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Rr. 213, Samstag den 13. September 1878.

Ameigk- nni Amtsblatt fit den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hheit.

Nr. 32 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 4. l. M., enthält:

(Nr. 1330.) Verordnung, betreffend die Einberufung des Bundesraths. Vom 2. September 1879.

(Nr. 1331.) Bekanntmachung, betreffend die Einlösung der Banknoten der Sächsischen Bank. Vom 3. September.

Gießen, am 12. September 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

politischer Hheil.

Der Genoffenschafts-Bericht von Schulze-Delitzsch.

Die Selbsthülfe im Kreditwesen nimmt von Jahr zu Jahr beträchtlichere Dimensionen an und schon jetzt rechnen die Statistiker der deutschen Erwerbs- imb Wirthschafts-Genoffenschasten nach Schulze-Delitzsch's System rach Milliar­den. Wenn unter den Tausenden von Genossenschaften auch im vorigen Jahre einzelne den Folgen verkehrter Wirthschaft und betrügerischer Verwaltung erlegen sind, so ist dennoch im deutschen Genoffenschastswesen wiederum ein Fortschritt zu verzeichnen. Abermals hat sich sowohl die Zahl der Vereine ob ihrer Mitglieder, wie die Höhe des gesummten Umsatzes erhöht, und gerade die schwierigen Verhältniffe im Creditwesen haben zur inneren Kräfti­gung der Vereine beigetragen. Daß dies bet dem noch immer auf dem gesammten Verkehre lastenden Drucke als Beweis für die Gesundheit der Be­wegung, wie für ihre Unentbehrlichkeit in Wirthschaft und Erwerb weiter Volkskreise sehr in Betracht zu ziehen ist, fällt in die Augen. Die vorgekom» menen Unsälle haben meist dazu beigetragen, die ernsten Mahnungen Schulze- Delitzsches über gewiffenhafte Verwaltung und Controls zu berücksichtigen, und es ist ein heilsamer Einfluß auf die Solidität der Vereine, auf ihre Einrich­tungen und ihre Geschäftsgebahrung zu verzeichnen.

Der Jahresbericht für 1878 verzeichnet 3146 Genossenschaften gegen 3123 tm Vorjahre; von ihnen gehörten 1841 zu den Creditgenoffenschasten, 635 zu Genossenschaften in einzelnen Erwerbszweigen, 621 zu den Confumver- einen, 45 zu den Baugenossenschaften. Da die Statistik nicht vollzählig ist, kann man das Bestehen von mindestens 3300 Genossenschaften annehmen. Schulze-Delitzsch schätzt von sämmtltcheu Genoffenschaften des Reichs für 1878: die Mitgliederzahl aus mehr als 1 Million, die gemachten Geschäfte auf mehr als 2000 Millionen Reichsmark, die angesammelten eigenen Capttalien an Geschästsamheilen und Reserven auf ungefähr 170 Millionen Mark, die aufgenommenen verzinslichen Anlehen zum Geschäftsbetriebe auf mindestens 400 Millionen Mark. Das sind offenbar so gewaltige Ziffern, daß man aus ihnen allein die absolute Unentbehrlichkeit der Genossenschaften schließen muß.

Daß dennoch solchen zweifellos festgestellten Resultaten gegenüber im vorigen Jahre sich die Angriffe gegen den Bestand und die gesetzliche Rechts­basis der Genoffenschaften vermehrten, läßt auf das Tendenziöse der Gegner­schaft der Bewegung schließen. Die alten Gegner in conservattven Kreisen, zu denen sich namentlich in Bezug auf die Consumvereine engherzige Kleinhändler gesellt haben, verräth die Gleichartigkeit der Artikel in der Presse, welche die eigentliche Basis der Genoffenschaften angreifen. Man kann die Genoffenschaften nicht mehr als der staatlichen Ordnung feindlich verketzern, wodurch man ihnen anfänglich von conservattver Seite aus das Aufkommen erschwerte. Dies ist theils wegen der gesetzlichen Anerkennung, theils wegen ihrer wirthschaftlichen Bedeutung nicht mehr thunltch, und so richtet sich der Angriff unter dem Deckmantel des Wohlwollens gegen die Solidar- hast, in welcher man die Credttbasts der Genoffenschaften erschüttern will, ohne welche sich diese niemals zu so großer Bedeutung zu entwickeln vermocht hätten. Gelangt einmal die Kunde von dem Zusammenbruch einer Genoflen- schast in die Oeffentlichkett, so ertönen regelmäßig Bannsprüche gegen die gesetz­liche Sanctionirung dieser Haft in der Oeffentlichkett. Nicht die Genossen­schaften, welche in den wesentlichsten Beziehungen gegen alle wirthschaftlichen Grundsätze, gegen Rath und Warnung der eindringlichsten Art gehandelt, untet schmählicher Vernachlässigung der im Gesetz vorgesehenen Schutzmittel, sich den Schaden zugezogen haben, nein, das Gesetz macht man dafür ver­antwortlich, wenn die Folgen des eigenen ThunS auf die Leute fallen. Ver­kehrte Wirthschaft, das sollte man doch bedenken, führt immer zu Verlusten, dagegen giebt es kein Gesetz.

Würde man die Solidarhaft abschaffen, so wird das Verhältntß nur dahin verschoben, daß dann weniger die Mitglieder, als vielmehr die Gläu­biger der Genoffenschaften von dem verwerflichen Treiben betroffen werden würden. Daß dies eine sehr üble Wirkung auf den Credtt der Genoffen- schasten haben würde, ist klar. So bleibt es der einzig richtige Weg, in den Kreisen der Genoffenschaften das Bewußtsein der großen Verantwortlichkeit mehr und mehr zu pflegen, welche ihnen durch die Gefahren der Solidarhaft anfetlegt wird. Diese Gefahren sind da, und sie liegen darin, daß diese Haft eine Lebensbedingung ist, gegen deren Vorbedingungen, die Gewissenhaftigkeit und Reellttät, eben nicht gesündigt werden darf, wenn flch nicht, wie überall im Leben, wo man gegen natürliche Gesetze und Lebensbedtngungen verstößt, bedauerliche Folgen zeigen sollen.

