Nr. LLS. Zw-ttes Blutt. Sonntag, den IS. Mai Z87N.
Kießener Wrmger
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AoliLischer HheiL.
Wochenübersicht.
Unser Kaiser fühlt sich durch den Kurgebrauch so gekräftigt, daß er in Berlin alsbald mit den hergebrachten Frühjahrs-Truppenbesichtigungen beginnen konnte. Am 12. d. hatte er die Freude, Urgroßvater zu werden, Indem die Erbprtnzessin von Meiningen, seine Enkelin, von einer Tochter entbunden wurde.
Der Kronprinz erfreut sich in Kissingen des ei wünschten Wohlseins. Sein zweiter Sohn, Prinz Heinrich, der bekanntlich aus der Corvette „Prinz Adalbert" eine Reise um die Welt macht, war am 19. April in Honolulu auf den Sandwtchsinseln eingetroffen.
Das öffentliche Jntereffe Deutschlands war in den vergangenen Tagen fast ausschließlich den Verhandlungen des Reichstages über die zoll- und steuerpolitischen Vorlagen zugewendet. Die erste Lesung des Zolltarif- eutwurfs endete nach sechstägigen, hin und wieder gereizten Debatten mit dem Beschluß, dem Antrag Löwe entsprechend, § 1 — 5 des betr. Gesetzentwurfs und bestimmte Positionen des Tarifs, nämlich die schwierigeren Schutzzölle nebst den Frnanzzöllen, einer Commission von 28 Mitgliedern zu überweisen, alle übrigen Positionen aber sofort im Plenum zu erledigen. Mit diesem Resultat der Abstimmung über die formelle Behandlung der Vorlage ist der Steg der letzteren im Ganzen und Großen euschieden. Von e> tschei- dender Bedeutung für dies Eigebniß waren die Erklärungen der Abgg. v. Bennigsen und Wtndthorst. Der Führer der gemäßigt liberalen Partei nahm nämlich, abweichend von seinen Parlelger offen Lasker und Ricken, eine entgegenkommende, vermittelnde Stellung zu btt Vorlage ein und sprach am Schluß seiner Rede die Hoffnung aus. daß auf Grundlage der neuen Zollsätze für die finanzielle Ordnung und die Verdefferung der Steuerverhäit- iltffe im Reich ein günstigerer Boden, als der bisher vorhandene, werde geschaffen werden; und das Haupt der Centrumsfrakiwn erklärte ausdrücklich, ,eine Gegnerschaft gegen den R ichskanzler aus dem Gebiete des Culturkampfes werde ihn und seine Gesinnungsgenossen nicht abualten, denselben in den wirthschastlichen Fragen zu unterstützen und wenigstens die vorgeschiagenen Schutzzölle zu bewilligen. So hat sich denn die Aussicht auf e nen glücklichen Abschluß der Verhandlung im Lause der Generatdebutte wesentlich erhöht. Wie fest Fürst Bismarck seinerseits aus den schließlichen Sieg seines Programms rechnet, geht aus dem Umstande hervor, daß er dem Bundesrathe nachträglich noch einen Gesetzentwurf über provisorische Aenderungen des Zolltarifs (ein sog. Zolliperrgesetz) und eine Vorlage, betr. die Statistik des auswärtigen Waarenverkehre, hat zugehen lasten. Auch die e. bliche Erledigung ber Tabakssteuervorlage, welche nach zweitägiger Berathung an eine besondere Commission verwiesen wurce, bars ) tzt schon als gesichert angesehin werden. Dagegen ist bas Schecks l der ebenfalls an eine Commission verwiesenen Gesetzentwürfe über die Eihebu. g und Erhöhung bei Brausteuer, «ach der Stimmung des Reichst, gv zu u>theilen. sehr zweifelhaft.
