Str. 57. Samstag, den 8. März 1879.
Kichcmr Anzeiger
Aiijeigc- 816 Amtsblatt fit bei Kreis Gießen.
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Amtlicher HHeil.
m , Gießen, am 6. März 1879.
Betreffend: Gesetz vom 25. Juni 1868 über Quartierletstung für die bewaffnete Macht während des Frtedenszustandes; hier Rachweisung über die Belegungsfähtgkeit der einzelnen Ortschaften im Großherzogthum.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien -es Kreises.
Die baldige Erledigung unseres in dem Amtsblatt vom 29. Januar l. I. enthaltenen Ausschreibens in obigem Betreff bringen wir in Erinnerung. ___________________________________Dr, B o e k m a n n._____________________
Pfarr-Conferenz.
Mittwoch den 12. März: Psarr-Conserenz. Besprechung über einige Gegenstände, die bei der Synode
zur Verhandlung kommen.
Lang-Göns, den 6. März 1879. Strack, Dekan.
Zur allgemeinen politischen Lage.
Die Schwierigkeiten, auf welche die Ausführung der bisher noch nicht ins Leben getretenen Bestimmungen des Berliner Friedens stößt, mehren sich. Die Frage der griechischen Grenzberichtigung macht keinen Schritt weiter. Die Pforte hat zwar auf die dringenden Vorstellungen Frankreichs neue Vorschläge zu machen versprochen, die griechischen Commiffare warten indeß bisher vergeblich auf solche und lasten sich nur durch die Bitten der fremden Consuln bewegen, noch länger in Prevesa zu bleiben. Voraussichtlich werden auch die neuen Vorschläge der Pforte Griechenlands Ansprüche nicht befriedigen.
Noch bedenklicher gestaltet sich die Lage der Dinge in Ostrumelien. Zahllose Schaaren bulgarischer Flüchtlinge folgen den abziehenden russischen Truppen, aus Furcht, von den fanatischen Muhantt dauern mißhandelt zu werden. In Adrianopel hat nicht nur ein blutiger Conflict zwischen Bulgaren und Griechen, sondern auch ein Demonstrationsversuch bewaffneter Bulgaren vor dem englischen Consulat stattgefunden. Die Abgeordneten aus Thracien und Macedonten haben bet der in Tirnova tagenden bulgarischen Nationalversammlung mit ihren Forderungen wenigstens soviel Anklang gefunden, daß dieselbe eine besondere Commission zur Prüfung ihrer Wünsche eingesetzt und beschlosten hat, ein Memorandum darüber an die Mächte zu richten. Rechnet man dazu noch die Ausschreitungen, deren sich albanesische Banden jüngsthin auf serbischem Gebiet schuldig gemacht haben, so muß man gestehen, daß der Stand der Dinge südlich vom Balkan von Ruhe und Sicherheit noch weit entfernt ist.
Merkwürdiger Weise thut Rußland dem Anschein nach Alles, was in seinen Kräften steht, um Ruhe und Ordnung nach den Abmachungen des Berliner Vertrags herzustellen. Es hat die Ruhestörungen in Adrianopel mit Gewalt unterdrückt und Fürst Dondukoff-Korsakoff hat es den Abgeordneten aus Thracien und Macedonien nicht gestattet, sich mit denen aus Bulgarien zu vereinigen, sie vielmehr ausdrücklich auf die Nothwendigkeit, sich dem Berliner Frieden zu fügen, hingewtesen. Kaiser Alexander soll sogar den General Tschernajeff, der nach Macedonien gezogen war, um sich an die Spitze des Ausstande« zu stellen, zurückberufen haben.
