eines Zoll- und Handelsvertrags mit Deutschland nur dann für räthlich erklären soll, wenn dadurch eine unseren commerciellen, industriellen und landwirth- schädlichen Interessen entsprechende Modtficatton des deutschen Zolltarifs erreichbar ist. Zur Vorbereitung der Grundlagen für einen bez. Antrag und zur Revision des Zolltarifs, der Angesichts Der deutschen Tariferhöhungen im Allgemeinen als Mtnimaltarif gelten solle, sei eine Conferenz von Fachmännern auS Oesterreich und Ungarn einzuberufen. Das Appreturverfahren wird, soweit es über das örtliche Bedülfntß der Grenzbewohner hinausgeht, für schädlich erklärt und sei dessen Aufhebung durchzuführen.
— Die Handelskammer nahm die gemeldete Compromiß-Resolution einstimmig an. Der Antrag in Betreff der Verstaatlichung der Eisenbahnen wurde wegen der Kürze der Zett auf die Tagesordnung des nächsten Kammer- tages übertragen und als dessen Vorort Brünn gewählt.
England.
London, 4. Octbr. Aus Stmla vom 3. d. wird gemeldet, die Verbindung mit Shuturgardan sei auf beiden Setten durch dte am 2. October zurückgeschlagenen Stämme abgeschnitten. — Von Capstadt vom 15. Septbr. wird gemeldet: König Cetewayo ist am 15. Septbr. hier etngetroffen und unter Escorte in das Schloß gebracht worden.
Spanien.
Madrid, 3. Octbr. Die Zustände in Spanien werden wieder — spanisch. Laut einer amtlichen Depesche aus Madrid sind in Folge der bereits gemeldeten Beschlagnahme von compromittirenden Schriftstücken bei Officieren der spanischen Armee auch in Saragossa mehrere Verhaftungen vorgenommen worden. Auch in französischen und belgischen Blättern finden sich Telegramme spanischen Ursprungs, welche von der politischen Situation jenseits der Pyre- näen ein nichts weniger denn erfreuliches Bild entwerfen. Als Quelle der „Madrider Correspondencta", welche zu wissen glaubt, das Cabtnet Martinez Campos stehe auf recht schwachen Füßen und würde noch vor dem Wiederbeginn der Cortes-Sitzungen seine Demission geben, um wiederum einem Ministerium Canovas del Kasttllo Platz zu machen. Der Bevölkerung habe sich in Folge dessen eine hochgradige Aufregung bemächtigt. Ein etwaiger Rücktritt des Generals Martinez Campos dürfte in Cuba mit noch weniger Gleichgültigkeit als im Mutterlande betrachtet werden; bekanntlich galt das Ministerium Martinez Campos vor allen Dingen auch als der Träger und Befürworter des cubanischen Ausgleichs.
Rumänien.
Bukarest, 4. Octbr. Ein dem Kammerprästdium unterbreiteter Bericht des von den Sectionen entsendeten Delegtrten-Comttss schlägt nur unbedeutende das Wesen des Regierungs-Entwurfs über dte Verfassungs-Revision nicht alterirende Abänderungen vor.
Serbien.
Belgrad, 4. October. Der Fürst und dte Fürstin sind mit dem Kronprinzen heute hier etngetroffen und wurden von der Bevölkerung enthusiastisch empfangen.
Telegraphische Depeschen.
Wagner'S telegr. Correfpondenz ■ Bureau.
München, 5. Octbr. Der deutsche Kronprinz ist heute früh 8 Uhr 45 Min. in Begleitung seines Adjutanten des Rittmeisters v. Nyvenhetm hier eingetroffen und vom Polizeipräsidenten v. Feilitzsch am Bahnhofe empfangen worden. Der Kronprinz ist im Hotel „Zu den vier Jahreszeiten" abgestiegen. Dte Weiterreise nach Italien erfolgt morgen.
Dresden, 5. Octbr. Der allgemeine deutsche Schrtftsteller-Verbands- tag, der hier unter geringer Betbetligung (ca. 50 Verbandsmitglieder) stattsand , hat seine Sitzungen geschloffen. Seine Hauptbeschlüsse sind folgende: Constituirung eines Schiedsgerichts für Schriftsteller mit dem Sitz in Leipzig. Wahl einer Finanzeommtssion und Annahme des Antrages, daß durch den Schriftstellerverband durch eine nationale Sammlung zur Errichtung eines Denkmals für Karl Gutzkow anzuregen sei. — Heute Nachmittag 3 Uhr ist Festmahl auf der Brühl'schen Terrasse, Abends Gratisbesuch des Hoftheaters, morgen Ausflug nach Meißen, arrangtrt durch den Dresdener literarischen Verein.
