geht zunächst an das Corpsgericht des Garde-Corps, welches denselben dem Kaiser zur Bestätigung vorlegt.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." dementirt, daß die Regierung nicht abgeneigt sei, sich dem Plane der Vertagung des Reichstags bis zum September anzuschließen. Dieselbe werde vielmehr auf die unterbrechungslose Erledigung der Geschäfte der gegenwärtigen Session drängen, zumal die Interessen der gewerblichen Kreise die unverzügliche Erledigung der betr. Fragen erheischen.
Berlin, 7. Juni. Dte Tarifcommission nahm den Antrag v. Wedell- Malchow'S, dte Regierungscommisiarien möchten der Commission über dte muth- maßliche Vermehrung der Zolleinnahmen gegen früher durch die Annahme des Zolltarifs eine Berechnung machen, mit einigen Modifikationen an und genehmigte ferner den Antrag Windthorst's, vor der definitiven Annahme von Zöllen und Steuern sei dringend geboten, daß die Ftnanzminister über dte Finanzlage der Etnzelstaaten genaue Angaben machten. In der fortgesetzten Berathung der Baumwollzölle genehmigte die Commission die Positionen für gebleichtes oder gefärbtes Baumwollgarn, ein- und mehrdrähtiges, drei- und mehrdrähtiges, mehrfach gezwirnte Nähsäden unverändert. Unter Position Baum- wollwaaren wurde ein besonderer Titel „roher Tüll" mit 60 Mk. für 100 Kilo angesetzt. Für gebleichte dichte Gewebe unter dem besonderen Titel wurde der Zoll von 120 auf 100 Mk., für baumwollene Fischer- netze von 12 auf 3 Mk. herabgesetzt. Der Zoll für Schmirgeltuch wurde ganz gestrichen. Der Antrag Hammacher's auf Herstellung des Aus- gangs-Zoüs für Lumpen wurde mit 14 gegen 12 Stimmen abgelehnt.
Dresden, 7. Juni. Das „Dresd. Journal" meldet aus Wien: Die in dem Art. 7 der türkisch-österreichischen Convention vorgesehenen Verhandlungen zwischen den österreichischen Behörden Bosniens und den türkischen Behörden über Novibazar finden bereits statt. — Bet der Arnauten-Versammlung in Mitrovitza ereignete sich zwischen den Arnauten selbst ein blutiger Zusam- menstoß, wobei 80 Arnauten fielen. — Dte Besetzung der Limlinie wtrd tn kürzester Zett erwartet.
Hesterreich.
Wien, 7. Juni. Die „Polit. Corresp." meldet aus Konstantinopel von heute, die Pforte fei durchaus nicht geneigt, den serbischen Ansprüchen aus Schadenersatz wegen des Einfalles der Arnauten bei Kurtschumlje zu entsprechen, da der Einfall von serbischer Sette provoctrt worden sei. — Dieselbe Correspondenz meldet aus Bukarest, Rumänien habe die diplomatische Agentte tn Belgrad zum Range einer Gesandtschaft erhoben.
Dänemark.
Kopenhagen, 7. Juni. Das Jubiläumsfest der Universität endigte mit einer Galatafel beim König, welcher jedoch wegen Unwohlseins nicht anwesend war. Der Kronprinz brachte den Gruß des Königs an dte Universität und die Gäste, wobei er dte Hoffnung aussprach, der Verkehr unter den nordischen Gelehrten werde dte nordischen Universitäten und dadurch die nordischen Völker enger verknüpfen.
Kopenhagen, 7. Juni. Eine amtliche Bekanntmachung hebt dte unterm 11. Febr. und 15. März Rußland und Finnland gegenüber angeord- nelen Quarantäne-Maßregeln gegen dte Pest auf.
Irankreich.
Paris, 7. Juni. Durch eine tm „Journal osficiel" veröffentlichte Verfügung vom 5. Juni werden 225 wegen der Insurrektion vom Jahre 1871 Verurteilte begnadigt.
Paris, 7. Juni. Wie versichert wtrd, hat der Präsident der Republik Blanqui begnadigt.
England.
