Weizen schon hier und da in die Aehren getreten — was sonst Ende Mai geschieht — , im Norden noch nicht. Je weiter die Saat zurück ist, desto mehr Hoffnung ist noch vorhanden. Auf den Wiesen steht Gottes Segen, wenn er sich nur einheimsen ließe.
Telegraphische Depeschen.
«agner's telegr. UOrrespouderrz-Bure««.
Berlin, 16. Juli. Staatsminister Friedenthal ist nach Tyrol abgeretst.
München, 16. Juli. Heute gelangte an die Abgeordnetenkammer der Gesetzentwurf, betr. die Umwandlung des 41/2procenttgen Eisenbahnanlehens in ein 4procentiges. — Der hiesige Ministertalrath im Ministerium des In» nern, Dr. Mayr, ist angeblich als Unterstaatssecretär in der Regierung von Elsaß-Lothringen in Aussicht genommen.
Versailles, 16. Juli. Die Deputtrtenkammer hat das Budget des Kriegsministeriums angenommen.
Paris, 16. Juli. Laut Privattelegramm hiesiger Blätter sind in Bulgarien in der Gegend von Rasgrad Unruhen ausgebrochen; auch bei Jamboli in Rumelten seien Jnsurgentenbanden erschienen. Von Rustschuk seien Truppen abgesendet; bestimmtere Nachrichten liegen nicht vor, da die Insurgenten den Telegraph zerstörten.
Bukarest, 16. Juli. Die Kammer-Commission hat den Antrag der Regierung, tn die Verfaffung das Princtp aufzunehmen, daß die Religion nicht mehr ein Htnderniß bei Erlangung der bürgerlichen und politischen Rechte sein soll, abgelehnt. Ebenso wurde der Entwurf Rosettt's, welchem die Regierung zustimmte, wonach die Juden in Categorten einzuthetlen wären, verworfen. Die Commission beharrt auf Aufhebung der Art. 8 und 9 des bürgerlichen Gesetzbuchs, wonach die in Rumänien geborenen christlichen Ausländer mit 21 Jahren für Rumänien opttren und derart die bürgerlichen und politischen Rechte erlangen konnten. Die Commission gestand lediglich die Vottrung eines individuellen Antrags aus Verleihung des Jndigenats zu. Heute beräth die Commission die Paragraphen, betr. die Erwerbung von Ruralbesitz; dieselbe dürfte ihren Bericht erst in 2 bis 3 Tagen vorlegen.
Pesth, 16. Juli. Ministerpräsident von Tisza ist mit der provisorischen Uebernahme des durch den Tod Wenckheim's erledigten Portefeuilles betraut.
London, 16. Juli. Graf Schuwaloff ist nach Petersburg abgereist.
Washington, 16. Juli. Laut Bericht des landwirthschaftlichen Bureaus wird der zu erwartende Ertrag der Baumwoll-Erndte nach dem Stande am 1. Juli auf 93 pCt. geschätzt. Das Getreide steht ziemlich gut, theilweise vorzüglich.
Berlin, 16. Juli. In der Königin-Loutsa-Grube bei Gleiwttz wurde eine Arbeiter-Revolte, die durch Lohnverkürzungen veranlaßt war, durch Glei- witzer Ulanen unterdrückt. Es gab zwei Todte und fünfzig Verwundete. Sechzig Arbeiter wurden verhaftet. — Friedenthal lehnte den Adelsstand ab.
Bukarest, 16. Juli. Das Ministerium hat seine Entlaffung gegeben. Die Kammern treten sofort zu einer geheimen Sitzung zusammen, um über die Lage xu berathen.
Köln, 16. Juli, Abends. Die „Köln. Ztg." meldet: General Stolypin werde sich am 28. Juli in Burgas einschiffen. Die Beendigung der Räumung Ostrumeliens von russischen Truppen werde Anfangs August erwartet. Aus der Umgebung von Rasgrad, Jamboli und Sliwno werden mohameda- ntsche aufständische Bewegungen gemeldet. Die Telegraphen-Verbindung Rust- schuk-Varna ist unterbrochen. Bulgarische Truppen sind bereits nach Rasgrad abmarsckirt.
Bukarest, 16. Juli. Rosetti legte das Präsidium der Deputirten- kammer nieder mit der Erklärung, er vertrete nicht mehr die Majorität. Die Kammer wählte hierauf Rosetti mit 74 Stimmen wieder zum Präsidenten; 45 Mitglieder enthielten sich der Abstimmung.
