Einzelbild herunterladen

die 1^0* Freitag den 20 Juni 1879

Kichener Anzeiger

AnMk- M AmlsM für den Kms Gießen.

VrVedittonSb^reaur } Schulstraße ü. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Ps. mit Bringerlohn.

IBM, , , Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

AoliLischer Iheik.

Französische Kammer-Scandale.

Es sind keine stürmischen, es sind geradezu schmachvolle Ereignisse, welche anläßlich der Affaire Paul Caffagnac aus der französischen Deputirten- kammer berichtet werden, obwohl der Präsident Gambetta sich erniedrigt hatte , die Hutssiers und Secretäre zu bitten, über die erregten Vorfälle zu schweigen. Seit den Tagen des Conventes hat man ähnliche Scenen in Frank­reich nicht erlebt.Cest ömerdant !a Man denke sich die Situation, in welcher den Vertretern der Regierung die WorteUrkundenfälscher, Schufte, Feiglinge, Canaille" an den Kopf geschleudert wurden und die Parteien, that> sächlich handgemein, von den Bedienten der Kammer auseinander gebracht werden mußten. Es fehlte nur noch der Gebrauch des Mesiers und Revolvers, um diese Scandalscenen zu krönen.

Die Franzosen selbst können sich eines Schamgefühls nicht erwehren. Sie sind aber rathlos, was geschehen soll, um der Wiederkehr äh: ltcher Scenen vorzubeugen. Ein einzelnes Mitglied, welches sich eine schwere Verletzung der Ordnung zu Schulden kommen läßt, kann mit der parlamentarischen Censur b'legt, nach den Ttscipltnarbestimmungen können ihm seine Bezüge für einige Zeit gesperrt werden, während die Censur in allen Mairien seines Wahlbe­zirks öffentlich angeschlagen wird. Hier aber handelt es sich darum, daß ganze Parteien die parlamentarische Ordnung verhöhnen, so daß nur das polizeiliche" Einschreiten der Hutssiers eine allgemeine Rauferei verhindern kann. Die Gewaltthättgk.it des Auftretens der Bonaparttsten, die ein 2. Decem- ber geboren, steht in der That ohne Gleichen da.

Diese Bonapartisten, besonders der neugebackene Adel des Kaiserreichs, haben stets die Gentlemen gespielt. Sie waren die Kavaliere einer äußerlich prunkenden und glänzenden Epoche Frankreichs; ihr Auftreten ist um so ver­ächtlicher, als sie sich zur besten Gesellschaft rechnen und mit dem Ton und den Formen der guten Gesellschaft recht wohl vertraut sind. Der Esprit der Goffe, die Krastausdrücke der Weiber der Halle, der Import der Manieren der Gamins in den gesetzgebenden Körper müffen einen tieferen Zweck haben, als sich selbst und ihre gesellschaftliche Stellung schmähltck zu discreditiren. Und dieser Zweck kann nur der sein, die parlamentarische Regierungsform der Republik zu schädigen und in der öffentlichen Achtung herabzusetzen.

Diesen Zweck aber haben die Bonapartisten sicher nicht erreicht. Es steckt in jedem Franzosen noch soviel Achtung und Selbstgefühl, daß ihn das Auftreten Cassagnac's und seiner Parteigänger anwidert. Haben die Bona- partisten mit vielem persönlichen Vortheil die Ehren und Würden des Kaiser­reiches ausgebeutet, so müßten sie auch ihr Martyrium mit mehr Ruhe und Ergebung tragen. Darin allein lag die Möglichkeit, Sympathie» in der Gegenwart und Erfolge in der Zukunft zu erringen. Gegenwärtig haben sie nur die Entrüstung Frankreichs und die Verachtung des Auslandes geerndtet.

Politische Uebersicht.

Eine für die nächste Gestaltung unserer inneren Politik wichtige Berathung findet gegenwärtig statt. DteReichstagsabgeordneteil v. Bennigsen, Freiherr v. Frankenstein und Wtndthorst sind zu einer Conferenz zu­sammengetreten über die Frage der konstitutionellen und förderatlven Garantien, welche als Bedingung für die Gewährung der finanziellen Selbstständigkeit des Reiches gelten sollen. Von den Resultaten dieser Be­sprechung hängt so viel ab, daß man in den Kreisen der Regierung wie des Parlaments mit gleicher Spannung aus dieselben blickt.

