Ausgabe 
19.1.1879 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 16» Erstes Blott. Sonntag, dm 19. Januar 1879»

Gießener ^Anzeiger

Artige- ui Allckdktt für hei Kreis Gießen.

1 . «r r < a <n% I o Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn,

pxp-di« onSburca»r } Schulstraß- B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch di- Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Uolitisch

Deutschland.

Aus dem Großherzogthum Hessen, 15. Januar. Die neueste Statist! der hessischen Gymnasien und Realschulen weist, ähnlich wie das Volksschulwesen, eine erfreuliche Entwickelung nach. Bei einer Bevölkerung von 884,218 Einwohnern hat Hessin 6 Gymnasien, 3 Realschulen erster Ord­nung, 9 Gymnasien und 12 Realschulen zweiter Ordnung. Es kommt ein Gymnasium auf 147,370 Einwohner, eine Realschule erster Or nung auf 294,739, eine höhere Lehranstalt aus 42 106 Einwohner. Die Zahl der Lehrer betrug 266, durchschnittlich bei den Gymnasien 13,25, bet den ^Realschulen 12,85, im Ganzen 13, in Preußen 1875/76 nur 10,6, nämlich von 4818 Lehrern in 454 Lehranstalten, die Gesamnttschülerzahl aber 6365, auf ,1000 Einwohner fielen im Schuljahr 1876/77 2,25 Gywnasialschüler, 3,9 Realschüler, 7 2 Schüler höherer Lel ranstalten. Es kommen im Durchschnitt auf 1. Klaffe bet den Gymnasien 32,2, Realschüler 1. Ordnung 38,7, Realschüler 2. Ordnung 42 3, Vorschulen 42 Schüler, wobei die größte SchülerzahPn einem Gymnasium 7?'betrug. Mit demZeugnisse der Befähigung zum einjährigenMttitär- dzenst gingen von 100 Gymnasiasten 14 04 ab. (Fr. Jour.)

Darmstadt, 15. Januar. Von hoher Bedeutung für das ganze hessische Verfaffungsleben ist der gegenwärtig den Ständen vorliegende Gesetz­entwurf, betr. die Einrichtung und Besugniffe der Ober-Rechnungskammer. Wie dieN- Hess. Volksbl." mtttheilen, soll die Stellung der genannten Be­hörde in der Art abgeändert werden, daß sie in Zukunft nicht mehr als eine blcs revtdirende, sondern auch materiell controltrende, der Staatsverwaltung gegenüber selbstständiger erscheint, namentlich soweit es sich um Staatsgelder und Staatseigenthum handelt. Der Schwerpunkt des ganzen Entwurfs liegt unstreitig in dem Art. 20, welcher der Ober R^chnungskammer das Recht ver­leiht, den von ihr anzufertigenden und den Ständen vorzulegenden Nachweisungen auch'Bemerkungen darüber beizusügen, ob und resp. inwieweit bet der Ver­einnahmung und Erhebung, bet der Verausgabung und Verwendung von Staatsgeldern, oder bet der Erwerbung, Benutzung oder Veräußerung von Staatseigenthum Abweichungen von den Bestimmungen des Finanzgesetzes oder der von den Landständen genehmigten Houptabthetlungen und Titel des Haupt- vorcmschlogs und der Anlagen diffelben, oder von den mit einzelnen Positionen des Hauptvoranschlags und der Anlagen deffelben verbundenen Bemerkungen, oder Abweichung von den Bestimmungen der auf die Staatseinnahmen oder -Ausgaben, oder auf die Erwerbung, Benutzung und Veräußerung von Slaats- etgenthum, bezügliche Gesetze und Vorschriften stattgefunden haben, insbesondere welche Etatsüberschrettungen, sowie welche außeretatmäßigen Einnahmen und Ausgaben stattgefunden haben. Daß eine mit solcher Machtsülle ausgerüstete Behörde die ständische Controle in praktischer Weise wirksam unterstützen kann, bedarf wohl keiner wetteren Auseinandersetzung.

Darmstadt, 16. Januar. Die Regierung hat den Ständen einen Gesetzentwurf, betr. die Rechtsverhältniffe der Richter, zugehen laffen. Der­selbe begreift tm Ganzen 70 Artikel, welche sich aus 8 Titel verthetlen. Nach demselben sollen die Mitglieder des höchsten Gerichtshofs, der Mittelgerichte und der Bezirksstrasgertchte, wenn sie sich eine Anstellung als Mitglieder des Oberlandesgertchts, resp. des Landgerichts oder der Amtsgerichte nicht wollen gefallen lasten, mit vollem Gehalt in den Ruhestand versetzt werden. Die­selben sollen jedoch noch drei Jahre zur Disposition des Justizministeriums bleiben behufs Wahrnehmung solcher Aemter, die sie freiwillig hätten über­nehmen können.