Lokales.
Gießen, 17. Juli. Zur Warnung für Eltern möge Folgendes dienen: Auf dem gestrigen sog. Kirschenmarkt war das dort aufgeschlagene Caroussel selbstverstänvlich sebr frequentirt. Ein „Kindermädchen", ihren Schützling im Alter von 3—4 Monaten im Arm, benutzte das Fahren auf's Reichlichste. Augenzeugen versichern, daß dasselbe mindestens lOmal die Tour bezahlt habe. Plötzlich verfärbt sich die Kleine, wird leichenblaß und liegt wie todt im Arme der „Pflegerin". Das Carouflel wird angehalten und nur mit der größten Anstrengung wird das kleine Wesen durch Reizmittel rc. wiever zum Leben gebracht. Wie manches kleine Leben wird durch solche Unbedachtsamkeit, um keinen anderen Ausdruck zu gebrauchen, gefährdet!
— Gestern Abend 11 Uhr wurde auf der Heuchelheimer Chaussee ein junger Mensch von Crumbach, der mit einem andern von Groß-Buseck in Streit gerathen war, von diesem lebensgefährlich durch einen Stich in den Unterleib derart verwundet, daß die Eingeweide hervorkamen. Der Verletzte wurde in die Klinik verbracht, während der Thäter verhaftet wurde.
- Ein Handwerksbursche erschwindelte auf ein Stück Papier, welches er gefunden haben will, in einem hiesigen Matcrialwaarengeschäft für 30 JL Lack, Bronce rc., wurde aber, noch ehe er die Sache verkaufen konnte, in Nr. Sicher gebracht.
— Ein Arbeiter, der sick gestern Abend in einer hiesigen Wirthschaft mit Bier betrogen glaubte, steckte sich zum Ersatz 2 Biergläser ein, wurde aber auf der That ertappt und dingfest gemacht.
— Gestern fand eine Revision der Maaße und Gewichte auf Dem Jahrmärkte statt, wobei mehrere Waagen, Gewichte und Maaße (alte Ellen) consiscirt werden mußten
Gießen, 17. Juli. Seit heute darf Gießen sich rühmen, in Tschung-Tschi-Lang „den größten Mann der Welt" in seinen Mauern zu beherbergen. Die „Köm. Ztg." bringt über die Person des Riesen nachstehende Skizze: Tschung-Tschi-Lang ist ein Chinese von Geburt, stammt aus der Provinz Schantung und ist der einzige Sohn seiner Eltern, zweier Leute, die es in den Jahren ihres Wachsthums nicht ganz zur gewöhnlichen Größe gebracht haben Tschung-Tschi-Lang ist im Hotel du Dome abgestiegen, zugleich mit der holden Gefährtin seines Daseins, einem kleinen munteren Weibchen, und einem anderen Chinesen von mittelmäßigem Körpermaße, der ihm als Diener zur Seite steht. Pflichtmäßig statteten wir heute Vormittag dem riesigen Menschenkinde einen Besuch ab. Nachdem unsere Kleinigkeit demselben angemeldet war, harrten wir in Dem Vorgemach der Dinge, die da kommen sollten. Bald öffnete sich die Thür des zeitweiligen Wohngemachs des koüoffalen Fremdlings und herein trat in chinesischer Tracht zunächst der dienstbare Geist des ungeheueren Recken, erwiderte mit einer Verbeugung unsern Gruß und stellte sich an die Seite. Ihm folgte lächelnd und freundlich mit dem Kopfe nickend in kostbarem, reich mit Blumen durchwebten chinesischen Seidengewande, uuf winzigen Füßchen einhertrippclnd, ein zierliches Meiblein, Tschung > Tschi - Lang s holde Gattin; dann erschien, leise auftretend, einem Automaten ähnlich, eine Riesengestalt, bei deren Anblicke uns ein Gefühl überkam, als muffe dieser Erdensohn mit dem kräftigen, vollständig ebenmäßigen Körperbau und dem von Blatternarben zerfressenen Angesicht uns aus der vor- sündfluthlichen Zeit überkommen