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Nr. 131. Dienstag den 10. Juni 1879.

Aießener Wuciger

Ansäze- «Ä AmtsdKtt fit irs Kins Gießen.

«rpEonSbureaUr } «chulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch di/P°st^b-zog°"n ^i-ttelMrttch 2 Mark"s^Pf^

Amtlicher Hl-ei t.

Gießen, am 6. Juni 1879.

Betreffend: Statistische Nachweisungen über das Lolksschulwesen.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Wir erwarten Erledigung unserer Auflage in rubricirtem Betreff vom 7. Mai 1879, Anzeiger Nr. 109, von den noch rückständigen Schulvorständen, unfehlbar innerhalb 8 Tagen. Zugleich bemerken wir, daß die Schulversäumniffe in % von jeder Schulklasse besonders aufzuführen sind.

Dr. Boekmann. _____________

8ebier;6onfcrenj des Conferenz-Bezirks Gründer^ Donnerstag den 12. Juni, Vormittags 10 Uhr, in Grüudrrg.

M Lieh Hungen Dienstag den 17. Juni, in Lich.

Großen-Buseck Donnerstag den 19. Juni, in Großen Buseck.

Gießen, den 7. Juni 1879. Büchner, Kreisschulinspector.

Aolitischer HHcil'.

Politische Uebersicht.

Während die CentrumSpartet ttn Reichstage als eifrige Stütze der neuen Zollpolitik agirt, sitzt ihr bedeutendster Publtcist, Herr Jörg, auf einem bayerischen Landsitz und lettartikelt über die neue Lage der Dinge. Er spricht in denhistorisch.politischen Blättern" einige sehr beachtenswerthe Mahnungen aus. Die Bauern, meint er, könnten leicht erfahren, daß mit der einen Hand mehr genommen als gegeben wird. Es sei schon schlimm, daß man für den Nothstand den Staat uud seine Handelspolitik verantwortlich gemacht habe. Sollte aber der nun betretene Weg durch bittere Erfahrungen des Volkes sich abermals als ein Irrweg erweisen, so wäre zu besorgen, daß der (Klaube an die bestehende Gesellschaftsordnung in noch größerem Maßstabe, als es unbe­stritten jetzt schon der Fall ist, sinken würde. Ueber die Verhältnisse des Reiches sagt der ultramontane Politiker:Seitdem dieses Reich gegründet ist, hat es noch mcht einen Augenblick in friedlicher Ruhe gelebt; von inneren Kämpfen wtderhallend, befindet es sich auch in permanenter Kriegsbereitschaft nach Außen. Das ist nicht die Temperatur, unter welcher ein Volkswohlstand aedeiht." Man liest hier leicht zwischen den Zeilen, daß Jörg nur in der Ausführung des ganzen Reactionsplans des Centrums das Heil des Reiches sieht. DaS wäre dann freilich die Ruhe des Friedhofs, auf dem wir unsere Freiheit und nationale Selbständigkeit begraben können.

Der Reichskanzler hat dafür gesorgt, daß das Sperrge,etz mcht nur alsbald publicirt, sondern auch sofort telegraphisch zur Ausführung gebracht worden ist er wollte keine Stunde und keine Mark verlieren. Als das Sperrgesetz in der Druckerei desReichs-Anz." gedruckt wurde erging per Draht die An» Weisung an die Zollämter, sofort den Rohetsenzoll zu erheben. So kam es, daß Schiffsladungen von Roheisen halb unverzollt über die Grenze kamen, während die andere Hälfte dem Verhängniß zum Opfer fiel. Es handelt sich dabei um sehr beträchtliche Quantitäten, da viele Firmen versuchten, noch vor Tboreszuschluß sich mit mächtigen Quantitäten zollfrei zu versorgen. Es war nlto -me Abfassung" in optima forma, die dem Kanzler gelungen ist.

Allem Anschein nach wird der Culturkampf in Frankreich in Sürre seinen Höhepunkt erreichen. Regierungsblätter erklären Die Gerüchte von einet Vertagung der Debatte über die Ferry'sche Unterrichtsvorlage für völlig arundlos. Mitte Juni wird also das Schauspiel in der Kammer erwartet, welches bei der lebhaften Natur der Franzosen sich dramatischer gestalten wird, als einst die Debatte über die Maigesetze in Deutschland. Bisher haben die iilti-amontanen nur etwa 80,000 Unterschriften für ihre Petitionen aufgebracht. K" « sein, daß zu den Verlheidigern des Ferry'schen Gesetzes auck ein Bonapartist, Herr Janvier de la Motte, gehört.

