Konstantinopel, 6. Nvübr. Von bestunterrichteter Seite wird die Nachricht, daß England ein Ultimatum oder eine Note an die Pforte gerichtet habe, für unbegründet erklärt. Die Wahrheit ist, daß die Pforte aus die Nachricht von der Entsendung englischer Krigsschiffe nach den türkischen Ge- wäffern mit der englischen Botschaft in Cornmunication getreten ist.
Amerika.
— Die neueste Post aus Süd-Amerlka bringt Einzelheiten über das Seetreffen, in welchem daS vielgenannte peruanische Widderfchlff „Huascar" gekapert wurde. Einer Depesche aus chilenischer Quelle zufolge hatte der „HuaScar" den Kampf gegen die ganze cornbinirte Flotte zu bestehen. Admiral Grau und sämmtliche Officiere des „Huascar" wurden getöotet. Der „HuaScar" strich nicht seine Flagge, ec wurde aber gänzlich zerstört. Die Chilenen retteten 70 Personen seiner Mannschaft, einschließlich der Verwundeten. Ein Telegramm aus Panama besagt, daß die Seeschlacht 6 Stunden dauerte. Der „Huascar" weigerte stch, sich zu übergeben und sank schließlich. EineS der chilenischen Panzerschiffe befand sich ebenfalls in sinkendem Zustande. Die Meldung von dem Verlust des „Huascar" verursachte viel Aufregung in Peru, aber der Enthusiasmus für den Krieg dauert an. Die öffentlichen Zeichnungen für den Kriegsfond, die in Lima an dem Tage stattfanden, als die Kunde von der Vernichtung deS „Huascar" anlangte, ergaben nicht weniger als 2^/, Millionen Francs.
Telegraphische Depeschen.
Waguer'S telegr. Correspondenj - Bureau.
Berlin, 7. Noobr. Abgeordnetenhaus. Erste Berathung des Staatshaushalts- Etats, sowie des Gesetzentwurfs, betreffend die Verwendung der Ueberschüsse aus den Reichssteuern. Es haben sich 7 Abgeordnete gegen und 3 für die Vorlagen zum Wort gemeldet. — Richter (Hagen) spricht gegen den Etat, welcher die verheißenen Steuer- Erlasse nicht enthalte. Er vermißt Bewilligungen für Unterrichtszwecke und die Beamten und kritisirt den Eisenbahnetat; die schwankenden Einnahmen desselben könnten nicht zum Hauptfaktor des Budgets gemacht werden, wie es durch die Verwirklichung der Staatsbahn-Jdee geschehen würde. Redner fordert den Finanzminister aus, bie neuen Bahnen der Wirthschastspolitik zu verlassen.
v. Zedlitz wendet sich gegen die Ausstellungen Richter's, weist auf die erheblichen Besitzobjecte hin, welche mit der Erwerbung der Privatbahnen an den Staat gelangen und vertheidigt das Staatsbahnsystem. Auch das Gesetz über die Verwendung der Reichssteuern erscheine als ein gerechtes und loyales. — Finanzminister Bitter will lediglich gegen Richter das Wort nehmen, um die gegen des Reichskanzlers und seine (Bitter's) Steuerpolitik gerichteten Vorwürfe abzulehnen. Das Schreiben des Reichskanzlers an den BundeSrath vom 15. December fei von dem Motive geleitet, der allgemeinen Calamität entgegenzutreten, welche aus der bisherigen Wirthschastspolitik entstanden war. Ein großer Theil des Volkes habe dies gebilligt; die Majorität des Volkes stehe heute hinter dem Reichskanzler. Die Verheißungen, welche der Reichskanzler gemacht, hätten die erhofften Wirkungen der neuen Steuergesetzgebung zur Voraussetzung; dieselben seien abzuwarten. Aus Börsenkreisen habe er (der Minister) seine Informationen über Hebung der Zustände nicht geschöpft; er stehe solchen Kreisen gänzlich fern; er habe seine Nachrichten von zuständiger Seite aus allen Provinzen eingezogen. Redner verliest eine Reihe von Einfuhrangaben, um die Besserung der Verhältnisse zu skizziren. Uebrigens habe er vor Uebernahme seines Amtes sich in vollstem Umfange mit dem Reichskanzler verständigt und stehe ganz und voll zu ihm bezüglich aller Zoll- und Steuer-Fragen. Eine rationelle F'nanzwirthschast werde sein einziges Bestreben bleiben. Auf tichter's Frage, ob Redner, wie sein Vorgänger einmal von Bismarck's Steuerplänen sagte, „Zukunftsmusik" treibe, erwidere er ■ er stehe in der Musik