Berlin. Der Herr Abg. Dr. Petri schreibt derM. Ztg." :Vom Bad. Beobachter" aus und noch schlimmer zugestutzt von demFrkstr. Journ." geht die Erfindung durch die Zeitungen, Herr Bischof Reinkens sei verlobt, bereite seine Trauung und seinen Uebertrttt zur anglikanischen Kirche vor und werde demnächst nach England gehen, um dort mit 20,000 Frcs. Gehalt Bischof in partibua zu sein. Es ist zu bedauern, daß auch andere liberale Blätter dergleichen von der vaticantschen Ehrabschnetdungs- und Verleumdungs- Preffe erfundene Lügen aufnehmen. Alles ist Wort für Wort Erfindung."

Mit der Einrichtung des Reichsgerichts in Leipzig, deffen Thätigkett am 1. October d. I. zu beginnen hat, ist bis jetzt der Bundesrath noch in keiner Weise besaßt worden. Doch sind, wie man hört, die Vorarbeiten, welche seit Jahr und Tag eingeleitet worden, dem Abschluß nahe und es wird der Bundesrath wie der Reichstag diese Angelegenheit mit dem Reichs-Etat zu erledigen haben.

Berlin, 16. Januar. Von osficiöser Seite ist bereits darauf hin- gewiesen worden, daß der commondirende General des Gardecorps zumGe- richisherrn" des wegen Untergangs des PanzerschiffesGroßer Kurfürst" einzusetzenden Kriegsgerichts bestellt ist. Ein solches besteht laut der Mtlttär- Strasproceßordnung in der Regel aus fünf Richterclasten, von welchen der Präses eine bildet, und aus dem Auditeur alsReferenten", so daß außer letzterem neun Richter vorhanden sind. Zu einem Kriegsgericht über einen General gehören, insofern der Kaiser die Besetzung nicht selbst bestimmt, außer einem höheren General drei Richterclasten, von welchen eine jede aus drei

er Hherl.

Personen bestehen muß, und zwar dergestalt, daß die unterste Elaste einen Grad geringer und die oberste Elaste einen Grad höher steht, als der Ange- schuldigte. Die Erkenntniste der Kriegsgerichte bedürfen zu ihrer Rechtsgültrg- keit der Bestätigung, auch wenn dieselben auf Freisprechung lauten. Die Bestätigung erfolgt durch den Kaiser, wenn das Erkenntniß gegen einen Offiner ergangen ist. Zum Vorsitzenden des Kriegsgerichts ist, derKreuzztg." zufolge, der General-Jnspecteur des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens, General der Cavallerie Baron v. Rheinbaben, zu Beisitzern sind zwei Generallteutenants der Infanterie, bezw. der Artillerie ernannt. Das übrige Personal ist aus der Marine berufen. Die Untersuchung wird nicht der Corpsauditeur des 3. Armeecorps, Justizrath Solms, sondern der Auditeur der Marinestation der Ostsee, Justizrath Loos, führen, und letzterer auch Referent im Kriegsgericht sein. Himber gelangter amtlicher Mittheilung zufolge hat der großbritannisch^ Geheimrath die Einfuhr von Rindvieh aus Deutschland, sowie die Einfuhr von Rindvieh, Schafen und Ziegen, welche sich gleichzeitig mit aus Deutschland stammendem Rindvieh auf einem und demselben Schiffe befinden oder befunden haben, nach Großbritannien verboten.

Telegraphische Depeschen.

Wagners telegr. Eorrefpondenz - Bureau.

Breslau, 17. Januar. DieBreslauer Zeitung" meldet: Das Polizeipläsidium verbot die Sammlung von Geldbetträgen, zu welcher der jocialdemokratische Führer Kräcker aufgefordert hatte. Kräcker wurde ver­haftet.

