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267. Samstag den 15. November 1OTÖ»

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Der russische Thronfolger in Berlin.

Die amtlichen Hosnachrichten signalisiren die bevorstehende Ankunft des russischen Thronfolgers in Berlin. Vorher wird derselbe dem Kaiser Franz Joseph einen Besuch abstatten. Diese Thatsachen werden nicht verfehlen, eine Reihe von osficiösen Hymnen zu entfesiein, denn schon jrtzt stellt man den CSsarewitsch als bekehrt und als reuigen Sünder dar, welcher in Erkenntnttz seiner verfehlten und unfruchtbaren Feindschaft gegen Deutschland und Oester­reich in Wien und Berlin pater pecavi sagen und die heilige Allianz wieder Herstellen will. Rußland, meinen die österreichischen Osficiösen, fühle seine Schwäche und wolle daher wieder als der Dritte im Bunde zugelasien werden. So schnell aber dürste man weder in Wien noch in Berlin vergesien, daß Rußland in Paris und London, ja selbst in Rom angeklopst hat, um Bundes- aenoffen gegen die deutsch-österreichische Allianz zu werben. Wenn auch das Tischtuch mit dem östlichen Nachbar nicht zerschnitten ist, die merkliche Erkal- tung der Beziehungen wird bestehen bleiben. Die heil. Allianz ist bei dem Besuche Bismarck's in Wien begraben worden.

Trotz alledem bleibt die polit sche Bedeutung der Besuche des russischen Thronfolgers von großer Bedeutung. Man wird nicht sehlgreisen, wenn man annimmt, daß der russische Erbprinz weder fernem inneren Triebe, noch der Roth folgt, sondern daß er einem sehr klaren und unzweideutigen Befehle seines Herrn Vaters gehorcht. Auf die Wünsche des Czaren hat zwar der Großfürst-Thronfolger niemals viel Gewicht gelegt; aber man sagt, daß Kaiser Alexander es verstände, auch zuweilen einem Ukas an seinen Sohn Gehorsam zu verschaffen. So hat der Großfürst sich den Pfad geebnet und erst vor einigen Tagen dem ihm verwandten Großherzog von Sachsen-Weimar gegen­über geäußert, die Erzählungen über seine Feindseligkeit gegen das deutsche Reich seien kleine Kindermärchen. Damit verleugnete er allerdings seine Der- gangenhett, aber wir würden ihm das gerne verzeihen, wenn die kleine Noth- lüge den Anfang befferer Erkenntniß und freundschaftlicherer Gesinnung gegen Deutschland bezeichnete. _ . .

Freilich sind die Fürstenbesuche schon lange nicht mehr maßgebend für die Entwickelung der großen Politik. Eine Zeit lang werden die Befürchtun- gen, welche die russische Polemik genährt hat und auf Handel und Wandel ungünstig wirkten, zurücktreten, aber eine wirkliche Verbefferung des Vcrhält- utffes zwischen Berlin und St. Petersburg wird dadurch nicht eintreten. An maßgebender Stelle ist man in Rußland zu der Einsicht gelangt, daß eine weitere Verschärfung der deutsch-russischen Confltcte nicht der Lage entspricht, in welcher sich das Czarenreich befindet. Fürst Gortschakoff zieht bie Krallen ein und reicht das Sammetpfötchen, nachdem er in Paris abgeblitzt ist. Aber beendet ist die Verstimmung nicht; jeden Augenblick können wieder die alten unbehaglichen und feindseligen Verhältniffe eintreten, wenn die allgemeine Lage den Ruffen ein freundlicheres Gesicht macht.

Keutschland.

Darmstadt, 13. Novbr. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnä^gstbg provisorischen Gymnasiallehrer, Dr. Peter Dett- w eil er zu Gießen, zum Lehrer an dem Gymnasium daselbst zu ernennen.

Darmstadt, 13. Novbr. Das heute ausgegebene Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 56 enthält:

1. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die Gebühren für gerichtsärztliche Verrichtungen der Medicinalbeamten betreffend.

