Frankreich.
Paris, 1. Novbr- Eine anscheinend inspirirte Note der „Agence Havas" meldet, die Abreise von Don Carlos nach England sei erfolgt in Folge von Andeutungen, welche denselben über den Beschluß der Regierung aufklärten, keinerlei weitere politische Kundgebungen von der Art zu dulden, für welche kürzlich seine Anwesenheit zum Vorwande gedient habe.
England.
London, 31. Oclbr. Nach Abschluß der fachmännischen Untersuchung über das Platzen des 38-Tonnenrohres auf dem Panzerschiff „Thunderer" im Marmarn'Meere wurde Seitens des Kriegsamtes beschlossen, zur befferen Verdeutlichung des Vorganges und zur Schaffung vollständiger Gewißheit über die Ursache, ein zweites 38-Tonnenrohr absichtlich in derselben Weise zum Platzen zu bringen. Nach Gutachten der Untersuchungs-Commission soll das Unglück durch zufällige doppelte Ladung des Rohres erfolgt sein, nachdem ein Schuß, ohne zu explodiren, im Rohre geblieben war. Um bet Wiederholung dieses Vorganges jedes Unglück zu vermeiden, sind besondere Vorsichtsmaßregeln nothwendig. Es ist in Woolwich ein Raum mit außerordentlich starken Wänden zur Aufnahme des Rohres erbaut worden. Derselbe hat einen äußern Umfang von 18m im Geviert bet 6m Höhe, aber in Folge der dicken Wandung, welche aus Gebälk, eisernen Stangen und einer fall meterdicken Betonschicht bestehe, bleiben für das Innere nur etwa 3m Brette bet 12m Länge und 3m Höhe. Außen ist dte Kammer noch dick mit Erde umhüllt. Nach vorn ist sie offen. Zutritt zu derselben gewährt ein aus eisernen Platten hergestellter Gang. Zur Abführung der Gase führen zwei eiserne Effen durch die 10 Fuß starke Decke. Die gegenüberliegende Reihe von Zielscheiben ist 70 Fuß stark hergestellt, und jede Scheibe mißt 20 Fuß im Geviert. Aus der oben beschriebenen Kammer soll aus dem 38 - Tonnenrohre zuerst ein Schuß in gewöhnlicher Weise auf die Zielscheibe abgegeben werden, darauf soll das Rohr doppelt geladen und die Zündung so eingerichtet werden , daß sich die vordere Patrone gerade an der schwächsten Stelle des Rohres entzündet. Damit glaubt man unter allen Umständen das Rohr zum Springen zu bringen. Der Versuch ist etwas kostspielig, wird indeffen für wünschenswerh gehalten, um das Vertrauen zu den Woolwtcher Geschützen wieder zu kräftigen.
Nußland.
Petersburg. Zum deutsch-österreichischen Bündniß bringt die russische „Neue Zeit" folgende humoristische, aber ernstgemeinte Enthüllung, welche aus Paris nach Petersburg importirt worden ist und für deren Glaubwürdigkeit der Verfasser „vollste Verantwortlichkeit" übernimmt: „Durch diesen Vertrag", so schreibt der Correspondent, „hat Deutschland die Garantie für dte neuen territorialen Erwerbungen Oesterreichs im Osten unter der Bedingung übernommen, daß Oesterreich seinerseits Deutschland eine entsprechende territoriale Entschädigung gleichfalls im Osten garantire. Einen detailltrteren Vertrag konnte Bismarck nicht erlangen, obgleich es sein Wunsch war, zu erfahren, wie weit Oesterreich aus dem Sandschak von Novibazar nach Süden Vordringen wolle. Kaiser Franz Joseph weigerte sich jedoch, jetzt schon hierauf eine entscheidende Antwort zu geben, und diesem Umstande ist es zuzuschretben, daß die Presse einen Mißerfolg Bismarcks ankündigte." Möge den Verfasser die übernommene Verantwortlichkeit nicht zu sehr drücken.
Kriechenland.
Athen, 1. Novbr. Die Kammer wurde heute eröffnet. Die Thronrede betont, daß die griechische Frage nunmehr einer Erörterung unterzogen wird, spricht die Hoffnung auf deren endliche Lösung unter dem Beistände der Mächte aus und empfiehlt die milttärische Ausbildung des Volkes.