Der Reichstag hat seine mühevollen Arbeiten rüstig fortgesetzt. Man empfindet es als ganz besonders störend, daß sich fortwährend neue dringliche Gesetze dazwischen schieben und die Berathung der wirtschaftlichen Angelegen- hriten, denen vorläufig eine eifrige Thätigkett in den Commissionen zugewandt ist, verzögern. Die Beschlüsse der Tabaks-Commission haben den Ent­wurf von allen Schlacken gereinigt, welche ihn zum Erzblock machten, aus dem man über kurz oder lang das Monopol schmelzen wollte.

Schon am i. August soll das Verfassungsgesetz für Elsaß- Lothringen in Kraft treten. Die Personalfragen sind folgendermaßen definitiv erledigt: Feldmarschall v. Manteuffel, Statthalter; General­advokat v. Puttkammer, Unterstaatssecretär der Justiz; Geheimer Ober- Regierungsrath v. Pommer-Esche, Unterstaatssecretär des Innern; Chef dieser beiden Behörden und Adlatus des Statthalters alsStaatssecretär" Herzog. Die Verhandlungen, als Mitglied der Regierung einen Elsaß-Loth­ringer heranzuztehen, sind noch nicht von Erfolg gewesen.

In Oesterreich gefällt man sich darin, zum so und so vielten Male von dem sicheren Rücktritte des Grafen Andrassy zu sprechen. Graf Andraffy ist krank und, wie die Officiösen versichern, handelt es sich nur um eine Er­kältung, deren Behebung in wenigen Tagen in Aussicht steht. DiesenUnter- richteten" tritt beharrlich das Gerücht gegenüber, daß Baron Haymerle, jetzt Botschafter in Rom, bereits zum Nachfolger Andraffy's ausersehen sei. Früher huldigte Haymerle, der mit der Tochter eines Frankfurter Patriziers vermählt ist, der großdeutschen Politik und erfreute sich in Berlin keiner be- sonderen Beliebtheit. Seit dem Congreß soll man aber anderer Ansicht über

ihm geworden sein. Dem Hofe, der Aristokratie und der hohen Beamtenwelt Oesterreichs wäre Haymerle völlig persona grata.

In der französischen Deputirtenkammer begann die Woche des parlamentarischen Culturkampfes. Die Ferry'sche Vorlage über den höheren Unterricht stand auf der Tagesordnung des Montags. Die Blätter der Republik rühmen das Referat Spuller's, des Freundes Gambttta's, als eine sehr bedeutende Arbeit, in welcher die Unterrichtsfrage sowohl theoretisch wie historisch mit Klarheit und Gründlichkeit behandelt werde.

Der Tod des Prinzen von Oranten ist ohne politische Bedeutung. Der holländische Thronerbe floh der Politik aus dem Wege, wenn man ihn in sie hineinziehen wollte; er war mit seiner Rolle als Flaneur der Boulevards vollauf befriedigt. Eine ständige Figur der skandalösen Chronik gehörte er recht eigentlich zumPariser Leben". Sein Tod ist nur bemerkenswert, weil sich an die Nachricht allerlei Combinationen über die holländische Thronfolge knüpfen.

Der Khedtve von Egypten soll den deutschen Protest via Konstantinopel in sehr versöhnlicher Weise beantwortet haben. Er versichert, daß ihm nichts ferner liege, als sich seinen Ve.pflichtungen zu entziehen, welche er durch die Unterzeichnung der internationalen Convention bezüglich der ge­wischten Gerichtshöfe und der Vollstreckbarkeit ihrer Erkenntnisse den Groß- mächteü gegenüber eingegangen sei. Ismail Pascha ist allerdings stets der Mann, der viel verspricht. Ob er sein Versprechen halten und die deutschen Forderungen befriedigen wird, ist die Frage. Jedenfalls aber hat er den deutschen Protest mit Recht ernst ger.ümmen.

Deutschland.

Darmstadt, 18. Juni. Das heute ausgegebene Großh. Regierungs­blatt Nr. 25 enthält das Gesetz, den Gerichtsstand und das gerichtliche Ver­fahren in Ansehung des Landesherrn und der Mitglieder des Großh. Hauses betreffend.

m. Darmstadt, 18. Juni. Der Abgeordnete Wolfs kehl hat bei dem Präsi­dium der zweiten Kammer folgende Interpellation an Großherzogliche Staatsreaieruna übergeben: ö

