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Nr. 207. Samstag den 6. September 1870.

Kichener ^Anzeiger

Ailjkizk- uni AmtsblM für htn Kreis Kießeii.

Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohru

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pj»

Amtlicher Tsteil.

Gießen, am 3. September 1879.

Betreffend: Statistische Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Erndte-Ertags im Deutschen Reich im Jahr 1879.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzogliche« Bürgermeistereien.

Diejenigen von Ihnen, weiche dem Schlußsatz- unserer Verfügung vom 12. Juli l. I. Anzeiger Nr. 162 - noch nicht nachgekommen sind, werden hieran mit Frist von 8 Tagen erinnert. ö ' '

__________________________________________ Dr. B o e k m a n n.

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Bekanntmachung.

Betreffend: Antrag auf Zusammenlegung der Grundstücke in der Gemarkung Gießen.

Bei der am 21., 22. und 23. Juli I. I. vorgenommenen Abstimmung über den Antrag auf Zusammenlegung der Grundstücke eines Theils der Gemarkung Gießen haben von 1628 Stimmberechtigten 898 gegen eine Zusammenlegung gestimmt.

Demgemäß ist der Antrag abgelehnt Worden, da nach Art. 1 des Gesetzes vom 18. August 1871 eine Zusammenlegung der Grundstücke nur alsdann ausgeführt werden darf, wenn mehr als die Hälfte der Eigenthümer der zusammenzulegenden Grundstücke sich dafür erklärt.

Es wird dies mit dem Anfügen bekannt gemacht, daß das Abstimmungsprotocoll mit Anlagen 14 Tage lang bet der unterzeichneten Behörde zur Einsicht offen liegt und daß eine Anfechtung der Zulässigkeit oder Rechtsbeständigkeit der Abstimmung, oder des vorstehend angegebenen Resultates der Ab­stimmung nur binnen der gleichen Frist von 14 Tagen von der Veröffentlichung dieser Bekanntmachung an gerechnet bei Metdung des Ausschlusses mittelst Rekurses an den Kretsausfchuß des Kreises Gießen zulässig ist.

Gießen, am 3. September 1879. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. B o e k m a n n.

Iskitisch

Zur allgemeinen politischen Lage.

Die Welt ist einige Wochen hindurch in Angst und Sorge gewesen, weil sie eine Umbildung der bisherigen Bündntßgruppen und im Zusammenhang damit eine Störung des Weltfriedens fürchtete. Die Feinde Deutschlands, in erster Linie die Organe der ultramontanen Partei in allen Ländern Europas, machten ein förmliches Geschäft daraus, den Fürsten Bismarck als den gefähr- ltchsten Störenfried hinzustellen und ihm die Schuld für den angeblich sicher bevorstehenden Krieg deS mit Frankreich verbündeten Rußland gegen Deutsch­land und Oesterreich in die Schuhe zu schieben. Wer freilich wußte, daß die Bemühungen des deutschen Reichskanzlers vor Allem auf die Erhaltung des Weltfriedens gerichtet find, wer andererseits die unermüdlichen Agitationen seiner Feinde gegen die bestehende Ordnung der Dinge kannte, der konnte vor­aussehen, was gegenwärtig glücklicher Weise schon deutlich zu Tage getreten ist, daß die Welt es lediglich dem Fürsten Bismarck zu danken hat, wenn fie den Frieden wieder als gesichert betrachten kann.

Im Orient ist die griech. Frage seit Kurzem wieder Gegenstand von Verhandlungen zwischen den beiden unmittelbar betheiligten Mächten. Die tür­kischen Commiffare gaben in der am 31. August abgehaltenen Eonferenz die Erklärung ab, daß sie das bekannte Protokoll des Berliner Congreffes über die Grenzbertchttgung als Grundlage der Verhandlungen annähmen, sich aber wettere Erörterungen, event. auch Abänderungen desselben Vorbehalten müßten. Die griechischen Commiffare erhoben gegen diese Erklärung freilich Etnwendun- gen. Es läßt sich indeß nicht leugnen, daß mit Gewinnung jener Grundlage etwas Wesentliches erreicht ist. Die Pforte hat sich nachgerade wirklich darein gesunden, daß sie Griechenland einen Grenzstrtch abtreten soll: es ergibt sich auch aus der Thatsache, daß fie den Scheck el Islam zu einer Kundgebung veranlaßt hat, worin derselbeMtldthättgkeit" gegen den griechischen Nachbar empfiehlt, sowie daß sie den Albanesen in Epirus und Thessalien schon für den Fall, daß die Verhältnisse sie zur Auswanderung zwingen sollten, Grund und Boden in den Nachbarprovtnzen hat anbieten lassen. Eine schließliche Verständigung über die neue Grenze ist und bleibt daher, wenn Griechenland auch auf Janina verzichten muß, unter dem gemeinsamen Druck der Großmächte wahrscheinlich.

