Außland
lichen Bevölkerung, dem Wucher, wird dadurch nicht direct entgegengetreten. Diesen i zu bekämpfen, ist eine ernste Pflicht Derer, denen das Wohl der Landwinhschaft anvertraut ist, und eine Kasse, wie die Landescreditkassen, die unter verschiedenen Namen in Kassel, Wiesbaden '.c. bestehen, ist wie die bewährte Wirksamkeit derselben beweist, unter den heutigen Verhältnissen, wo Wucher ein freies Gewerbe wie jedes andere ist, ein nicht zu verachtender Damm gegen denselben. Es ist ferne von uns, leichtsinniges Schuldenmachen zu begünstigen, aber wir erachten es für eine Pflicht des Staates, mit allen Kräften zu verhindern, daß Nothstände, wie sie jetzt unter dem Drucke allgemeiner Verhältnisse über unsere heimische Landwirthschaft hereingebrochen sind, durch herzlose Wucherer ausgebeutet werden, und in welchem Grade dies gerade jetzt geschieht, hat wahrlich Der Gelegenheit zu beobachten, der auf dem Lande wohnt und in vielfacher Berührung mit allen Kreisen der ländlichen Bevölkerung sich befindet.
Wenn nun in dem Berichte der verehrlichen zweiten Kammer mit dem Vorbilde Preußens bewiesen werden will, daß eine vom Staate einzurichtende Landescreditbank unausfühbar sei, so ist diese Analogie doch wohl nicht zutreffend. In Preußen haben die Provinzen diese Anstalten, und nicht zum geringsten Theile sind dieselben durch die früheren Partikularstaaten, die jetzt Preußen einverleibt sind, ins Leben gerufen; ebensogut dürfte es doch auch im Staate Hessen angeben. Und wenn im folgenden Absätze desselben Berichtes für die Ansicht des Herrn Berichterstatters der Grund angeführt wird, daß der bedrängten Landwirthschaft rasche Hülfe Noth thue, so ist dies durchaus zu acceptiren, nur mit der Einschränkung, daß dieses vorgelegte Gesetz nicht den Punkt trifft, wo diese rasche Hülfe am meisten Noth thut. Der berichtende Ausschuß, überzeugt von der principiellen Richtigkeit dieser Grundgedanken, möchte nun trotzdem nicht die Verantwortung übernehmen, hoher Kammer zur abermaligen Ablehnung des Gesetzesentwurfes zu rathen; er denkt an das Sprichwort: „Das Beste ist der Feind des Guten", er betrachtet dieses Gesetz als einen Anfang zu weitergehenden Schritten, und in diesem Sinne greift er mit Dank die in den Motiven zum Gesetzesentwurf abgedruckten Worte auf, wo es heißt: „Ohne der Frage wegen Schaffung eines allgemeinen Bodencredit-Jnstitutes vorzugreifen, einer Fra^e, die denn doch noch weiterer Erwägung und umfassender Vorbereitung bedarf." Daß Großherzogliche Regierung sich zu dem Ersuchen dieser hohen Kammer nach diesen Worten nicht durchaus abweisend verhält, das gibt dem berichtenden Ausschuß noch größere Zuversicht, wenn er nach Annahme des Gesetzes der hohen Kammer vorschlägt, das im vorigen Landtag beschlossene Ersuchen zu wiederholen." .
ßu den einzelnen Artikeln des Gesetzesentwurfes beantragt der Auslchuß Beitritt zu säm'mtlichen von der zweiten Kammer gefaßten Beschlüssen. Schließlich wird eine Wiederholung des Ersuchens beantragt: sobald als möglich em Gesetz zur Gründung einer Landescreditbank nach dem ungefähren Muster der in Kassel, Hannover, Wiesbaden und Gotha bestehenden derartigen Institute behufs Hebung des gesammten land- wirthschaftlichen Realcredits vorzulegen.
Frankreich.
Paris, 7. Decbr. In Folge des schlechten Wetters und des ungeheuren Schneefalles ist das Fest im Hippodrom zu Gunsten der Ueberschwemm« ten in Spanien auf Donnerstag den 18. d. Mts. verschoben worden. Bis zu demselben Tage ist auch der Verkauf des Journals „Paris - Murcia" aufgescboben.
Petersburg, 7. December. Durch die Moskauer Schandthat wurde die schon kurz vorher gemeldete Arretirung eines jungen Menschen in Jcliffa« wetgrad in den Hintergrund gedrängt, doch ist durch diese Arretirung ein noch viel größeres Unheil von dem Haupte des Czaren abgewandt, als das in Moskau versuchte.
Nachstehendes ist notorisch.