London, 7. Juni. Der Martnemintster Smith hielt gestern bet dem Banket der konservativen Partei in St. Edmunds-Renee eine Rede, worin er zunächst mtttheilte, daß nach Beendigung des Zulu-Krieges dte Colonien Süd- Afrikas so conpituirt werden würden, um künftighin sich selber gegen Bar- baren-Stämme vertheidtgen zu können. Aus die orientalische Frage übergehend, bestritt der Minister die Behauptung, daß England nur ungern Ostrumelien die Autonomie zugestanden habe. Die britische Regierung bestand lediglich auf Aufrechterhaltung des Rechtes des Sultans zur Besetzung des Balkans, weil die Bolkangrenze nothwendtg für die Existenz der Türket, letztere aber tm Jn- tereffe Europas sei. Dte Behauptung von Differenzen zwischen England und Frankreich, betr. Egypten, sei falsch; beide Mächte seien momentan in völligem Einvernehmen. Der Khedtve schadete sich durch sein Verhalten unendlich. Die größte Vorsicht und Klugheit seien erforderlich. England und Frankreich seien entschloffen, bei Lösung des Problems nicht übereilt vorzugehen. Dte britische Regierung beanstande nicht die Aspirationen Griechenlands, wünsche aber nicht, daß letzteres unvorbereitet in einen Krieg verwickelt werde. Die Regierung begünstige die Ausdehnung des griechischen Gebiets und werde im Verein mit den Großmächten Alles thun, Griechenland zu geben, was in deffen und Europas Jntereffe vortheilhaft sei. — Der Fürst von Bulgarien confe- rirte Donnerstag mit Salisbury.
Rußland.
Petersburg, 7. Juni. Dte gestrige Sitzung des obersten Gerichtshofs wurde unter dem Vorsitze des Fürsten Uruffoff 10 Uhr 10 Mtn. Morgens eröffnet. Als Staatsanwalt fungirte Justizminister Nabokoff, als Ver- theidiger der vereidete Advocat Turtschaninoff. Der Anklageakt recapitulirt die bereits bekannten Details des Attentates und enthält das von Solowjeff gemachte Gestäl.dniß folgenden Inhalts: Er gehöre zur social-revolutionären Partei, habe jedoch beim Attentat keine Mitschuldige gehabt und sich dazu aus eigenem Willen entschieden ohne jeglichen Einfluß Seitens seiner Meinungs- genoffen, glaube aber im Sinne seiner Partei gehandelt zu haben. Aus den weiter im Anklageakt mitgetheilten Aussagen Solowjeff's ist ersichtlich, daß er noch während der Studien auf dem Gymnasium, wonach er die hiesige Universität zwei Jahre besuchte, ernsthafte religiöse Zweifel hegte, welche ihn zur Annahme der Ansichten des sog. Deismus führten. Noch damals habe er den Plan gefaßt, sich dem Dienste des Volkes zu widmen, dessen Armuth und Entbehrungen ihm stets an's Herz griffen, wobei er dieselben für das Resultat der bestehenden unbefriedigenden staatlichen und socialen Ordnung hielt.
— In dem Proceffe gegen Solowjeff hat der oberste Gerichtshof folgendes Urtheil gefällt: Solowjeff ist schuldig, daß er, einer verbrecherischen
Genoffenschaft angehörend/, welche bestrebt ist, dte in Rußland bestehende Staatsordnung durch Gewaltihätizketten zu stürzen, am 16. April in der zehnten Morgenstunde in Petersburg mit Vorbedacht es auf das Leben des Kaisers abgesehen und mehrere Reoolverschüffe auf Se. Majestät abgefeuert hat. Der Gerichtshof hat deshalb brschioffen Alexander Solowjeff auf Grund der Art. 241, 249, 17 und 18 des Strafgesetzuches alle Standesrechte zu entziehen und ihn mittelst Stranges hinzurichren.