$ Vavst Leo XIII., überall geschickt diplomattsirend, hat gegenwärtig Sckritte gethan, um wenigstens osficiöse Beziehungen zur Türkei herzustellen, dami die katholisch-Kirche womöglich Ausdehnung oder em Uebergewicht über die andern Kirchen erlange. Man sagt, daß verschiedene Mäch e die Pläne des Papstes billigten, und zwar als das einzige Mittel, m gewissen Thecken der Türkei die Cioil.sation einzusühren. In Italien erregt die^ablehnende Haltung des Papst-s gegenüber der Civilehe großes Interesse. Bleibt Leo XIII. in der Verdammung des Gesetzes eonsequent, so gewinnt auch dort der »Cuttur^ampst * n^e^Nahrung. D(tlumclie ns mancherlei

Schwierigkeiten. Auch in Bulgarien dürften binnen Jahresfrist neue fetten durch die panbulgarische Bewegung erstehen.

Der Fried- Asg Han ist ans mit England ist Rußland ein Dorn im . fnv,n,n sehlt es an jedem Anlaß zu einer Einmischung.

E n a l a nd richtet sein Augenmerk auf die Bekämpfung der Hungers- no.b inÄdten, welche eine bedauerliche Höhe in Caschmir erreicht hat.

^n Südamerika steht der Ausbruch eines allgemeinen Krieges be­vor. Die neneie Post dürste über das Engagement Brasiliens Nach- lichten bringen.

Deutschland.

Berlin, 7. Juni. Se. Maj. der Kaiser hatte eine gute Nacht und hat das Lager auf der Chaiselongue mit Sitzen im Lehnstubl vertauschr.

