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Mitt»voch den 15. Oktober
1878
Nr. 210.
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Kreiener "Anzeiger
Ailjkige- «Ä Amtsblatt für bei Kreis Gieße».
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politischer Theit.
Das preußische Unterrichtsgesetz.
Die Geschichte des preußischen Unlerrichlsge,etzes ist tiiie wahre Leidensgeschichte. Wenn man bedenkt, wie oft der Gesetzblvck auf den Gipfel des Berges gerollt worden und wieder abwärts geschoben ist, so gleicht das angebliche Streben der Minister auf's Haar einer Sisyphus-Arbeit. Wenn es dabet einen Trost giebt, >) ist es der, daß wunderbarer Weise das preußische Schulwesen sich während der fortwährenden Schiffbrücke der Lrchulgesetz- Entwürfe im Laufe von 60 Jahren ganz vortrefflich entwickelt hat. Es ist damit nicht gesagt, daß es sich unter einem guten Uulerrichtsgesetze nicht noch besser hätte entwickeln können, aber man kann immerhi-i zufrieden sein mit der achtunggebietenden Stellung, wie man sie dem preußischen Schulmeister — nicht blos dem von Königgrätz, sondern übe? Haupt — im In- und Auslande I zugefteht. Das Sehnen nach einem Unterrichtsgesetz blieb aber lebendig in der Brust aller Unterrtchtsfreunde, vom Minister herab bis zum Dorfschulmeister, vom Volksvertreter bis zum einfachen schlichten Bürger. Es uiag das zum Thetl im preußischen Wesen liegen, welches mit der besten freien Entwickelung nicht zufrieden ist, sondern für Alles ein Reglement braucht, für die Gewerbe- fretheit eine Gewerbeordnung, statt der Preßfreiheit ein Preßgesetz und statt des freien Unterrichts ein Unterrichtsgesetz.
Das preußische Unterrichtsgesetz-Projekt hat ein ehrwürdiges Alter. Vor 62 Jahren, am 3. November 1817, setzte Friedrich Wilhelm LH. eine Jmme- diat Commission nieder mit dem Auftrage, eine allgemeine Schulordnung auszuar- beiien. Es ist damals auch ein Entwurf zu Stande gekommen, aber er ruht vermodert in den Akten. Nach dem Regierungswechsel kam 1840 eine Schulordnung für die Provinz Preußen zu Stande, deren Ausdehnung auf den ganzen Staat durch die Eretgnisie des „tollen Jahres" 1848 begraben wurde. Die Verfaffungsurkunde von 1850 brachte unter vielen Verheißungen auch die eines Unterrtchtsgesetzes. Das Ministerium von Ladenberg entwarf das Gesetz, aber die Kammern bekamen es nicht zu sehen, v. Bethmann-Hollweg hielt sich „in den einleitenden Stadien" ; obwohl das Abgeordnetenhaus mehrmals dringend das Gesetz verlangte und die Regierung ebenso oft die Vorlage zusagte. Herr v. Mühler brachte dann ein Gesetz über die Volksschule auf den Tisch des Herrenhauses, das in der Commission abgelehnt wurde, und ein um- gearbetteter Entwurf wurde 1868 in der Unterrichts-Commission des Abgeordnetenhauses begraben, welche ein vollständiges Unterrtchtsgesetz verlangte. Das war eine seltsame Säkvlarfeier des Gesetzes, als endlich Mühler seinen Ent- wurf vorbrachte und damit verunglückte. Dr. Falk endlich hatte das Selbstvertrauen, das Gesetz abermals zu verheißen, und, tote man sagt, hatte er es „fertig gestellt", aber soeben hat sein Nachfolger, Herr v. Puttkamer, erklärt, das Gesetz sei vorläufig „aufgegeben", er wolle vorläufig dem Lehrerstande materiell nachhelfen. Das heißt auf Deutsch, daß einige kleine Special- Gesetze zu erwarten sind, aber daß die allgemeine gesetzliche Regelung verschoben wird.
