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Berlin, 31. August. Die Dauer des Aufenthalts des Feldmarschalls Frhrn. v. Manteuffel in Warschau ist nicht bestimmt, dagegen wirb sich der­selbe unmittelbar von dort aus zur Berichterstattung zum Kaiser begeben. ES heißt, der Marschall werde sich im Gefolge des Kaisers bei den Manöoern in Preußen und Pommern befinden. Ob auch bei dem Besuch des Kaisers in den ReichsUnden der Marschall den Kaiser begleiten wird, ist noch nicht ent­schieden. Ueber den Geschäftsumfang des Berliner Postzeitungs-Amtes in dem Etatsjahr 1878/79 meldet dieDeutsche Verkehrs-Ztg.". daß das Amt mit 318 Zeitungsverlegern und 3685 Postanstalten in unmittelbarer Verbin- bindung und Abrechnung stand. Es wurden im Ganzen 77,698,198 Zeitungs­exemplare, durchschnittlich täglich 212,872 Exemplare, und zwar in 10,000 Paketen mit 26 einspännigen und 14 zweispännigen Wagen vom Postzeitungs- Amte nach den verschiedenen Bahnhöfen und Berliner Postanstalten befördert. Davon mußten 43 pCt. in der Zeit von 2 bis 8 Uhr früh, 20 pCt. in den Stun­den nach 5 bis lO1^ Uhr Abends, 37 pCt. auf die Stunden von 8 bis 3 Uhr Nachmittags verpackt werden. Es find dabei 164 Beamte und Unterbeamte beschäftigt.

Berlin, 31. August. Durch die hiesige Preffe läuft ein Gerücht über eine angebliche Unterredung, welche Fürst Bismarck mit dem Amerikaner Kelley hatte. Letzterem war der Auftrag zu Theil geworden, der deutschen Goldwäh­rung nach Kräften entgegenzuarbeiten, weil die Vereinigten Staaten, die im Besitze großer Silberminen sind, durch die Einführung dieser Währung und durch unsere damit verknüpften Silberverkäufe erheblichen Schaden erleiden. DieMagdeb. Ztg." bemerkt zu demselben:Wie wir dazu kommen sollten, durch Verschlechterung unserer Währung lieber selbst die größten Verluste zu übernehmen, damit Amerika nur ja keine solchen erleide, vermögen wir nun zwar allerdings nicht einzusehen; Kelley aber, der ein gewürfelter Bruder sein muß, hat dasür umsomehr Einsicht und sucht uns die Sache plausibel zu machen. Im Gespräch mit Bismarck leistete dieser Mann u. A. den schönen Satz: Deutschland hätte durch Aufhebung der Silberwährung den Fortschritt Ame­rikas gehemmt und die durch Einschränkung des Geschäfts bankerott geworde­nen Kaufleut; und arbeitslosen Handwerker Amerikas zum Betrieb des Acker­baues gezwungen und so die Concurrenz vermehrt, mit welcher Deutschland kämpse! Also wir ruiniren das amerikanische Geschäft; die ruinirten Kaufleute und arbeitslosen Handwerker werden für Habenichtse ist dies nur ein Spaß alsbald große Gutsbesitzer und bauen so viel Getreide, daß uns ge­hörig Concurrenz gemacht wird! Wir wiffen diese Witze in der That nicht sehr zu würdigen. Die amerikanische Schutzzollpolitik hat unserem Handel und unserer Industrie fast noch größere Wunden geschlagen, wie die russische, und wenn wir das Geschäft drüben etwas drücken, so zahlen wir nur heim, was uns geboten worden ist."

