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Nr. 87. Zweites Blatt. Sonntag, den 13. April
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_________________Ailjkize- anb Amisdlüit für int Kreis Gießen.
«rtotbiHonAbuream♦ } Schulstraße B. 18. Erscheint tüMch mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher H H e i l.
Gießen, am 5. April 1879.
Betreffend: Die Vertilgung der Blutlaus.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien.
hmn bi' für Aepftlbaumpflanzungkn überaus verderb! che wollige Aepfelrindenlaus ober Blutlaus in einem besorgnißerregenden Grade V-rbrei- Mrihmn wr bat. beauftragen nur S>e in Folge Verfügung Großherzoglichen Münster,ums des Innern vom 25. Marz 1. I, die nachstehend abgedruckte 9r.\ *9h mUn9 b Tef'8 fd)dbI'*en J"t"tes in geeigneter W ise zur Kenntniß Ihrer Gemeinde-Angehörigen, welche Obstbau treiben, zu bringen und solche bezüglich der Baumanlagen und Baumschulen der Gemeinde anzuwenden. 1 ' 4 8
äßenn Sie den Erlaß eines besonderen Polizei-Reglements zur Vertilgung der Blutlaus für erforderlich halten sollten, wollen Sie es berichten.
Dr. B o e k m a n n.
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Anleitung
zur Vertreibung der Blutlaus.
Die Blutlaus oder wolltragende Apfelbaum - Rindenlaus, Schizoneura (Aphis) lanigera, gehört zur Familie der Blattläuse (Aphidina), von welch' letzteren sie sich jedoch sowohl durch andere Färbung, als namentlich durch die langen, weißen, oder z. Th. bläulichen, wollarttgen Fäden unterscheidet, mit welchen fie dicht bedeckt ist, so daß die darunter bestndlichen, tn größeren oder kleiner en, dicht bevölkerten (Kolonien z beisammen sitzenden Läuse meistens nicht gesehen werden. Beim Zerreiben lassen die the.ls dunklen, theiis Heller gefärbten röthlich-braunen oder rörhlich- gelben Läuse einen blutrothon Saft zurück, von dem sie den vulgären Namen Blutläuse erhalten haben. Wie bei allen Blattlausarten giebt es auch bet den Blattläusen geflügelte und unge- flugelte Thtere, erstere erscheinen aber erst gegen Herbst, während vorher nur : ungeflügelte vorhanden sind.
Die Vermehrung geschieht wie bei den anderen Aptiis-Arten durch Gebühren lebender Jungen, die anfangs lebhaft hin- und hei laufen, sich dann an der Rinde festsaugen und unter mehrmaligen Häutungen bald ihre volle Größe erreichen, um dann ebenfalls, ohne vorherige Befruchtung, lebende Jungen zu gebühren. Von Frühjahr bis gegen Herbst werden auf diese Weise etwa 8 Generationen erzeugt, wodurch die Vermehrung eine ganz colossale ist und durch eine kleine Colonie in nicht langer Zett ein großer Baum ganz überzogen werden kann. Die Verbreitung auf andere benachbarte oder auch ent- serntere Bäume geschieht zum The.l durch die gegen Herbst entstehenden geflügelten Exemplare, die auf kurze Entfernungen weiter fliegen und bei windigem Wetter auch auf größere Entfernungen verschlagen werden und dann neue Colonien gründen, oder z. Th. durch Vögel, welchen Flocken mit Jnsecten an den Füßen hängen bleiben und in größere Entfernungen getragen werden können, wo sie dann manchmal günstigen Boden finden. Die weiteste Verbreitung tn ganz entfernte Gegenden und Länder hat aber die Blutlaus wobl durch den Bezug von Apfelbäumen oder Edelreisern aus Gegenden, in welchen das Jnsict hetmtsch ist, von jeher gefunden.
Wahrscheinlich verdanken wir die Blutlaus, wie ihre Verwandte, die Reblaus, Amerika. Zuerst zeigte sich in Europa zu Anfang dieses Jahrhunderts in England, kam von da nach Frankreich und später nach D utsch land. Ueberall hat fie sich sehr rasch verbreitet und ist jetzt in ganz Frankreich, einem großen Theil von Deutschland (namentlich in Südwestdentschland), in der Schweiz und in Tyrol zu Hause und bedroht in diesen Ländern die Existenz ter Apselbäume. Sie lebt, wie dies ihr Name, Apselrindenlaus, andeutet, nur an Apfelbäumen; sie soll jedoch auch, zwar nur selten, auf Birnbäumen und auf Quitten schon gefunden worden sein. An den Apfelbäumen richtet sie dadurch großen Schaden an, daß sie an den jüngeren Zweigen und an Wundrändern mit ihrem Säugrüssel die junge Rinde durchsticht und aus dem Splint den Saft aussauqt. Hierdurch entsteht nach diesen Stellen ein vermehrter Saftzudrang, in Folge dessen sich Zellwucherungen unter der Rinde bilden, die schließlich bersten und grtnd- oder krebsartige Geschwüre erzeugen, welche den zugesührten Nahrungssaft absorbiren und nach und nach das Absterben der Zweige und schließlich der ganzen Bäume herbei- sühren, wenn nickt rechtzeitig gegen die Läuse der Vertilgungskrieg geführt wird. Auch am Wurzelhals und den flachgchenden Wurzeln in der Erde kommen sie vor und gehen im Winter selbst tiefer hinab, um während strenger Mte Schutz zu suchen.
