Ausgabe 
16.3.1879 Zweites Blatt
 
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bezeichnet. Mittlerweile arbeitet die Budget-Commission, der einzelne Tbelle des Etats zur Vorberathung überwiesen sind, einen Generaibe ichi üver Die durch die Finanzlage nothwendig gewordene (Steuerreform a iS.

Das zoll- und handelspolitische Programm des Re ckska z- lers hatte sich in jüngster Zeit wieder verschiedener Zustimmungs-Erllä mgen zu erfreuen. Am bemerkenswerthesten ist, daß eine in Oppem zuia'nmei'^^re- rene oberschlesische Landesveisammlung, zu welcher auch Mitglied r cer Cen- trumSsraction Einladungen hatten ergehen lasten, dem Fürsten B"wa ck ein­stimmig den Dank Oberschlesicns für sein Programm oottrt u> d sich für schleunige Wiedereinführung der Eijenzölle, Erwetteiung des Syste-ns der indirecten Steuern, Umgestaltung des Tarifwesens und überhaupt für Amde- rung der bisherigen Handels- und Zollpolitik ausgesprochen hat. Nicht minder bedeutsam war eine zustimmende Kundgebung von mehr als 3200 Zirmen aus dem Königreich Sachsen, deren Abgesandte vom Reichskanzler sehr freundlich empfangen wurden.

Die Verhandlungen, welche seit dem 3. d. vor dem Saarbrücker Zucht­polizeigericht über den Marpinger Wunderschwindel geführt werden, geben ein trauriges Bild von der in römisch-katholischen Kreisen herrschenden Verlogenheit, Betrügerei und abergläubischen Wundersucht.

Heber den Stand der Dinge zwischen Berlin und Rom liegen dies­mal von ultramontaner Sette Nachrichten vor, denen es an innerer Glaub­würdigkeit nicht fehlt: danach hätte Fürst Bismarck das Schreiben des Cardinal-Staatssecretärs Nina zwar kürzlich in versöhnlichem Tone beantwor let, dagegen berechtige der Inhalt dieser Antwort keineswegs zur Hoffnung auf einen baldigen glücklichen Ausgang der Verhandlungen. Bei der unver­söhnlichen Gesinnung des Vatikans ist natürlich kein günstiger Erfolg zu erwarten.

Die dänische Regierung hat es sich nicht versagen zu dürfen geglaubt, in Berlin nach der Bedeutung des am 11. Ocrober 1878 über Aafütbung des Art. 5 des Prager Friedens mit Oesterreich geschloffenen Vertrags sich zu erkundigen und auf ihre vorwitzige Frage selbstverständlich die Antwort bekom­men, daß Deutschland die nordschleswig'sche Frage sowohl formell wie materiell als erledigt ansehe. In Dänemark selbst herrscht tu Folge jenes Vertrags eine so starke Erbitterung gegen Deutschland, daß das akademische Consisto- rtum der Kopenhagener Universität beschloffen hat, das bevorstehende 400jäh- rige Bestehen derselben ohne besondere Festlichkeit zu begehen, um nur nicht - die deutschen Professoren zu dem Fest einladen zu muffen !

In den Delegationen Oesterreich-Ungarns herrscht, seitdem G as Andraffy zugestanden hat, daß die Frage der Verwaltung Bosniens zur Com- petenz der beiderseitigen Parlamente gehöre, eine für die Regierung angeneh­mere Temperatur. Man steht daher der Bewilligung der geforderten Ccedite mit Sicherheit entgegen.

Nachdem die ärztlichen Mitglieder der deutschen und österreichischen Pestcommission in dem ursprünglichen Heerd der Seuche angelangt sind und von dort beruhigende Nachrichten über den Stand der Dmge gegeben haben, nimmt die Angst vor Einschleppung der schrecklichen Krankheit in Eu­ropa allmälig ab. Trotzdem sind die deutschen Behörden eifrig mit der Vor­bereitung von Schutzmaßregeln für den Fall der Noth beschäftigt.

Die englische Regierung hat mit Jakub Khan, dem Sohn des ver­storbenen Emirs von Kabul, Friedensunterhandlungen angeknüpft und sich trotz des Ernstes der Lage der Dinge im Caplande wie in Afghanistan stark genug gefühlt, um aus Anlaß der in Birma ausgebrochenen Unruhen drei Regimenter nach Vritisch-Birma zu senden.

Frankreich hat sich, nachdem die neuliche Ministerkrisis durch Ernen­nung des bisherigen Handcl^ministers Lepere zum Minister des Innern und des Deputirten von Paris, Tirard, zum Handelsminister beendigt, wieder

einigermaßen beruhigt. D e bevorstehenden Kammeroerbandlungen über den Bericht der Unters ichu gs-Commission, welcher auf Versetzung der Minister vom 16. Mai in Anklagezuftund anträgt, werden die Bevölkerung zwar noch ein­mal aufregen. Da aber sowodl Die Regierung wie ©ambeita sich gegen diesen Antrag erklärt hat, io läßt sich füglich erwarten, daß die Lage der Dinar jenseits der Vogeien sich aUmältg befestigen und die Regierung ifyve Sorge fortan mehr als bisher den Reformen auf wirthschaftlichem Gebiet wird zu- wendeii können.

Auch Spanien hat eine Ministerkrisis durchgemacht. An die Stelle des Ministelprästdenten Canovas bei Ctstillo ist der bisherige Gouverneur von Cuba, Martinez Campos, getreten und bat ein neues Cabinet gebildet, mit dessen Beistand er besonders den traurigen Zuständen aufder Perle der Antillen" abhelfen will.