Der Arretirte hatte nicht allein 13 kleine Metallkästchen mit Dynamit bei sich, sondern auch vor Allem ein Stück Eisenbahnschiene, 2*/z Fuß lang, aus bestem Stahl gefertigt, innen hohl. In die Höhlung derselben paßten die Dynamitkästchen.
Alles war auf das Correctefte gearbeitet.
Die Schiene trägt englischen Fabrikstempel.
Das Ganze konnte leicht auf dem Bahnkörper in den Schienen angebracht werden, ohne besonders in's Auge zu fallen, zumal bei der Dunkelheit.
Die Menge der Sprengladung war mehr wie genügend, um den kaiserlichen Waggon zu zertrümmern. Die Schwere des Handgepäcks fiel auf dem Bahnhof den Beamten und der Polizei auf, vor Allem auch die merkwürdige Schiene, die ein Stück aus der Reisetasche hervorsah. Das andere betreffs der Verhaftung ist bereits bekannt.
Es verlautet, daß bisher die Persönlichkeit des Verbrechers nicht festgestellt werden konnte, er selbst verweigert jede Auskunft.
Daß dies geplante Attentat mit der Moskauer Schandthat im engsten Zusammenhang steht, ist außer Zweifel:
Der Minengang, welcher von dem durch die Volkswuth jetzt fast demo- '>irten Häuschen nach dem Bahndamm führt, ist vollkommen fachmännisch angelegt.
Daß ein gelernter und geschickter Ingenieur Leiter war, ergibt zur Evidenz auch die Art der elektrischen Leitung, bei weicher eine der neuesten Ver- besierungen auf diesem Gebiet, welche noch sehr wenig bekannt, zur Verwendung kam.
Ueber die Personen hat man noch nicht den geringsten sicheren Anhaltepunkt, obgleich mehrere Verhaflungen bereits vorgenommen sind.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correspondenz - Bureau.
Darmstadt, 9. Decbr. Die erste Kammer hat den Verkauf der Main-Weser-Bahn an den preußischen Staat mit 20 gegen 4 Stimme genehmigt.
Berlin, 9. December- Sitzung des Abgeordnetenhauses. Zweite Berathung der Vorlage über die Erwerbung von Privatbahnen für den Staat. — Vor Beginn der Debatte erklärt Minister Maybach: Ich habe dem hohen Hause eine Mittheilung zu machen, welche geeignet ist, die Berathungen abzukürzen und ein baldiges Resultat her- beizuführen. Ich bin ermächtigt, im Namen der Staatsregierung zu erklären, daß dieselbe bereit ist, Gesetzentwürfe in dieser oder der nächsten Session vorzulegen, weiche die Commission als Gewähr für eine ersprießliche Durchführung der Eisenbahnvorlagen fordert. Die Regierung ist überzeugt, daß sie durch dieses d.deutsame Zugeständniß den Boden gewinne, auf welchem sie in vertrauensvollem Zusammenwirken mit der Landesvertretung bafür sorgen kann, daß das finanzielle Gleichgewicht, welches durch Ausdehnung des Staatseisenbahn-Besitzes gefährdet werden könnte, gesichert bleibt und der wirthschaftliche Zweck der Vorlage in vollem Maße erreicht wird. Nicht minder hofft sie auch, dadurch den Boden zu gewinnen, auf welchem sie mit dem hohen Hause sich verständigen kann über die Vorlage, betr- die Erweiterung des Staatseisenbahn- Netzes, um verschiedenen Landestheilen die lang entbehrten Eisenbahnlinien zu,usühren.
Der Generalreferent Hammacher erklärt: Nach dieser Erklärung kann ich mich darauf beschränken, dem Hause einfach die Vorschläge der Commission zur Annahme zu empfehlen. Nach längerer Debatte über den Gang der Berathung zog Abg v. Hüne seinen Antrag zu Guufien des neuen Antrages Röckerath, wonach, wenn der Landtag nicht versammelt ist, die Regierung in dringenden Fällen auch ohne dessen Zustimmung vorbeha tlich der nachträglichen Genehmigung die Tarife erhöhen kann.
Madrid, 9. Decbr. Bezügl ch der Minlsterkrffc schreibt die „Corre- fpondencia": Der Fmanzmtnister erklärte im Ministerconsetl, der Gesetzent
wurf über Reformen auf Cuba würde das Deficit vermehren; er ersuchte deshalb den Präsidenten des Munstertums um E-uhebung von seinem Posten. Drei ander-- M n fier gab-n die gleiche Erklärung ab.
Dublin, 9. Decbr. Der als Haupttheilnehmer an der von Parnell in's W rk gesetzten feniichen Agltation verhaftete Thomrs Brennan wurde vor die Assisen vermiesen, aber gegen eine Caution freigelaffen.