Petersburg, 7. Juni. Schluß des Anklageaktes. Aus einem früher stattae- habten politischen Processe erhellt, daß Solowjeff während seines Dienstes im Bezirk Toropez (Gouvernement Pleskau) mit einem gewissen Nikolai Bogdanowitsch in nahen Beziehungen stand. Letzterer hatte auf seinem Gute eine Schmiede eingerichtet wo Socialisten behufs näherer Berührung mit dem Volke thätig waren. Besonders nahe Beziehungen hatte Solowjeff zu Bogdanowitsch's Bruder, Jury Bogdanowitsch einem der energischsten Socialrevolutionäre. Auf Bogdanowitsch's Gute sammelten 'sich oft Socialisten, darunter auch der, der Betheiliguug an der Ermordung des Generals Mesenzoff angeklagte und 1878 verhaftete Michailoff. Im Jahre 1876 verheirathete sich Solowjeff mit Katharina Tschelistscheff, lediglich um derselben in moralischer und materieller Hinsicht eine selbstständige Stellung zu geben. Nach Petersburg gekommen lebten die Gatten geschieden. Nach einem Aufenthalte von l‘/? Monaten in der Hauptstadt, wo Solowjeff mit Mitgliedern der revolutionären Partei thätig verkehrte, bereiste er die Gouvernements Wladimir und Nischni-Nowgorod, wobei er in Schmieden behufs der Propaganda unter falschem Namen arbeitete. Später ging er zu agitatorischen Zwecken nach Samara, woselbst sich damals eine revolutionäre Gesellschaft gebildet hatte, dann nach dem Gouvernement Saratow, wo er unter falschem Namen in der Eigenschaft eines Dorfschreibers fungirte. Im Jahre 1878 übersiedelte Solowjeff nach Petersburg, stieg bei seinen Eltern ab und fuhr fort, mit Socialisten thätig zu verkehren, wobei er oft verbotene Druckschrifte, wie „Semlja i Wolja" (Land und Freiheit) in ganz frisch gedrucktem Zustande, augenscheinlich unmittelbar aus der Druckerei kommend, nach Hause brachte, Solowjeff war auch bei der Verbreitung von revolutionären Proclamationen thätig. Aus seinem Handeln und Wandeln schlossen seine Familie und Bekannte, daß er dem Executtocomitä nahe stehe, was auch durch seine moralische Theilnahme an dem Attentat auf den General Drentelen bewiesen wird. Auffallend ist, daß, obwohl Solowjeff nach Petersburg ohne jegliche Mittel kam und keine lohnende Arbeit hatte, derselbe doch bald die Möglichkeit fand, beträchtliche Summen für seine Bekleidung zu verwenden und sich einen ziemlich werthvollen Revolver anzuschaffen rc. Der Anklageact schließt auf einen Zusammenhang zwischen dem Attentat Solowjeffs und der Thätigkeit der socialrevolutionären verbrecherischen Gesellschaft. — Nach dem Verlesen des Anklageactes gestand Solojeff, auf eine Anfrage des Präsidenten, auf den Kaiser geschossen zu haben. Er habe gethan, was ihm seine Ueberzeugung und sein Gewissen vorgeschrieben habe und keine Mitschuldigen gehabt. Er sei bei der Herausgabe revolutionärer Druckschriften nicht betheiligt gewesen und habe dieselben nur zufälligerweise verbreitet. Weiter erklärte Solowjeff, er brauche keinen Vertheidiger, da solcher nichts zu seiner Rechtfertigung sagen könne. Der Gerichtshof beschloß jedoch, dem Vertheidiger den Auftrag zu geben, seine Pflicht im Lause der Sitzung zu thun. Sodann schritt das Gericht zur Ergründung der Beweise.
Amerika.
Sant-Jago (Chili), 6. Juni. Bolivische Kaperschiffe sind von der bolivischen Regierung ermächtigt worden, Kaufmannsgüter wegzunehmen, selbst wenn dieselben unter neutraler Flagge fahren und nicht einmal als Kciegs- contrebande angesehen werden.
Telegraphische Depeschen.
Wagner's telegr. Sorrefpondenz-vurea«.
Paris, 8. Juni. Das gestrige Fest in der Oper zu Gunsten der Ueberschwemmten von Szegedin war glänzend. Alle Botschafter waren anwesend, die Zahl der Theilnebmenden ungeheuer. Es wurden alle Sachen zu enormen Preisen verkauft. Die Einnahmen dürften sich auf 200,000 Frcs. belaufen.
