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ltch geringen Distanzen Soldatenwachen aufgestellt. Der Zug, welcher dem Haupttratn, in dem der Czar selbst fuhr, voraneilte, war von Leibgardlsten und Polizei überfüllt. Die Sicherhettsmaßregeln waren von solchem Umfange, daß die Durchführung derselben mehrere Tage in Anspruch genommen har. Der Mtlttär-Cordon zu beiden Seiten der Eifenbahnlinie war auf einer Strecke von mehreren Meilen aufgestellt. Auf je 50 Klafter Distanz waren Holz­scheiterhaufen aufgeführt, welche während der Fahrt des Ezaren belm Anbruch der Nacht angezüudet wurden, um so die vollkommenste Überwachung der Schienen dem Militär zu ermöglichen. Auf 24 Stunden vor der Abfahrt des Czaren waren die Züge auf der Eisenbahnlinie sistlrt und die Annäherung zu den Schienen auf daS Strengste verboten.

Bulgarien.

Tirrrowa, 30. April. Fürst Dondukoff Korsakoff ersetzt alle russischen Behörden in Bulgarien durch bulgarische Beamten. Die Notabeln-Versamm- lung hat ihre Berathungen bis zur Ankunft des Fürsten vertagt. Fürst Dondukoff Korsakoff wird am 2. Mat nach London abreise».

Telegraphische Depeschen.

Wagner'- telegr. «orrefpondenz-Bureau.

Berlin, 1. Mai. Die Berliner Gewerbeausstellung wurde heute in feierlicher Weise eröffnet bei Anwesenheit eines zahlreichen dtstingutrten Herren- und Damen-Publtkums, darunter viele politische und industrielle Notabil'täten, die Minister Maybach, Falk, Graf Eulenburg und Friedenthal, Ober-Bürger- meister v. Foickenbeck, Bürgermeister Duncker und zahlreiche Vertreter des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung, ferner Geh. Rath Reuleaux und Geh. Eommerzienrath Ravene. Im Namen des Central-Comites der Aus­stellung eröffnete Herr Kühnemann dieselbe mit einer Rede, worin er eine Geschichte der Ausstellung gab und darauf hinwies, daß dieselbe, aus eigener privater Initiative hervorgegangen, in schwerer Zeit der bediängten Industrie Aufmunterung geben sollte. Redner schloß mit einem Hoch auf Se. Maf. den Kaiser, in das die Versammlung begeistert einstimmte. Minister Maybach bob die Bedeutung des Unternehmens hervor und brachte ein Hoch aus auf das Central-Comrte und den Gewerbestand. Die Feier schloß mit einer Rede v. Forckenbick's, welcher der muthigen Berliner Industrie ein Hoch ausbrachte.

Petersburg, 1. Mat. Ein Telegramm des Gouverneurs von Oren­burg vom 30. April meldet: Das Unterstützungs-Comite hat seine Thätigkeit bereits eröffnet, nachdem Nahrungsmittel aus Samara eingetroffen sind. Der Brand wurde durch Unvorsichtigkeit verursacht. Es sind niederg<brannt: 949 Häuser, 2 Kirchen, 1 Moschee, 4 Mühlen und 292 Läden nebst Lager, Theer- und Kohlenbuden, Fletschwaaren-, Gemüse-, Bau- und Brennholz-Bazare. Außerdem brannten das Mädchengymnasium, das Progymnasium, das Club- Haus, das Armenhaus, das Poltzeigebäude und die Kammer des Friedens­richters nieder. Ein Telegramm aus Livadia vom 30. April meldet: Der Kaiser sandte seinerseits 10,000 Rubel nach Orenburg zum Zwecke der Unter­stützung der Nothleidenden.

Pesth, 1. Mai. Nachrichten aus Szegedin zufolge wüthete daselbst gestern BviMittag ein unerhört heftiger Orkan, durch welchen die Eisenbahn- mib Verstopfungs-Arbeiten vernichtet wurden; Baumaterialien und Erdschiffe versanken größtenthetls, an den Bahndämmen entstanden große Durchrisse und die Arbeiter geriethen in Lebensgefahr. Es ist Hülfe abgesendet. Abends legte sich der Sturm.

Berlin, 1. Mai. Der Kronprinz ist heute Vormittag nach Kissingen abgeretst.

