Einzelbild herunterladen

schmelzung des preußischen Handelsministeriums mit dem Reichskanzleramte auszusprechen. Er sieht die Nothwendigkeit der Creirung einer neuen Rathsstelle nicht ein. Minister Hofmann erwidert, diese Vermehrung stehe mit der gedachten Verschmelzung nicht im Zusammenhänge. Die neue Stelle sei durch die Bedürfnisse des Reichskanzleramts bedingt. Der bett. Titel wird bewilligt. Bet dem Titel Kosten für Maßregeln gegen die Rinderpest wünscht Richter (Meißen) zu wissen, ob die Vorlegung eines Viehseuchengesetzes zu erwarten sei. Minister Hofmann erwidert, die Vorarbeiten seien wett genug gediehen, um dre Vorlegung noch in dieser Session zu ermöglichen. Bethmann-Hollweg wünscht eine Ausdehnung der Bestimmungen des Viehseuchengesetzes, um Ansteckungen im Keime zu ersticken. Fürst Bismarck erklärt, er werde anordnen, daß die Bedenken, welche gegen die Ausführung des Rinderpestgesetzes geäußert werden, nicht unbeachtet blieben. Das Vtehseuchengesetz solle, bevor es an den Bundesrath gelange, Sachverständigen zur Begutachtung vorgelegt werden. Er könne aber nicht zugeben, daß der Schutz der Grenzen gegen die Einschmuggelung verseuchten Viehes nicht zu verstärken sei; im Gegentheil, er sei der Ansicht, daß in dieser Richtung nicht genug geschehen könne. Es bleibe zu wünschen, daß die Bestimmungen des Strafgesetzbuches gegen solchen Schmuggel noch verschärft werden, da diese Bestimmungen zu milde seien, durch die Schuld derjenigen, welche Verbrechen gegenüber gern milde wären.

Lasker bedauert diese Aeußerung, die nun einmal beweise, woher das Signal zu den aufregenden Debatten selbst bei den unscheinbarsten Gelegenheiten komme. Niemand habe sich irgendwie gegen Verbrechen milde gezeigt, weßhalb würden hier solche Vorwürfe erhoben? Fürst Bismarck: Ich gebe den Vorwurf zurück, daß Herr Lasker eine sachliche Kritik meiner­seits in belehrendem Ton dazu benutzt, mich aufreizender Beschuldigungen zu zeihen. Ich habe den Namen des Herrn Lasker weder genannt, noch an ihn gedacht. Erst jetzt fällt mir ein, daß er das Strafmaß allerdings herabgesetzt und jedesmal die Absicht nachgewiesen wissen wollte. Lasker erwidert, daß das Haus das Strafmaß in diesem Falle normirr habe unter Mitwirkung der Regierung und bedauert die Kritik des Strafgesetzbuchs durch den Reichskanzler, welche geeignet sei, das Ansehen des Reichstags zu schwächen.

Fürst Bismarck: Ich begreife die Auslegung meiner Worte nicht, die doch einzig und allein in völlig sachlicher Weise anregen wollten, daß vorhandene Lücken ausgefüllt würden. Ich habe Niemanden genannt und Niemanden persönlich angegriffen. Das, was ich bezwecken will, weiß ich in jeder Richtung und brauche zur Erreichung meiner Ziele keine Nebenwege ein­zuschlagen. Abg. Zinn wünscht, Fürst Bismarck möge als preußischer Ministerpräsident schärfere Maßregeln für den Grenzverkehr an der preußischen Grenze herbeiführen. Fürst Bismarck repltcirt, er müsse dies den Reffortministern Preußens überlassen, werde aber auch seinerseits Schritte in der gewünschten Richtung thun. Behr-Schmaldow und Saro sind für die Ver­schärfung der Strafen. Richter (Hagen) bedauert, daß in letzter Zeit hier Richter critisirt wurden; dadurch werde das Ansehen der Rechtssprechung geschädigt. Lingens beklagt die Zu­nahme der Auswanderung, fragt nach den Gründen für dieselbe und verlangt die Vorlegung der bezüglichen Statistik. Fürst Bismarck erklärt, der Wunsch nach einer Auswanderungsstatisttk sei berechtigt; er könne solche in Aussicht stellen. Was die Gründe für die Auswanderung be­treffe, so habe sich ergeben, daß die meisten Auswanderer aus den wenigst bevölkerten Gegenden kämen, namentlich vorzugsweise aus den Landwirthschaft treibenden Provinzen. Die Ursache wird uns vielleicht eingehender in einigen Monaten bei Berathung der Tarifreform beschäftigen. Es würde für die landwirthschaftlichen Provinzen vielleicht ein Segen sein, wenn sie eine ent­wickeltere Industrie erhielten. Diese gewährt der Arbeiterbevölkerung wett mehr Gelegenheit, zu einer höheren Lebensstellung zu kommen, als dies bei der Landwirthschaft der Fall ist. Man muß bestrebt sei, die Erwerbung von Grundcigenthum, di« selbstständige Bewirthschaftung mittelst Erbpacht zu erleichtern und die Industrie in den Argikultur-Provinzen befördern. Richter (Hagen) bekämpft die Ausführungen des Reichskanzlers; er behauptet, gerade die neue Wirth- schaftspolitik des Reichskanzlers werde die fernere Zunahme der Auswanderung zur Folge haben.