Der Königsmörder Paffanante ist von den Geschworenen zu Neapel ohne Zulaffung von Milderungsgründen für schuldig erklärt und daher vom Gerichtshöfe zum Tode verurlbe'lt worden.

Die Szegediner Ueberschwemmung.

Seit beinahe zwei Wochen sah die Stadt Szegedin und deren Umgebung die Gefahr einer Ueberschwemmung voraus und namentlich in den letzten Tagen wurde mit Aufwand aller Kräfte Seitens der Behörden und des Militärs daran gearbeitet, die immer bedrohlicher an­schwellenden Wasserflutben cinzudämmen. Aber schon am h. März brocken einige Dämme uno überflutheten mebrere Dörfer und ein ungeheures Landterrain. Die Bestürzung und Verwirrung in Szegedin scheint eine ganz unglaubliche gewesen zu sein. Die Bevölkerung war ganz er­schöpft von der Anstrengung und Aufregung. Die Behörde vermochte keine Szegediner Arbeits« hafte mehr aufzutreiben, weder durch Zwang noch für Geld. Nach Thcresiopel, Oroshaza, Kistelek wurde um Arbeiter telegraphirt. Der Gemüther hatte sich jene stumpfe Abspannung bemächtigt, welche der Verzweiflung voranzugehen Pflegt. Die Gassen waren voll von Weibern, welche Bettzeug schleppen, und Wagen, welche Möbeln tranSportiren. Regierungs-Commissar Lukac4 ließ einen in scharfem Ton gehaltenen Aufruf verfaßen darüber, daß das Volk nicht auf die Dämme eilte. Die Vorsteher der Stadt, eine üble Wirkung von der Proc'amation be­fürchtend, baten um Zurückziehung derselben. Mit dieser Proclamation auch das Stand­recht wurde verkündet scheint es im Zusammenhang zu stehen, daß Herr Lukacs von einem Menschen augefallen wurde, der verhaftet werden mußte. Es heißt, daß die Rettung Szege- din's davon abgehangen habe, ob man die nöthigen Arbeitskräfte zur Verfügung gehabt hätte. Die Soldaten Haben allen Berichten zufolge mit übermenschlicher Anstrengung gearbeitet, aber das Verhalten der Civilbcvölkerung war unbegreiflich apathisch. Obgleich es sich doch gerade um ihr Leben und ihr Eigenthum handelte, mußten die Szegediner vom Militär mit Gewalt zum.Rcttungswcrk angetrieben werden, weil die Eingeborenen kaum glaublich sich zu arbeiten weigerten. Das Dorf Doroszma verfiel zuerst der Wuth der Elemente, welche 400 Häuser zerstörten- Ein Berichterstatter des Pesther Lloyd beschreibt in einem Briefe vom 10. ds. eine Fahrt auf dem durch die Ueberschwemmung neuentstandcnen Meere in folgender Weise:An Doroszma, von dem die Rothsignale schon heute Nacht zu den Szegedinern, die selber hart bedrängt auf Leben und Tod an ihrem Alfölv-Damm arbeiteten, unheimlich herüber­dröhnten, ist das Unglück gegen 11 Uhr Vormittags herangetreten. Nlittagß fuhr ich hinaus auf das drei Tage alte unheimliche Meer nordwestwärts. Die braven Theiß Schiffer, die mich in einem Kahn der Dampfschifffahrts-Gesellschaft fuhren, waren besten Muthes. Vom kleinen Festlande, das Szegedin noch umgibt, abstoßend, kamen wir an dem Friedhöfe vorbei, der seit zwei Tagen unter Wasser steht. Grabkreuze, ausgewaschene Sargbretter kamen uns entgegen und trieben südwärts der Stadt zu. Gegen den ziemlich heftigen Wind kämpfend, fuhren wir über die Landstraße dahin, auf der sonst die Wagen nach Doroszma verkehren Ueberall die Fluth, die Linie der Staatseisenbahn bildete ein Hinderniß, aber nicht etwa, weil über den hohen Damm das Waffer nicht hoch genug geströmt wäre, sondern weil wir so hoch fuhren, ' daß uns die Telegraphendrähte den Hut vom Kopfe rissen. An eingestürzten Tanyen, Lsarden ' und Sommersitzen vorbei, gings eine Stunde lang, das war der halbe Weg. In Doroszma angelangt, sahen wir, was hier noch nicht erlebt worben, das ganze hochgelegene Land umher ( unter Wasser! Am Gasthaus zum Hirschen, im Innern der Stabt, stiegen wir au6 dem Kahn. Das Wasser brach von der Westseite aus Matyer herein und legte in vier Stunden über dreihundert Häuser in Trümmer. Das Volk wohnt in der Kirche, dem einzigen hohen Punkte, viele hundert Seelen stark, Werber, Kinder, mit nothdürftigem Hausrath Man erwartet noch heute einen speeieü für Doroszma abgesandten Regierungs-Commissar und einen Lebensmittel­transport. Die Bevölkerung ist furchtbar erregt. Zurückgekehrt, fanden wir Szegedin noch stehend, doch ist das seit Tagen noch immer eine Frage von Minuten. Es liegt setzt Alles am Alföld-Damm. Seit gestern Nachmittag gehen die Jnundationswaffer im Osten Szegedins bei Tape und im Südwesten durck den Ballagto und Maty in die Theiß, so daß zur Stunde Szegedin buchstäblich eine Insel ist und die zwei Theiß-Brücken die einzige Verbindung mit dem Lande bilden."

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