2. Bekanntmachung deffelben Ministeriums, die Abgrenzung der Dienst, bezirke der delegirten Kreisärzte betreffend. ,pr

Berlin, 12. Novbr. An der hiesigen Börse gab es heute stürmische Augenblicke. Die gestrige Rede des Ministers Maybach, in welcher die Börse als einGiftbaum" bezeichnet worden war, hatte in den nächstbetheiltgten Kreisen viel böses Blut gemacht. Die Aeltesten der Kaufmannschaft waren vielfach von den Trägern der ersten Firmen bestürmt worden, einen osficiellen Protest der Börse gegen die vermeintliche Verunglimpfung derselben zu veran- laffen. Um 2 Uhr Nachmittags trat die Börsencommission unter Zuziehung des Syndtcats zusammen, um über Schritte gegen die Aeußerung des Mini­sters zu berathen. Die Börsencommisston beschloß gegenüber dem Aeltesten- Collegtum, der Entrüstung der Börse Ausdruck zu geben und eine Sitzung des Collegiums zur Berathung weiterer Schritte gegen den Minister zu beantragen. Das Börsen - Publikum hatte fich indeffen hierbei noch nicht beruhigt; es herrschte im Saale eine Aufregung, die sich nicht unterdrücken laffen wollte und schließlich darin einen Ausdruck sand, daß man dem Minister Maybach ein ironisches Lebehoch unter Lärmen und Toben ausbrachte. Vielleicht hat die Aufregung sich rach der Erklärung, welche der Minister Maybach am Schluß der heutigen Sitzung abgab, beschwichtigt. (K. Z.)

Berlin, 12. Novbr. DieTribüne" schreibt: Ein Gesetz, welches nicht ohne merkliche Rückwirkung auf das öffentliche Leben bleiben dürfte, wird in nächster Zeit im Landtage zum Vortrag gelangen. Es ist dies der Ent-

er Hheil.

wurf betr. die Steuern vom Vertriebe geistiger Getränke. Unserer Ueberzeu- gung nach wird man sich nicht leicht der Täuschung hingeben dürfen, daß diese Steuer nichts weiter zur Folge haben werde, als eine Vertheuerung von Bier und Branntwein und vielleicht eine Verminderung der diese Artikel vertreiben- den Schankstätten, vielmehr halten wir es für mehr als wahrscheinlich, daß eine recht empfindliche Vertheuerung der Speisen eintreten wird und zwar gerade dort, wo die Existenz der Gastwirthschaft eine völlig berechtigte, ja sogar nothwendige ist, nämlich im Spetsehaus. Es steht diesem zwar eine Ermäßigung in Aussicht, wenn wir jedoch bedenken, welcher außerordentlich bedeutende Bruchthetl des Publikums unter den heutigen Zeitverhältniffen ge- nöthigt ist, sein Mittagsmahl und Abendbrod im Speisehaus einzunehmen, so können wir uns der Besorgniß nicht erwehren, daß der Nutzen de- vorge­legten Gesetzes sich als ein höchst illusorischer Herausstellen wird gegenüber der Benachtheiltgung, welche das Publikum durch das Gesetz von einer Sette erfahren wird, gegen welches dieses wohl schwerlich gerichtet sein kann. Daß die befürchtete Vertheuerung der Speisen in sicherer Aussicht steht, geht aus dem Umstande hervor, daß das Spetsehaus, in welchem bekanntlich der Ver­trieb von geistigen Getränken Nebensache ist, mit denselben Sätzen wie das Bierhaus und der Branntweinschank bei der neuen Steuer herar^ezogen wer­den soll. Wenn beispielsweise ein hiesiges Etabliffement, wo man sich bisher für 90 und 100 Pfennige gut und vollkommen-satt effen konnte, in der Ge­werbesteuer , die zur Zeit etwa nahe an 4000 Mk. beträgt, durch die aus dem Gesetzentwurf sich ergebenden Zuschläge aus 19,000 Mk. erhöht werden wird, so mögen immerhin die Comptoiristen, Lehrer, Studenten, Künstler und aus welchen Ständen sonst die große Menge von wenig bemittelten Kostgän­gern bestehen mag, sich auf eine nichts weniger als erquickliche Inanspruch­nahme ihres Geldbeutels gefaßt machen. Aus demselben Grunde und in gleicher Weise wird wohl auch eine Vertheuerung der Fremdenbeherbergung nicht av-sbleiben.

