kämen denn aber die Nationalliberalen aus den Complimenten gar nicht heraus, und wir sollten denken, sie hätten jetzt Wichtigeres za thun, als sich derartige Höflichkellen an den Kopf zu werfen, bei denen der Unparteiische doch schließlich nur zu der Meinung kommen kann, daß die ganze national-liberale Fraction „so eine Art National-Unglück" gewesen ist. Die verzwickte Lage, in die sie jetzt gerathen, ist nur eine Folge des unklaren und verschwommenen Programms, welches conservativen Elementen mit Leichtigkeit ermöglichte, sich das liberale Mäntelchen umzuhängen und die wirklich liberalen Mitglieder der Partei stets in conservativcm Sinne zu beeinflussen. So lange Fürst Bismarck vermöge der immer erneuten Versicherungen dieser seiner conservativen Anhänger im nationalliberalen Lager für einen liberalen Minister galt, konnte das Versteckensspielen in der sogenannten „maßgebenden" Partei ungestört fortgesetzt werden. Seitdem der leitende Staatsmann sich aber die liberale Maske nicht länger vorbinden lassen will, zeigt sich auch sofort die völlige innere Haltlosigkeit der Partei und es ist eitel Täuschung, wenn sie hofft, sich auf Grund ihres elastischen Programms auch in Zukunft erhalten zu können. Oder glauben die Erfurter Nationalliberalen etwa, Herr Dr. Lucius werde deswegen, weil er ihnen seine Wahl zu danken hat, nun auch nationalliberale und nicht vielmehr conseroative Ideen vertreten? Wenn es so weit kommt, daß Partei-An- gehörige grundsätzlich Männer wählen, die ihrer Partei nicht angehören, so ist damit die Ohnmacht dieser ihrer Partei unwiderruflich ausgesprochen. Die definitive Auflösung mag sich immerhin noch eine Weile hinziehen, aber sie ist unvermeidlich geworden. Vom liberalen Standpunkt aber kann man nicht wünschen, daß an Stelle der einstmaligen geschlossenen Partei lauter vereinzelte kleine Gruppen treten; es ist vielmehr dringend nothwendig, daß ein neues liberales Programm aufgestellt werde und hierzu werden alle Liberale ohne Unterschied sich einigen müssen. Das beste Programm aber ist die Verfassung, und Angesichts der angekündigten Neuerungen, die darin vorgenommen werden sollen, ist es um so nothwendiger, an Dem festzuhalten, was in der Verfassung geschrieben steht. Einer Partei, die darauf vor Allem ihr Augenmerk richtet, wird die Zukunft gehören, und darum glaüben wir, daß die liberale Verfassungs-Partei, die es anzustreben gilt, alle liberalen Elemente wieder einmüthig in sich aufnehmen wird.
Berlin, 5. August. Mit dem 1. October tritt das neue Relchsge- richt in Leipzig an Stelle des bisherigen Reichs-Oberhandelsgerichts mic einer ganz neuen Zuständigkeit. Es wird für ganz Deutschland die höchste Instanz bilden in Strafsachen, in den bisher vor das Retchs-Oberhandelsgericht gehörigen Angelegenheiten, in den durch Retchsgesetze normirten, für die keine abweichenden Bestimmungen gegeben sind, endlich mit Ausschluß Bayerns, das seinen obersten Gerichtshof beibehält, für die bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten. Die Entscheidungen dieses Reichsgerichts werden naturgemäß für die Praxis in ganz Deutschland, bezw. für dieselbe außerhalb Bayerns in Bälde maßgebend werden und von der Theorie stets berücksichtigt werden müssen. Wenn man bedenkt, daß bereits jetzt das Reichs-Oberhandelsgericht wiederholt eine andere Ansicht durch Urthetle aufgestellt hat, als das preußische Obertribunal, so ist außer Zweifel, daß sich in Zukunft eine vielfach andere Praxis bilden wird.
Berlin, 5. August. Nachdem die meisten deutschen Staaten dem Beispiele Preußens gefolgt sind, und die Einführung einer Amtstracht für die Mitglieder der auf Grund des G-.rtchtsverfassungsgesetzes etnzusetzenden Gerichte beschlossen haben — bekanntlich haben außer Preußen auch Bayern und Sachsen bie französische Richter-Robe, allerdings mit einigen Modificationen angenommen — ist in Frage gekommen, ob sich auch für die Mitglieder des Reichsgerichts die Einführung einer Amtstracht empfehle. Da aber eine gesetzliche Bestimmung in dieser Hinsicht nicht vorhanden ist, so hat man von einer officiellen Beantwortung dieser Frage Abstand genommen, mit dem Vorbehalt, nach der Constituirung des Reichsgerichts das Gutachten desselben etnzuholen.
