Nr. 151. Zweites Blatt. Sonntag den 6. Juli 1879.
Gießener Htnzeiger
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Bekannkm a ch u n g.
Betreffend: ®tc^9ta4)fMdt>«ng der Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst auf Grund von Schul-
Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung znm einjährig freiwillig.« Dienst «achsuch.n «ollen, werden hierdura) auf d-e nachfolgenden, Bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden, Vorschriften nut bim Ansügen aufmerksam gemacht, daß hiernach uuooll- ständige Gesuche ohne Weiteres zuruckgegeben werden. p w
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs-Commission nur dann auzubringen, wenn der sich Meldende im Groüberroa- thum Hessen gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat. P ’ 9
2. Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahre und miß spätestens bis ,um
1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet. Ter Nachweis der Berech-
erbring n iUm einjährigen Dienst ist Bei Verlust des Anrechts spätestens Bis zum 1. April desselBen Jahres zu
3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selBst geschrieBen fein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier-, au verwenden. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird. 4
4. Dem Gesuche find folgende Papiere Beizufügen:
a. GeBuitszeugniß;
b. «in Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung ÜBer Bereitwilligkeit und Fähigkeit den Kreiwilliaen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten und zu verpflegen; $ 9
C1 u n B e scholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realschulen, Progymnasien und höheren
Behörde?nszustellen^ist^ beI Lehranstalt,, für alle üBrigen jungen Leute durch die Polizei-OBrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienst-
6. das Schulzeugniß. r
Sodann wird noch besonders bemerkt:
3U P»S-A: in dem Einwi l ligungs-Attest die Erklärung des Vaters oder Vormundes, in der Lage zu sein, den Freiwilligen während des einjährigen Dienstes nnterhalien zu können, nicht fehlen darf. ö 8
3u pos. daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezengniffe für die Universität und den derselBen gleichgestellten Hochschulen und
Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien und Realschulen I. Ord., sämmtlich nach dem Schema 17 zur Ersatz-Ordnung
. (ITHeil der Wehr-Ordnung vom 28. SeptemBer 1875 - Reg.-Bl. Nr. 55 von 1875) ausgestellt sein muffen. 9
Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Ersatz-Ordnung verwiesen.
Darmstadt, im December 1878. y '
Großherzogliche Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige. Der Vorsitzende:
______Spam er.
das merkwürdige Schauspiel der Uneinigkeit der conservattv - klerikalen Allianä wie einer ungeahnten Seelenharmonie zwischen Fortschrittlern und National- Liberalen- Nur Bennigsen scheint von seiner Compromißsucht noch immer nicht kurirt zu sein.
Die jüngste Sitzung der nationalliberalen Fraktion gestaltete sich zu einer Art Berathung der Existenzfrage der Partei. Nicht zwei, sondern drei Strömungen traten hervor. Die unbedingte Heerfolge für den Reichskanzler vertrat v. Trettschke; — Lasker, v. Forckmbeck und Rickert verlangten, daß man Angesichts der Wendung der Dinge sich schon bet der zweiten Lesung gegen die Ftnanzzölle erklären müsse; — und zwischen beide Stühle setzte sich Herr v. Bennigsen auf seinen vermittelnden Standpunkt. Er verlangte, daß man in der zweiten Lesung für die Ftnanzzölle stimmen solle, um dem Kanzler zu zeigen, daß er sie bereitwillig erhalten könne, wenn er den Antrag von Franckenstetn zurückwiese. Würde aber dennoch der Compromiß des Centrums von der Retchsregterung angenommen, dann würde er in dritter Lesung gegen die Finanzzölle, also auch gegen den Tarts stimmen.
Im Haag fand am 20. Juni das feierliche Leichenbegängniß des Prinzen von Oranten tn Gegenwart des Königs statt.