Vor Kurzem war in öffentlichen Blättern die Nachricht enthalten, es sei den zur Aufnahme in das Seminar aus den Präparandenanstalten entlassenen Schülern israelitischer Confession amtlich mitaetheilt worden, daß sie weder auf Religionsunter­richt im Seminar, noch auch auf Verwendung im öffentlichen Schuldienst nach ihrer Entlassung mit Sicherheit rechnen könnten. Privatmittheilungen, welche dem ergeb ernt Unterzeichneten zugekommen sind, haben jene Nachricht für vollkommen richtig erklärt und außerdem constatirt, daß sich gegenwärtig 5 israelitische Seminaristen in Friedberg, sowie 3 israelitische Präparanden in Lich befinden. Ob unter dieser Zahl auch die 4 kürzlich aus den Präparandenanstalten entlassenen Zöglinge, denen nach der nämlichen Quelle die oben erwähnte Mittheilung gemacht worden sein soll, mit enthalten sind, ist mir unbekannt; jedenfalls aber geht aus den genannten Ziffern hervor, daß die Zahl der israelitischen Schulamtsaspiranten in der letzten Zeit zugenommen Haden muß. Nach einem vom 25. Februar 1877 bahrten Schreiben Großh. Ministeriums des Innern an den dritten Ausschuß der zweiten Kammer befand sich damals unter sämmtllchen 338 Seminaristen nur 1 Jsraelite. Trotzdem erklärte bei Berathung einer auf Ein­führung von israelitischem Religionsunterricht an den Schullehrerseminarien gerichteten Petition des Mayer Hirsch von Friedberg die Großh. Regierung in beiden Kammern ihre Bereitwilligkeit, dem Gesuche wenigstens bei dem in Aussicht genommenen dritten Seminar zu Alzey zu entsprechen. Inzwischen sind die Mittel zur Errichtung dieses Seminars und unter den Bedürfnissen desselben für die Zeit vom 1. October 1880 ab auch eine Remuneration für Ertheilung israelitischen Religionsunterrichtes von den Ständen bewilligt worden. Um so ausfallender muß es erscheinen, daß in der oben erwähnten Mittheilung an die israelitischen Seminaristen dieses Umstandes gar nickt erwähnt, die Sache vielmehr so dargestellt ist, als stehe überhaupt der israelitische Religionsunterricht an den Schullehrerseminarien in Frage Schon die Unvollständig- keit der Mittheilung in dieser Richtung konnte sehr wohl dahin führen, einen Semi­naristen, dem der wahre Sachverhalt nicht bekannt, von dem Besuche des Seminars abzuschrecken. In noch höherem Grade auffälligerscheint die zweite Bemerkung, wonach die israelitischen Seminaristen auch auf Verwendung im öffentlichen Schuldienst nach ihrer Entlassung aus dem Seminar nicht mit Sicherheit rechnen können. Bei den Verhandlungen über die Bewilligung der Kosten für Errichtung eines dritten Lehrer­seminars auf dem vorigen, wie auf dem gegenwärtigen Landtag wurde von der Großh. Regierung auf die Notwendigkeit hingewiesen, einen durchschnittlichen jährlichen Ab­gang von etwa 100 Volksschullehrern zu ergänzen, außerdem aber auch noch die große Zahl von unbesetzten Lehrerstellen betont, deren Besetzung dringend geboten, seither über durch Mangel an Lehrkräften verhindert worden sei. Unter diesen Umständen kann es keinem Zweifel unterliegen, daß in den nächsten Jahren alle mit der nötigen Vorbildung aus dem Seminar entlassenen Schulamtscandidaten sofortige Verwendung im Schuldienst finden werden, und es bleibt somit nur die Erklärung übrig, daß hier­von bei den israelitischen Seminaristen ihrer Confession halber eine Ausnahme statt­finden soll und daß sie daraus im Voraus aufmerksam gemacht werden sollten, um sie wo möglich von der Wahl des Lehrerberufes an den Volksschulen des Großherzog- thums zurückzuhalten.

Der Unterzeichnete beehrt sich, an Großh. Regierung die ergebenste Anftage zu richten:

1. ist die oben erwähnte Mitteilung an die israelischen Seminaristen im Auf­trage der Großh. Regierung erfolgt?

2. wenn dies der Fall, welche Gründe haben die Großh. Regierung hierzu bestimmt? Wolfs kehl."

Berlin, 17. Juni. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin wohnten heute der Feier des 25jährigen Jubiläums des Dom-Candtdatenstifts bet. Der Kaiser sagte zu den Versammelten: Wenn Etwas im Leben dem Treiben der jetzigen Welt einen Halt geben kann, so ist der allgemeine Grund,