— Der „Bresl. Ztg." wird geschrieben: Wenn sich jemals das Sprichwort bewährt hat, daß der Appetit beim Essen kommt, so ist das bet der Eisenbahnpolitik des gegenwärtigen Ministers für öffentliche Arbeiten der Fall gewesen. Als derselbe im Beginne dieses Jahres im Abgeordnetenhause seine große Etsenbahnrede hielt, fragte er: „Wenn es richtig ist, daß wir in Unterhandlungen stehen mit verschiedenen Prtvatbahnen (und das ist der Fall), deren Unternehmungen auf den Staat überzuführen, Unternehmungen, die vielleicht einen Umfang von 2000 Kilometern haben, was wird dadurch in der gegenwärtigen Lage unseres Eisenbahnwesens verändert? Wird der Zustand ein anderer, toetm zu den 6000 Kilometern Staatsbahnen noch 2000 Kllom. hinzutreten." Jetzt umfassen die Bahnen, mit denen der neue Minister in bereits ziemlich wett gediehenen Unterhandlungen steht, schon über 3000 Ktlom., und bewahrheitet es sich, daß auch der Ankauf der rheinischen Bahn beabsichtigt ist (was trotz aller officiellen Dementis thatsächltch der Fall zu sein scheint), so treten wettere 1000 hinzu, so daß die von Herrn Maybach angegebene Ziffer schon auf das Doppelte sich erhöht. Die Berlin-Potsdam-Magdeburger Bahn hat 260 Ktlom. in Betrieb, die Berlin-Stettiner mit ihren Zweigbahnen 583, die Hannover-Altenbekener 291, die Magdeburg-Halberstädter 995, die Köln-Mindener mit der Köln-Gießener und Venlo-Hamburger 1086. Da käme dann die Rheinische Eisenbahn incl. der Call-Trierer Strecke mit 1043 Kilom.
England.
London, 5. August. Der Steg bet Ulundi hat Frucht getragen, doch vielleicht nicht ganz in dem Maße, wie Str Garnet Wolseley erwartet haben möchte. Wiewohl viele Häuptlinge sich unterworfen haben, scheint Ceteweyo, der mit seinen früheren Friedensunterhandlungen die Engländer nur Hinhalten und irreführen wollte, auch jetzt noch nicht zur Nachgiebigkeit gestimmt. Er hat sich mit seinen Weibern und Hofstaat in den Jngomewald zurückgezogen, und Wolseley's Anordnungen beweisen, daß man noch auf Widerstand rechnet. Seit Anfang Juli, als Wolseley dem Zulukönig den letzten Frtedensantrag zustellte, hatte Cetewayo bis zum 15. jenes Monats kein Lebenszeichen von sich gegeben. Die Häuptlinge, welche sich den Engländern unterworfen haben, erklären zwar, daß sie von ihrem bisherigen König nichts m-hr wissen wollen: allein es ist noch durchaus nicht klar, ob diesen Betheuerungen allzuviel Bedeutung beizulegen ist, denn wie Wolseley in seiner Depesche an den Kriegsminister an einer Stelle erklärt, hat sich viel Gebiet, aber nur eine geringe Anzahl kampffähiger Männer unterworfen. Die Krieger haben sich vermuth- lich mit Cetewayo in den Wald zurückgezogen, wo ihnen nicht so leicht beizukommen ist. Bei alledem glaubt Wolseley den Krieg mit wesentlich verringertem Heere zu Ende führen zu können.
Rußland.
Moskau, 2. August. Nach Beendigung des letzten türkischen Krieges macht sich in der russischen Armee nicht nur unter Soldaten, sondern auch unter Officieren eine ganz eige, thümliche, wir möchten sagen, komische Erscheinung geltend. Die russischen Truppen, welche auf Tod und Leben mit den Türken gekämpft, kehren heute aus Bulgarien mit entschiedener Sympathie, wenn nicht Zärtlichkeit für diese Türken, zurück. Die Officiere namentlich sprechen offen aus, daß, wenn es unter der Bevölkerung der Balkanh.lbiusel etwas Gutes gibt, dieses nur unter den Türken zu suchen sei. Will man I
etwas kaufen oder hat sonst ein Geschäft, so wird vor dem Bulgaren als Betrüger gewarnt, der Türke als ehrlich empfohlen. Officiell geschieht dies nicht, im Privatverkebr aber wiegt das Wort eines Türken den Schwur des Bulgaren auf. Höchst bezeichnend ist dabei, daß nicht nur die Russen, sondern auch die in Rußland erzogenen Bulgaren eine solche geringschätzende Meinung von ihren Landsleuten hegen.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'« telegr. GOrrefpondeur'Bure««.