Mit weit größerer Spannung als auf die griechisch-türkischen Verhand­lungen blickt die Welt indeß auf das, was Oesterreich zu thun im Begriffe steht. Ohne Frage hängt die dortigeKanzlerkrtsis" mit den Schritten zu­sammen, welche in den entscheidenden Kreisen zur Besetzung des Bezirks von Novtbazar beschlossen find. Da Niemand die Folgen des ersten Schrittes in dieser Richtung vorherzusagen vermag, Manches vielmehr darauf htndeutet, daß ein Vordringen der österreich. Armee nach Süden, der Convention mit der Pforte ungeachtet, das Vorspiel zu ernsten Vorgängen sein wird, so ist es ebenso begreiflich, daß Graf Andrassy die Verantwortlichkeit dafür nicht auf sich nehmen, wie daß die Hofpartet die Zwischenzeit benutzen will, um eine vollendete Thalsache zu schaffen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Der Besuch des Grafen Andrassy in Gastein beweist, daß er es für nothwendtg gehalten hat, dem Letter der deutschen Politik beruhigende Ver« stcherungen über die fernere deutschfreundliche Haltung seines Nachfolgers zu geben und zugleich der österreichische« Armee für alle Fälle den Rücken zu decken. Auch ohne die Nachricht, daß Fürst Bismarck den Besuch des Grafen

er Hheit.

demnächst in Wien erwidern werde, kann man als sicher annehmen, daß An­drassy seinen Zweck vollständig erreicht hat: bildet doch die Ausdehnung der Machtsphäre Oesterreichs nach Südosten einen Liebltngsgedanken des deutschen Reichskanzlers.

Gab aber die enge Freundschaft zwischen Oesterreich und Deutschland eine neue Bürgschaft für die Sicherung des Weltfriedens, so mußten die Feinde dieses Friedens, nachdem sie bisher vergeblich auf die Trennung jener beiden Mächte speculirt, nunmehr um so eifriger aus die Sprengung des Freund- schaftsverhältnisses zwischen Deutschland und Rußland htnarbeiten. Die leidenschaftlichen Angriffe der russischen Presse auf das Deutsche Reich und den Fürsten Bismarck insbesondere, in Verbindung mit der Antipathie, welche die Kanzler der beiden nordischen Reiche gegen einander hegen, ließen es in der That eine Zeit lang möglich erscheinen, daß die Feinde Deutschlands ihr Ziel erreichen würden. In dem Augenblick indeß, wo die Gefahr eines Bruches wirklich drohend geworden war, griff Fürst Bismarck mit gewohnter Energie ein, um das frühere Verhältntß wieder herzustellen. Auf die ernsten Warnungen der offictösen Berliner Blätter folgte bie Sendung des General- Feldmarschalls v. Manteuffel nach Warschau, und daß sie von einem günstigen Erfolg begleitet worden, ergibt sich auch für den mißtrauischsten Beobachter aus dem Umstande, daß Kaiser Wilhelm in diesen Tagen eine persönliche Zu­sammenkunft mit Kaiser Alexander hatte.

Mit der Wiederherstellung der intimen Beziehungen zwischen den nordi­schen Kaiserreichen ist natürlich auch Sicherheit dafür gegeben, daß die russische Regierung der wichtigen Action, welche Oesterreich zu unternehmen im Begriffe steht, mag ihr dieselbe auch nicht gerade sehr erwünscht sein, doch kein Hin- derntß in den Weg legen, das bisherige Dreikaiser-Verhältntß also ungestört bleiben wird. Wer unter diesen Umständen noch ernstlich an der Erhaltung des Weltfriedens zweifelt, muß wirklich mit Blindheit geschlagen sein. Uebri- gens liegen noch wettere Beweise für die Wahrscheinlichkeit einer friedlichen Entwickelung der Dinge in dem Umstande, daß man von Petersburg aus gegenwärtig selbst England durch entgegenkommende Erklärungen in Bezug auf Central-Asien die Hand zum Frieden bietet, sowie in den Verhältnissen Egyptens, wo die Westmächte sich noch immerfort mit den Augen neidischer Nebenbuhler beobachten und damit die Eventualität einer gegen andere Mächte gerichteten engeren Verbindung unter einander in weite Ferne rücken. Die große Heerschau endlich, welche Kaiser Wilhelm am Sedantage gehalten, wird wohl auch jenseits der Vogesen als ein Wink verstanden werden, daß man sich auf deutscher Sette für alle Fälle bereit hält. __

Deutschland.

Berlin, 3. September. Bezüglich der Sisttrung der Silberverkäufe und einer umfangreicheren Circulatton des Silbers wird jetzt bekannt, daß, abgesehen von den zur Einziehung bestimmten älteren Jahrgängen der Silber­münzen, ziemlich alles bis dahin zurückgchaltene Silber wieder in Umlauf ge­setzt ist. Hierbei soll es aber sein Bewenden haben. Die Reichsregierung hebt ausdrücklich hervor, daß sie dieses Verfahren bet Berathung des Münz- gefetzes bereits sich vorbehalten habe, daß tm Uebrigen aber eine Aenderung der Münzgefetzgebung auch jetzt durchaus nicht beabsichtigt sei.

Metz, 3. Septbr. Heute find die letzten Regimenter der htefigen stän-