sein Wie ein verwittertes Steinbild stand er da mitten in dem Saale, nur die gutrnüthig blickenden Augen verricthen es, daß in dieser seidenumhüllten Statue Geist und Leben wohnten. Bald aber beschäftigte sich der Riese mit unserer kleinen Person, die sich im Spiegel betrachtet neben ihm wie ein Kind auSnahm; mit einer gewissen Herablassung reichte er uns seine wohlgeformte, nicht übermäßig große Rechte, und ein wohlgemeinter Druck belehrte uns, daß dieselbe, wenn es sein müßte, für unsere Hand wohl leicht zum Schraubstock werden könne. Freundlich frug der Gewaltige durch einen Dolmetscher nach unserer Unansehnlichkeit Befinden, und äußerte seine Freude, als er hörte, baß wir mit Hülfe unserer Feder schon redlich über die schlechte Zeit wegkämen. Wir erwiderten ihm dagegen,
daß er von schlechten Zeiten wohl keine Ahnung haben könne, seine prächtige Mandarintracht mit dem goldenen Brustschilde und Die feinen Cigarren. die er rauche, sowie der Champagner' den er, wie man uns gesagt habe, täglich schlürfe, müsse wenigstens diesen Gedanken aufkommen lassen. Allein unser Chinesisch muß ihm zu viel deutsche Anklänge gehabt haben, denn er schien auch nicht ein Wort von den Complimenten zu verstehen. Nun streckte er seine Arme gleich den Flügeln einer Windmühle aus und wir nahmen uns die Freiheit, die Spannweite derselben zu messen; diese zeigte nicht weniger als 246cm. Der Umfang seines Leibes unter den Armen hatte über die Kleider gemessen 183cm. Das Gewicht aber, das Tschung Tschi-Lang auf seinen beiden Füßen zu tragen hat, soll 57 r Pfund und seine Länge 235cm. betragen. Nachdem wir auch das Lager des Riesen in Augenschein genommen, welches über drei der Länge nach neben einander gestellten Bettstellen ausgebreitet war, entfernten wir uns nicht ohne zuvor dem Sohne des himmlischen Reiches noch einmal die Hand zum Abschied gereicht zu haben.
Vermischtes.
Diez, 9. Juli. Wie weit es manche Leute in der „edlen Kunst" des Branntweintrinkens bringen, zeigt sich durch eine jüngst von einem Wirthe eines benachbarten Dorfes gegen einen Bauern eingereichte Klage. Der Kläger forderte von dem Verklagten die Kleinigkeit von 460 JL für Branntwein, den der letztere innerhalb zweier Jahre in sog. „Dreispännern" (Halbviertelchen) in der Behausung des Ersteren vertilgt hat. Danach bat der Bauer pro Tag 7 „Dreispänner" (Halbviertelchen) im Durchschnitt getrunken, also beinahe einhalb Liter. Man hört's und steht und staunt. So viel ist sicher, daß der Mann weniger Korn zieht, als zum Brennen des von ihm vertilgten Quantums Schnaps nothwendig ist. Aber ist es unter solchen Umständen ein Wunder, wenn Bankerotte an der Tagesordnung sind? Da klagte man die Zeiten an und sollte sich selber anklagen. Der Trinker versäumt Arbeit und Verdienst und jagt die wenigen Groschen, die er hat, auch noch die Gurgel hinunter. Man kann sich ein; bilden, welche Menge von Branntwein genossen würde, wenn sich ein Dutzend solcher „Helden" in einem Dorfe befinden sollte. Das stcht fest, daß im Uebcrmaße genossener Fuscl den Menschen verdummt und corrumpirt. Im Interesse der Landleute könnte man nur handeln, wenn man die Steuer auf solche starke Getränke noch bedeutend erhöhte, diejenige dagegen auf leichtere, wie Bier, herabsetzte, um solchen Geschäften kräftig entgegen zu arbeiten.