Ein Drama aus dem Leben.
Brest au, 26. Septbr.
Em erschütterndes Familiendrama, welches seiner Zeit unsere Stadt auf das Tiefste bewegte, erlebte heute vor dem Schwurgericht ein ergreifendes Nachspiel. In der Nacht vom 28. zum 29. März l. I. fand man den Tischlergesellen Ernst Joseph Seidel mit seinen 3 Kindern (einem acht-, neun- und dreizehnjährigen Sohne) in seiner Dachstube vergiftet durch Kohlenoxydgas vor. Die angestellten Wiederbelebungsversuche führten nur den Vater, sowie den dreizehnjährigen Sohn in das Leben zurück. Der Thatbestand der nun gegen den Ersteren erhobenen und heute verhandelten Anklage wegen Mordes ergibt sich aus dem Geständnisse des Angeklagten. Derselbe von Krankheit gebrochen und ein Bild des Elends, deponirt mit thränenunterdrückter Stimme Folgendes:
„Als ich im Jahre 1866 aus dem Feldzuge zurückkehrte, begann sich bei mir e,u Rückenmarksleiden einzustellen. Meine Frau wurde ebenfalls krank und blieb fünf Jahre lang leidend. Als meine Frau im August 1878 gestorben war, mußte ich vollends zusetzen, was mir noch übrig geblieben war. Ich konnte fast gar nichts mehr verdienen und im Winter hatte ich sogar schon mein Handwerkszeug versetzen müssen Jetzt strengte noch der Hauswirth eine Exmissionsklage gegen mich an. Am 27 März sollte ich mit meinen drei Kindern auf die Straße gesetzt werden. Auf meine Bitte gestattete man mir, noch eine Nacht in meiner Bodenkammer zu scklafen. Ich nahm das letzte Geld und kaufte davon den Kindern etwas zu essen, ich selbst aß nichts. Als es Abend wurde, sagte ich den Kindern, daß ich es nicht mehr länger aushalten rönne, ich würde mir das Leben nehmen. Die Kinder baten, ich möchte sie doch nicht allem lassen, sondern sie mitnehmen, sie würden gern sterben. Ich setzte den Kindern auseinander, daß ich sie mit Kohlendampf tobten würde, weil dies keine Schmerzen verursacht- Sie waren alle drei berett, trotzdem ich ihnen die Art und Dauer des Todeskampses erzählte. Ich machte nunmehr Feuer im Ofen, nahm die Kohlen, als sie angebrannt waren, heraus, legte sie auf die Platte und schüttete frische Kohlen daraus. Darauf legte ich mich auf den Sttohsack zu den Kindern und schlief ein. Was weiter geschah, weiß ich nicht. Ich kam erst im Spital zu mir und hier erfuhr ich auch erst, daß die beiden jüngsten Kinder tobt feien."
Der Staatsanwalt beantragt Beweisaufnahme, da der Angeklagte selbst nicht Enttchewen könne, ob er mit Ueberzeugung gehandelt habe und ob der Tod that- sachlich in Folge dieser Handlungsweise eingetreten sei. Zeuge Stiller bekundet, daß, als er am 29. früh mit der Axt die Thür sprengte, noch glühende Kohlen auf der
Lokales.
Gießen, 6. October. Das gestern Abend in Wenzel s Garten abgebrannte Feuerwett von Frl. Rennebarth fand den ungelheiltesten Beifall der Zuschauer. Gern kann man bestätigen, daß hierorts ein so großartiges Schauspiel dem Publikum noch nicht geboten war Zu bedauern war nur, daß die Temperatur am Abend eine zu kühle war, um sich ganz dem Genüsse des Concerts und Feuerwerks hinzugeben.
Eingesandt.
Heute Morgen gegen 12 Uhr wurden die Bewohner des Canzleibergs durch einen Un glücksfall in großen Schrecken versetzt.
Ein 4jähriger Knabe einer am Wallthor wohnenden Wittwe fiel von der Treppe des unter dem Canzleiberg herfließenden Stadtbachs in das Wasser, und nur dem Umstande daß Herr Glaser Schmidt es sofort bemerkte und dem Kinde nachsprang, ist es zu danken' daß es nicht ertrank. Das Kind war schon ca. 60 Fuß unter dem Bachgewölbe fortgetrieben' als es Herr Schmidt erfaßte; nur noch wenige Augenblicke und es war verloren.