Madrid, 8 Juni. Einer amtlichen Depesche aus Kuba vom 7. Juni I zufolge ist die Nachricht, daß dort vollkommene Ruhe herrsche, unrichtig. Es sind noch bewaffnete Banden vorhanden.
Darmstadt, 9. Juni. Der Fürst von Bulgarien trifft nächsten Freitag in Jugenheim ein.
München, 8. Juni, Abends. Nach neuester Bestimmung reist Prinz Arnulpb als Vertreter des Königs nach Berlin zur Goldenen Hochzeitsfeier.
Paris, 8. Juni. Eine Depesche des „Temps" aus Constantine meldet: Der Stamm Uledaud in der Nachbarschaft von Brtna ist tn völligem Aufruhr. Der Sohn des Kaid und mehrere Häuptlinge wurden getödtet Die in Batna angekommenen Truppen haben auf dem Marsche viel gelitten. Die Bevöikerung von Batna verlangt Gewehre.
Lokales.
Gießen 8. Juni. Herrlicheres Wetter kann sich kein Verein zu einem Ausfluge wünschen, als es der „Obcrhessische Verein für Localgeschichte" bet seinem gestrigen Ausfluge in den Arnsburger Wald und nach Arnsburg in der That hatte. Die in der Annoncirung des Ausflugs angekündtgte Ausgrabung traf einen der Wachtthürme, welche von den Römern zur Sicherung 'hres Grenzwallcs (Pfahlgrabens) unmittelbar hinter diesem gebaut und mit kleinen Besatzungen belegt worden waren; es gelang der 5stündigen Erschließungsarbeit, drei Ecken der Grundmauer des Tburmes und die östliche Front desielben bloszulegen; dabet wurde die Grundmasse des Tburmes festaestellt und eine Anzahl römischer Topfscherben im Bauschutt des wahrscheinlich im Angriff verbrannten Thurmes gefunden. Da inzwischen die Hitze des Nachmittag- groß war, erwuchs in demselben Maße den Veretnsmitgliedern der Durst, aber dte Erfrischungen, von denen die Annonce mit solcher Sicherheit behauptet hatte, daß für sie „gesorgt" sei, waren — in Folge eines Mißverständnisses — nicht zur richtigen Zett und Stelle im Walde angelangt. Unter sothanen Umständen wurde doppelt freudig und dankbar die Einladung angenommen, welche der bei der Ausgrabung mttanwesende Eigenlhümer des Waldes, Herr Graf zn Solms' Laubach, an die Veretnsmitglteder richtete und welcher entsprechend sich dieselben unter Führung des genannten Grundherrn nach Arnsburg begaben zur Besichtigung der dortigen Merkwürdig» Feiten, aber auch zum Genüsse der preislichen Erfrischungen, mit welchen der Herr Graf, der dem Verein bereits seit deffen Gründung angehört, die Mitglieder deffelben in den Klosterräumen erfreulichst überraschte.
Vermischtes.
— Im Zoologischen Garten zu Berlin gab es neulich sehr erregte Scenen. Während die Affen im Freien sich tummelten, gelang es einem der Vierhänder, aus dem Käfig zu flüchten, unu vier andere Genoffen ahmten seinem Beispiel nach. Sofort erkletterten die Flüchtlinge die Bäume unv es wurde nun mit Netzen, «Striefen und sonstigen Geräthen Jagd gemacht, um Die Durchgänger wieder zu fangen. Die Tribüne hört, daß dies erst nach langen Mühen gelungen ist.
Schifrsbericht. Mttgetheilt von dem Agenten des Norddeutschen Lloyd C. W. Dietz in Gießen.
Newyork, 7. Juni. ^Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Mosel, Eapt. H. A. F. Neynabcr, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 25. Mai von Bremen und am 27. Mai von Southampton abgegangen war, ist heute 6 Uhr Morgens wohlbehalten hier angekommen.
Baltimore, 7. Juni. <Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Leipzig, Capt. Fr. Pfeiffer, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 21. Mai von Bremen abgegangen war, ist gestern wohlbehalten hier angekommen.