Niemand glaubt indeß, daß Rußland darum seine bekannten Pläne in Bezug auf das Land südlich vom Balkan definitiv aufgegeben hätte. Allgemein ist vielmehr die Ansicht verbreitet, daß es sein Ziel fortan auf diplomatischem Wege zu erreichen suche und sich nur deshalb gegenwärtig möglichst friedfertig zeige, um die Mächte günstig für seine Wünsche zu stimmen, möchte es doch auch die wichtige Angelegenheit der Balkanpäffe, welche dem Berliner Frieden zufolge bekanntlich von den Türken besetzt werden sollen, anders geordnet wissen. In der That verlautet denn auch neuestens schon, der Gedanke, gewisse Puncte des Berliner Vertrages durch eine neue Conferenz von Vertretern der Mächte regeln zu lassen, habe an Aussichten gewonnen, England sich gar schon bereit erklärt, an einer solchen Conferenz Theil zu nehmen.
Zeit und Umstände sind für die Ausführung dieses Gedankens offenbar nicht ungünstig. Zwischen Rußland und England, den beiden Hauptgegnern, bereitet sich allem Anschein nach eine radikale Aenderung der bisher durch Mißtrauen und Feindseligkeit verbitterten Beziehungen vor, darauf deutet u. A. der Wechsel in der diplomatischen Vertretung Englands am russischen Hofe wie bei der Pforte hin. In einem Augenblick, wo die englische Regierung zu der Einsicht gelangt, daß Oesterreich auf der Balkanhalbinsel seine eigenen, von denen Englands verschiedenen Interessen verfolgt, wo sie zumal merkt, daß ste in Aegypten mit einem mächtigen Rivalen zu thun hat, der sich die Herrschaft über dos Mittelmeer unter keiner Bedingung noch mehr als bisher beschränken lassen will, hat sie wahrlich Grund genug, die Hand der Versöhnung, die ihr von russischer Seite geboten wird, zu ergreifen und die bisher umerledigten Fragen mit dem alten Gegner gemeinsam auf freundschaftlichem Wege zu lösen. Der Empfang Lord Duffertns auf seiner Reise nach Peters- bmrg seitens des Kaisers Wilhelm und des Fürsten Bismarck, sowie der Besuch, b«n der deutsche Kronprinz gerade jetzt in England abstattet, läßt ahnen, daß
gegenwärtig etwas Wichtiges hinter den Coultffen vorgeht. Hoffentlich erfolgt daraus der Beitritt Englands zu dem Dreikaiserverhältniß und damit eine dauernde Befestigung des Weltfriedens._______________________________________
Deutschland.
Darmstadt, 5. März. Unterm 22. v. Mts. ist seitens des Großherzoglichen Ministeriums der Justiz, mit Bezug auf die in Nr. 15 der „Darmstädter Zeitung" erstes Blatt, enthaltene, auch durch die amtlichen Organe der Großherzoglichen Kreis- ämter zur öffentlichen Kenntniß gelangte Publikation, eine Verfügung an die Großherzoglichen Stadt- und Landgerichte in den Provinzen Starkenburg und Oberheffen ergangen, worin die Anforderungen, welche an die Bewerber um die mit dem 1. Octo- ber l. I. zu besetzenden Gerichtsoollueherstellen aemacht werden, näher präcisirt sind. , . D'p Großh. Stabs- und Landgerichte sind angewiesen worden, den Personen, welche von ihnen Auskunft über jene Anforderungen uno besonders über den Umfang der zu bestehenden Prüfung wünschen, nach Maßgabe der ergangenen Verfügung Rath und Belehrung zu Theil werden zu lassen.
Darmstadt, 6. März. Seine Großherzogliche Hoheit der Prinz Heinrich, Generalmajor und Commandeur der 16. Kavallerie-Brigade, ist mit der Führung der Großherzoglichen (25.) Division beauftragt, Generallieutenant v. Wichmann, seither Commandeur der Großherzoglichen Division, in gleicher Eigenschaft zur 16. Division nach Trier versetzt worden.