Die Vertreibung der Blutlaus ist nicht so leicht zu bewerkstelligen, sondern erfordert die größte Achtsamkeit und Energie, da, wenn nur wenige Znsecten zurückbleiben, dieselben durch ihre starke und rasche Vermehrung bald wieder viele neue Verbreitungsheerde erzeugen. Das einmalige Anwenden von Zerstörungsmitteln ist deßhalb selten von Erfolg, da die kleinen Läuse zum Theil in den Knospen- und Blattwinkeln verborgen sitzen oder unter Rindenden und halbverdeckten Wunt stellen, wo sie oft dem Auge entgehen, oder wo mit den anzuwendenden Mitteln nicht gut beizukommen ist. Es sind daher '
die von Blattläusen befallenen Bäume wiederholt in Zwischenräumen von 14 Tagen bis 3 Wochen nachzusehen und, sowie sich einzelne neue Colonien Zeigen, diese si gleich wieder zu zerstören und mit den geeigneten Mitteln zu behandeln. Wenn auf diese Weise in kurzen Zwischenräumen wiederholt die Bäume sorgfältig nachgesehen und gereinigt werden, dann wird es in den meisten Fällen möglich sein, im ersten oder wenigstens im nächsten Jahr dieselben von ihren Plagegeistern vollständig zu befreien.
Die wirksamsten Zerstörungsmittel, die sick bis jetzt am besten bewährt haben, sind:
1) Schmierseife (grüne oder schwarze) V2 Kilo in 8 Liter Wasser aufgelöst,
2) starker Weingeist.
Auch werden Ca bolsäure (4 Theile mit 100 Theilen Wasserglas ver- mrsckt), Petroleum (1 Pfund mit 25 Pfund Wasser .erwischt), sowie kaltflüssiges Baumwachs und Leinöl empfohlen; doch sind Carbolsäure und Petroleum den grünen Theilen der Bäume zu gefährlich und Baumwachs und Lemöl können überhaupt nur angewendet werden, um etwa in Rindenritzen oder Wundstellen sitzende Blutläuse zu überkleben, damit sie von der Luft abgeschlossen werden und ersticken müssen, dagegen können die befallenen jungen grünen Zweige nicht damit bedeckt werden. Bei jungen Bäumchei in der Baumschule, Zwergapfelbäumen und jungen Hochstämmen ist bei der Anwendung der Zerstörungsmittel auf folgende Weise zu verfahren : Alle kleineren entbehrlichen, von der Blutlaus befallenen Zweige sind sorgfältig wegzuschnei- den, zu sammeln und zu verbrennen; die noch verbleibenden behafteten Stellen sind sorgfältig zu zerreiben und mit einem steifen Pinsel oder einer kleinen Bürste wie man sie zum Aufträgen der Stiefelwichse benutzt, mit den oben empfohlenen Flüssigkeiten einzureiben und dies volle 14 Tage bis 3 Wochen 5" wiederholen, bis sich keine neuen Colonien mehr zeigen. Grindige und wunde Stellen sind glatt auszuschneiden und dann, nachdem sie mit den genannten Flüisigkeiten ausgewaschen sind, noch mit kaltflüssigem Baumwachs oder Letnöl zu bedecken; die a sgeschnittenen Thrile sind zu sammeln und zu verbr.nnen. Bei befallenen älteren hochstämmigen Apfelbäumen mit schon ausgedehnten Kronen, bei welchen eine gründliche Reinigung der einzelnen Zweige nicht gut möglich ist, muß im Frühjahr die Krone stark zurückgeschnitten werden. damit nur eine geringe Anzahl Zugäste zurückbleibt, deren Zweige bann Achter auf die oben angegebene Weise gereinigi- und behandelt werden können • zugleich ist die alte abgestorbene Rinde an den stehenbleibenden Aesten und am Stamm mit dem Rindenkratzer abzukratzen, grindige und wunde Stellen sind sorgfältig auszwckneiden und bann Stamm und Aeste mit Kalkmilch zu bestreichen. Ueberhaupt ist rathsam, letzteres bei allen Bäumen vor Winter anzuwenden. Die abgeschniltenen Aeste unb Zweige, bic abgekratzten Rinden- ifyeile und ausgeschnittenen Theile sinb natürlich sorgfältig wegzuschassen unb zu verbrennen. Sind die starkbefallenen Bäume zum Verjüngen schon zu alt, fo tritt die Nothwenoigkeit ein, bieselben umzuhauen und nur zu verbrennen, ba sie boch nicht mehr zu retten sinb unb zur weiteren Verbreitung ber Blur- lau$ beitragen würben. Ferner wird bei Hochstämmen als ein sehr wirksames Mittel gegen die Blutlaus das Kalken der Wurzeln empfohlen. Im Spätherbst oder Winter, wenn bie Erbe nicht gefroren ist, nimmt man etwa 1,25 1 50 m im Durchmesser um ben Stamm herum bie Erde bis auf die Wurzeln hinweg und gießt je nach der Größe des Baumes 1—2 Gießkannen voll Kalkwasser auf die Wurzeln (auch Holzaschenlauge soll gut sein), schüttet dann e ne etwa 3 cm hohe Schicht gebrannten. zerfallenen Kalk darauf und bedeckt diesen mit der ausgeworfenen Erde. Die Blutläuse sollen hierauf sicher verschwinden unb ist dieses Mittel zugleich für das Wachsthum und Gedeihen der Bäume sehr förderlich.
Da die Blutlaus, wie zu Anfang bemerkt, oft durch den Bezug von jungen Bänmen oder von Edelreisern aus Geg'nden, in welchen sie heimisch ist, verbreitet wird, so empfiehlt es sich, solche immer genau zu untersuchen und wenn sie irgend verdächtig sind, mit den empfohlenen Flüssigkeiten zu behandeln.