— Die zur Öffnung der Kammern vom König verlesene Thronrede gedenkt ferner der bet den allgemeinen Wahlen beobachteten Ordnung, welche das Vertrauen des Königs auf das Volk gerechtfertigt habe, und der freundschaftlichen Beziehungen zu den Großmächten. Dte Regierung sei bestrebt, den auf Griechenland bezüglichen Congreßbeschluß zu verwirklichen; die damit zusammenhängenden praktischen Fragen schreiten von Tag zu Tag ihrer weiteren Lösung entgegen. Der König sei überzeugt, daß die großen Interessen der angrenzenden Staaten und die Unterstützung der Signatarmächte des Berliner Vertrags zu einem guten Ausgange der eingeleiteten Unterhandlungen führen würden, um die Absicht des Congreffes zu erfüllen. Griechenland müsse sich auch mit der Formation und Vorbereitung seiner Armee beschäftigen, denn das Element, welches die Stellung eines Volkes bestimme, sei seine Kraft.
Amerika.
Washington, 31. Octbr. Officiell wird bestätigt, daß der amerikanische Gesandte in Wien, Kaffon, Anweisung erhielt, sich nach Bukarest zu begeben, um die Unabhängigkeit Rumäniens anzuerkennen und die diplomatischen Beziehungen zwischen Rumänien und der Union herzustellen.
Telegraphische Depeschen.
Waguer'S telegr. Correspondenr ■ Bureau.
Madrid, 2. November. Die Verbindung zwischen Valencia und Barcelona ist wiederhergestellt. Das schlechte Wetter dauert noch fort; jedoch sinkt der Wafferstand deS Ebro merklich.
Innsbruck, 2. November. Die erste protestantische Kirche Tyrols ist unter Thetlnahme der Behörden und ungeheurem Andrang von Menschen heute feierlichst eingeweiht.
Wien, 2. November. Die „Montagsrevue" bezeichnet die Zeitungs- melbnngen über bevorstehende Ergänzungen des Cabinets als Erfindungen. Die parlamentarische Situation lasse diejenige Ergänzung des Cabinets, welche dem Grafen Taaffe als wünschenswerth und seinem Programme homogen erscheine, als vorerst unthunltch erscheinen. — Der demnächst zu veröffentlichende Steuerausweis wird bei den direkten Abgaben ein kleines Minus, bei den indirecten abermals ein erhebliches Plus gegen das Vorjahr constat'ren.
Berlin, 2. November. Der Kaiser ertheilte heute Vormittag dem Botschafter v. Schweinitz, dem Präsidium des Abgeordnetenhauses und dem Kammergprichts-Präsidenten Meyer, Nachmittags dem Justizminister Dr. Friedberg Audienz.
Lokales.
Gießen, 3. November. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 6. November 1879, Nachmittags 4 Uhr, im alten Nealschul- gebäude r
1. Den Voranschlag der Armenkasse für 1880 betreffend.
2. Die Quellwafferleitungsarbeiten.
3. Die Pflasterung des rechtsseitigen Trottoirs an der Grünberger Straße.
4. Gesuch des Heinrich Schäfer III. von Gießen um Bauerlaubniß.
5. Pachtvertrag mit Friedrich Simon von Gießen.
6. Gesuch des Apothekers Dr. Mettenheimer um Erlaubniß zur Errichtung eines Anbaues.
7. Gesuch des Schreinermeisters Emil Menget um Erlaubniß zur Anlegung eines Hosthors.
8. Gesuch des Wirths Emil Harms um Erlaubniß zur Anlegung emes Hofthors.
9. Bau einer Brücke über die Lahn bei Wismar.
Gießen, 3. November. Im Monat October 1879 wurden von Seiten der Schutzmannschaft arretirt: Bettler 69, Obdachlose 11, wegen Scandal 7, wegen Trunkenheit 9, Prostituirte 5, Diebstahl 4, auf Requisition wurden 11 Personen arretirt Anzeigen erfolgten in sanitätspolizeilicher Beziehung wegen schädlicher Ausdünstung 20, bösartiger Thiere 1, in ficherheitspolizeilicher Beziehung gegen Bettler 71, Trunkenheit 3. Ruhestörung 72, Diebstahl 9, Betrug 1, schwere Körperverletzung 7, Meldewesen 11, sonstige Sicherheitspolizei 2. Ferner wegen Thierquälerei 5, Prostitution 6, Störung der Sonntagsfcier 1, Übertretung der Feier- abendstunde 36, Führung von unrichtigem Maß und Gewicht 17, wegen Vergehen gegen die Droschkenordnung 17, Straßenreinigung 43, Fahrordnung 1, sonstige Straßenpolizei 32, Bau- Polizei 3, Feuerpolizei 7, Feldpolizei 6, Steuerdefraudation 6, Oktroi 7. Summa sämmtlicher Anzeigen 387 gegen 380 im Monat September.
— Am Samstag Nachmittag anncctirten zwei anständig gekleidete Herren in einem Garten in der Schwarzlach Blumenkohl, wurden aber dabei abgefaßt und dürfte die Suppe wohl etwaS versalzen werden.