wie bezüglich der Finanzwirthschaft auf klassischem Boden und werde demselben treu bleiben — Eultusminister v. Puttkamer legt die Gründe dar weshalb in der Thronrede das Unterrichtsgesetz nicht erwähnt fei: man müsse warten' bis Staat und Communal-Verbände die finanzielle Last würden tragen können. Das' Pensionsgesetz für Volksschullehrer könne nicht außer Zusammenhang mit der allgemeinen Verwaltungsgesetzgebung erledigt werden; bis dahin müsse man sich mit den jetzt geforderten 300,000 Mk. begnügen. Man hoffe ein Penfionsminimum von 600 Mk. bewilligen zu können; dies sei jedenfalls schon eine Verbesserung. Die Angriffe Richter's auf die Generalsvnode würden sicher allgemeiner Mißbilligung begegnen. Er (der Minister) habe andere Angriffe erwartet wegen der Minderausgabe von 3 Millionen bei dem Extraordinarium des Cultusministeriums Er bedauere, daß dies nothwendig sei; die Schuld trage die allgemeine Finanzlage Er hoffe, das werde sich künftig bessern. — Negierungs-Commissär Burghart rechtfertigt die Vorlage wegen Verwendung der Ueberschüsse aus den Reichssteuern; die Regierung hatte die Zusage zu erfüllen, welche sic gemacht; dem sei durch die Vorlage entsprochen
Rickert (aegen die Vorlagen) erklärt Namens seiner politischen Freunde der Gesetzentwurf über die Verwendung der Ueberschüsse aus den Reichssteuern habe'nicht die berechtigten Erwartungen erfüllt und sei nicht eine volle Einlösung der gegebenen Zusage. Die in voriger Session getroffene Vereinbarung war so verstanden, daß der Erlös an Steuer stets in den Etat ausgenommen werden sollte. Jetzt aber sei ein mechanisches Geschäft des Finan;ministers intendirt. Redner wünscht die Ueberweisung auch des Gesetzentwurfs über die Verwendung der Ueberschüsse aus den Reichssteuern an die Budget-Commission. — Nächste Sitzung morgen.
Hadersleben. 7. Novbr. Krügrr-Beftoft ist wieder zum Landtags- Abgeordneten gewählt worden.
Berlin, 7. November. Die Nachricht, daß der Vice-Präsident des StaatsmimsteriumS, Graf Stolberg, sich aus seiner Stellung zurückzuziehen gedenke, sowie die daran geknüpften Combinationen über die anderweitige Besetzung einiger Botschafterposten sind durchaus unrichtig
London, 7. Novbr. Die „Times" erfährt, Musurus Pascha habe Lord Salisbury versichert, die auswärtige Politik der Türkei sei unverändert. Der Sultan wünsche sehnlichst die der britischen Regierung versprochenen Reformen auszusühren. Es werde wohl thunlicbst sein, Oberst Baker zum Gens- darmerie-Chef in Armenien zu ernennen. Er hoffe, die von England ange- orbnete Flottenbewegung werde für unnöthig befunden werden. Lord Salis- bury habe erwidert, die britische Regierung könne einen neuen Verzug nicht dulden. Unter der gegenwärtigen indolenten Leitung müsse das türkische Reich in Stücke fallen. Die britische Regierung verlange Thaten und keine Worte, werde aber in Anbetracht der Versicherungen des Botschafters vorläufig warten.
Paris, 7. Novbr. Das „Journal officiel" veröffentlicht ein Decret, Wvdurch bie Kammern auf ben 27. d. M. einberufen werden.
Pari-, 7. Novbr., Abends. Das Journal „Estafette" bezeichnet die Nachricht, daß Prinz Jerome Napoleon stch eine Hoshatung einrichte, als um begründet und erklärt, der Prinz beschäftige sich nur seinen Kindern und lebe zurückgezogener als je zuvor.
London, 7. November. Der Werthbetrag der Einfuhr im October «gilt eine Zunahme von 273,426 L. gegen das Vorjahr, die Ausfuhr eine Zunahme von 443,973 L-
Eine amtliche Depesche berichtet, das Gerücht von der Desertion afgha- nischer Regimenter in Herat entbehre der Bestätigung. Ayub Khan sei lhat- sächlich von den Truppen in dec Citadelle gefangen gehalten.
München, 7. November. Der russische Thronfolger nebst Gemahlta und Gefolge ist heute Vormittag 9 Uhr von Paris hier eingetroffen und hat seine Reise nach Salzburg-Gmunden ohne Aufenthalt fortgesetzt.
Lokales.