Bei der in Folge einer Verletzung beim Betriebe eines unter das Retchshastpflichtgesetz fallenden gewerblichen Unternehmens eintretenden Erwerbs' Unfähigkeit des Verletzten hat nach einem Erkenntniß des Reichsoberhandelsge­richts, UL Senat, vom 12 Juni 1879 der Betriebsunternehmer nicht nur die Pflicht zur nothdürstigen Unterhaltung des Verletzten, sondern zur vollen Entschädigung des durch die Verletzung entstandenen Vermögensnachtheils. Hat beispielsweise der Verletzte mehr durch seine Arbeit verdient, als in der Gegend zum Lebensunterhalt nothwendig ist, so ist die Entschädigung nach dem bisherigen verdienten Arbeitslohn zu berechnen. Hat er in Folge besonderer Bemühungen mehr verdient, als in der Gegend von Arbeitern seiner Kategorie in der Regel verdient wird, so ist auch dies bei der Festsetzung der Entschä­digungsrente zu berücksichtigen. Der Kläger hat vom Verklagten an den Arbeitstagen bis zum Unfall 2,25 Lohn täglick bekommen. Die Behauptung des Verklagten, daß in der fraglichen Gegend 75 täglich zum Unterhalte des Klägers ausreichend seien, ist unerheblich, da er für den durch seine Er­werbsunfähigkeit eingetretenen Vermögensnachtheil zu entschädigen ist. Auch die Behauptungen des Verklagten, daß in der fraglichen Gegend der gewöhn­liche Tagelohn 1,25 und aus längere Zeit 75 nicht überschreite, die Gelegenheit, 2,25 Jl. zu verdienen, 3 Monat nach dem Unfälle aufgehört habe, ist nicht entscheidend, da Kläger nicht an die Gegend gebunden war und sich lohnendere Arbeit als die gewöhnliche verschafft hatte.

Rußland.

Petersburg. Ueber die Hinrichtung der politischen Verbrecher in Odeffa schreibt man demPet. Her." unterm 22. v. M. von dort: Die Delin­quenten wurden heute Nacht um 1 Uhr aus dem Bezirksgerichtsgebäude nach dem städtischen Gefängniß übergeführt. Daselbst angelangt, wurde jeder Ein­zelne in einer besonderen Zelle untergebracht. Die Frage des Gefängniß- aufsehers, ob sie etwas zu sich nehmen wollten, verneinten sie und verlangten nur, sich zu Bett begeben zu dürfen. Auch wiesen sie jeden geistlichen Zuspruch zurück. Mit Ausnahme des Joseph Dawidenko hatten dieselben einen ziemlich ruhigen Schlaf, und als um 6 Uhr Morgens der Henker anlangte, mußten sie erst geweckt werden. Nachdem einem Jeden ein Glas Thee gereicht wor­den, nahm der Henker deren Umkleidung vor, wobei sie ihn ruhig gewähren ließen. Geistliche Tröstung wiesen sie auch diesmal energisch zurück. Inzwi­schen hatte sich vor dem Gebäude und auf dem ganzen Weg, den der Zug nehmen mußte, sowie aus dem 6 Werst von der Stadt entfernten Richtplatze eine Menschenmenge von ungefähr 50,000 Personen aller Stände eingefunden, welche ruhig der kommenden Dinge harrten. Um halb 9 Uhr fuhr der Henker in Begleitung zweier Polizei -Ofstctere und eines Piquets Kosaken in einem geschloffenen Wagen nach üem Rennfelde, und unmittelbar darauf bestiegen die Delinquenten den im Hofe vorgefahrenen Armsünderkarren. Derselbe, zweirädrig mit blos einem Sitze, setzte sich, umgeben von einer Compagnie Kosaken, in Bewegung; vor demselben marschirte Infanterie unter Trommel­schlag ; er langte einige Minuten vor 10 Uhr aus der Nichtstätte an. Die Delinquenten konnten, da sie mit dem Rücken nach vorn saßen, die drei Galgen nicht sehen. Als der Karren jedoch durch das Carre fuhr, drehte sich Dawi­denko um und machte seine Gefährten auf die Galgen aufmerksam, worauf dieselben lachend um sich blickten. Beim Galgen blieb der Karren stehen. Der Henker sprang hinauf, band einen nach dem andern los und übergab dieselben seinen Knechten. Nun wurde den Delinquenten das Todesurtheil nochmals verlesen und dieselben dann dem Henker zur Vollstreckung des Urtheils über­wiesen. Dieser bemächtigte sich derselben rasch, zog mit Hülfe seiner Gefähr­ten einem Jeden einen weißen Kittel an, band ihnen die Hände nach vorn und hieß ste voneinander Abschied nehmen. Dies thaten sie aber ebenso wenig, als sie sich um den sich ihnen nähernden Geistlichen kümmerten. Auf ein Zeichen

fingen die Trommeln zu wirbeln an, ein Verbrecher nach dem andern betrat das Schaffst und nach einer Viertelstunde war Alles vorbet.

Leirgraphlsche Depeschen.

Waguer's telegr. U»rresp»uveuz> Bareck».

