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Str. «3 Samstag, den 15. März 1879.
Kichener Mnzeiger
Anreize- und AmtsM für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium des Innern hat dem Pferdemarktcomite zu Fritzlar die Erlaubniß zum Vertrieb von Loosen in der Provinz Oberheffen für die am 16. und 17. Juli l. I. in Verbindung mit dem Pferdemarkt in Fritzlar stattfindende Verloosung ertheilt. Gießen, am 12. März 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
politisch
3«m deutschen Parteiwesen.
Solch eine Summe von Hoß, wie jetzt, hat sich in den Parteien und in der Parreipresse lange nicht offenbart. Da stellt man ehrenhafte Parteien als solche hin, tn deren Rethen sich vom Cobdeuclub Bestochene befinden, da nennt eine Zeitung die andere geradezu verkäuflich, und andererseits nennt man die Echutzzöllner Egoisten, denen das Wohl des Ganzen gleichgültig sei, den größten Staatsmann einen Dilettanten, weil er tn wirthschaftlichen Dingen eine Meinung hat, die von der sreihändlertschen abweicht, hält die Alle für Ignoranten, die ähnliche Abweichungen vom sreihändlertschen Dogma sich zu Schulden kommen lasten. Ja, in Artikeln, die zur Eintracht mahnen, kommen die giftigsten Angriffe auf die andere Partei vor!
Wo soll das hinaus? Soll man bet der Mahnung zum Frieden bleiben, oder soll man sagen, der Friedensruf komme zu früh, erst müsse der ganze Gegensatz sich reifer und schärfer ausgestalten? Sollte nicht doch, wenn aucv daS Letztere wahr ist, die Art des Kampfes edler sein? Wir glauben es wenigstens. Wir Deutsche find ein allzu theoretisches Volk- Auch wo noch gar kein sester Boden sür die Theorie möglich ist, wo Alles noch in empirisches Tappen zerfließt, auch da find wir Principienreiter. Wir haben sonst dte Beobachtung oft gemacht, daß die Unwissenden, wenn ihnen ein neues Problem ^geschoben wird, wie das Tischrücken, am schnellsten mit der Antwort bet der Hand sind, daß aber die Gebildeten in der Besorgniß, die Thatsachen seien noch zu unvollkommen bekannt, ihr Urtheil suspendtren, ja, daß es gerade dte Weisesten stnd, von denen wir zuweilen hören: dies kann Niemand wissen.
Sollte nun unsere jetzige Hitze nicht ein Zetchrn sein, daß wir den wtrthscyastlichen Dingen, wenn es sich um dte Einzelheiten des Lebens handelt, alle noch wie Unwistende gegenüberstehen? Wir möchten es glauben, trotzdem wir sehr gut die Büchermaffen kennen, in denen treffliche Männer eine Fülle bedeutenden Wissens in diesen T ingen ntedcrgelegt haben. Vielleicht findet sich auch hier später einmal ein Mann, der uns in diesem Zweige dte berühmte „astronomische Einsicht'' bringt, der Gesetze aus dem wirren Material gewinnt, die, wie dte von Newton gefundenen, zugleich dte regelmäßigen wirthschaftlichen Erscheinungen und ihre Störungen erklären.
Aber vorläufig ist es damit nichts. Unser Zeitalter ist mit seiner Thei- lung der Arbeit auf Autoritäten angewiesen. Es ist nicht wahr, daß wir heutzutage an Unglauben und Alles-Beffer Wissen-Wollen leiden^ wie die Theo- loger, sagen. Nein, wir suchen förmlich nach Autoritäten, denen wir tn dem bestimmten Fach vollstes Vertrauen schenken können. Nicht dem ersten Besten ordnen wir unser Urthetl unter in dem Vielen, was wir nicht selber beherrschen, wir wollen einen Blick thun in dte Ehlltchkett seines wiffenschaftlichen Suchens, auch in dte Methode seiner Forschung. Aber haben wir einmal darin Vertrauen gewonnen, so finden wir es nicht entwürdigend, ihm auch ohne Nachrechnen zuzustimmen.
Wir wiffen, welche Stellung in der Wtffenschaft heuzutoge Männer wie Leopold Ranke tn der Geschichte, Ad. Kirchhofs tn den griechischen, Mommsen in den römischen Inschriften, Helmholtz in der Phystk u. s. w. haben. Gibt es so Jemand tn den Fragen der deutschen VolkSwtrthschast? Kann man sich auf irgend einen berufen, um jeden Widerspruch bedenklich zu machen? Wir sürchten, es gibt keinen. Nicht Delbrück, nicht Bamberger, nicht Eugen Richter, nicht Rickert, und auch nicht v. Kardorff, Ad. Wagner, E. Raffe oder sonst ein politischer oder social-politischer Mann von Bedeutung kann sich eines nur Halbwegs zureichenden Ans« Heus in diesem Gebiete des Wissens rühmen, um so zu sagen turch seine bloße Person sür die Lösung einer brennenden Frage eine Entscheidung zu geben. Sollte das nicht schon ein Zeichen sein, daß die hier erörterten Fragen noch gar nicht theoretisch lösbar sind? Und wenn wir eben darum begreisen und entschuldigen, daß hier so hitzig gekämpst wird, sollte es dann nicht doch auch den sonst Verständigen Gewtstenssache werden, diese Hitze zu mäßigen und in anständiger Bekämpfung des Unwahrscheinlichen einen leidlichen Compromiß zu erstreben?
