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Nr. 206. Freitag den 5. September 1879.
Meßmer "Anzeiger
Anjeigk- nnii Amtsblatt für bea Kreis Gießen.
..»...ar. „ ___ Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringer lohn.
<^eMtion»6u«Wt ) Schulstr.ß- s. I«. Erscheint lägttch mit Ausnahme des Montags.__________Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart so Pi.
Amtlicher Theil.
Lehver-Conferenz
des Conferenz-Bezirkes Lich-Hungen Dienstag, 9. September, Morgens 10 Uhr in Hungen.
Gießen, den 3. September 1879.________________________________________Büchner, Kreisschulinspector._________
Das Großherzogllche Steuer-Commissariat Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Bezirks.
Nach Verfügung Großh. Ministeriums der Finanzen, Abtheilung für Steuerwesen, ist das Porto für Hin- und Hersendung der Gewerbspatente von den Interessenten zu tragen.
Wir verfehlen nicht, Sie hiervon in Kenntniß zu setzen.
Gießen, 4. September 1879. Großherzogl. Steuer-Commiffariat Gießen.
S ü f f e r t.
und Anhalt'.schkil Eisenbahn in die Verstaatlichungs-Projecte ,st ebenfalls vor läufig nur ein Schreckschuß, da die Regierung selbst nicht ernstlich meinen kann, diese beiden Angelegenheiten für die bevorstehende Landtagssession spruchreif zu machen. Für das Schicksal dieser Verstaatlichungs-Projecte wird ganz unabhängig davon, ob sie spät oder früh in Angriff genommen find, allein die Stellungnahme entscheidend sein, zu welcher sich das Abgeordnetenhaus bezüglich der älteren Projekte versteht. Die parlamentarischen Chancen der Etsen- bahnankaufs-Verhandlungen sind aber ebenfalls in letzter Zeit keineswegs gewachsen. Direct zustimmend haben sich in den Wahlprogrammen zu der Bismarck'schen Eisenbahnpolittk nur die Neu- und Freiconservativen ausge- sprechen, während die Zustimmung auch der Altconservattven aus der „Kreuz- Zeitung" tndirect gefolgert werden konnte. Aus national-liberalen Kreisen erfahren wir dagegen, daß die Urheber des am 24. v. Mts. Hierselbst vereinbarten Wahtprogramms mit der verklausulirten Erklärung in Sachen der Elsenbahnsrage trotz der Zusage einer unbefangenen Prüfung der betr. Vorlagen gewillt sind, die Btsmarck-Maybach'sche Eisenbahnpolitik keinen Fußbreit zu unterstützen, da sie den Vorbehalt gemacht hatten, die finanzielle Leistungsfähigkeit des Staates nicht beeinträchtigen lasten zu wollen, andererseits jedwede Erweiterung des Stoatsbahnnetzes nach den letztjährigen Ergebnisten der Budgetprüfung eine Schmälerung der staatsfinanziellen Actionsfähigkeit darge- than hat. Mit dieser Haltung der National-Liberalen würden die Dinge so liegen, wie fie während der wirthschafts-polittschen Campagne im Reichstage sich gestaltet halten, daß das Centrum auch in der Eisenbahnfrage den Ausschlag zu geben in der Lage ist, mit dem einzigen Unterschiede, daß in diesem Falle der Uebertrttt zu dem Regierungsstandpunkte noch unvermittelter wäre, als in der Zollfrage. Jedenfalls haben vorläufig weder die Eisenbahn-Acttonäre, noch die Eisenbahnverwaltungen Veranlastung, gänzlich entmuthigt zu sein und sich kopfüber in die Verhandlungen über die Offerten der Regierung zu stürzen. (Berl. Tgbl.).
— Thätlickkeiten eines Gatten gegen den anderen Theil, welche an und für sich nicht gesundheitsgesährdenv sind, ja, nicht einmal einen Schmerz verursachen, die aber mit Rücksicht auf die Individualität des angegriffenen Thetles mittelbar desten Gesundheit erheblich gefährden können, berechtigen nach einem Erkenntniß des Ober-Tribunals, 1. Senat, vom 10. Januar 1879 den angegriffenen Gatten zur Ehescheidungsklage. Ein Kaufmann, welcher mit seiner ungemein nervösen und kränklichen Frau in Unfrieden lebte, ergriff eines Tages einen Toilettenspiegel und schlug mit demselben der Frau auf den Kopf. Obwohl die Gewalt des Schlages durch den falschen Haarwulst — man sieht, auch die Einlagen können Segen bringen —, gegen welchen er geführt worden, abgeschwächt wurde, so daß die Frau einen kaum merklichen Schmerz erlitt, so sank sie doch aus Schrecken über den Gewaltact ohnmächtig zusammen und erholte sich erst allmählig wieder. Auf die Ehescheidungsklage der Frau wegm gesundheitsgefährdender Mißhandlung wurde vom Appellations- gertchte die Ehe getrennt und der Mann für den schuldigen Theil erklärt. Auf die von ihm dagegen eingelegte Nichtigkeitsbeschwerde wurde vom Ober- Tribunal die vorinstanzliche Entscheidung bestätigt. Die cholerischen Ehemänner mögen sich also darnach richten.