New-Uork, 8. Decbr. I n Senat hrt Voryees einen Antrag eingebracht, welcher sich gegen eine zu Gunsten unbeschränkter Silberausprägung stattfindende Verminderung des U nl ufes von Papiergeld ausspricht. — Nachrichten aus Avpinwall vom 29. Noobr. melden von heftigen Stürmen, welche am 20.—25. Novbr. an der Küste wütheten. Die norwegische Bark „Albatros" und mehrere andere Schiffe scheiterten. Der Chargres > Fluß ist über seine Ufer getreten und hat weithin das Land überschwemmt. Die Eisenbahn nach Panama ist unterbrochen.
Berlin, 9. December. Die „©irminia" schreibt: Der Geheimrath Hübler tst von Wien hierher zurückgekehrt. Em abschließendes Resultat, sei es ein positives oder ein negatives, konnten seine Verhandlungen mit Cardinal Jacobini schon deshalb nicht haben, weil sie nur einen infocmatortschen Charakter hatien. Der weitere Fortgang der Verhandlung n wird von den Entschließungen abhäiqen, die man auf Grund der Wiener Besprechungen in Varzin und Rom treffen wird.
Konstantinopel, 9. Decbr. In Folge eines Artikels des türkischen Journals „K^kat" über die geschichtlichen Beziehungen zwischen Frankreich und der Tü fei seit drei Jahrhunderten erging Seitens der Pforte au alle Journale ein Kommunique, worin bei strenger Strafe die Veröffentlichung von Artikeln untersagt wird, welche die freundschaftlichen Beziehungen zu auswärtigen Mächten compromittiren könnten.
Stuttgart, 9. Decbr. Bei dem Circusbrande find ein Pferdewärter und deffen Bruder verbrannt. Zu Grunde gegangen ist die gesammte AuS- stattuna; auch 7 Pferde sind umgekommen.
Petersburg, 9. Decbr. Bei dem gestrigen Diner zur Feier des Georgsfestcs im W nterpalais brachte der Kaiser von Rußland den ersten Toast aus auf den ältesten Gwrqsrikter, Seinen unwandelbaren Freund, den Kaiser Wilhelm, Ihm noch langjährige Gesundheit wünschend. Der Toast, nach welchem das Musikcorps die deutsche Nationalhymne intonirte, wurde mit Begeisterung aufgenommen. — Ein weiterer Toast des Kaisers galt den Inhabern des Georgsordens aller Klaffen, wobei dec Kaffer die jungen Truppen für ihre Tapferkeit im letzten Kriege lobte und schließlich den W rnsch aussprach, Rußland möge sich auf friedlichem Wege entwickeln und glücklich und ruhmvoll sein.
Lokales.
Gießen, 10. December. ^Sterblichkeit in Gteßen.j Während des Monats November starben in unserer Stadt im Ganzen 24 Personen, darunter 7 Kinder im ersten Lebensjahre, nämlich 2 an angeborener Schwäche, je eins an Bronchienentzündung, Krämpfen, Gehirnschlag' fluß. Bei zweien konnte, da ärztliche Untersuchung während des Lebens nicht stattgefunven hatte, eine Todesursache nicht bestimmt angegeben werden. Ein öjähriges Kind (von auswärts) starb an Diphtcrttis. Bei den 16 Todensfällen, die sich bet Erwachsenen ereigneten, finden wir als Todesursache verzeichnet: Lungenschwindsucht 5mal, Lungenentzündung und Unterleibs typhus je 2mal, Recurrensfieber, Magenkrebs, Wasiersucht, Altersschwäche, Nierenentzündung und Brtght'sche Krankheit je Imal. Ein Mann verunglückte durch einen Sturz, welcher einen Schädelbruch herbetführte.
Aus dem Angeführten ergibt sich, daß während des verfloßenen Monats eine auffallende Anzahl von Sterbfällen durch ansteckende Krankheiten in unserer Stadt nicht vorgekommen ist. Ist die Zahl von 24 Todesfällen im Verhältniß zur Bevölkerungsanzahl Gießens üderhaupt schon eine geringe, so verbeffert sich dies Verhältniß noch mehr, wenn wir erwähnen, daß unter den Gestorbenen sich 7 Personen befanden, die nicht hiesige Einwohner waren, sondern nur hier- her gekommen waren, um Heilung zu suchen.