Berlin, 1. Septbr. Der Kaiser und die Katserin sind gestern Abend von Babelsberg nach Berlin übergesiedelt. Dieselben besuchten heute Vormit­tag gemeinsam bie Kunst- unb bie Gewerbe-Ausstellung. Der Kaiser empfing Nachmittags die Minister v. Bülow unb Maybach unb ertheilte bem chinesi­schen Gesandten Li-fong-pe, welcher seine Creditioe überreichte, Antrittsaudienz. Die Kronprinzessin ist heute Nachmittag via Leipzig unb München zum Kur­gebrauche nach Steiermark abgereist.

Frankfurt a. M., 1. Septbr. Das Schwurgericht sprach in heu­tiger Sitzung die Angeklagten Hiljenbeck unb Treulieb bes versuchten Morbes unb Raubes an bem Gelbbriesträger Tafel schuldig. Demgemäß wurden Hil- senbeck zu 14jähriger, Treulieb zu 12jähriger Zuchthausstrafe, Beide zum Ver­lust der bürgerlichen Ehrenrechte verurtheilt und die Zulässigkeit der Stellung unter Polizeiaufsicht auf 10 Jahre gegen Beide ausgesprochen.

Konstantinopel, 1. Septbr. In der gestrigen Conserenz bezüglich der griechischen Frage antworteten die türkischen Bevollmächtigten auf die von den griechischen Vertretern in der ersten Conferenz verlesene Declaration. Wie versichert wird, wurde von den türkischen Bevollmächtigten das 13. Berliner Congreß-Pcotokoll als Grundlage der Verhandlungen acceptirt.

Berlin, 1. Septbr. Gegenüber der Meldung mehrerer Zeitungen von einer angeblich politischen Tragweite der Mission des General-Feldmarschalls v. Manteuffel, sowie der Mittheilung die Sendung sei in Uebereinstimmung mit dem Fürsten Bismarck erfolgt und derselben ein lebhafter telegraphischer Verkehr zwischen dem Reichskanzler und Herrn v. Manteuffel vorausgezangen, bemerkt dieNordd. Allg. Ztg.", daß nach ihren Nachrichten diese Angaben aus Erfindung beruhen.

Paris, 1. Septbr, Abends. Der TransportdampferVar" mit Amnestirten ist heute früh im Hafen von Vendres eingetroffen. Die Be­völkerung enthielt sich jeder Demonstration.

Wien, 1. Septbr. DerPolit. Corresp." wird ans Belgrad von heute gemeldet: Der Fürst genehmigte den Abschluß der österreichisch-unga- risch-serbischen Eisenbahn-Convention ans Grundlage des in Wien vereinbarten Entwurfs. Sobald Seitens Oesterreich-Ungarns die Einladung zu definitiven Verhandlungen eintrifft, werden bit serbischen Bevollmächtigten ernannt werben. Der Abschluß bes Vertrags zwischen Serbien unb ber Staatsbahn über ben Bau ber serbischen Bahnlinien erfolgt nach Rückkehr ber Staatsbahn- Commission von ber Bereisung ber Trace in ben neuen serbischen Gebieten. Die Delegirten ber Staatsbahn erhielten vom Fürsten hierüber Zusiherungen. Der Fürst von Bulgarien trifft am 7. d. zu einem zweitägigen Besuche bes Fürsten Milan in Nisch ein.

Lokales.

Gießen , 2. September. Tagesordnung für die Stadtverordneten - Sitzung am Donnerstag den 4. September 1879, Nachmittags 4 Uhrr

1. Pflasterung eines Uebergangs auf bet Grünberger Chaussee.

2. Straßcnanlagc zwischen Neustadt und Neichensand.

3. Gesuch des Metzgermeisters Friedrich Möhl um Erlaubniß zur Anlegung eines Treppentritts.

4. Gesuch des Gastwirths tzmil Lotz um Erlaubniß zur Anlegung von Treppentritten. 5. Gesuch des M. Rosenthal um Erlaubniß zur Erbauung eines Stalles.