In Oesterreich haben die Wahlen für den Reichstag begonnen. Das bemerkenswertheste Vorkommniß in der Wahlbewegung ist, daß zwischen den beiden Fraktionen des böhmischen Großgrundbesitzes ein Compromiß geschloffen wurde, wonach die verfassungstreue Mehrheit der feudalen Minderheit von 23 Mandaten 10 überließ, wogegen die Minderheit sich verpflichtete, ihre staatsrechtliche Opposition aufzugeben und in den Reichsrath etnzutreten. Bisher sind die Wahlen nicht zum Vortheil der Liberalen ausgefallen. Großes Aufsehen erregte ein tn Wien verhandelter Vetrugsproceß, tn welchen auch der Vtcepräsident des ungarischen Abgeordnetenhauses mit verwickelt ist, weil er sich von verschiedenen Personen gegen das Versprechen, ihnen den Orden der eisernen Krone zu verschaffen, hatte Geld geben laffen!
Die Königin von England hat an Stelle des verstorbenen Bischofs Gobat den Pfarrer Barclay zu-n Bischof von Jerusalem ernannt, Lord Beaconsfield die Annahme eines aus Pennysammlungen beschafften goldenen Lorbeerkranzes abgelehnt.
Frankreichs Jntereffe wurde einerseits durch die Kammerdebatten über den Ferryffchen Gesetzentwurf, betr. den höheren Unterricht, andererseits durch die Berathungen der bonaparttstischen Partethäupter über die Zukunft ihrer Partei in Anspruch genommen. Die Annahme jenes Gesetzentwurfs Seitens der Deputirtenkammer unterliegt, seitdem diese den Eintritt in die Special-
Die Nachrichten über das Befinden des Kaisers aus Ems lauten un- unterbrochen erfreulich. Er empfängt sehr häufig Besuch von der Kaiserin, die in Koblenz weilt, und am Sonntag nahm er freundlich das Schauspiel gelungener Wettfahrten der Ruderclubs von Köln, Koblenz und Frankfurt a. M. entgegen. Das politische Eretgniß der Woche bilden die von den Ministern Hobrecht, Falk und Fried en th al beim Kaiser eingereichten Entlaffungs- gesuche. Noch kann natürlich die Antwort des Kaisers und Königs aus Ems nickt eingegangen sein und authentische Erklärungen über die Anlässe und die ekwaige politische Bedeutung des Rücktritts der verhältnißmäßig liberaleren nxtHiPcr wirb wohl noch später in die Oeffentlichkeit gelangen — vielleicht erst im Herbste im preußischen Landtage.
Der Reichstag setzte die Berathung des Tarifs fort und genehmigte dabeiin. A. den vorgeschlageuen Schmalzzoll. Außerdem Beschäftigte et sich mit der Regierungsvorlage Betreffs ErwerBuug eines Bauplatzes für das Reichs- unb m<t der Petition um Gewährung eines Zuschusses von 400,000 Mk. zur Fertigstellung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald. Die Mehrheit, des Hauses war Beiden nationalen Unternehmungen günstig gestimmt und üBerwies die genannte Vorlage der Budgetcommission, die Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung Bei Aufstellung des nächsten Etats. Leider konnten die Führer der Centrumsfraktion es sich nicht versagen, selBst Bei ^e,eL®el‘Äit ^ret Abneigung gegen Alles, was zur Verherrlichung des Deutschen Reiches dient, Luft zu machen. Einer derselBen hatte sogar — wiederum, ohne von dem deutsch-conservativeu Präsidenten zur Ordnung gerufen i“J™111, ~ die Unverschämtheit, von dem Denkmal, welches der Kaiser selbst durch feine Anwesenheit bei der Grundsteinlegung geehrt hatte, zu sagen, die Sache mache den Eindruck einer „verkrachten Gründung", und zu behaup- ten, die Canoffasäule werde nichts anderes fein, als „eine Schandsäule des
Die Sitzungen der T a r i f c o m m i s s i o n liefern das trefflichste Bild von der Zerfahrenheit der parlamentarischen Session, welche sich jetzt fast dem Chaos vergleichen läßt, nur daß die schöpferische Hand für ein Nengebilde nod) nicht sichtbar ist. Die jüngste Sitzung der Tarif-Berather lieferte das ft Resultat, daß auf die Hauptartikel, Kaffee und Petroleum, gar nichts bewilligt wurde. Es herrschte der Geist, der stets verneint. Die Majorität verneinte die hohen Vorschläge der Regierung, er verneinte die mäßigen Ge- bote der Compromißfreunde und verneinte auch die Frage, ob der bestehende niedrige Zoll bezüglich der Zollfretheit aufrecht zu erhalten sei. Man erlebte