Deutschland.
Berlin, 12. März. Die goatarifcommtffion beschloß gestern, prä- p-arlrttS ftletfd) mit einem Zoll von 1V2 Mark zu belegen. Häute und Felle bleiben bekanntlich von Zoll befreit. D°e Beschlußfassung bezüglich der Kleider ivurd« ausgesetzt, da man erst über Wolle und Garne sich einigen will. Die
er Hheil.
Nahrungsmtttelgesetz-Commission beendete heute ihre Arbeiten. Der Regierungsentwurf, abgesehen von einigen ganz geringen Veränderungen (Veränderung der Strafsätze) wurce von der Commission gutgeheißen. Am Sonnabend trat die Geschäftsordnungs-Commission unter dem Vorsitze des Präsidenten des Reichstags zu einer ersten Sitzung zusammen, um über etwa sich empfehlende Aende- rung der Geschäftsordnung zu berarhen. — Jv parlamentarischen Kreisen verlautet, daß die Osterferien des Reichstages längere Zeit dauern würden. Das Präsidium ist sür 3 bis 4 Wochen, so daß der Reichstag erst Ende April wieter zusammentreten würde, um alsdann an dte Steuer- und Zollgeseße zu gehen.
Berlin, 12. März. Die Morgenblätter nehmen bereitwillig Act von den osfitiöseu Dementis, welche die Auflösungsgerüchte neuerdings erfahren haben, unO bezeichnen als Ursprung derselben angebliche Aeußerungen des Reichskanzlers gegen eine sächsische Deputation. Alles in Allem soll also dem Anschein nach fidenfalls vorerst ein Versuch der Verständigung mit dem gegen- wäriigen Reichstage unternommen werden.
Aus Bayern, 12. März. Laut Bekanntmachung des Dekanats der medicimschen Fakultät Würzburg hat sich in jüngster Zett ein Kandidat beigehen lasten, behufs Zulastung zur Doctorprowotion eine aus einem französischen Originale übersetzte Facharbeit für eigenes Erzeugniß auszugeben und einzureichen. Derselbe wurde für immer abgewiesen, jedoch nahm die Fakultät von Veröffentlichung des Namens Abstand. — Um den nächtlichen Excesten von Studenten, welche in Würzburg stark um sich gegriffen haben, Einhalt zu thun, hat der akademische Senat sich zu strengeren Disciplinarmaßregeln entschlossen. Von fitzt an erhält jeder wegen Ruhestörung verurtheilte Student noch eineDisci- plinarstrafe von ebenso viel Tagen Karzer. Drei Gewohnheits-Excedenten, von denen Einer sogar seinen Hund aus Nachtwächter zu Hetzen gedroht hatte, find auf je drei Semester relegirt worden.
Aesterreich.
Pefih, 12. März. Die vereinigten Ausschüste der ungarischen Delegation acceptirten die Occupationsvorlagen nach den Anträgen der Referenten. Die Regierung gab dieselben Erklärungen ab, wie in der österreichischen Delegation. Morgen findet eine Plenarsitzung zur Entgegennahme des Berichtes statt.
Irankreich.
Paris, 12. März. Das linke Centrum hat heute beschloffen, morgen gegen die Verletzung der Mai-Minister tn Anklagestand zu stimmen. — Die Versammlung der republikanifchen Linken beschloß bet 130 anwesenden Mitgliedern fast einstimmig ebendastelbe; nur ist man hier geneigt, eine Motion an» zunehmen, worin das Verhalten der Minister vom 16. Mai gebrandmarkt wird. Die republikanische Union entschied sich mit 70 gegen 3 Stimmen, für die Anklage zu stimmen. Es gilt noch immer sür wahrscheinlich, daß die Kammer den Antrag mit großer Majorität ablehnen wird.
Fiußland.
Petersburg. Zu den Vorgängen in Kiew wird nachträglich gemeldet: „Der Gensd'arm, welcher bei den neulichen Unruhen getödtet wurde, fiel von der Hand einer Nihilistin, Olga Raffowska, die auf ihn einen Revvl- verschuß abseuerte. Außer der Generalstochter, Fräulein Gersefeld, hat auch die Gräfin Panin, eine der Aristokratie angehörende Dame, an dem „Gefechte" der Nihilisten mit der Polizei und Gensd'armerie Theil genommen. Die Letztere ist an der Kiewer Universität inscribirt und bekannt durch ihre Schönheit. Die russischen Behörden kennen bisher nicht die Namen der Verhafteten. Die Versammlungen der Nihilisten haben gleichzeitig an zwei Orten stattgefunden. In einem Orte waren Männer, in dem andern lauter Frauen versammelt. Es ist entschieden nicht wahr, daß die Polizei irgend welche campromittirende revolutionäre Schriften bei den Versammelten als Beute davontrug. Der Vater des Fräuleins Gersefeld lebt in Petersburg und gehört zu den größten Würdenträgern deö Reichs; er ist General, Senator und Mitglied des Reichs- raths. Die Stiefmutter der Gräfin Panin ist Hofdame der russischen Kaiserin und ihr U großvater war zu Zeiten Katharinas der zweite Reichskanzler deS russischen R'ichps." # _
Petersburg, 12. März. Die internationale Telegraphen-Agentur meldet aus Taschkent vom 11. d.: Mohamed Jakub Khan hat den Thron