Wenn es wahr ist, daß mit oder ohne Gesetz der Geist der Verwaltung das Unterrichtswesen leitet, so ist es vielleicht bester, daß die Gesetzgebung vorläufig ruht. Die Schule ist ein lebensvoller Organismus, der sich fortentwickelt — mit oder ohne Gesetz! Je länger man mit dem Gesetz wartet, desto weniger find die Vorarbeiten früherer Zeiten zu benutzen. Fast scheint es so, als bildete sich der Begriff der Schule als ein nationaler heraus; die Gundlagen der Volksschule, der Mittel- und Fachschulen, der Realschulen und Gymnasien fangen an, gleich der Form der Hochschulen, die lokalen Etgenthüm- lichkeiten abzustretfen und die Zett ist nicht mehr fern, in welcher man von einer deutschen Schule mehr sprechen wird, als von einer preußischen, bayerischen oder Reuß-Greizer Schule. Die Entwickelung der Schule und die Hebung des Unterrtchtswesens scheint berufen, Retchssache zu werden, und kaum dürfte irgend ein Gebiet mehr Anspruch darauf zu erheben in der Lage sein, als die Schule. Den Weg dazu kann allerdings nur ein gutes und freisinniges preußisches Unterrtchtsgesetz bahnen und schon aus diesem Grunde ist der Stillstand in der Unterrtchtsgesetzgebung Preußens lebhaft zu bedauern.
Deutschland.
Darmstadt, 11. Octbr. Auf Veranlassung der hiesigen Bürgermeisterei werden in der Kürze die Bürgermeister und Baumeister der größeren Städte zu einer Berathung über den von der Regierung den Landständen vorgelegten Entwurf einer allgemeinen Bauordnung dahier zusammentreten. Das Ergebniß dieser Berathung soll der Regierung und den Landständen mitge- theilt werden.
Berlin, 10. Octbr. Die „Kreuz-Ztg." bringt die folgende, allerdings außerordentlich unbestimmt gehaltene, aber, da sie an erster Stelle steht, doch vielleicht beachtenswerthe Mitthetlung: Die Berliner Börse ist gestern durch das Gerücht beunruhigt worden, daß nach Mtttheilung eines auswärtigen BlatteS Fürst Bismarck die politische Lage Europas als höchst beunruhigend bezeichnet habe. Wir totsten nicht, ob dieses Gerücht tatsächlichen Anhalt hat, wir glauben aber aus der Abreise des Fürsten Bismarck nach Varztn
schließen zu dürfen, baß, wenn in der auswärtigen Politik schwierige Fragen zur Erörterung gekommen sein sollten, inzwischen der erwünschte Ausgleich erfolgt sein wird. In dieser Austastung der Verhältniste werden wir auch durch die friedliche Thronrede des Kaisers von Oesterreich bestärkt.
Berlin, 11. October. Nach den officiösen Andeutungen, welche über die Vorbereitung der Vorlagen zur Landtagssession bekannt geworden sind, wird sich das Abgeordnetenhaus zunächst mit den wichtigsten und entscheidendsten Fragen noch n'cht zu beschäftigen haben. Wir meinen damit die Eisenbahn- und die auf den kirchlich-staatlichen Conflict bezüglichen Vorlagen. Die ersteren sind im Staatsmtnrsterium noch gar nicht zur Bwathung gekommen und die Verhandlungen mit den betr. Gesellschaften sind theilweise noch so weit vom Abschluß entfernt, daß die Etsenb Anfrage jedenfalls erst in der zweiten Hälfte der Session zur gesetzgeberischen Behandlung kommen wird. Die Frage, ob und in welchem Umfange die Revision der kirchenpolitischen Gesetze in bt-r bevorstehenden Session beantragt werden wird, liegt gegenwärtig noch so im Dunkeln und die Entscheidung darüber steht offenbar noch in so weitem Felde, daß auch diese Angelegenheit in Gestalt bestimmter Gesetzvorschläge das Abgeordnetenhaus wohl erst im späteren Verlauf der Session beschäftigen wird. Zunächst werden wir es mit dem Etat, den auf die Verwaltungs-Reform bezüglichen Vorlagen und einer Reihe minder belangreicher Arbeiten zu thun haben. Was Den vielbesprochenen Antrag auf Verlängerung der Etats- und Legislatur-Perioden betrifft, so scheint es nicht, als ob die Regierung die Absicht habe, die nächste Landtagssession mit dieser Angelegenheit zu befassen, so verlockend auch die Aussichten dazu sein mögen. Wenn der ROchskanzler überhaupt an dem Plane noch festhält, so darf doch wenigstens erwartet werden, daß die Frage zuerst vor dem Reichstage zum Austrag gebracht wb nicht für das übergeordnete Parlament eine Art von Zwangslage geschaffen wird. (Köln. Ztg.)
