder einzunehmen. Allen Staaten würde bei Machtveränderungen nicht nur in materieller Beziehung, sondern namentlich in ihrem Gefühlsleben Schweres auferlegt. Elsaß-Lothringen be­finde sich in einer solchen Uebergangsperiode. W>r wollen ehrlich und offen zusammenhalten, das Schwere gegenseitig tragen helfen und durch weises Maß halten und richtige Erkenntniß der Verhältniffe die Uebergangsperiode selbst abzukürzen, bis Das erreicht ist. Ich rufe hell und laut: Elsaß-Lothringen lebe hoch. Der Toast wurde mit wachsender lauter Zustimmung aufs Bei­fälligste ausgenommen.

Paris, 18. December. Die Deputirtenkammer hat den Antrag Perin's, betr. die Ernennung einer Untersuchungs-Commtssion über das Dis- ciplinar- und Strafsystem in Neukaledonien, angenommen.

Kalkutta, 17. Decbr. Officiell. General Roberts ist mit 7000

5 Monate. Die ursprüngliche Position des Generals Roberts war zu ausge.1 dehnt, um ohne Gefahr gehalten werden zu können. Der Rückzug in diese Stellung wurde mit verhältmßmäß g geringen Verlusten bewerkstelligt. Ein An- : griff des Feindes auf dieselbe ist nur unter schweren Verlusten möglich. Gene, ral Robens hofft, die Offensive ergreifen zu können, sobald er sich in Sherpur eingerichtet hat, glaubt aber, daß m t der Besetzung schwierig einzunehUender i und von Sherpur weit entfernter Hügel nichts gewonnen fei, so lange der Feind in großen Massen vorhanden. Der F tnd werde sich bald zur Erian, i gung von Nahrung zerstreuen muffen. Inzwischen aber wild die Räumung ! von Kabul den Find ermuthigen und ihm wahrscheinlich ermöglichen, länger auszuhalten, als so st möglich gewesen wäre. Die Räumung Kabuls dürfte auch die Erhebung der Stämme auf der Verbindungslinie herbeiführen. Der Gouverneur von Jellalabad ist geflohen, aber in befriedigender Weise wieder ersitzt. Ein Briif von Azmatallah Khan und Bairam wurde auf. gefangen. Derselbe detailltrt die Arrangements des Angriffes auf Kabul und fordert deKnngtanis zur Erhebung auf. Aehnliche Briefe wurden an die Shun- varis. MohmundS und Afridis gesandt. General Gough berichtet aus Jagduluk, ! daß sich alle Stämme vor seiner Front erhoben haben, daß sein weiterer Vormarsch daher unausführbar sei, trenn er nicht mehr Truppen erhalte. Bright sendet die entbehrlichen Verstärkungen an ihn ab. li/2 Regimenter Infanterie, eine B ftterte und ein Regiment Kavallerie sind von P schawur nach der Front abgegangen. In Peschawur werden ReseroedivifioneR um 4 Kavallerie« 10 Infanterie Reg meutern und 3 Batterien gebiloet. Wenn die Stämme sich nicht selbst zerstreuen und die Streitkräfte des General RobertS ketnen Eindruck michen sollten, so soll eine starke Streitmacht vorgeschoben werden, nm die Verbindung wied'rh-rz'istellen.

Die Berfaffungskunde in den Handwerker-Fortbildungs- schulen und die Ultramoutanen.

Für die Handwerker-Fortbildungsschulen des Großherzogthums Hessen, deren Besuch obligatorisch ist, hat emc gesetzliche Vorschrift bie Ertheilung des Unterrichts in der Verfassungskunde angeordnet, und zwar sollen die Schüler der obersten Klasse, welche durchschnittlich im Alter von 1617 Jahren stehen, denselben genießen. Kaum ist diese Anordnung bekannt geworden, so fallen auch die Ultramontanen über dieselbe her, um sie lächerlich zu machen. So schreibt z. B. dieNiederrheinische Volks- Zeitung" :

Zum modernen Schulschwindel. Ju den obligatorischen (!) Fon- bildungsichulen des Großherzogthums Hessen werden die Jungen von 1417 Jahrei von jetzt ab laut gesetzlicher Vorschrift nach einem eigenen Lesebuch Verfassungskundt studiren. Statt die Lehrjungen im Rechnen, Lesen, Schreiben und Religion zu befestigen, müssen sie sich nun von der Reichsverfassung, vom Reichsoberhaupt, vom Bundesrats und Reichstag, von der Reichs-Gesetzgebung, den Reichs-Competenzen, von dm Reichs-Jndigenat, der Freizügigkeit und von der Verfassung des Großherzogthums unterrichten lassen!

Von dem hämischen Tone, in welchem eine treffliche Illustration des ultra­montanen Patriotismus! hier von der Reichsverfassung, dem Reichsoberhaupi u. s. w. gesprochen wird, wollen wir ganz absehen, ebenso den Jrrthum, als ob 14jährige Jungen schon den in Rede stehenden Unterricht genießen sollten, und bit schiefe Darstellung, daß wegen der einen Stunde Verfassungskunde der Unterricht im Rechnen, Lesen, Schreiben und der Religion nun ganz wegfalle, nur obenhin berühren Für uns handelt es sich lediglich um die Berechtigung des Unterrichtsgegenstand» selbst. Und da ist denn der Aerger derUltramontanen sehr wohl zu begreifen. Rlchtb ist nämlich so sehr geeignet, ein Volk im politischen Denken selbstständig zu machen und auf eigene Füße zu stellen, als eine Kenntniß der eigenen Landesverfassung. Dai beweist am besten die Existenz der dänischen Bauernpartei, die eben nur bei einem fi . regen Interesse des Landmannes für die Verfassung des eigenen Landes möglich ist, ' wie wir es in Dänemark finden- (Auf längeren Reisen in Dänemark fand ResereM in jedem bäuerlichen Hause ein Exemplar der Landesverfassung an der Wand hängen, in Dänemark ein ebenso gewohntes Buch, als bei uns der Hinkende Bote!) H nug, Kenntniß der eigenen Landesverfassung macht das Volk im politischen Denken selbst­ständig, und welcher Partei könnte das wohl unangenehmer sein, als der ultramontanei, Ivelche das sacrifizio dell intellotto noch jederzeit von ihren getreuen Schafen gefovbert hat und stets fordern wird, so lange sie eben die ultramontane Partei bleibt! Gerade die Handwerker-Fortbildungsschulen, die überhaupt den für Rosenkranzbruderschastt! und dergleichen mehr schwärmenden Ultramontanen ein Dorn im Auge sind, scheinei uns berufen, den Einfluß der Geistlichen und ihrer getreuen Agitatoren auf daS po- littsche Denken unseres Volkes zu brechen, und zwar eben durch den Unterricht in bc Verfassungskunde. Wir würden unsererseits nichts dagegen haben, wenn auch bi: preußischen Anstalten genannter Kategorie diesen Unterrichtsgegenstand in ihm Lehrplan aufnäbmen.

Trischbäcktr in Gießen.

Sonntag, den 17. December. Eduard Noll, Neußadt. Heinrich Faß Ludwigsplatz.