— (Blutiger Ausgang eines amerikanischen Ptc-Nics.) Bei Gelegenheit eines Pic-Nics, das zum Besten der Errichtung einer böhmischen Schule in Silver Leaf Grove, Chicago, ad- gehalten wurde, kam es zwischen einer Anzahl von Leuten, die sich außerhalb des Pic Nicplatzes befanden und den Mitgliedern einer sogenannten böhmischen Scharfschützen - Compagnie, die zu dem Feste als Wache eingeladen war, zu Reibereien, die schließlich damit endeten, daß die Scharfschützen mit der blanken Waffe vorgingen, und als ihre Gegner sich hierauf schleunigst aus dem Staub machen wollten, den Fliehenden ein paar Salven nachsandten, die fünf Personen niederstreckten. Dieses rücksichtslose und in keiner Weise zu entschuldigende Vorgehen hat in der gejammten Presse der Vereinigten Staaten nicht geringen Unwillen hervorgerufen. Die Illinois Staatszeitung und Anderen leitet die Mittheilung über den Vorfall mit Den Worten ein: „Ein niederträchtiges und infames Schandstück wurde gestern Nachmittag von einer Bande unzurechnungsfähiger, bewaffneter Böhmen verübt" u. s. w. Die Betreffenden wurden natürlich sofort verhaftet und sitzen im Gefängniß, um ein weiteres Verfahren abzuwarten.
Darmstadt. Es geht der „Darmst. Ztg." von geschätzter Hand Folgendes zu: „Bei dem eben stattfindenden Umbau der unter dem Namen des Afterringes bekannten und übel- berufenen Miethkaserne in Mainz glauben wir darauf Hinweisen zu sollen, daß der Gedanke der Erwerbung dieses Hauses, sei es durch Privatmittel oder eine Actiengesellschaft, und Herstellung desselben zu gesunden menschenwürdigen Wohnungen für die ärmeren Einwohner der Stadt Mainz zuerst von unserer Höchstseligen Großherzogin angeregt und die Ausführung desselben auf das Lebhafteste von ihr befürwortet wurde.
Der Afterring ist ein größerer Gcbäudecomplex, Der, durch mehrere Höfe und enge Gäßchen getrennt, verschiedene WohngebäuDe umfaßt. — Er steckt mitten in einem dichtbevölkerten, nur von engen, winkeligen Gassen durchzogenen Stadttheile, stößt vorn mit einer dunklen Thor- einfahrt an die 2—3 Meter breite Badergafse und hängt hinten durch einen schmalen Gang mit dem Karthäuserreul zusammen. Bis vor Kurzem war er von 50 verschiedenen Parteien bewohnt, die in der Mehrzahl je ein Zimmer zu dcm Durchschnittspreis von 3 pro Woche inne hatte.
Die Bevölkerung gehörte entweder dem ärmsten Theile des Handwerker- und Taglöhnerstandes an, oder zu jener nicht näher zu bezeichnenden Klaffe von unglücklichen Geschöpfen, die durch ihre rücksichtslosen Gewohnheiten und ihr der Scham entbehrendes Gebühren dem ganzen Hause den Stempel der Niedrigkeit und Gemeinheit aufbrückten.
Starrend vor Schmutz und Unreinigkeit, wozu auch Die Geschäfte von Lumpensammlern ihr gutes Theil beitrugen, indem diese ihre Vorräthe in Zimmern und Höfen aufspetcherten, täglich fast der Schauplatz der ärgsten Schimpfereien, die nicht selten in blutige Schlägereien ausarteten, mußte zuletzt ein Polizeiagent ständig in das Haus einquartiert werden, um nur einigermaßen die Ordnung aufrecht zu erhalten.
Dieses Haus, das in jeder Beziehung mit den niedrigsten Quartierhäusern in den dunklen Bezirken einer Großstadt concumrcn konnte, war es, das die edel denkende Fürstin auf's Genaueste inspiclrte; sie besuchte mehr als ein halbes Dutzend Wohnungen in demselben, um deren Zustand aus eigener Anschauung kennen zu lernen, sie unterhielt sich in eingehendster Weise mit den Bewohnern und war unermüdlich in dem Entwerfen von Plänen, wie Diesem physischen und moralischen Elende abzuhelfen sei.
Zuerst aufmerksam auf die Wohnungsverhältnisse in Mainz wurde die Höchstselige Groß- Herzogin durch ein kleines Schriftchen über die Gesundheitsverhältnisse dieser StaDt, das Ende 1876 erschienen war.
Sie ersuchte den Verfasser deffelben um seinen Besuch und weitere mündliche Mit- thcilungen. Auf das Genaueste erkundigte sie sich nun über die Wohnungsverhältniffe, die Lebensweise — die Nahrungsmittel rc. rc. der ärmeren Bevölkerung von Mainz; sie schilderte selbst in höchst interessanter Weise ihre Besuche in Den Armenviertel.i Londons, wie sie mit der bekannten Wohlthäterm Ottawa Hill, die nicht allein eine Schilderung der Armenwohnungen Londons gab, sondern die auch praktisch neue gesunde Wohnungen einrichtete und verwaltete, wie sie mit ihr die Armenwohnungen in Marylebone, in Sevcn Dials, in Whitechapel und anderen Stadttheilen besuchte.