Kassel, 13. Octbr. Am 1. t Mts. werden die sämmtltchen Bau- Bureaus der Berlin-Coblenzer Bahn mit Ausnahme derjenigen der noch unfertigen Strecke Leinefelde-Eschwege aufgelöst. Dagegen soll von dem genannten Zeitpunkte ab in Frankfurt a. M-, als am Sitze der bauleitenden Behörde für die Strecke Nordhausen-Wetzlar, eine Abrechnungsstelle für die ä Conto der Bauverwaltung erfolgten Arbeiten und Lieferungen errichtet werden.
Kiel, 13. Octbr. Die „Vtneta" ist jetzt mit ihrer Ausrüstung für die demnächst anzutretende längere ostasiatische Reise ss wett gediehen, daß sie sich aus dem Ellerbecker Bassin hinaus auf den Strom hat legen können. Das unter dem Commando des Capitäns z. S-, Zirzow, stehende Schiff durchfurcht bekanntlich nicht zum ersten Male die fernen Gewässer, in die es sich jetzt begibt, wird aber denen, die es früher gesehen, gewiß wieder wie ein neues Schiff erscheinen, so wohl hat demselben die Reparatur gethan. Ein ebenfalls gründlicher Umarbeitung unterzogenes Schiff, der Torpedo-Dampfer „Ulan", macht augenblicklich seine Probefahrten und das Ergebniß ist nach dem Urtheil Sachverständiger ein so günstiges, daß die demnächsttge vollständige Rehabtlittrung dieses seit lange schon als Mißgeburt betrachteten Kriegs» fahrzeuges mit einiger Zuversicht erwartet werden darf. Der zweite Torpedo- Dampfer „Zielen" wird nach angestrengter Thättgkett während des ganzen Frühjahrs und Sommers jetzt außer Dienst gestellt und hat sich bereits zur wohlverdienten Ruhe in das Ellerbecker Baubassin begeben. Die Torpedo- Uebungen selbst sind für dieses Jahr noch nicht abgeschloffen ; vielmehr werden in der allernächsten Zett noch höchst interessante und dem entsprechend kostspielige Schießversuche mit scharfgeladenen Fisch-Torpedos gegen ein ausrangirtes, zu diesem Zweck mit starken Eisenpanzern versehenes Schiff in der Strander Bucht zwischen Frtedrtchsort und Bülk stattfinden; wenn, wie beabsichtigt, auch nur zwei Fisch-Torpedos verschosien werden — dieselben kosten ungefähr das Stück 11,000 Mk. — und dazu noch ein Schiff zertrümmert wird, bann darf man gewiß von einem etwas kostspieligen Experiment reden. Der Versuch ist aber unbedingt nothwendig.
Die See-Cadetten der Corvette „Leipzig" sind nach beendigter Seeofficiers- Prüfung bis zum 1. November beurlaubt worden.
Koburg, 12. Octbr. Die Generalversammlung der Volkspartei beschloß die Wiederwahl des Frankfurter Ausschuffes und die Wahl eines weiteren Ausschusses von 12 Mitgliedern. Die nächste Generalversammlung soll in Frankfurt a. M. stattfinden.
England.
London, 12. Octbr. Der Staatssekretär des Innern, Croß, hielt gestern in Leigh eine Rede, worin er betonte, England beabsichtige keine Ein- Mischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans und wünsche nur den Ausschluß fremder Etuflüffe. Was die auswärtige Politik angehe, so habe die Regierung stets ein Einvernehmen mit den übrigen europäischen Mächten angestrebt. Auf die orientalische Frage übergehend, hob der Redner hervor, daß Niemand die türkische Verwaltung mehr mißbillige und sehnlicher Reformen wünsche, als er. Niemand werde die Mißbräuche der Türkei unterstützen. Die von England befolgte Politik sei nicht nur England von Nutzen gewesen, sondern habe auch zur Erhaltung des europäischen Friedens gedient.