An der weiteren übrigen- unerheblichen Debatte, welche sich auf die Reichs-Schul-Com- mission, das statistische Bureau und das Bureau des Reichs-Gesundheitsamts beziehen, betheiligen sich Lucius, Günther und Minister Hofmann. Bei dem Etat des statistischen Bureaus wider­spricht Richter der Meinung, daß durch Aufhebung der Mahl- und Schlachtsteuer keine Er­leichterung der Bevölkerung eingetreten sei. Es existire leider nur eine Privatstatistik, die aber einen Vortheil der Consumenten durch die genannte Aufhebung erweise und der Wiedereinführung der Getreidesteuer widerspreche. Minister Hofmann erwidert, es fehle allerdings in vielen Beziehungen an den Grundlagen für die Statistik. Würden Lücken erkannt, so werde die Re- gierung nothwendig eine Vermehrung der Beamten beantragen. Er bitte die Etatsposition zu bewilligen. Der Etat des Reichskanzleramts wird genehmigt. Bei dem Etat des auswärtigen Amtes wünscht Reichensperger (Crefeld) regelmäßige Vorlegung des diplomatischen Schriften­wechsels. Hänel unterstützt diesen Wunsch. Nach weiterer unerheblicher Debatte wirb der Etat des auswärtigen Amtes genehmigt. Fortsetzung Dienstag.

Fulda, 8. März. Bet der Ersatzwahl zum Reichstag für den Wahl­kreis Fulda-Schlüchtern-Gersfeld erhielten in der Stadt Fulda Graf Droste- Vischertng (ultram.) 727, Frhr. v. d. Tann (fretcons.) 243 Stimmen.

Schweiz.

Bern, 8. März. Die Anklagekammer des Bundesgerichts verwies den Franzose» Brouffe wegen durch die Preffe begangener völkerrechtswidriger Handlungen vor die Assisen des ersten eidgenössischen Schwurgerichts-Bezirks. Die Botschaft des Bundesraths an die Bundesversammlung, betr. die Wiederzulafsung der Todesstrafe, concludirt in dem Anträge, in die Berathung darüber nicht etnzutreten.

Dänemark.

Kopenhagen, 8. März.Dagens Nyheder" zufolge beschloß die Universität, daS bevorstehende 400jährige Jubiläum ohne besondere Festlichkei­ten zu begehen. Nördlich von Kopenhagen ist die See offen, südlich ist noch Eis, daffelbe jedoch für Dampfschiffe passirbar. Der Binnenhafen ist durch Dampfschiffe passirbar gemacht.

ßngland.

London, 7. März. Unterhaus. Unterstaatssecretär Stanhope erklärt: Angesichts der jüngsten Unruhen in Birmah verstärkte der Viceköntg von Ost­indien, Lord Lytton, die Garnison von Britisch - Birmah durch zwei Einge- borenen-Reaimenter und ein britisches Regiment.

London, 8. März. Einer Meldung derTimes" aus Konstantinopel zufolge hat die Pforte bei Melanih, Gevrecop und Gumurdjina drei Brigaden gegen einen Einfall der Bulgaren in Makedonien zusammengezogen.

Spanien.

Madrid, 8. März. Silvela wird an Stelle des Marquis v. Molins zum Botschafier in Paris ernannt. Marquis de Orovio wurde die interimi­stische Leitung des Ministeriums der Colonien übertragen.

Nußland.

Petersburg, 8. März. Es ist vollkommen unbegründet, wenn be- bauptet wird, Profeffor Lewin habe in dem Fall Prokoffjeff die Pest oder Astrachantsche Krankheit constattrt; Lewin bestritt lediglich das Vorhandensein von Syphilis und erklärte den Fall für lymphatische Drüsenanschwellung, ohne sich dem Urtheile d»s Professors Botkin anzuschließen.