Kassel wird, wie man derVoss. Ztg." von dort schreibt, fernerhin nicht mehr Sitz einer Eisenbahn-Dtrection sein und alle Anstrengungen der Bürgerschaft in dieser Hinsicht waren umsonst. An Stelle der bisherigen Direktion soll nämlich vom 1. April 1880 ab nur ein Eisenbahn-Betrtebsamt treten, während Erstere in die General-Direction zu Hannover aufgehen wird. Ausschlag gebend sür diesen Raffel nicht wenig schädigenden Entscheid war die Ablehnung des Verkaufs des Hessen. Darmstädtischen Main-Weser - Antheils durch die Großherzoglich Hessische Kammer. Der Kopfzahl nach wird das hier zu installirende Amt kaum schwächer ausfallen, als die bisherige Main- Weserbahn-Direction. .

München, 11. Novbr. Der Landtags-Abgeordnete Schels hat fol­genden Antrag eiugebracht: Die Kammer wolle beschließen: Es sei an Se. Mas. den König die allerehrsurchtvollste Bitte zu richten, Allerhöchstdieselben geruhen anzuordnen, daß dem gegenwärtig versammelten Landtag eine Gesetzes- völlige aus Einführung der Klaffen-Lotterie in Bayern gemacht werde. Abg. Schels stellt, wie es in den Motiven heißt, diesen Antrag im wärmsten Jn- tereffe sür die Finanzen des bayerischen Staates und in jenem für die Steuer­zahler , misera contribuens plebs, und ist sich hierbei wohl bewußt, daß er durch die Stellung dieses Antrags nach mancher Richtung hin sich ein nicht geringes Odium zuziehe. Man würde seinem Anträge selbstverständlich den Einwand entgegensetzen, die Klaffen-Lotterie sei unmoralisch und darum absolut verwerflich. Er habe sich über diesen Einwand bereit« in der Sitzung vom 17. Oktober umständlich geäußert, aber Angesichts der Thatsachen, daß Preußen gerade jetzt damit umgeht, die Loose seiner Staats-Lotterie zu ver­mehren, weil der jetzige Umfang derselben mit Rücksicht auf die neueren Pro- Hinzen unzureichend sei, erklärte er es sür Prüderie, wollte der bayerische Staat aus Moralgründen die Klaffen-Lotterie nicht cinführen. Für einen Staat, der sich in solcher finanziellen Bedrängntß befindet, wie dermalen Bayern, wäre eine solche Prüderie nicht am Platze! Bel dem Anträge auf Einführung der Klaffen-Lotterte habe er, wie er auch in der Sitzung vom 17. Oktober entwickelte, beso ders auch den Umstand vor Augen, daß in Bayern trotz der gesetzlichen Verbote sehr viel in ausländischen Lotterien ge­spielt wird. In einer größeren Zahl von Städten befänden sich notorisch, wenn auch die bayerische Polizei davon nichts wissen sollte, förmliche Comptoire der österreichischen Zahlen-Lotterie, und wie stark In den norddeutschen Klaffen- Lotterien gespielt wird, dasür gäbe einigen Anhaltspunkt das auffallende Vor- kommniß, daß im Monat Oktober von königlich bayerischen Rentämtern eine große Zahl Hamburger Staatslotterie-Loose nach dem neuen Gebuhrengesetzc abgestempelt worden sind. Er finde keinen haltbaren Grund, warum der bayerische Staat das Geld, welches seine Bewohner nun durchaus einmal »erspie­len wollen, nicht selbst behalten sollte, anstatt dasselbe den Staatskassen von Oesterreich, Preußen, Sachsen, Hamburg und Braunschweig zukommen zu lassen. Das allenfallfige Erträgniß der Klaffen-Lotterie in Bayern berechnet der Antragsteller aus 5,000,000 Mk., welche« zur Deckung des nach Erhöhung des Malzaufschlages noch vorhandenen Deficits ausreiche. Weiter wirst der Antragsteller in den Motiaen einen Blick in die Zukunft, um zu zeigen, daß die Finanzlage Bayerns auch pro futuro keine solche fein wird, daß es ge-