Deutschland.

Berlin, 11. Septbr. Bezugnehmend auf eine Berliner Correspondenz derKönigsb. Hartung'schen Zeitung" vom 5. d. betreffs Kanalbau, Strom- regulirung und Ankauf von Privat-Etsenbahnen schreibt dieNordd. Allg. Ztg.": Die Angaben der Correspondenz seien weder genau noch die daran geknüpften Bemerkungen und Vermuthungen richtig. Dem Landtage würden in der bevorstehenden Session Denkschriften über die von der Staatsregierung bei Regulirung der Ströme, und zwar zunächst des Rheins oder der Elbe, Weichsel und Weser, in's Auge gefaßten Ziele vorgelegt und die zur plan­mäßigen Ausführung der Regulirungen pro 1880/81 erforderlichen Mittel bereits in den nächsten Etat eingestellt werden. Unwahrscheinlich sei, daß dem Landtage in der nächsten Session eine Denkschrift über die bet dem Canalbau zu verfolgenden Pläne vorgelegt werde, da die Vorarbeiten hierzu noch nicht abgeschloffen seien. Ob dem Landtage durch den Etatsentwurf für nächstes Jahr die Bewilligung von Ausgaben für einzelne nothwendige Canal-Anlagen, insbesondere die Canaltstrung des Mains, vorgeschlagen werde, hänge nicht von der Möglichkeit der Bereitstellung der erforderlichen Mittel, sondern ledig­lich von dem Verlaufe der noch schwebenden nothwendigen Verhandlungen ab. Die Ankäufe von Privatbahnen würden auf die günstige Entwickelung der Stromregultrungen und Canal-Anlagen nicht nur nicht nachthetlig, sondern förderlich etnwtrken; durch die Vereinigung der Wasserstraßen und Elsenstraßen in der Hand des Staates werde sie dieser ihrem gemeinsamen Zwecke, der Hebung des vaterländischen Verkehrs und Volkswohlstandes, vollauf dienst­bar machen.

Frankreich.

Paris, 9. Septbr. Die Amnestirten derPicardie" trafen erst heute Morgen um 6 Uhr in Paris ein. Schon am Abend zuvor hatte sich eine ungeheure Volksmenge auf dem Orleansbahnhof eingefunden. Das Comitö, das heute über bedeutendere Geldmittel verfügt, da das Fest auf den Buttes Chaumont allein 28,000 Frcs. eintrug, beschloß, jedem der Heimkehrenden 10 Frcs. zu geben und jedem ein aus einer Suppe, einer Fleischspeise, einem halben Liter Wein und einer Taffe Kaffee bestehendes Souper für 11/2 Frcs. vorzusetzen. Um 2V2 Uhr wurde bekannt gemacht, daß der Zug mit den Ammstirten erst um 6 Uhr eintreffen werde, da er sich von dem Schnellzuge hatte überholen laffen. Die Unzufriedenheit war groß, aber man fand sich schnell in das Unvermeidliche, und die Menge sie betrug nunmehr an 10,000 Personen verhielt sich nach wie vor äußerst ruhig. Während der ganzen Nacht war Geld für die Amnestirten gesammelt worden. Junge Frauen durchzogen die Wirthshäuser mit Körben, die auch schnell gefüllt wurden, aber meistens nur mit ZwetSousstücken. Zugleich trug man auf den Straßen und in dem Vorhofe der Eisenbahn einen ungeheuren Anschlagzettel herum, auf dem geschrieben stand:Comite Central dAide. Aux amnesti&. Um 6 Uhr fuhr endlich der lange erwartete Zug in den Bahnhof ein. Es befanden sich 216 Amnestirte mit ihren Frauen und Kindern darin. Die auf dem Perron Versammelten, unter denen sich auch Louis Blanc befand, stießen die Rufe:Es lebe die Republik I"Es lebe Frankreich!" aus, welche bei den Amnestirten nur einen schwachen Widerhall sanden. Alle An- gekommenen empfingen der Reihe nach 10 Frcs. Als die ersten in den Vorhof traten, ertönten Hochs auf die Republik und Frankreich; die Rufe verstumm­ten aber schnell, als man gewahr wurde, welches ungeheure Elend man vor sich hatte. Die Menge tm Bahnhof war beim Anblick der Heimkehrenden tief ergriffen. Fast Jedermann weinte, und selbst den Polizei-Agenten, die in großer Anzahl vorhanden waren, floffen die hellen Thränen über die ge­bräunten Wangen. Herzzerreißende Scenen ereigneten sich jeden Augenblick. Eine ältere Frau stürzte auf eine junge Frau und einen Mann hin, indem sie ausrief:Ach! meine Kinder, meine Kinder!" Sie konnte sich gar nicht beruhigen und mußte schließlich hinweggetragen werden. Das allgemeine Mit­leid erregte noch der sog.PSre Joseph, der älteste der Deportirten. Er ist heute 72 Jahre alt, und schritt langsamen Schrittes an der Menge vorbei. Er trug einen großen weißen Bart und war in eine Art Schafpelz gehüllt. Das Hülfscomits wies Alle nach den Wirthschaften, wo das Frühstück für sie bereitet worden war. Ungefähr 300 Amnestirte, Männer, Frauen und Kinder, hatten dort um 7 Uhr Platz genommen. Sie aßen und tranken, aber sie sahen nicht heiter auS.