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Ar. 157. Donnerstag den 10 Juli 1879.

Areßener MnMger

Anjklge- md Amtsblatt für dea Kreis Gieße«.

RedaettS«Shureaur ^«Lulüratzev. 18 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

GxpeditionSbureanr / '

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHeil. Bekanntmachung.

In Gemäßheit des §. 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat Juni 1879 veröffentlicht:

Hafer 15,50, Heu <X 4,00, Stroh <M. 3,70 per 100 Kilogramm.

Gießen, den 7. Juli 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________Dr. Boekmann.__

Bekanntmachung.

Betreffend: Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.

Der landwtrthschaftliche Bezirksverein Gießen wird

Samstag den 12. Juli l. I., Vormittags 10 Uhr, zu Hungen im Solmfer Hofe eine Generalversammlung halten, zu welcher alle Mitglieder des Vereins und Freunde der Landwirtschaft, insbesondere die Herren Ortsvorstände und Lehrer eingeladen werden.

Tagesordnung:

1) Vorlage der Rechnung für 1878.

2) Berathung des Voranschlags für 1879.

3) Berathung über folgende Fragen:

a, welche Futterkartoffeln haben sich im verstoßenen Jahre am besten bewährt?

b. ist es vortheilhaft, im Vereinsbezirke Kälber zu mästen?

c. über die Zweckmäßigkeit von landwirthschaftlichen Localvereinen und Abwechselung der Orte der Zusammenkunft;

d. die Anlage einer Obstbaumschule für den ganzen Kreis.

4) Geschäftliche Mittheilungen. _

Nach beendeter Generalversammlung findet ein gemeinsames einfaches Mittageffen im Solmser Hofe statt.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben.

Gießen, den 4. Juli 1879. Der I. Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.

Dr. Boekmann.

politisch

Das Entlaffungsgesuch von Dr. Falk.

Preußens Edelfalk, wie der alte Karl Hase sagt, ist also müde gewor­den und will mit den beiden andern Collegen weggehen. Er hat das Mar­tyrium fast 7!/2 Jahre getragen, stets geneigt, auf anderem Posten bescheide­nerer Art dem Staate zu dienen. Er ließ sich überreden, noch auszuharren; diesmal wird ihn aber wohl Nichts mehr bestimmen, seinen Entschluß zu ändern. Seine Sachen, so sagt man, waren neulich beim Auszuge in eine provisorische Wohnung gleich so gepackt worden, daß sie gewissermaßen reisefertig blieben. Diese Vorahnung erleichtert nun, was einmal doch ge­schehen mußte.

Der Wechsel der Minister ist ein gewöhnliches Ereigniß im modernen Staatsleben, mehr fällt er in die Augen, wenn er das Aufgeben eines Prin- cips bedeutet. Falk ist allerdings mit einem Princip oder einigen Principien so eng verwachsen, daß sein Weggang mehr bemerkt werden muß, als der seiner Collegen. Dankbarkeit oder Haß knüpfen sich an sein Andenken intensiv an; wir werden das noch oft erfahren.

Als er am 23. Januar 1872 ernannt war, sagte das officielle Blatt ihm dieUebereinstimmung aller betheiligten Staatsgewalten" zu, damit er in die staatliche Leitung der Kirchen- und Schul-Verwaltung einen neuen Geist bringen könne und ebenso sehr die unveräußerlichen Rechte des Staates, wie die Ansprüche der sittlichen und religiösen Volksinteressen wahre. Diese Ueber- etnstimmung fehlte dem neuen Minister damals auch nicht. Aber die Aufgabe war riesig.

Alles war seit 1848 Preis gegeben, wodurch der alte Staat sich noch gegen die Römlinge gewehrt hatte, noch 1867 riß Herr v. Mühler in den anr.ecttrten Ländern heilsame Schranken der klerikalen Macht sorglos ein. So war es denn eine Herkules-Arbeit, die ihm auflag. Gleich die ersten Schritte, die sich auf die Schulaufsicht bezogen, gelangen ihm nur durch die muskulöse Hülse Bismarck's, und es ist eine echt preußische Erscheinung, daß diese ersten und mächtigsten Gegenwirkungen nicht von den Ultramontanen, sondern von den protestantischen Junkern und Geistlichen, diesen wahrhaft zähen conserva- tiven Mächten des Ostens ausgingen. Und diese haben denn auch den letzten Entschluß Falk's zur Reife gebracht, die endlose Arbeit einem Andern zu über­lasten. Es wird darum eine Freude sein bis nahe an Königsberg heran, daß dieGebete der Gläubigen" doch endlich erfüllt worden sind und derVer­derber" des Kirchen- und Schulwesens dahin gegangen ist, wo er nicht mehr schaden kann.