— Der Finanzausschuß der zweiten Kammer beantragt, nach einem von dem Abgeordneten Schröder desfalls erstatteten Bericht, die Kammer wolle ihre Zustimmung ertheilen, daß den.Großh. B eam ten und Bediensteten der Main-Neckar- Ei seb ahn die denselben schon länaer gewährte Gehaltszulage von einem Sechstheil nunmehr dekretmäßig verliehen werde. — In einem von dem Abgeordneten Kugler erstatteten Nachttaasbericht über den Hauptvoranschlag der Staatsausgaben für die Finanzperiode 1879—82 beantragt der Finanzausschuß, 1) von den unter der Rubrik „Kulturtechniker" eingestellten 14,000 M. a. für Gehalt eines provisorisch anzustellenden Kuliuringenieurs mit 2600 M., b. für Burcaubedürfnisse, Reisekosten und Vermesfungsarbeiten 3000 M. definitiv zu verwilligen; 2) Großh. Regierung zu ersuchen, diesen Ingenieur zu beauftragen, sofort eine summarische Aufnahme über die kultur- bedürftigen Flächen und Zusammenstellung der etwa sofort zu lösenden Aufgaben anzufertigen und den Ständen von dem Resultat der Aufnahme demnächst Kenntniß zukommen zu lassen; 3) die Entschließung bezüglich der unter Beschränkung weiter eingestellten 8200 M. bis zur Beschlußfassung über die Gesetzvorlage in Betteff der Landeskulturrentenkasse vorzubehalten. (D. Ztg.)
Berlin, 5. März. Der Congreß der Tabaks-Interessenten Deutschlands setzte gestern seine Beralhunqen über die Tabakssteuer fort und berührte in langen ermüdenden Debatten alle Gesichtspunkte, die bei dieser schwierigen Frage vom Standpunkte der Tabaks-Producenten, Fabrikanten und Händler in Betracht kommen. Natürlich ergab sich ein ziemliches Durcheinander von Anschauungen und Gedanken über das, was der so weit ausgedehnten Tabaks- Industrie frommt und welche Gefahren aus der projecttrten Tabakssteuer für die gesammte Industrie erwachsen werden. Am kräftigsten klangen die Klagen derjenigen Redner hindurch, welche sich auf den Standpunkt der absoluten Negation auch jetzt noch stellen, d. h. sich gegen jede Tabakssteuer, gegen jede Nachverfteuerung und gegen jede Lizenzgebühr aussprachen. Minder radicale Redner konnten sich dagegen der Ansicht nicht verschließen, daß das Reich Geld gebrauche,. und daß zur Aufbringung desselben auch die Tabakstndustrte beisteuern müsse, daß aber eine mäßige Tabakssteuer nur im Rahmen einer allgemeinen Steuerreform zugestanden werden könne. Wieder andere Redner wendeten sich mit Entschiedenheit gegen das Tabaksmonopol und noch energischer gegen hohe Gewichtssteuer, die schlimmer sei, als das Monopol selber, während ihnen gegenüber die Ansicht stand, daß, falls überhaupt eine Steuer beschlossen werden sollte, das Monopol mit angemeffener Entschädigung schließlich noch das Bessere wäre. — Vier verschiedene Resulutionen gaben diesen verschiedenen Anschauungen Ausdruck, die Versammlung gab jedoch schließlich ihr Votum in folgender Form ab: „Die Versammlung protesttrt prinzipiell gegen jede Erhöhung der Tabaksteuer, sowie gegen jede Nachversteuerung und würde einer mäßigen Erhöhung nur im Rahmen einer allgemeinen Steuerreform zustimmen. — Die projecttrte hohe Steuer würde ein Monopol für wenige Großindustrielle schaffen und ebenso verwerflich sein, als das Monopol selbst." Die Versammlung setzte sodann zur Geltendmachung dieser Beschlüsse ein auS den Herren Kohlweck, Ketlpflug, Ury, David Cohn und Reißner bestehendes Comit6