Gießnr, 8 November. Wie bereits mitgetheilt nehmen die Schwurgerichtsverhand- lungen für das IV. Quartal 1879 am 8. December ihren Anfang. Als Geschworene sind für diese Periooe bestimmt: 1
1. Balthasar Sprenger von Kirtorf,
2. Heinrich Weitzel II., Bürgermeister von Kaichen,
3. Ernst Lutz von Heinbach,
4. Erich Wasserschleben, Kaufmann in Gießen,
5. Joh. Listmann, Schildwtrth von Blitzenrod,
6. Karl Münch von Homberg,
7. Bolprecht Struth II., Wachstuckfabrikant von Lauterbach
8. Asser Rothschild von Ober-Seemen.
9. Christian Dörr IV., Weißgerber zu Grünberg,
10. Heinrich Schudt, Müller zu Bruchenbrücken,
11. Schmidt, Bürgermeister zu Bermuthshain,
12. Martin Hartmann, Färber zu Grünberg,
13. Ludwig Jung II., Fruchthändler von Heuchelheim,
14. Karl Martin Wenzel von Butzbach,
15. Karl Becker I., Gerber von Gießen,
16. Adam Bingel, Beigeordneter von Tambach,
17. Eberhard Hahn III, Landwirth zu Annerod,
18. Friedrich Wilhelm Möller, Kaufmann zu Lauterbach,
19. Johannes Desch VII., Landwirth zu Wetterfeld,
Theodor Füg, Gerichtsmann und Landwirth zu Landenhausen,
21. Georg Reitz, Bürgermeister zu Södel,
22. Wilhelm Seipprl zu Butzbach,
23. Friedrich Jung, Landwirth zu Klein Linden,
24. Wilhelm Breidenbach, Rentner zu Nieder-Wöllstadt,
25. Karl Leonhard Münch, Rentner zu Gießen,
26. August Walz, Gastwirth zu Büdingen.
27. Bernhard Schwarz, Kaufmann in Reichelsheim.
28. Johann Deckenbach zu Nieder-Seemen,
29. Karl Geisler, Landwirth zu Lollar,
30. Georg Waldschmidt II., Gemetnderechner zu Leihgestern.
Ergänzungsgeschworene werden nach dem neuen Gerichtsverfahren nicht aleichzeitii ausgeloost. ° 8
Gießen, 8. Novbr. Am 5. d. Mts. hielt im Kaufmännischen Verein Herr Dr. Emil Glaser einen Vortrag über Shakespeare^ dichterischen Einfluß auf die deuttcke Literatur, worin der geehrte Redner hauptsächlich nachzuweisen versuchte daß Götbe und S ch i l l e r, welche unserer dramatischen Literatur die Signatur gegeben haben durck- aus nicht das waren, was sie nach Roderich ® c n e b i in feiner „Shakespearo'manie« betitelten Schrift, gewesen sein mußten, nämlich von Shakespeare unbeeinflußt Sie Hatten, so suchte Herr Glaser unter Anderem auch durch Proben aus ihren Dramen darzuthun, allerdings an Shakespeare theils ihren Geschmack gebildet was sogar in einzelnen Dictionen und Wendungen erkennbar wäre, theils dessen formelle Bühnentechnik, im Gegensatz zu den spröden Bühnengesetzen der Franzosen seiner Reit angenommen — ein Zugeständmß, das freilich wohl den erhabenen Lorbeer unserer Dichterfürsten auch nicht im Geringsten schmälere. Der Vortrag war ein wirklich ae- diegener und m sehr gefälliger Sprache gehalten. Leider war der Besuch desselben ein unerwartet geringer und dürfte diese, auch schon früher gemachte Erfahrung den Kaufmännischen Verein nicht ermuntern, auch künftighin, wie er seit Jahren gewohnt war weiteren Kreisen ui ähnlicher Weise Schönes und Lehrreiches zu bieten '
Gießen, 8. November. Mitten in der Stadt, am Marktplatze, wurde heute Nackt die Hirschapotheke ihres Symbols, des vergoldeten Hirsches, welcher über dem Eingang seine Lagerstätte hatte, beraubt. Spitzbuben oder andere Buben haben das ziemlich schwere Objekt weg, geschafft, ohne daß man eine Spur hat, wohin. ' ö
— Gestern Nachmittag wurde ein öfters an Krämpfen leidender Junge bestnnungslo- vor dem Stalle in einer Hofraithe in der Löwengaffe aufgefunden. Jedenfalls durch den Fall hatte sich derselbe eine bedeutende Kopfwunde zugezogen. °
Vermischtes.