Die deutsche Instizor ganisat'vn rückt schrittweise vor. Nachdem sie in dem Reichsgericht ihre feste Spitze erhalten, folgen die Ernennungen für das Oberlandes- und bie Landgerichte in den eu>z Inen Bunvesstauten allmäh- ltch nach. In Preußen sind b shrr die Patente für die Piästdenten dieser Gerichte, sowie die für bic Senalspläsidenteu und die Staatsanwälte bei den Oberlandesgertchten ausgefertigt.
In Rußland dauern die Verhaslu. gen fort. Die Auffindung einer geheimen nihilistischen Druckerei trägt natürlich nicht dazu bet, die Gewaltherrschaft zu mildern.
Englands Hoffnungen auf «inen baldigen Frieden mit Afghanistan haben fich neuerdings gehoben. Iakub Khan ist, naa-dem er vom Viceköntg von Indien «IS Herrscher des Landes anerkannt worren, im englischen Lager erschienen, hat dort btn Wunsch ber Wleoeranknüpsung freundschafilicher Beziehungen ausgesprochen und soll g r rckon die b itifnerfeiM ausgestellten Bedingungen angenommen haben. I > Caplande scheint dagegen die Lage der Dinge noch immer bedenklich zu sein, da die Regi.rui g fori fährt, Truppen- verßärkungen dorthin zu senden.
Jenseits der Vogesen steht man mit Spannung den Kammerver- Handlungen über die schwebenden Fragen entgegen. Die Regterungskreife sowohl wie Gambetta rechnen mir Bestimmtheit da aus, daß die Feny'schen Gesetzentwürfe im Senat durchg hen und daß Bianqut's Wahl in der Depu- tirtenkommer für ungülitg erkläit w rden wird. T otzd«m scheinen noch nicht alle Schwierigkeiten bes»itigt, im Gegeniheil erwartet man ziemlich allgemetn eine baldige Veränderung des C^bineis, wenn dastelbe auch in seinem gegenwärtigen Bestände vor die Kammern treten soll. Mittlerweile dringt die Agitation sür und gegen die Fery'schen Vorlagen mehr und mehr tn's Volk ein. Während die Geistlichkeit des EizbtSthums A'x eine Adreste unterzeichnete, in welcher fie ihiem Bischof zu dem gegen die Regierung gerichteteten Hirtenbriefe Glück wünscht, eröffneten die Laien eine Subscrtption, um ihrem Oberhirten einen Ehrenhirtenstab zu überreichen. Ultramontane Provinzialblätter fordern sogar sür den Fall, daß die Ferry'ichen Gesetzentwürfe angenommen «erden sollten, zur Steuerverweigerung auf! Allem Anschein nach geben indeß die Klerikalen trotz dem Segen, den der Papst französischen Pilgern
zu ihrem Kamps sür „die Rechte Gottes und der Kirche" ertheilt hat, ihre Sache schon verloren; auffallend ist wenigstens, daß ber Erzbischof von Paris ein Comits zur Gründung „freier Congregationsschulen" gegründet hat.
Garibaldi hat zum Dank für sein demokratisches Manifest von seinem Freunde, General Türr, zum Jahrestage des Beginns des Fretschaarenfeldzugs von 1860 eine telegraphische Strafpredigt bekommen, worin er daran erinnert wird, daß das Feldgkschret bei dem Zuge nach Marsala gelautet habe: „Italien und Victor Emanuel" ! daß auch der gegenwärtige König im Kampfe für die Freiheit herangewachsen sei: er möge daher den Ungeduldigen jenes Loosungswort wiederbolen, alle Uneinigkeit vermeiden und sich besonders hüten, das Band zu zerreißen, welches das Haus Savoyen mit dem italienischen Volke verknüpfe. Wenn der alte Narr nur Raison annehmen wollte!
Lokales.