Die Kaiserin, deren Gesundheitszustand einen Aufenthalt in der Krim Wünschenswerth macht, dürfte Ende März (a. St.) dahin Kreisen. Der Kaiser will die Kaiserin begleiten und nach zweimonatlichem Aufenthalt zurück­kehren. Man erblickt hierin einen Beleg für die ruhige Auffassung der höch­sten Kreise gegenüber alarmirenden Gerüchten.

Petersburg, 8. März. DerRegierungsbote" veröffentlicht drei Telegramme des Profeffors Etchwald aus Wiasowka vom 3. März, aus Tschomtjar vom 5. d. und aus Nikolskoje vom 6. d., welche besagen: Der

Gesundheitszustand in Staritzkoje ist jetzt günstig, nur Pocken sind schwach vor­handen. Im December kamen dort Fälle der levantinischen Pest und nicht der indischen vor. Augenblicklich ist die B-sorgntß tu Betreff von Staritzkoje und Nikolskoje geschwunden. General Loris-Melikoff meldet hierzu: In lscher- najarskischen und jmotajewschen Bezirken M Astrachan'schen Gouvernements mit 118,000 Einwohnern starben seit dem Auflauchen der Epidemie von Octo­ber bis zum 7. Februar, wo der letzte Todesfall stattfand, gegen 500 Men­schen. Augenblicklich scheine die Epidemie überwältigt, da die Absonderung bei Kranken erwiesenermaßen grgen Ansteckung schütze. Die Gesellschaft könne sich vollständig beruhigen und alle Geschäfte wieder aufnehmen.

Türkei.

Konstantinopel, 7. März. Ein Jrade in Betreff der neuen grie­chischen Grenzlinie ist heute erlaffen worden. Die darauf bezüglichen Instruc­tionen werden nach Prevesa gesandt. Die Türket würde danach den Dlstrtct von Janina und beinahe den ganzen Golf von Arta behalten. Die Grenzbe- rrchttgunq wird als nicht hinreichend erachtet, um Griechenland zu befriedigen.

Tirnowa, 7. März. Eine bulgarische Nationalbank wird demnächst mit einem Capital von 2 bis 3 Millionen errichtet werden.

Telegraphische Depeschen.

Wagner'S telegr. Eorrespondenz- Bureau.

Berlin, 9. März. Dec hiesige Universitäts-Profeffor Dr. Lewin er­widerte aus dieffettige Anfrage telegraphisch aus Petersburg vom 8. d. Mts.: Bei Prokoffjeff sand ich keinerlei Pestsymptome. Seine Drüsenanschwellungen sind Ueberbieibsel der vor mehreren Jahren überstandenen, jetzt nicht mehr vor­handenen Syphilis. Auch sonst haben sich in den Spitälern Fälle verdächtiger Art nicht vorgefunden.

Der Kaiser hat eine gute Rächt verbracht. Sein Befinden ist sehr zufriedenstellend.

Petersburg, 9. März. General Totleben hat Adrianopel am 5. d., Abends, verlaffen. Die Stadt war illuminirt. Die Bevölkerung rief vielfach: Es lebe Kaiser Alexander! Reuf Pascha begleitete General Totleben nach dem Bahnhof, wo Letzterer von der muselmännischen Geistlichkeit aufs Wärmste begrüßt wurde. Der General erließ vor seiner Abreise Verordnungen, um Reuf Pascha nach dem Abzug der Ruffen die Aufrechterhalung der Ruhe zu erleichtern. General Totleben besichtigte am 7. d. die in Jenizagra und Ka­sanlik stehenden Truppen und traf am Abend in Dorf Schipka ein.

Kairo, 9. März. Gutem Vernehmen nach haben Rußland und Frank­reich der Ernennung des egypttschen Kronprinzen Tewfik zum Consetl-Präsi- denten zugestimmt.

Petersburg, 9. Märzt. General Graf Loris-Melikoff telegraphirt: Die ausländischen Aerzte und Dr. Eichwald hielten am 6. d. in Wetltanka eine gemeinsame Sitzung und stellten protokollarisch fest, daß die im Gouver­nement Astrachan von Mitte October v. I. bis Ende Januar d. I. beobachtete Epidemie die levantische Bubonen-Pest war, gegenwärtig aber als erloschen zu betrachten ist. Die Nichtwtederkehr derselben, namentlich in Wetlianka, sei jedoch nicht zu garantiren. Die Aerzte formultrten zur Verhütung eine be­stimmte Absperrung und Quarantäne. Die Vorschläge halten aber einen Schutz- cordon um vas ganze Gouvernement Astrachan für unnöthtg, weßhalb derselbe am 8. d. M. aufgehoben wurde.