Sie sprach voll Begeisterung von den menschenfreundlichen und auch erfolgreichen Bemühungen von Miß Hill, die traurigen Zustände zu bessern und gab sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß ähnliche Versuche auch in Mainz zu machen seien und auch hier gewiß von segensreichen Folgen begleitet sein würden.
Um die Verhältnisse an Ort und Stelle selbst kennen zu lernen und sich zugleich über die Mittel zu unterrichten, wie die entgegenstehenden Schwierigkeiten überwunden werden könnten, beschloß sie incognito nach Mainz zu kommen und selbst Umschau zu halten.
Den 8. Januar 1877 traf sie nun in Begleitung einer ihr treu ergebenen Dame, welche man bei dergleichen Ausflügen stets an ihrer Seite sah, im Bahnhof, in Mainz ein. Niemand vermuthete in der schlichten Erscheinung die hohe Frau und sie begann ihre Wanderung unter Führung des Armenarztes des Bezirks, die sich hauptsächlich auf die Schlosser- und Stallgafse, Kappelhof, Altscharre, Zuchthausgasse, Augustinergäßchen und Badergafse erstreckte.
Sie unterwarf die einzelnen Häuser unD Wohnungen einer genauen Besichtigung, sie erkundigte sich nach der Höhe dcr Miethen, nach dem etwaigen Preis Des Hauses, immer mit dem Gedanken an die Möglichkeit der Herstellung gesunder und billiger Wohnungen. Die Häuser in den erstgenannten Straßen liegen in dem niedrigsten Stadttheil von Mainz, sie sind nicht allein bei jedem höheren Wasserstand der Ueberfluthung vom Rhein her ausgesetzt, sondern bei jedem starken Regen bringt das Wasser von den etwas höher gelegenen Straßen in die -Wohnräume ein und erzeugt besonders in den unteren Stockwerken eine untilgbare Feuchtigkeit, — dabei besitzen die Mehrzahl der Häuser gar keine Höfe, indem fast der ganze Baugrund bebaut ist und die Straßen eng sind, winklig, dem Licht und dem Luftzug schwer zugänglich. Die Fürstin erkannte mit ihrem klaren Blick sofort, daß hier nur durch große planmäßige Arbeiten, wie Niederreißen, Straßenverbreiterung, Durchbruche nach dem Rhein-, Auffüllungen rc. rc. Abhülfe geschaffen werden könnte; dagegen glaubte sie, daß gerade der Afterring durch seine vor Ueberschwemmung gesicherte Lage und die größere Baufläche des Bauterrains geeignet sei — ihren Wunsch nach gesunden und billigen Armenwcchnungen ohne allzu großen Kostenaufwand durchführen zu laffen. Sie wünschte, daß sofort ein Versuch gemacht werden sollte, entweder einzelne reiche Leute für den Platz zu gewinnen oder eine Actiengesellschaft zu dem Zweck zu bilden. Sie versprach selbst in jebm'öglicher Weise das Unternehmen zu fördern und fügte mit einem bedauernden Lächeln hinzu: „Hätte ich nur Geld genug, ich würbe sogleich das Ganze übernehmen." Sie sah vollkommen die Schwierigkeiten ein, sowohl in Bezug auf die Beschaffung des Geldes, als vor allem in der Auswahl der richtigen Personen zur Verwaltung. Aber sie wußte Rath für Alles und wirkte durch ihre volle Hingebung für das, was sie als recht erkannt hatte — wahrhaft begeisternd.
Sie machte noch einen kleinen Spaziergang über den Windmühlenberg, wo sie entzückt bei. herrlichen Blick über die Stadt, den Rhein und den Taunus bewunderte, und ging eben auf einen kurzen Augenblick in die Stefanskirche, deren einfache und doch so großartige Erhabenheit tief auf sie zu wirken schien- — Sie schien ergriffen und sicher hat sic ein inniges Gebet um Hülfe bei ihren das Höchste erstrebenden menschenfreundlichen Plänen zu Gott gesandt.