Bei dieser Gelegenheit erinnern wir uns eines Petitums, das im Laufe dieses Winters von mehreren Bewohnern des Canzleibergsbergs an verehrlichen Stadtvorstand wegen Abschlusses des Bachzugangs durch eine Thür eingereicht, aber der Consequenz halber abfchläglich bcschiedcn wurde. Hoffen wir, daß dieser Fall der Behörde Veranlaffung gitbt, das Versäumte bald nachzuholen und wenn eine Thür anzubringen nicht thunllch erscheinen sollte, dann mindesten« einen Stechen anbringen zu lassen.
Gießen. 4. October 1879. . .
Handel und Verkehr.
Lauterbach, Oberhessen, 29. Sept. Der heutige Markt war mit 742 Stück bestellt und vollzogen sich die Umsätze ungefähr z» letzteren Marktpreisen: Bezahlt wurden für Ochsen 36—43 Carolin das Paar, Kühe 10—13 Carolin pro Stück. Schweine hielten, trotzdem dte Nachfrage der Zufuhr von 495 Stück nicht entsprach, ebenfalls die letzten Preise. Nächster Markt 3. November.
Frankfurt, 4. Oktober. (Marktbericht.) Der heutige Heu- und Strohmarkt war gut befahren. Heu kostete je nach Qualität der Centner JL 1.50—3, altes Heu JL— Stroh JL 2 — 2.50. Butter das Pfund im Großen 1. Qual, 1.— 2. Qual JL 0 90 im Detail 1. Qual. Jt > 20, 2. Qual. JL 1.10. Eier das Hundert deutsche jL 5.50. italienische JL 6 80. Ganze Erbsen 100 Kilo 20—26, geschälte Erbsen 27-33 Bohnen 20 2/ H, Linsen 32—46 H Weißkraut 100 Stück 8—10 JL Notbkraut I St. 10-20H, ?°^kraut 10 12 H, Gurken 100 Stück JL Blumenkohl 1 Stück 20-60H, Wirsing 8-12 H, Kartoffeln 100 Kilo JL 5-6, Bohnen der Centner 15 — 16 Zwiebeln 25 Bund 1 JL. Merrettige 25 Stück 3—4 jl, 1 Stück 15—20 H, Rettiqe 25 Stück JL 1.50, 1 Stück 5—6 H. Ochsenst«,w per Pfund 65 — 70 Rindfleisch 50 A,
—55 A Stier- und Farrenfleisch — Hammelfleisch 48—65 Schweinefleisch 60-/0 ein Hahn, lebend, JL 0.60-1, geschlachtet ^''—' 50, ein Huhn, lebend, JL 1 -120, geschlachtet JL 1-1.50, Ente, lebend, JL. 1.30 1.50, geschlachtet JL 1.70—2.—, Gans, lebend, JL 4—6, geschlachtet JL 4.50—7, Taube, 30—40 H, Feldhühner 1 Stück 1 — 1.70, ein Hase JL 4—4.50. Wurstpreise unver- änbett. Holz, prima Buchcn-Scheitholz in ganzen Fuhren je nachdem geschnitten JL 1.25—60 der Ctr, Steinkohlen der Centner 85 Prima Steinkohlen der Centner JL 1.60, Tannäpfel per Hect. 80—85 H, Lohkuchen per 1000 Stück 10
Schiflfaberleht. Mitgetheilt von dem Agenten des Norddeutschen Llovt <K. W. Dietz in Gießen.
Newyork, 3. Oktober. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Main Capt. I. Barre, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 21. d. M. von Bremen und am 23. d. Mts. von Southampton abgegangen war, ist heute 5 Uhr Morgens wohlbehalien hier angekommen.