— Ein Besuch der Eisenerzgrube „Eleonore" der G eb r. Stumm auf der Bieber, derselben Grube, in welcher neulich im Tagbau das versteinte, resp. umsteinte Hirschgeweih gefunden worden, bietet dem Naturfreunde, dem Geologen und Mineralogen des Jntereffanten viel Nicht allein, daß in besagter Grube diverse Sorten Erze gefördert werden, welche vor Tag zu sehen schon wiffenswerth ist, sondern durch die Anhauung einer Eisenerzschichte, worin sich Baumstämme, Strauchwerk, Haselnüsse, Blätter und namentlich ein Hirschgeweih :c. ea. 10 Mlr. unter der Erdoberfläche finden, ist für den Forscher jedenfalls von großem Werthe, umsomehr als die Verkrustung dieser Gegenstände, resp. Umwacksung mit Mineral hier ganz genau beobachtet werden kann. Herr Obersteiger Götz von Bieber hatte die Freundlichkeit uns die Fundstücke, welche interessant sind, zu zeigen, sowie uns im Tagbau herumzuführen. Etwaige Besucher der Grube dürften sich an genannten Herrn wenden, welcher jedenfalls gerne bereit ist, nähere Auskunft zu ertheilen.
V e r m i s ch t eS.
Delitzsch, 27. October. Die Schauerkunde eines Doppelmordes durchdringt heute unsere Stadt. Gegen 4 Uhr Morgens ertönte Feuerlärm, es brannte in dem Hause des Kaufmanns I. S. Schumann, hier, in der Breiten Straße. Hülfe war bald zur Hand und es gelang unter der Leitung deS Branddireetors Sckulze, der einer der Ersten zur Stelle, binnen Kurzem den Brand zu löschen. Betroffen war der Laden und das ganz entfernt davon liegende Schlafzimmer des Schumann. Als das Betreten des Schlafzimmers ermöglicht war, bot sich den Eintretenden ein schauerlicher Anblick dar. Schumann, ein angesehener älterer Herr, und seine Tochter lagen in ihren Betten ermordet, Ersterer mit eingeschlagenem Schädel, Letztere mit klaffender Wunde, an der Stirn und Hand, beide Leichen in den halbverbrannten Betten fast geröstet. Am Boden des Zimmers fand man ibre8 Inhaltes beraubte Brieftaschen und Geld: behälter, auch in dem Laden überall Spuren flüchtigen Raubes. Um die Spuren der Unthat zu verwischen, batte der Mörder das im Laden befindliche Petroleum auf den Ladentisch und andere Gegenstände, sowie auf die Betten der Erschlagenen gegoffen, dann Betten sowohl als Ladentisch rc. angezündet und sich hierauf entfernt. Schneller Entdeckung ist es zu banken, daß die Absicht vereitelt und weiteres Unheil verhütet worden ist, denn in den Laden- und Lagerräumen des Schumann befanden sich große Quantitäten leicht brennbarer Stoffe — als Spiritus, Firniß ic.; das Pulver war durch die Umsicht des Brandireetors sofort aus dem Laden entfernt worden. Don dem Mörder ist zur Zeit leider keine Spur vorhanden; möge es der Thätigkeit der Behörden gelingen, den Uebelthäter ausfindig zu machen und seiner Strafe entgegen zu fuhren
Petersburg, 27. October. sRussische Zustände.j In Tichwin verurtheilt das Nowgoroder Bezirksgericht im Prozeß wegen Verbrennung der vermeintlichen Hexe Ignatjewa die Hauptschuldigen Bauern Kanschin, Starowitz und Nikiforow nur zur Kirchenbuße. Die übrigen Angeklagten wurden srcigesprochen.