Wien, 1. Mai. Meldungen derPolit. Corresp." Aus Koi stan- tmopel: Da die ostrumelische Commission die Unstatthaftigkeit erkannte, Ost- rumelien nach Abzug der Russen ohne reguläre Verwaltung und ohne organi« sirte bewaffnete Macht zu lassen, so drückte sie den Wunsch aus, die Pforte möge sich mit Rußland betreffs des Ueberganges der Administration an die n.ucn Behörden und der Unterstellung der Miliz und Gensdarmerie unter dieselben verständigen. Die Commission bietet ihre officiöse Mitwirkung an und wird die erforderlichen finanziellen Vorkehrungen treffen. Aus Tirnowa. Dondukoff machte gestern unter Kanonen-Salven Mittheilung von den Glück­wünschen des Kaisers und der Kaiserin von Rußland zur Wahl des Prinzen von Battenberg. Dondukoff ist nach Livadia berufen und reist am 2. Mai dorthin ab.

DiePolit. Corresp." läßt sich in einem aus Philippopel vom 20. April datirten Schreiben melden, Kaiser Alexander habe in einem Tele­gramme an den Exarchen Joseph erklärt: Ich wünsche von Herzen, daß das Land t^Ostrumelien) durch friedliche, ruhige Entwickelung innerhalb seiner gegenwärtigen staatlichen Einrichtungen die höchste Stufe des Wohlstandes er­reichen möge.

Berlin, 1. Mai. In Betreff der Tabaks.Sperre schreibt dieNordd. Allg. Ztg." : Sie glaube, daß die Reichsregierung mit einer solchen Sperr- n.aßregel einverstanden sein wüide, möchte aber warnen, dieselbe als Aequiva- lent für dte Nachsteuer zu betrachten. Sie könne bestimmt versichern, daß die Reichsregierung auf die Nachsteuer unter keinen Umständen verzichte. Be­züglich der Hannover-Altenbekener Bahn bemerkt dasselbe Blatt der gegenth.i- ligen Folgerung eines hiesigen Börsenblattes gegenüber, es seien Verhandlungen tm Gange, um auch die Beziehungen dieses Unternehmens zum Staate auf einer billiaen Grundlage zu ordnen.

Kissingen, 1. Mai. Der Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen ist heute Abend hier eingetroffen.

Wien, 1. Mai. DieWiener Ztg." veröffentlicht das Gesetz, be­treffend die Einverleibung von Spizza, und ein kaiserliches Handschreibeir vom 1. d. an den Grafen Taaffe, mit welchem der Kaiser als Merkmal der An. erkennung des patriotischen Sinnes und hervorragender Bethätigung und künst­lerischen Schaffens bei den veranstalteten Festlichkeiten anläßlich tes 25. Jah­restages der kaiserlichen Vermählung dem Bürgermeister von Wien, Rewald, d'.s Comthurkreuz des Franz-Joseph-Ordens, dem Proiessor Ma,kart das Ritterkreuz des Leopold. Ordens, dem Bürgermeister - Stellvertreter Uhl den Orden der Eisernen firor.e 3. Klasse verleiht. Das amtliche Blatt ver­öffentlicht ferner eine Verordnung in Betreff Aufhebung der anläßlich der Pest- g fahr verfügten Beschränkungen hinsichtlich des Uebertrittes Reisender aus Rußland und Bulgarien.

Vermischte-.

Nach jahrelangem Stillstände ist auf dem Gebiete der Photographie endlich wieder ein Fortschritt zu verzeichnen. Seit Einführung des Negativ- und Collodium-Verfahrens bemühten sich die Photographen und Chemiker vergeblich, ein Mittel zur Abkürzung der Expo­silionsdauer, besonders für Porträtaufnahmen, ausfindig zu machen; trotz aller lichtstarken Instrumente und empfindlichen Präparate ist die Belichtungszeit in ver Camera heute wie vor dreißig Jahren dieselbe unv beträgt bei sonst günstigen Verhältnissen mindestens 20 30 Sekunden, eine Zeit, Die selbst für pstegmatische Naturen verhältnißmäßig viel zu lang ist, um während derselben die nothwendige absolute Ruhe und den freundlichen Äesichtsaus druck wn bewahren zu können. Dieier Uebelstanv der nicht nur das Mißlingen unzähliger Aufnahmen, den Ver­derb von Chemikalren und Zeitverschwendung im Gefolge hat, sondern auch der leidigen, oft in unsinnigster Weise gehandhabten Retouche Thür und Thor öffnet, ist nun angeblich mit einem Schlage beseitigt, da cs einem Wiener Photographen Namens Kroh gelungen «st, ein Schnell verfahren zu entdecken, mittelst dessen im Salon und selbst bei bedecktem Himmel die brillantesten und bis in die kleinsten Einzelheiten durchgearbeiteten Matrizen in einer Secunde herge- stellt werden.