Auch aus der Vergleichung mit der Anzahl der Todesfälle, die im gleichnamigen Monate des Jahres 187« stattgefunden, sehen wir, daß dieses Mal die Sterbltchkeitsztffer eine geringe ist, da damals im Ganzen 36 Personen starben, darunter 5 Kinder im ersten Lebensjahre und 3 ältere Kinder. G-
Gießen, 9. December Die „Frankfurter Zeitung" vom 4. d. M. bringt folgende Mitthetlung:
sAuch ein Verein.) Der Aufforderung einer Anzahl alter Herren entsprechend, hat der in Fulda erscheinende „Hessische Beobachter" zur Bildung eines Vereins gegen das gesundheitsschädliche Hutabnchmen folgendes launige Statut entworfen:
§ i. Der „Handgrußverein" hat den Zweck, dem Hutabnehmen auf der Straße entgegenzuarbeiten und damit die Gesundheit und die Hutkrämpen seiner Mitglieder zu schonen § 2. Die Mitglieder des Vereins grüßen, indem sie die Hand an die Hutkrämpe legen und sich verbeugen. § 3. Mitglied des Vereins tst Jeder, der sich selbst dafür ansteht und für den oben ausgesprochenen Zweck nach besten Kräften sorgt. § 4. Die Mitglieder zerfallen in außer ordentliche und ordentliche; außerordentliche sind diejenigen, welche das Hutabnehmen nur Männern gegenüber unterlaßen, bei Damen aber aus falsch verstandener Galanterie an der alten Gewohnheit festhalten; ordentliche Mitglieder aber sind dagegen, welche unverzagt unv überall vor Männern, Flauen und Jungfrauen ihren Hut festsitzen laßen. § 5. Ein außerordentliches Mitglied kann jederzeit ordentliches werden sobald es seine Anschauungen erweitert und demgemäß bandelt. § 6. Als ausg.-schloßen haben sich nur diejenigen Mitglieder zu betrachten, die dem Zwecke des Vereins untreu werden. § 7. Versammlungen des Vereins finden überall da statt, wo sich zwei oder drei Mitglieder treffen und als solche erkennen.
Mehrere ältere Herren hier wünschen sehr, daß ein solcher Verein auch hier in's Leben treten möge und geben sich der Hoffnung hin, daß derselbe durchs die gegenwärtige Witternng — wenn auch keinen warmen, so doch einen kräftigen Fürsprecher finden werbe.
Es kommt ja nur darauf an, daß es nicht mehr al8 Mangel an Höflichkeit ausgelegt wird, wenn Jemand beim Grüßen seine Kopfdedeckuug nicht abnimmt. Die anspruchsvollste Dame findet nichts dabei, wenn ein Militär bedeckten Hauptes grüßt und höchst lächerlich würde es sich ausnehmen, wenn eine Dame beim Grüßen den Hut ziehen wollte.
Vor Jahren galt Jeder für unhöflich, welcher einen anständig gekleideten, oder einen älteren Mann, auch wenn er ihm fremd war, nicht grüßte, und noch vor 40 Jahren würde es für ein Zeichen von Mangel an Bildung angesehen worben sein, wenn Jemand in einem Wartesaal seinen Hut nicht abgenommen hätte. Das ist jetzt schon anders geworden; es ist also ein Anfang bereits gemacht. Gehe man nun einen Schritt weiter und sage man sich los von einer Sitte, welche ganz gewiß schon oft zu Gehör-, Gesichts- und anderen Kopfletden Beranlaßnng gewesen ist.
Gießen, 10. December. Die arktische Kälte, welche nun schon 14 Tage ununterbrochen anbält fordert täglich, besonders von der gefiederten Welt, ihre Opfer und hat schon manchem Hühner'liebyaber in hiesiger Stadt empfindlichen Schaden zugefügt. Selbst bei Tage ist die Kälte so intensiv, baß beispielsweise eine Ente, die sich gestern zum Zwecke der ungestörten Zuführung des Sonnenlichts in der Göße ein wenig häuslich niedergelaßen hatte, so fest angefroren war, daß dieselbe mittelst warmem Waßer aus ihrer peinlichen Gefangenschaft erlöst «erden mußte. — Auck den Pferden der Postpacketwagen scheint die jetzige Witterung wieder einmal dermaßen in den Gliedern zu stecken, daß die Morgenpost erst in den Nachmittagsstunden am Wallthor zur Ausgabe kommt. Wie wird es erst um Weihnachten werben?
— Am 8. d. Mts. fiel in der Bahnhofsstraße ein auswärtiger Schweinehändler so un; i glücklich, daß er ein Bein brach und zur Heilung in die Klinik verbracht werden mußte.
— Am selben Abend wurden aus einem hiesigen Hotelwagen während der Fahrt nach dem Bahnbofe die zwei Sitzkißen gestohlen; den Spiegel des Wagens hatte der Dieb während des Abklemmens zerbrochen und zurückgelaßen.
— Heute Nacht zeigte das Thermometer im botanischen Garten 25° Kälte. ' Anschließend an diese Nofiz wollen wir heute die Aufmerksamkeit und das Mitleid