London, 6. August. Nach einem dem hiesigen Gesandten von Peru zugegangenen Telegramm aus Panama vom 4. d. wurde Jquique abermals von der chilenischen Flotte bombardirt, aber nur wenig beschädigt. Der „Huaskar" kaperte ein chilenisches Transportschiff mit einem Reiterregiment an Bord und drei mit Kohlen und Kupfer befrachtete chilenische Fahrzeuge
Breslau, 6. August. Meldung der „Bresl. Zeitung" aus Zabrze vom 5. d. Mts.: In Folge eindringenden Wassers kamen auf der Ludwtgs- glückgrube 2 Bergleute um's Leben, ein Bergmann wurde schwer verletzt und 11 sind noch verschüttet.
Berlin, 6. August. In einem „die Bekämpfung des reformirten I Tarifs" betitelten längeren Artikel weist die „Proo.-Corresp." auf den Eifer der Gegner, welche der Ausführung der neuen Tarifpolitik keine Ruhe und keine ungefälschte Erfahrung gönnten, ferner auf die Kampfmittel hin, deren sie sich bedienten, was Alles deutlich zeige, daß die Wirthschaftsreform die praktische Hauptfrage der nächsten Zukunft bleibe. Auch die zunächst zu erwartenden politischen Waylen könnten keinen anderen Gegenstand haben. Es gelte, das gesetzlich feststehende Werk trotz seines Abschlusses nicht gefährden und vereiteln zu lassen. Der Artikel schließt: Die Lösung der Wahlen kann keine andere sein als: nationale Arbeit, Selbständigkeit oder Abhängigkeit des Nationalwohlstandes von Handlangerdiensten für den Absatz fremder Erzeugs- länder, für Leistungen fremder Industrien, die es in der Hand haben, diese Dienste jeden Augenblick aufzukündigen und dadurch dem deutschen Volke zugleich mit der wirtschaftlichen die politische Existenz zu schmälern oder zu rauben.
— Die „Prov.-Corresp." schreibt: Die „Agence Havas" bringt folgende Notiz: „Rom, 3. August. Roncetti, der Botschafter beim deutschen Hofe, wird sich vor dem 20. August auf seinen Posten begeben und wird sich sofort mit dem Fürsten Bismarck in Verbindung setzen. Er ist Träger der Ernennungen der neuen Bischöfe, welche die mit Tode abgegangenen ersetzen sollen." — Die „Prov.-Corresp." bemerkt hierzu: Abgesehen von der vielleicht nur aus Unwissenheit des Correspondenten zurückzuführenden Verwechslung des Nuntius in München mit dem „Botschafter bet dem deutschen Hofe" haben wir zu bemerken, daß alle in neuester Zeit von Rom aus in Wiener und Pariser Blättern verbreiteten Nachrichten über das Verhältntß zwischen der preußischen Regierung und dem heiligen Stuhl sich mit der wirklichen Sachlage in einem Grade widersprechen, welcher die Vermuthung absichtlicher Mystification nahelegt.
Madrid, 6. August, Abends. Der König trifft mit der Leiche der Infantin Maria del Pilar morgen tat Eskurtal ein. — In L'eres wurden sieben Socialtsten verhaftet, welche verdächtig sind, Feldfrüchte in Brand ge- steckt und Heerden wegaetrteben zu haben._______________________________________
Lokales.
(Hießen, 7. August. (Schwurgerichtsverhandlungen vom 6. August.) In der Vormittags-Sitzung erhielt Heinrich Karl Schleuning von Feldkrücken, angeklagt der Körperverletzung seiner Ehefrau mit todtlichcm Erfolg, eine Gefängnißstrofe von 2 Jahren unter Anrechnung von 2 Monaten Untersuchungshaft. — In der Nachmittagssitzung erhielten Jo Hannes Nolte von Kaichen wegen Urkundenfälschung Gefängniß von 14 Tagen und Karl Hermann H u g von Hutzweil wegen Diebstahl 6 Monate Gefängniß.
— In dem gestern erwähnten Schuh-Dieb wurde bei seiner Entlassung auch derjenige Uebelthäter ermittelt, welcher vergangene Woche auf einer Bleiche einen Hrrren-Anzug mirgehen geheißen. Der Rock war bereits für 50 H versilbert, Hose und Weste aber hatte bet Dieb selbst angezogen. Aus dem (Aefängniß vorläufig entlasten, mußte der Ertappte nun wieder in dasselbe abgeführt werden.
— Am Freitag Nachmittag wurde an einem 7jährigen Mädchen von einem Soldaten ein schändliches Verbrechen verübt. Nach den sofort angestellten Recherchen wurde gestern Nachmittag ein der Unthat dringend Verdächtiger ermittelt und darauf alsbald in Untersuchungshaft verbracht.