Straßburg i. Elsaß. Ein schreckliches Unglück bat sich, wie das „Els. Journal" berichtet, am 21. d. Mts. Abends auf dem St. Nikolausstaden zugetragen. Ein mit Heu beladener und durch einen Trainsoldaten geführter zweispänniger Wagen fuhr um obige Zeit mit rasender Schnelle den Staden entlang, in der Richtung der Rabenbrücke zu. Die Pferde waren scheu geworden und durch den tollen Lauf des GespanneL wurde das Heu nach allen Seiten hin zerstreut. In der Gegend des Hauses der Gebr. Dietrich begegnete dem Wagen eine Abteilung Soldaten des Württ. Infanterie-Regiments Nr. 126; einer dieser Soldaten Namens Johann Bachofer, aus Aichelberg gebürtig, die Gefahr erblickend, in welcher der Fuhrmann schwebte, stürzte sich muthig den Pferden entgegen, um sie zum Stehen zu bringen. Der Unglückliche jedoch wurde überrannt und die Räder des Gefährtes gingen ihm über die Brust. Als man ihn aufhob, entströmte ihm Blut aus Mund und Nase. Er wurde in einem fast hoffnungslosen Zustande in das Militärspital gebracht Die Pferde hatten jedock ihren wüthen den Lauf fortgesetzt; der Trainsoldat war von seinem Sitz geschleudert worben und auf die Deichsel gefallen, an welcher er sich verzweiflungsvoll anklammerte. Auf dem Nabenplatz warf sich ein junger Einjähriger von der 2. Compagnie des 15. Trainbataillons, Namens Heinrich Löbel, den wüthenden Pferden entgegen und es gelang ihm, Dieselben am Gebiß zu ergreifen; der muthige junge Mann wurde bis zum Eingänge der Metzgergaffe fortgeschleift, wo er das Gespann, jedoch nicht ohne erhebliche Verletzungen davongetragen zu haben, zum Stehrn brachte Eine große Menge hatte mit steigender Aufregung den verschiedenen Sccnen des schrecklichen Dramas bcigewohnt und Jedermann äußerte seine Bewunderung und seine Sympathie für den ersten Soldaten, deffen muthige That ein so unglückliches Ende gehabt, Joroic für denjenigen, welcher die Pferde zum Stehen brachte und wahrscheinlich weitere Unglücksfülle dadurch verhütete.
— (Graf Schuwaloff ein — Baptist.) In Petersburg besteht gegenwärtig die Secte der Baptisten, welcher außer zahlreichen lutherischen Deutschen, auch Personen aus den höchsten Kreisen der russischen Gesellschaft angehören. Das Haupteentrum der Versammlungen der Petersburger Baptisten befand sich bis vor Kurzem im Hause des Londoner Botschafters, Graf Peter Andrejewitsch Schuwaloff, welcher ebenfalls der Secte als Mitglied angehört. Im Hause Schuwaloffs, in der Scrgijew-Skaja-Gaffe, befand sich sc:t Jahren die Kapelle der Baptisten, in welcher die Liturgie verrichtet und Predigten in deutscher und russischer Sprache gehalten wurden. Die Petersburger Baptisten haben ihre eigene Hierachie, welche aus: Diakonen, Geistlichen, Bischöfen, Evangelisten und einem — Engel besteht. In diesem letzteren Amte befindet sich gegenwärtig der General der activen russischen Armee, E -r, ein Deutscher. Diese Secte lebte', Dank dem hohen Protectorat, wie gesagt, bis vor Kurzem in Petersburg sehr ruhig, weder von der russischen Polizei beunruhigt, noch von Der russischen Geistlichkeit verfolgt, als vor einigen Tagen plötzlich die Kapelle der Baptisten versiegelt und das ganze Schuwaloff'sche Haus gesperrt wurde. Bald erfuhren die »Mitglieder dieser Secte, daß sie nicht von der russischen Regierung verfolgt, sondern von Seiten der Petersburger lutherischen Pastoren denun- ctrt wurden.
Handel und Verkehr.
Frankfurt, 1. Novmeber. (Marktbericht.) Der heutige Heu- und Strohmarkt war gut befahren. Heu kostete je nach Qualität der (Zentner 2.30 — 3.50, Stroh jt 2—2.80. Butter das Pfund im Großen 1. Qual. JL 0.90—00, 2. Qual JL 0.80, im Detail 1. Qual. JL 120, 2. Qual. JL 110. Eier das Hundert deutsche JL 6.50, italienische JL 7 00. Ganze Erbsen das Pfd 28—32 geschälte Erbsen 30-35 Bohnen 26—28 H, Linsen 32—46 H Weißkraut das Stück 10 100 Stück 7 — 8 JL, Rothkraut,
1 Stück 10—20 H Kohlrabi 5—7 H, Kohlkraut -- Blumenkohl 1 Stück 30—70 Wirsing — Kartoffeln 100 Kilo JL 6.50, Zwiebeln 25 Bund — JL. Merrettige 25 Stück — JL, 1 Stück — 4- Ochsenfletiw per Pfund 65 — 70 H, Rindfleisch 50 Kuh- fleisch 50-60 \ Kalbfleisch 48 — 55 Stier- und Farrenfleisch - Hammelfleisch 15—60 Schweinefleisch 65—70 H, ein Hahn ,AL 0 90—1.20, ein Huhn JL 90—1.20, eine Ente 1.50—2.20, eine Gans 5—7, eine Taube, 40—50 H, Aepfel 100 St. .