Gießen, 17. Mai. (Sitzung der Stadtverordneten am 15. Mai.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Herren Beigeordnete Keller u. Heß; von Seiten der Stadtverordneten: die Herren Baist, Gail, Hoch, Hornberger, Kauf, Lüdeking, May, Ad. Noll, Pfannmüller, Wenzel und Wortmann. — Frühere Gesuche des Turnvereins um miethweise Ueberlassung des Balconzimmers der Turnhalle wurden ablehnend beschieden, weil die Stadt möglicherweise in die Lage kommen könnte, fragt. Zimmer selbst zu benutzen, etwa als Schulzimmer. Ein erneutes Gesuch, welches der heutigen Versammlung vorlag, hatte dasselbe Schicksal seiner Vorgänger, d. h. es wurde abgelehnt. — Betreffend das Gesuch der Schützengesellschaft um Ueberlassung eines Schießplatzes spricht sich die Versammlung heute zustimmend aus, nachdem die Herren Forstmeister Haberkorn unv Oberförster Lang in einem Gutachten erklärten daß durch die vorgenommenen Vorsichtsmaßregeln jede Gefahr eines Unglücksfalles beseitigt sei. — Den städt. Bauplan «nlangend, war durch ein Rescript des Krctsamts ver Stadt anheimgestellt worden, ob es sich nicht empfehle wie in Darmstadl so auch hier die Grenzen des Bauplans festzustellen, d. h. eine öffentliche Bekanntmachung zu erlaffen daß vorerst nur gewisse Straßen erbaut werden unv Baugesuche, welche nicht diese Straßen berühren, abzulehnen seien. Die Versammlung ist im Principe damit einverstanden daß solches geschehe und genehmigt einen Antrag des Stadtbaumeisters resp. der Bau-Deputation daß nachfolgende Straßen erbaut werden sollen, alle anderen Projekte aber vorerst auszusetzen seien. Die Versammlung wahrt sich indessen auch noch das Recht im gegebenen Falle eine Ausnahme hiervon zu machen. Es sollen erbaut werden- 1. Die S ch oorstra ße, rings um die Stadt, 2 Der Krofdorfcr- und Schießgartenweg, 3. Die Querstraßen vom Asterweg an im Gartfeld und Schwarzlach bis zum Malcomesius'scheu Hause, 4. Die Querstraße zwischen der Grünberger- und Ltcherstraße, 5. Die Ste - phansstraße bis zum Bruchgraben (ohne Zwang zur Erbauung einer weiteren festen Brücke über die Wieseck), 6. Die Bletchstraße bis an die Wteseck, 7. Die Quai-Straßen längs der Wieseck (oom Neuenwegerthor rechts und links bis zur Bleichstraße, vom Müller'schen Hause am Seltersthor bis zum Hoch'schen Hause an der Reichensand-Bahnhof- straße), 8. Die Ludwigsstraße bis zur Wilhelmsstraße, 9. Fortsetzung der Universitätsund Wilhelmsstraße bis zur Ludwigsstraße. Dieses Project dürfte wohl Stoff für 50 bis 100 Jahre sein; erfreulich ist es aber daß endlich einmal eine Grenze gezogen ist und daß fernerhin nicht wo 2 bis 3 Häuser stehen, die Stadt verpflichtet ist, eine Straße mit allem was drum und dran ist auf Kosten der Steuerzahler zu erbauen. Unser Communal- steuerzettel ist wahrlich theuer genug. — Herr Heinrich Baum reichte früher schon verschiedene Gesuche ein zur Erbauung eines Hauses in seinem Garten in der Schwarzlach. Dieselben wurden indeffen immer abgelehnt weil daö Grundstück nicht im Bauplan liegt. In einem neueren Gesuche weist er auf die Consequenz hin, daß man Herrn Braumeister Möller erlaubt habe auch außer dem Bauplane zu erbauen (die Stadtverordneten hatten sich auch hiergegen das Gesuch ausgesprochen, Herr Möller erhielt indeffen von