Nun, es ist doch dafür gesorgt, daß ihn die Herren wenigstens nicht ganz vergessen können. Falk dachte bescheiden über das, was ihm im engen Rahmen eines Menschenlebens beschieden sei zu leisten und zu erleben, auf einem Gebiet, wo nicht nach Jahren, sondern im besten Fall nach Jahrzehnten gerechnet wird. Er wollte auch den Frieden des Staats mit der Kirche, aber er wollte ihn nur für die spätere Zett anbahnen und dauerhaft begründen durch das Recht, nicht durch willkürliche Ordnung, und darin ist ihm viel gelungen. In mehreren Jahrgängen von Matgesetzen tst eine Fülle von Stoff

er HHeit.

angesammelt, und Th udich um und Andere zeigen, daß es schon möglich tst, ein neues Kirchenrccht daraus zu gewinnen, wenn es auch noch Lücken zeigt.

Wir wollen uns hier nicht mit den zornigen Angriffen auf diese Gesetze beschäftigen, sie sind einmal da und erzwingen sich Beachtung, ganz unabhängig von der Person eines Ministers. Sagt doch der deutsche Kronprinz in seinem Schreiben vom 10. Juni 1878 und zwar im Namen des Kaisers: ,.Dem Verlangen, die Verfastung und die Gesetze Preußens nach den Satzun­gen der römisch-katholischen Kirche abzuändern, wird kein preußischer Monarch entsprechen können." Dastelbe hat Minister Falk wiederholt gesagt, aber das hindert nicht, immer wieder dem Volke die alten Hoffnungen vorzuschwatzen.

Auch die übrigen Verläumdungen, die sich an Falk's Wirken knüpfen, wollen wir sich selbst überlasten und zu dem älteren großen Vorrath legen. Es ist wahr, daß man nicht Alles, was gegen die Römlinge noth that, auch gegen die evangelische Kirche der Parität wegen zu richten brauchte; aber es ist eine Unwahrheit, daß durch Falk irgend ein Lebens-Jntereste der evangelischen Kirche geschädigt sei. Will man die Simultanschulen herbeiziehen, so setze man erst die minimale Zahl dieser Schulen, die unter Falk entstanden sind, neben die große Zahl der confessionellen und von jenen wenigen zeige man, daß die Mischung der Consessionen dort nicht gebotene Sache war. Man wird dann allen Grund haben, sich zu schämen. Wegen der Civtlehe mag man sich bei den gottesfürchtigen Herren von der Stahl'schen Partei bedar.ken, welche die Geistlichen in Betreff der Wiederverheirathung Geschiedener so schön instruir- ten, daß der Staat sich schließlich doch etnzumischen hatte, wenn auch die Matgesetze die allgemeine Civilstands-Ordnung nicht nöthig gemacht hätten.

In allen diesen Dingen ist nun eine ziemliche Klarheit gewonnen. In der evangelischen Kirchenverfastung hat Falk mit seinen treuen Freunden Her­mann und Sydow wenigstens die schwerste Arbeit gethan. Die Träume vom König als membrum praecipuum der Kirche sind in klare politische Be­griffe gebracht; der Staat hat gewiffe Bewilligungen an gesetzliche Bedingun­gen geknüpft (20. Juni 1876) und dem Organismus der Kirche eine Dauer- Hastigkeit ausgeprägt, die den Experimenten der kirchlichen Heißsporne einen Riegel vorschiebt. Das wird sich Alles auf der nächsten preußischen General­synode offenbaren, die zu zwei Dritteln aus Gegnern Falk's, wie man sagt, zusammengesetzt sein wird und gar keinen Grund hat, einen gefallenen Politiker zu schonen.

Die gegenwärtige Zeit ist ein Beispiel von demAuf-und-Ab" im Leben der Völker. Dubois-Reymond spricht einmal von den großen Volkserkrankun­gen geistiger Art, die örtlich und zeitlich vorkommen, wie die Socialdemokratie eine solche tst und wie einst ein jugendgrüner Mediciner de morbo demo- cratico schrieb. Man wird immer verpflichtet sein, auch solchen Erkrankungen auf die Spur zu kommen, um sie präventiv und repressiv richtig zu behandeln. Aber die Sache ist sehr schwierig und einige Resignation ist wohl immer noth- wendig. Schicken wir uns in die Zett, wo Excesse im Gesetzemachen, abstract politische Phrasen sich rächen, wo äußerst reale Zoll- und Finanz-Interessen das Volk abstumpfen, wo, um wenigstens etwas durchzusetzen, sich die fetnd-