6. Gesuch des Johannes Bender um Erlaubniß zur Erbauung eines Stalles.

7. Gesuch des Johannes Schleuning um Erlaubniß zur Vornahme von Bauver­änderungen.

8. Gesuch der Emil Pansch Wittwe um Erlaubniß zur Vornahme von Bauveränderunzen.

9. Gesuch des Alexander Meyer um Erlaubniß zur Errichtung eines Anbaues.

10. Straßen Reinigung betr.

11. Die innere Einrichtung der neuen Mädchenschule.

12. Straßenbeleuchtung betr.

13. Gesuch des Metzgermeisters Balthasar Schmidt um käufliche Ueberlassung städtischen Geiändes.

14. Kostendecreturen.

15. Die Oberhessischen Eisenbahnen betr.

Gießen, 2. September. In anerkennenswerther Liberalität hat die Direction der Oberhess. Eisenbahnen den Besuchern der Ausstellung des Oberhess. Obst- und Gartenbau. Vereins am 6. bis 9. September in Wenzel'- Garten auf ein einfach gelöstes Gisenbahn- btllet freie Rückfahrt innerhalb zweier Tage gewährt, wenn das Billet im Ausstellungs­local abgestempelt worden ist. Hoffentlich wird eine gleiche Vergünstigung »on Setten der Main-Weser- und Köln-Gießener Bahn zu erwarten sein. Em Gang nach Wenzels Garten belehrt den Beschauer, welche Dimension die Ausstellung einnehmen wird. Die große Halle ist fertiggestellt und üben momentan die diversen Gärtner ihre Kunst in Ausschmückung derselben. Die Mitte des großen Spielplatzes wird von Teppichbeeten, Felsenpartien einge­nommen und versprechen hier die Anlagen ganz reizend za werden. So wurde uns mitgetheilt, daß allein ein hiesiges Haus (kein Gärtner oder dergl.) seinen Gärtner mit ca. 2500 Pflanzen ausstellen läßt. Ferner hat die renommirte Thonwaaren-Fabrtk von I. Bertram in Sieg­burg, welche auf den beiden großen Ausstellungen in Antwerpen und Amsterdam im Jahre 1877 mit bem ersten Preis prämnrr wurde, sich mit einer schönen Collection imttirter Baumstamm- Blumentöpfe^c., welches eine Specialität dieser Fabrik ist, angemeldet. Behalten wir so schönes Wetter wie der gestrige und heutige Tag, so dürften wir einen großartigen Fremden­zufluß in unserer Stadt zu erwarten und das Ausstellungs-Comitee eine hübsche Einnahme zu verzeichnen haben.

Verhaftet wurde gestern eine Frauensperson wegen Wäsche-Diebstahls und ein Bürschchen von 15 Jahren wegen unbefugten Mitnehmens von Stallhasen.

Die hiesigen Armen dürften ein Geschenk von 100 .,4L anläßlich des Synagogen- Einbruchs zu erwarten haben, indem ein hiesiger wohlhabender Jsraelite am Morgen ber That obige Summe den Armen versprochen, wenn die Einbrecher ermittelt würden. Da dieses nun geschehen, wird jedenfalls das gegebene Worr auch eingelöst werden.

Dem Vernehmen nach ist der Cassaschrank, welcher der israelitischen Religionsgemeinde trotz diebischer Versuche seinen Inhalt bewahrte, von der bekannten Firma Rudolph Wolff in Gießen und Lang-Göns.

Vermischtes.

Kirn a. d. N., 28. August. Wie vor vier Jahren durch die Wasserfluth, so waren wir in der letzten Nacht durch eine Feuersbrunst bedroht, die bei dem herrschenden starken Winde leicht der ganzen Stadt hätte verderblich werden können. Nur dem energischen Ein­schreiten der hiesigen freiwilligen Feuerwehr, dem günstigen Umstand, daß der Hahnenbach ganz nahe an der Brandstätte liegt, und dem rechtzeitigen Nachlassen des Windes verdanken wir die Verhinderung eines weiteren Umsichgreifens des Feuers. Das Feuer entstand aus unbekannter Veranlassung in einer mit Heu gefüllten, in der Mitte eines Häuservierecks dicht am Markt liegenden Scheune. Es hatte, noch ehe. die Löschmannschaften zur Stelle sein konnten, bereits die umliegenden Stallungen und die Dächer von fünf Wohnhäusern ergriffen, die dann auch mehr oder weniger vollständig abgebrannt sind. Von da ab machte das Feuer keine Fortschritte mehr. Ein ganz besonderes Lob gebührt der hiesigen Damenwelt, die unerschrocken und sich selbst nicht achtend, sich mit edlem Sinn und regem Eifer an dem schweren Löschwerke bethetligte. Die Häuser waren meist versichert. Auch heute Morgen noch schlagen trotz des leichten Regens überall Flammen in die Höhe und sieht man in den Trümmerhaufen das Heu roth glühen. Jedoch bemüht sich die Feuerwehr emsig, auch die letzte Gefahr zu beseitigen.

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