Großherzoglichem Ministerium die Erlaubniß) und bittet nun auch um Zulassung seines Gesuchs. Die Polizeibehörde und die Bau Deputation ist heute wiederum nicht für das Gesuch. Bei der Abstimmung in der Versammlung ergab sich indeffen daß von 14 Anwesenden sich 8 für das Gesuch erklärten, während die übrigen 6 Herren sich der Consequenz halber ablehnend verhielten und es dem Petenten anheimstellten gleich Herrn Möller die weiteren Schritte bei den vorgesetzten Behörden zu thun. — Em nicht so günstiges Schicksal hatte das Baugesuch des Herrn Jacob Reitz, welcher am Leihgesterner Weg ein Wohnhaus erbauen will. Auch hier liegt das Gelänve nicht im Bauplan und lehnt die Versammlung das Gesuch ab. — Die vorgelegten Kosten- decreturen werben genehmigt. — Dem Schluß der Rechnung für vas Jahr 1878 bis auf einen längeren Termin als gesetzlich vorgeschrieben, giebt die Versammlung ihre Zustimmung. — Das abgebolzte Erlenwäldchen soll als Wiese benutzt werden und wird der erforderliche Klee- und Grassamen sowie die Herstellungsarbeit bewilligt. — Zur Z ollt a rif frag e, wird, wie wir in unserer gestrigen Nummer schon berichteten, beschlossen Herrn Adolf Noll, welcher wegen der Tabaksteuer nach Berlin reist, mit der Vertretung der Stadt auf dem Städtetag zu betrauen und demselben bestimmte Weisung gegeben, gegen alle das Interesse der Stadt schädigenden Steuerprojecte zu stimmen. — Geheime Sitzung. —*•
V e r m is^ht e s .
Aus Lucca, 6. Mai, wird der „Naztone" geschrieben: Ei« Mann aus Camajore wanderte nach Amerika aus unb ließ Frau und zwei Kinder in Italien zurück. Nach einiger Zeit sandte er ihnen 100 Fr. durch den Pfarrer des Ortes. Nach einigen Monatrn kamen wieder 1000 Fr. und so je nach einiger Zeit wieder neue Sendungen bis auf 25,000 Fr., der Pfarrer lieferte dieselben nicht ab. Dagegen ließ er die Frau vor sich kommen und thetlte ihr unter allerlei Trostgründcn mit, daß ihr Mann gestorben sei. Gleichzeitig schrieb er auch dem Manne, seine Familie sei an den Blattern gestorben. Dieser verlangte einen amtlichen Tvdten- schein, der Pfarrer sandte denselben und der Mann ging eine zweite Ehe ein. Wohlhabend geworden, wünschte er wieder einmal seine Heimath zu sehen; er reiste wirklich mit Frau und Kindern zweiter Ehe nach Italien und kehrte im Gasthaus von Camajore ein. Auf einem Spaziergang im Orte sprach ihn ein Kind um ein Almosen an Er frug es nach Heimath und Eltern, und es stellte sich heraus, daß es fein eigenes Kind war. Bald erfuhr er die ganze Wahrheit und traf Frau und Kinder in größtem Elend. Der Pfarrer meinte, er könne die Sacke mit Zurückgabe der 25,000 Fr. wieder gut machen. Die Behörden waren aber anderer Meinung und verhafteten ihn. Der Proceß ist noch nicht beendigt. (Nach neueren Nachrichten soll Vorstehendes jedoch unwahr und erfunden sein D. Red )
— Hebet einen neuen Coup der Nihilisten meldet man aus Petersburg wie folgt: „Vor Kurzem erhielt der Hierselbst am Leschtukow-Perenlock im Hause Nr. 15 wohnende Kaufmann Pawel Fufajew ein mit „Nevolutions-Comitö" unterzeichnete« Schreiben, in welchem von Fufajew ein Beitrag von 40,000 Rubel „für die Zwecke der geheimen nationalen Regierung" verlangt wurden und der Kaufmann aufgefordert wurde, diese Summe bi« längsten« 2. Mat