Berlin, 4.Juni. Prof. Laspeyres in Gießen veröffentlicht in derNatwnal- Zeitung" Untersuchungen über den Einfluß der Steuern auf die Preise, denen wir folgende interessante Daten über die Wirkungen der Mahlsteuer entnehmen: Wir untersuchten, wie hoch die Mehlpreise in 10 schlesischen Städten mit Mahlfleuer bis 1875 durch die Staats- und Communalsteuern belastet waren. Für Weizenmehl betrug die Mablstcuer 5,48 4 per Kilo, für Roggen 1.38 4. Man darf nun freilich nicht fragen, ob das Weizenmehl in diesen Städten um 5,48 4 billiger g worden ift, denn es kann aus anderen Gründen der Preis mehr gestiegen, als durch Steuerbefreiung gesund'n "ein, oder der Preis kann aus anderen Gründen noch mehr gesunken sein, als durch Die Steueraufhebung bedingt, oder er kann aus anderen Gründen genau um so viel gestiegen sein, als er durch die Steuerbefreiung sank. Steigen der Preise in diesen Städten oder Gleichbleiben beweist so wenig gegen die verbilligende Wirkung der Steuerbefreiung als Sinken der Preise für dieselbe. Nur wenn wir die Preisbewegung in 10 anderen Städten, welche den obigen Städten in Allem außer der Steuerbefreiung möglichst gleich sind, hiermit vergleichen, können wir die Wirkung auf die Preise ermitteln. Vom December 1874, dem letzten Monat der Mahlsteuer, auf Januar 1875, dem ersten Monat der Steuerbefreiung, sind die Weizenpreise m den 10 Mahlsteuer­städten durchschnittlich herabgegangen von 6,8 4 per Kilo, in den Städten, da keine Steuer wcgsiel, nur um 1,6 4- Differenz ist 5,2 4, während die Steuererleichterung 5,48 4 betrug. Sollte man glauben, der Preisherabgang wäre nachher schnell wieder rückgängig gemacht worden, so frage man, wie das ganze Jahr 1875 gegen das ganze Jahr 1874 sich stellt? Antwort: Wo die Steuer wegfiel, Preisfall 14,50 4 per Kilo, wo sie nicht wegzufallen hatte, 7,60 4, also Mehrsenkung um 6,9 4, beim Steuer- wegsall von 5,48 4- Will man einen noch längeren Durchschnitt 1873/74 gegen 1875/76, wohlan: Steuerstädte Preisfall 13,9 4, Nichtsteuerstädte 7,2 4 Differenz, 6,7 4 bei 5,48 4 Steuererleichterung. Zufall, wird man sagen! Gut, Gegenprobe: Gehen die einen 10 Städte im Vergleich mit den anderen auch sehr verfchieden in den Zeiten, in denen die Steuerverhältnisse in beiden Städtegruppen gleichblieben? 18/3 auf 1874 sank der Weizenpieis in den Städten, welche die Mahlsteuer batten, und behielten, um 2 20 4 per Kilo, in den Städten ohne Steuer um 1,29 4, Differenz in der Bewegung nur 0,91 4 gegen 5,2 oder 6,7 oder 6,9 4 beim Steuerwegiall. Oder nachdem die 20 Städte einander dadurch wieder gleich geworden waren, daß die Mahlsteuer in keiner bestand, 1875 auf 1876 stieg der Weizenpreis um 3,28 4 m den früher mahl­steuerpflichtigen Städten und um 2,15 4 in den niemals steuerpflichtig gewesenen. Differenz 1,13 4 statt 5,2 oder 6,7 oder 6,9. Oder anderer Gegenbeweis: Getreide, welches in dem Monat der Steuererhebung auf Mehl ja nicht betroffen wurde, fiel 1875/76 gegen 1873/74 um 22,75 Procent in den Mahlsteuerstädten und in den Nicht­steuerstädten 23,10 Procent. Wo kein Grund zu einer verschiedenen Preisbewegung vorlag, fand auch keine verschiedene Bewegung statt, wo aber eine vorlag, wirkte er auch. Nicht anders beim Roggenmehl. Das Roggenmehl war mit 1,38 4 pro Kilo Mahlsteuer belastet. Deeember 1874 auf Januar 1875 sank der Roggenpreis in den Steuerstädten um 2,6 4 per Kilo, in den Nichtstcuersiädten nur um 0,2 4, Differenz 2 4 4. Ganz 1874 auf 1875 sank der Roggenpreis um 7,5 4 in den Steuerstädten, aber nur um 4,5 in den Nichtsteuerstädten. Differenz 3,0 4, endlich im Durchschnitt der beiden letzten Jahre vor und nach der Steuer-Aufhebung Senkung in den Steuer­städten um 5,94 4, in den anderen nur um 3,21 4, Differenz 2,73 4- Zu Zeitpunkten ohne Grund verschiedener Preisbewegung z. B. 1873 auf 1874 sank der Roggenpreis in den Steuerstädten um 0,07 4 und stieg in den Steuerstädten um 0,58 4- Differenz 0 65 4 gegen oben 2,4 oder 3,0 ober 2,73 4 Pi"° Kilo Ebenso 1875 auf 18< 6 stieg der Roggenpreis in den Steuerstädten um 1,58 4, in den 'Nichtsteuerstädten auch um 1,20 4, Differenz nur 0,38 gegen 2,4 oder 3,0 oder 2,73 4, oder der von der Steuer unberührte Roggen in Körnern fiel 1875/76 gegen 1873/74 von l/,/o Procent in den Steuerstädten und ebensoviel 17,45 Procent in den Nichtsteuerstadten Sehr natürlich, ein Grund für verschiedene Preisbewegung lag nicht vor, dieselbe trat auch nicht em. Und nun sage einer noch, die Aufhebung dieser das Kilo Mehl um nur em paar Pfennig belastende Mahlsteuer habe den Consumenten Nichts genutzt! Die Anwendung auf die Frage, ob eine Steuer-Erhöhung auch den Eonstimenten nichts schaden wird, 8egt Juni Fürst Bismarck wird am 9. b. Mts. hier zurück­

erwartet. Anläßlich des zwischen Chile und Boltvia und Peru ausgebroche- nen, die deutsche Industrie und Handels-Interessen mit schweren Schädigungen bedrohenden Krieges, bringt dieNordd. Allg. Ztg." den amtlichen Consulats- bertchten entnommene statistische Notizen, welche eine ungefähre Schätzung der durch den Krieg gesährdelen deutschen Interessen ermöglichen. - Das Kriegs­gericht in Sachen desGroßer Ktwsürst" schloß heute Mittag 1 Uhr seine Verhandlungen. Der gefällte, noch schriftlich ausjuarbeitende Urtheilsspruch