Konstantinopel, 8. März. Von Seiten der Regierung wird bekannt gegeben, daß die hier eröffneten Conferenzen zur Lösung der bosnischen Frage ihren ordnungsmäßigen Verlauf nehmen. Führen dieselben wie es scheint, voraussichtlich bald zu einem befriedigenden Resultat, so besteht die Hauptschwiertgkett darin, die Formel zu finden, welche in der abzuschließenden Convention der Ausgleich der Forderungen Oesterreich-Ungarns mit den Ge­sichtspunkten der Pforte schafft. Sobald dies erledigt sein wird, ist sichere Aussicht auf Regelung der ganzen Angelegenheit vorhanden.

Serajewo, 8. März. Das Geburtsfest Mabomed's wurde hier feier­lich begangen. Eine Deputation von 18 mohamedantschen Priestern und Notabeln Serajewos drückte General Jvanovic ihren Dank für die religiöse Gleichberechtigung aus und versicherte ihre Anhänglichkeit an den Katserthron. Die Deputation erklärte ferner, die immer weiter sich verbreitende Ueberzeu- gung religiöser Toleranz werde die letzten Spuren des Widerstandes gegen das neue Regime verwischen.

Lokales.

Gießen, 10. März. Dem Soldaten H äus er von <ang-G5ns, welcher gelegentlich der letzten Hochfluth den Schlosserlehrling Weigel aus dem Bruchgraben mit eigener Lebensgefahr rettete, ist gestern die Rettungsmedaille überreicht worden.

Eine heute Früh vorgenommene Milchrevision ergab in 18 Fällen keine Handhabe zur Constatirung einer Fälschung resp. Wässerung von Milch.

Ein schon öfters bestrafter Mann mußte wegen sehr schwerer Trunkenheit am Sam­stag in Haft genommen werden. Gleicherweise wurde gestern ein seiner Füße nicht mehr mächtiger arg Betrunkener per Karren nach der Sandgaste transportirt.

Ihre Majestät die Königin von Württemberg passirten gestern Morgen 9 Uhr, von Frankfurt kommend, den hiesigen Bahnhof.

Jedes nach seiner Art! Während gestern Nachmittag im Clubsaale Haydn's Jahreszeiten' uns vom Concertverein vorgefübrt wurden und lebhafteste Anerkennung fanden einen ausführlicheren Bericht werden wir in folgender Nummer bringen wurde gestern Abend vom Sängerkranz die übliche alljährlich wicderkehrende karnevalistische Abendunterhallung mit Theater, großer Oper und Tanz abgehalten. Die PosteDer gebildete Hausknecht" leitete vor überfülltem Hause die Unterhaltung ein und verdienen die Dilletanten für ihre Leistungen Lob. Nach dieser Einleitung folgte die große romantisch-komische und lyrisch-plastische Ritter­operKönig Wullrisching und sein Hof ober Der umgeänderte Handschuh' mit Gesängen, Chören, Märschen und Tänzen. Wir gestehen, seit langer Zeit ist uns eine solche Over mit ihren Sängern und ihrer prachtvollen Ausstattung, incl. 3 lebenden Löwen, nicht vorgekommen. Beim Aufgehen des Vorhanges glaubte man sich bezüglich der Ausstattung in Dekoration und Garderobe an ein Hostheater versetzt. Köniz und Prinz sammt den 20 Rittern und Damen incl. der holden Maid Pulrianda de Tunketiefchen machten den großartigsten und humoristisch' Qen Eindruck Auf ein näheres Eingehen der einzelnen ©eenen verzichten wir; es gilt uns nur zu constatiren, daß der Sängerkranz unter der tüchtigen bewährten Leitung seines Diri­genten Herrn Steiner den zahlreichen außerordentlichen Mitgliedern einen sehr genußreichen Abend verschafft hat und es nur zu bedauern ist, daß der Wenzel'sche Saal zu wenig Raum für die vielen Theilnehmer bot. Wie uns ferner mitgetheilt wird, beabsichtigt der Sängerkranz, zum Besten eines milden Zweckes, die große Oper nochmals zur Aufführung gelangen zu lasten und sei der edle Zweck im Voraus hiermit schon bestens empfohlen.

Schiffüberieht. Mitgetheilt von dem Agenten des Norddeutschen Lloyd (£« W. Dietz in Gießen.

Newyork, 6. März (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Main, Capt. I. Barre, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 23. Februar von Bremen und am 25. Februar von Southampton abgegangen war, ist heute 10 Uhr Morgen- wohlbe­halten hier angekommen.