Newyork, 2. Oktober. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer General Werder, Capt H. Christoffers, vom Norddeutschen Llovd in Bremen, welcher am 18. v. Mts. von Bremen und am 20. v. Mts. von Southampton abgegangen war, ist heute 3 Uhr Nachmittags wohlbehalten hier angekommen
Platte waren. Im Zimmer habe sich nur ein Strohsack, sowie ein bereits gepfändeter Tisch befunben. ° T 7
Der allein gerett-te 13jährige Knabe Franz Seibel, ein bleiches, von Noth und Entbehrung zeugendes Kind, erzählt zogernb unb stockend ben Sachverhalt, entsprechend ben Angaben seines Vaters. Seine Schilderung, sowie sein ganzes Auftreten macken einen rührenden Eindruck. „Der Vater fragte uns alle Drei, ob wir mit ihm wollten zur Mutter gehen. Wir sagten Ja. Darauf ging er zu einer Nachbarin, etwas Kohlen zu holen, wir legten uns nieder und schliefen ein. In der Nackt sind wir aufaewackt die ganze Stube war voll Dampf ich schlief wieder ein und wachte erst im Hospital aus. — Vors. Was dachtet Ihr denn bei dem „zur Mutter gehend" — unnhc Qtorfenbunb schluchzend): Daß w'r sterben müßten. - Vorst. Und waren auch Deine Bruder einverstanden? — Knabe: Wir wollten Alle gern sterben. - Nori - Warum wolltet Ihr denn sterben? — Knabe: Arbeit hatte der Vater nicht zu essen bekamen wir wenig unb mußten hungern. Die alte Wohnung sollten wir verlas en eine neue hatten wir nicht- Der Vater hatte noch am Abenb von ber Frau bie uns oft unterstützte, etwas Brod gekauft, das er uns gab. Als wir in Der Nacht aüfwachten fragte uns der Vater noch einmal, ob wir sterben wollten. Wir sagten Ja" Die ärztlichen Sachverständigen conftatiren, daß der Tod ber beiden Kinder durch bie oanblungsweise des Angeklagten eingetreten ist, sowie daß dieser selbst im höchsten Grade neroenleibenb ist. Der Staatsanwalt hält bie Anklage wegen Morbes ansreckt
, Der Vertheibiger, Rechtsanwalt Vater, stellt bie Unterfrage, bett bie Jurecknunatz- faWt aus § 51 St.-G-B., beantragt aber schon bie Hauptfrage zu verneinen well bas Requisit ber Ueberlegung fehle. Redner schildert in warmen Worten bie entsetzliche Sage des Angeklagten. Nichts sei ihm übrig geblieben, als die hungernden frierenden Kinder. Dieser Gipfel des Elends habe seine Verstandeskräfte verwirrt. 'In solcher Lage müsse selbst ein gesunder Mensch um den Verstand kommen, geschweige ein Mann ber seit Jahren schwer nervenkrank ist. Nichts war mehr sein. Vor seinen Augen
<ur(^^öJ$Ienb. be§ kommenden Tages, an dem er kraft Gesetzes das letzte schützende Obdach verlieren sollte. Unb nun soll der Mann für das, was er im lieber- waß bes Jammers gethan ober besser gebulbet hat, bestraft werben? Haben wir Sühne von ihm zu verlangen, unb nicht vielmehr er von uns für bas Unrecht das ihm zugefugt worben ist? Hier hat der Strafrichter nichts zu thun, offnen Sie die Pforten des Getaiignlstes und geben Sie ben Angeklagten seinem Kinbe roieber, bas wirb für bas Wohl des letzten Sprossen besser sein, als wenn der Vater das Schaffot besteigen muß Durchdringen Sie sich von der Ueberzeugung, daß nicht ein Mörder lonoern ein Unglücklicher vor Ihnen steht und daß schwerer als Ihr Richterspruch die Stimme seines eigenen Gewissens ihn bestraft.
Nach halbstündiger Berathung bejahen die Geschworenen die Hauptftage, verneinen °ber bie tfrage nach der Zurechnungsfähigkeit, worauf der Vorsitzende Freisprechung des Angeklagten verkündete. u b
Vermischtes.
Darmstadt, 30. Septbr. (Postpersonalnachrichten.) 1. Uebertraaen ist zunächst probeweise: Dem Posttnspector Weberstedt von Braunschweig die Vorsteherstelle bei dem Postamte I Darmstavt, dem Postsekretär Umbreit von Stendal eine Büreaustelle 1. Cl. bei der Ober- Postdirection und dem Postsekretär Käfcrstein von Bremen eine Ober-Postsekretärstelle bet dem Postamts I in Darmstadt. 2. Versetzt sind: Der Ober-Telegraphenafsistent Voßler von Bingen nach Cöln und der Telegraphenassistent Keydel von Cöln nach Bingen. 3. In Ruhestand ac- treten ist: Der Postdirektor, Ober-Postmeister Pfaltz in Darmstadt.
r» 7 Verwechselung.) „Ein Taubstummer bittet um eine
Gabe! stand in großen Lettern auf einem Placat, das ein Bettler durch die Straßen von New - York vor sich hertrug. Eine alte Dame blieb stehen und zog dte Vörie als der Schildträger plötzlich mit kräftiger Stimme rief: „Habt Mitleid mit einem armen' blinden Manne!" — „Ich denke, Sie sind taubstumm" sagte die Dame, ihr Geld wieder einsteckend. — „Donnerwetter! Da hab'ich da« unrechte Schild gegriffen!" rief der zerstreute Geschäftsmann.
Amüsement. Unter Bezugnahme auf dte feierlichen Leichenbegängnisse, welche sich in den letzten Tagen in Paris drängten, schreibt eine junge Dame an ihre Mutter- Alle Tage finden prächtige Leichenbegängnisse statt, ich amüstre mich göttlich."
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