Vermischtes.
Offenbach, 5. August. Der zweite Festtag des Mittelrheinischen Turnfestes dahier war vornehmlich dem Preisturnen gewidmet. Dasselbe begann um 8 Uhr Morgens, nachvem unmittelbar vorher das Preisgericht zusammengetretcn war und die Uebungen an den Geräthen (Reck, Barren, Schwingel oder Pferd), deren drei, meistens zusammengesetzte, an jedem Gcräthe obligatorisch waren, berathen hatte. In der Frühe harte sich auch ein kurzer Regen eingestellt, der die Temperatur etwas abkühlte und einige Stunden, sehr zum Vorrheile des Turnens, bedeckten Himmel brachte. Geturnt wurde in sechs Riegen ä 30—35 Mann. Den anderen Festgenosscn, welche sich nicht am Preisturnen betbciligten, wurde um 9 Uhr das Schauspiel einer sehr schön und exact durchgeführten Steigerübung der Offenbacher Freiwilligen Feuerwehr am Justizgebäude zu Theil Mittags 2 Uhr erfolgte wieverum die Aufstellung des Festzuges; dieses Mal am Mathildcnplatze und in umgekehrter Reihenfolge, als am ersten Tage. Derselbe nahm seinen Weg durch die Karlstraße, Obermainstraße, Großen und Kleinen Biergrund, Biederer Straße, Markt, Sandgaste, Schloßgrabenstraße, Schloß- und Waldstraße, aus allen Fenstern mit Sträußen und Kränzen beworfen und mit Tücherschwenken, Hurrah und „Gut Heil" begrüßt, nach dem Festplatze, wo das Preisturnen noch nicht beendet war. Ein zahlreiches Publikum hatte sich eingefunden, das dem Turnen mit großer Aufmerksamkeit folgte. Das Schauturnen fand heute, trotzdem die Temperatur wieder einen hohen Grad erreicht batte, mehr Thcilnchmer als am ersten Tage und halte sich überhaupt auf allen Seiten des großen Festplatzes bald ein reges und gemüthliches Treiben entwickelt, wobei auch die ambulanten Wirthsckaftcn, wie am gestrigen Tage, wieder die besten Geschäfte machten. Die Waßmann'sche Capelle war in ihrer Thätigkeit unermüdlich. Erst um 7 Uhr wurde der Rückmarsch in die Schloster'sche Liegenschaft angctreten. Mehrere Riegen hatten in Folge der abnormen Hitze das Preisturnen eben erst beendet, daher die Preisvertheilung erst gegen 11 Uhr Abends vorgcnommen werden konnte, bis zu welcher Zeit die Turner und Gäste bei den Klängen der Capelle es sich in dem schönen Garten, der sich aber für eine derartige Festlichkeit durchaus ungenügend und beschränkt erwies, gemüthlich sein ließen. Das Resultat des Turnens war ein günstigeres, als das vor vier Jahren in Darmstadt erzielte, wo ebenfalls die Hitze eine große war, und überhaupt das günstigste von allen bis jetzt gefeierten 10 mittelrhcinischen Turnfesten. Während des Preistürnens traten noch eine Anzahl Turner von der Concurrenz aus, so daß bis zum Schluß noch 182 Mann wettturnten. Den ersten Preis erhielt August Klein von Darmstadt mit 52V6 Punkten; den zweiten Preis Christian Riese von der Frankfurter Turngesellschaft; den dritten Preis Wilhelm Dapper von Gießen; den vierten August Funk vom Franffurter Turn- und Fecht-Club. Im Ganzen kamen, die Doppelpreise abgerechnet, 32 Preise, deren, letztere die Vunktzahl 34 erreichte, zur Vertheilung. Leider ging das Turnen nicht obne Unfälle ab. Zwei Turner stürzten bei Ausführung der Preisübungen vom Reck unv besckädigten sich, mehrere andere, welche ihre Kraft überschätzt und überangestrengt hatten, verloren beim Klettern am Seil den Halt und rutschten an demselben ab, sich Hände und Füße verletzend. Das ganze Fest nahm eiüen sehr schönen und würdigen Verlauf. Rach Beendigung der Preisvertheilung schloß der Obmann des Preisgerichts, Herr L. Stahl, das Fest mit einem dreimaligen „Gut Heil" auf das fernere Gedeihen der Turnsache und des Mittcbheinkreises.
— In Nünschweiler ist durch Unvorsichtigkeit eines Hausvaters ein schreckliches Unglück passirt. Derselbe hatte nämlich Sprengpulver im Küchenschrank aufbewahrt, ohne daß