— Ein Belgrader Korrespondent der „Times" erwähnt einer Thatsache, die ein seltsames Licht auf die inneren Zustände Serbiens wirft. Innerhalb einer Entfernung von drei Stunde» von Belgrad beherrscht ein frecher Straßenräuber Namens Despovttch mit einer aus 50 Spießgesellen bestehenden Bande das Land. Reisende, deren Erscheinung ihre Habsucht reizt, werden geplündert und ermordet. Seitens der Regierung ist ote Ergreifung dieser Räuber »ersucht worden, aber Despovttch ist bisher der Verfolgung entschlüpft und nur drei seiner Leute sind erschaffen worden. Die Bande zeichnet sich durch große Grausamkeit aus, indem sie durch Folterqualen den Bauern das Geständniß erpreßt, wo sie Geld und Werthsachen verborgen haben.
Berlin, 27. Oktober. Raubanfälle auf öffentlicher Straße unter Anwendung von Betäubungsmitteln scheinen sich jetzt auch in Berlin zu wiederholen, nachdem sie in Paris und London schon lang- die Aufmerksamkeit und die Thätigkett der Criminalbrhürden in Bewegung gesetzt hatten. Vorgestern Abend 11 Uhr ging ein Schloffergeselle quer durch den Lustgarten, alS plötzlich Jemand von hinten ihm auf die Achsel klopfte. Der Schloffergeselle drehte sich um und in diesem Augenblick hielt ihm der Fremde sein Taschentuch vor die Rase. Der Ueber- fallene verlor das Bewußtsein und sank zu Boden. Als er seine Besinnung wieder erlangte, befand er sich auf dem Erdboden, seiner silbernen Cyltnderuhr beraubt. Als der Ränder dem Sckloffer das Taschentuch vor die Nase hielt, hatte dieser zwar noch kurze Zett so viel Besinnung, um die Lage zu erfaffen, dagegen fehlte ihm vom ersten Augenblick an die Kraft, um Hülfe herbeizurufen.
Auszug aus denStandkssmlüreMrrn des Manürsamts Gießen
Vom 1. bi- 7. Novlmber 1879.
Aufgebote.
1 November. Kutscher Heinrich Adolph von Obergwegfurth mit Eltsabethe Engelhardt, Tochter des verstorbenen Ackermanns Johannes Engelhardt von Alt Buseck. 4. Schuhmacher Ludwig Fischer von Groß-Linden mit Katharine Pfaff, Tochter des Zimmermanns Konrad Pfaif von Groß Linden. 4 Schuhmacher Philipp Lather von Kirtorf mit Johannettc BonariuS, Tochter des verstorbenen Schuhmachers Christoph BonarmS von Groß -Buseck. 7. Schreiner Wilhelm Heß von Leihgestern mit Katharine Herrmann, Tochter des Schneidermeisters Wilhelm Herrmann von Nieder - Ohmen. 7. Meckaniker Georg Maximilian Peter Böger von Gießen mit Anna Peth, Tochter des verstorbenen AckermannS David Peth III. von Mörstadt. 7. Sckretner Johann Boltz von Mühlhausen, Ober-Elsaß, mit Philomene Menzel, Tocktrr des verstorbenen Spinner- Johann Menzel von Mühlhausen.
Eheschließungen.
5. November. Kaufmann Johannes Hilgärtner von Elimback mit Katharine Elisabeth« Krell, Tochter des Mechanikus Jacob Krell von Lampertheim. 5 Bierbrauer Philipp Lindens struth von Wieseck mit Margarethe Seipp, Tochter des verstorbenen Zimmermann- Kaspar Seipp von Ober-Bessingen.
Geborene.
24. Oktober. Louise Johanna, Tochter des Schloffcrs Ludwig Heinrich Debus. 31. Dem Bremser Johannes Lub ein Sohn. 1. November. Wilhelmine Elise, Tochter dcs Schloffers Johann Georg Michel. 26. October. Elia Pauline, außerehelich von auswärts. 28. Heinrich, außerehelich von auswärts 31. Otto Paul Karl, Sohn des Gensdarmcil Franz Ernst Gustav Brockwitz. 1. November. Otto Karl Konrad Wilhelm, Sohn des Lackirers Johannes Röbmig. 3. Karl Lorenz Ludwig Heinrich, Sohn des Sckuhmachers Philipp Kinkel. 3. Theodor August Ludwig, Sohn des Bahnarbeiters Martin Kohlermann. 1. Dem Schneider Peter Hexamer ein Sohn. 5. Max Karl Otto. Sohn deS Schriftsetzers Albert Wolff. 5. August Louis Karl, Sohn dcs Schretnermcisters Christian Haubach. 5. Dem Hauptmann im II. Großherzoglich Hessischen Infanterie-Regiment Nr. 116 Georg Hof eine Tochter.
Gestorbene.
31. October. Elisabetbe Weber, .r-0 Jahre alt, von Heuckelheim. 1. Anna Schandua, geb. Laux, 3r- Jahre alt, Eheftau des Galanteriewaarenhändlers Petcx Schandua. 1. Marie