— Dieser Tage ist in München der „Stenographische Bericht über die Conferenz von Delegirten deutscher Gewerbekammern" ausgegeben worden, welche bekanntlich am 4. und 5. Juni dort tagte. Hoffentlich erscheint auch ein stenographischer Bericht über die Tagung von Delegirten der sog. deut- schen Handwerkerpartet in Bremen im Druck, welch' letzterer noch weit mehr als ersterer zur Kenntniß der Oeffentlichkeit bringen würde, wo hinaus die verkappten und nicht verkappten Zünftler eigentlich wollen. Noch hat die von Hamburg aus in Scene gesetzte Agitation bei dem Gros des deütsche'n Handwerkerstandes keinen Anklang gefunden, aber wenn es ihr gelingt, mit ihren chimärischen Verheißungen auf einen gesicherten 'Nahrungsstand rc. die Köpfe zu verrücken, dann nimmt sie einen für das Gesammtwohl äußerst gefährlichen
Deutschland.
Berlin, 1. Septbr. Die „Voss. Ztg." schreibt: „Auf dem kürzlich in Wien abgehaltenen „internationalen Saatenmarkte' ist bis zu einer gewißen Evidenz festgestellt worden, daß die diesjährige Ernte so mangelhaft ausge, fallen ist, daß sich mit geringen Ausnahmen alle Länder Europas in der Lage befinden, größerer oder geringerer Zufuhren von Brodstoffen zur Ernährung ihrer Bevölkerung zu bedürfen. Verhältnißmüßig am besten scheint sich das Resultat der Ernte noch durchschnittlich in Deutschland herauszustellen. Wenn wir uns nun lediglich auf den deutschen Standpunkt beschränken, von den Bedürfnissen anderer Länder ganz absehen, so ergibt sich das bemerkenswerthe Resultat, daß diesmal der sog. Kampfzoll, den wir an der Ostgrenze eingerichtet haben, um Rußland für fein Prohibitivsystem zu strafen und dem Freihandel wenigstens mit Deutschland geneigt zu machen, vollkommen unwirksam sein wird. Rußland hat in diesem Jahre eigentlich nichts über seine Grenzen zu exportiren, es wird vielmehr froh sein müssen, wenn es ohne Zufuhren von Außen her wird durchzukommen im Stande sein. Der Zoll wird unter solchen Umständen auch nichts einbrtngen. Ebenso werden aber die inzwischen angeblich oder wirklich von Seiten der russischen Regierung getroffenen Maßregeln nutzlos gewesen sein, soweit sie bezweckt haben, den Export russischen Getreides von der preußischen Grenze ab und um dieselbe herum tn die kleinen russischen Häfen zu leite», welche man gern in große Welthandelsplätze umschaffen möchte. In jedem Falle aber sind wir in Deutschland diesmal, da der gewohnte Zuschuß an Getreide, den wir aus Rußland beziehen, ausbleiben wird, darauf angewiesen, unfern Bedarf anderswoher zu decken, und daraus folgt, daß unsere Ostseepädte sich diesmal über die Stockung ihres Handels damit trösten können, daß es auch ohne den Kampfzoll nichts zu handeln gegeben hoben würde, als was das nächste Hinterland dieffeits der Grenze etwa an das Ausland abgeben kann. Der Schwerpunkt des deutschen Getreidehandels mit dem Auslande wird also im kommenden Jahre, besonders da auch Oester- reich und Ungarn nichts abzugeben haben, in den Westen und Süden von Deutschland verlegt werden, wo immer auch unter den am meisten normalen Verhältniffen der größte Bedarf sich naturgemäß zeigt, weil sich dort die brod- effende Bevölkerung im stärksten Maße zusammengedrängt findet. Die gegenwärtige Conjunctur gibt der amerikanischen Getreideproduction und dem amerikanischen Handel mit Getreide die vollkommene Herrschaft über den europäischen Getreidemarkt, auch den deutschen, zu willkürlicher Ausnutzung in die Hand. In wie fern diese Voraussetzungm sich bewähren werden, bleibt freilich noch abzuwarten.
Berlin. 2. Septbr- Die Vorlegung eines Retchseisenbahngesetzes an den Bundesrath, welche von einigen Zeitungen für den nächsten Herbst in Ausficht gestellt wird, ist bereits vor längerer Zett erfolgt, und zwar find außer dem Entwurf eines Gesetzes über das Eisenbahnwesen noch zwei weitere Entwürfe an den Bundesrath gelangt; nämlich über die Errichtung eines Reichseisenbahnraths und über die Errichtung eines Verwaltungsgerichts für streitige Eisenbahnverwaltungsfachen. Diese von Herrn Maybach ausgearbeiteten Entwürfe sollen nach der Absicht des Reichskanzlers einer besonderen Commission überwiesen werden, die aus Vertretern der Staaten, welche einen eigenen Eisenbahnbesttz haben, zusammenzusetzen wäre. Allem Anscheine nach ist es die Absicht, diese Gesetzentwürfe In Verbindung mit dem Gütertarifgesetz dem Reichstage in der nächsten Session vorzulegen. (Berl. Tgbl.)
__ Im Ministerium für öffentliche Arbeiten befindet man sich in großer Besorgntß, daß die General-Versammlungen der Köln-Mindener und Berlin- Potsdam - Magdeburger Eisenbahn. Actionäre die regierungsseitig gemachte Offerte da dieselbe die Unterstützung.der Gesellschaftsvorstände nicht findet, ablehnen werden. Diese Befürchtung hat wohl auch die erneute osfictöse Be- cheuerung veranlaßt, daß die Regierung unter gar keinen Umständen sich zu weiteren Zugeständnissen verstehen würde. Die Einbeziehung der Rheinischen