Wien, 17. Januar. Meldungen derPolit. Corresp." Aus Kon­stantinopel.: Die russisch-türkischen Friedensverhandlungen, ausgenommen bie complicirte Kriegsentschädigungssrage, sind bis zur Redaction des Friedens- instrumentes gediehen, das eventuell Sonntag dem Sultan unterbreitet und noch deffen Approbation sofort unterzeichnet werden soll. Layard investirte gestern Savfet Pascha feierlich mit dem Großkreuz desStar of Jndta". Aus Bukarest. Callimaki Catargi ist seitens der Regierung nach Brüffel und Haag entsendet, um die Unabhängigkeit Rumäniens zu notifictren und deren Anerkennung zu erwirken. Aus Belgrad. Nachdem sich die Skupsch- lina damit einverstanden erklärt, wird für die Gruppen Petersburg und Berlin, London und Paris je ein Gesandtschaftsposten und ein dritter desgleichen in Cetlinje errichtet. In Bulgarien wird Serbien durch einen diplomatischen Agenten vertreten werden.

Konstantinopel, 17. Januar. Hafiz Pascha ist zum Polizeiminiper ernannt. Die Abreise Savset'S nach Paris wird noch immer verzögert. Mehrere Journale rathen der Pforte, Janina an Griechenland abzutreten, um nicht die separatistischen Tendenzen der Albanesen zu ermuthigen.

Luxemburg, 17. Januar. Die Leichenfeier für den verstorbenen Prinzen Heinrich findet Hierselbst am 22. ds., die Beisetzung in Delft am 25. statt. Deputationen der Stadt und des Landes begleiten die Leiche auf der Fabtt; der König wird sich unterwegs anfchließen.

Kopenhagen, 17. Januar. Das Volksthing ist auf den 31. d. einberusen.

Berlin, 17. Januar. Abgeordnetenhaus. Bet Fortsetzung der Berathung des Etats des Cultusministeriums kommt v. Meyer (Arnswalde) auf die vorgestrige Siede des Ministers Falk zurück; Redner widerspricht der Behauptung, daß von der konservativen Partei die be­kannten Angriffe ausgegangen seien, nimmt die Regulative in Schutz und fordert den engsten Zusammenhang von Schule und Kirche. Der Minister erklärt: er habe die Zustimmung de« Vorredners nicht erwartet, bemerke übrigens, daß die gedachten Verdächtigungen allerdings auch von der Partei des Vorredners, wenngleich noch mehr von anderer Sette ausgegangen seien. An der Debatte beteiligten sich vorwiegend Mitglieder des Eentrums. Titel 12 bis 14 werden bewilligt. Zu Titel 15 bis 17 (Schulaufsichtskostcn) beantragen Bvckerath und Szumann, dieselben als künftig weafallend zu bezeichnen. Der Antrag wird atgelehnt und darauf das ganze Capitel 125 genehmigt. Fortsetzung der Berathung morgen.

München, 17. Januar. Abgeordnetenkammer Schels mottvirt in längerer Rede seinen Antrag, betr. den Erlaß von Wuchergesetzen und Beschränkung der Wechselfähigkeit. Pfähler beantragt Festsetzung eines gesetzlichen Zinsmaximums und criminelle Ahndung der Überschreitung deffelben. Marquardsen befürwortet die Ablehnnng der Anträge Schels und Pfähler und Eröffnung einer Enquete durch die Staatsregierung, event. durch die Reichsreaie- rung. Schmidt wünscht unverzügliche Abhülfe auf dem Wege der Gesetzgebung, gleichzeitig auch Hebung des landwtrthschaftlichen Credits. Auf Antrag Jörg! und Marquardfen'8 wird die Fortsetzung der Berathung auf morgen vertagt.

London, 17. Januar. Aus den 21. Januar ist ein Cabinetsrath zu­sammenberufen.Daily News" melden aus Jellalabad: Khan Kunar ist am 14 d. eingetroffen, um seine Unterwerfung anzuzeigen.

Prag, 17. Januar. Für die nächste Woche ist ein mehrtägiger Aus ffua des Kronprinzen Rudolf nach Dresden projectirt.

Versailles, 17. Januar. Der Senat hat die Gültigkeit der Wahleii von 49 neuen Senatoren bestätigt und fick dann auf Dienstag vertagt.

Rom, 17. Januar, Abends. Dkputirtenkammer. In Beantwortung einer Anfrage legte Ministerpräsident de Pretis die bisherigen Schritte bezüg­lich des italienischen Grenzregulirungs-Commiffars Oberstlieutenants Gola dar, über deffen Schicksal noch nichts in Erfahrung gebracht sei; die Nachforschun- aen würden eifrigst fortgesetzt-

Petersburg, 17. Januar. Osficielle Telegramme aus Astrachan melden eine Befferung in den epidemischen Zuständen, nachdem in 6 Dörfern