Seit Wochen spielte vor dem Canzleigericht zu London ein Proceß, der in gewerblich­chemischen und wissenschaftlichen Kreisen viel Aufsehen erregte: ein Patentproceß, der von Dr. Friedrich v. Heyoen aus Dresden gegen die Londoner Agenten Neustadt u. Co. der Firma E. Merk in Darmstadt wegen Darstellung von Salicylsäure nach Kolbes patentirter Methode angestrengt worden war. Das Gericht entschied am 23. April zu Gunsten des Klägers Dr. v. Heyden und Herr Merck wurde unter Umstoßung seines später gelösten Patents zum Schaden­ersatz und sämmtlichen Gerichtskosten verurtheilt, welche letztere allein sich auf über 10o,0u0 JL belaufen dürften.

Vor einem Bäckerladen in Konstantinopel gab's neulich Brod-Crawall, weil der Bäcker zu wenig Teig zum Brot genommen hatte. Als der Lärm am tollsten war, ritt Osman Pascha vorbei.Was gibt's?" rief er und überzeugte sich mit der Waage in der Hand von dem guten Grund der BeichwerdenHierher", rief er dem Bäcker zu und nagelte ihn mit dem linken Ohr an die Ladenthür.Der Löwe von Plewna bleibt er, aber auch ein alttürkischcr Grobian," sagte der Bäcker, als er wieder loskam.

Faust-Vorlesung.

Der Vortrag einiger Scenen aus Götbe's Faust I. Theil durch den Director des hiesigen TheaterS, Herrn Alberti, bot am Donnerstag Abend einen außergewöhnlichen Kunstgenuß. Herr Alberli, cm Mann von hoher Bildung und hervorragender Begabung, als Dichter mehrerer sehr ansprechender Bühnenstücke (wir erinnern an das schöne Schauspiel:Des Vaters ßieb" und das nette LustspielR W.u) auch von dem hiesigen Publikum geschätzt, ist nicht nur ein gewandter Dirigent und geschickter Regisseur, sondern erfreut sich als Charakterdarsteller eines anerkannten Rufes weit über die Grenzen des engeren Vaterlandes. Denn bis nach Ainstervam und Haag, bis nach Danzig und Graz, bis nach Zürich und Bern ist er in unzähligen Städten in Rollen, wie Narciß, Fechter von Ravenna, Mephisto, Heinrich (in Lorbeerbaum und Bettel stab) u. v. a. aufgelretcn, hat stets bohe Anerkennung, sehr häufig stürmischen Applaus erzielt und darf sich getrost mit den ersten Charakierdarstellern, selbst Davison. Hendrichs, Haase u a. mit eingcschtossen, messen und würde jeder, auch der größten Bühne zur Zierde gercichen.

Herr Alberti hatte folgende Scenen gewählt: Die Eingangsscene, Scene mit Wagner, Mephisto,Schülerscene", Gartenscene, Valentins Sterbesccne und Kerkerscene und wußte durch seine Nüanclrung nicht nur alle Rollen auseinander zu halten, sondern auch jeder ihren beson­deren Charakter so klar zu geben, daß selbst diejenigen, welche mit der Göthe'schen Dichtung nicht ganz vertraut sind, jeden Augenblick ohne die störende Angabe des Namens der Sprechenden völlig klar darüber waren, wer gerade sprach. Was man an Tieck, an Palleske, an Hofrath Schneider u. v a. rühmt, das darf man der Wahrheit gemäß and) von Herrn Alberti sagen. Feinheit des Ausdrucks, Kraft der Sprache, Leidenschaftlichkeit und doch rechtes Maaßhalten feffelten die Hörer. Dte Herzcnsöde und das Verzweifeln des an Allem zweifelnden Faust, die schlaue List Mephistos, die dummdreiste, schale Zudringlichkeit Wagners, sowie die naiv-einfältige Wcltunerfahrenheit und alberne Neugier des Schülers, die harmlos fid) hingebende Liebe Gretchens, wie dte lüsterne Begehrlichkeit der trotz ihres Alters immer noch nach Männern sagenden Martha, sowie die letztere überlistende Schlauheit Mephistos das war Alles prächtig zuin Ausdruck gebracht. Vor Allem aber waren cs die Sterbescene Valentins und die Kerkerscenc, welche als wahre Meisterstücke der Declamatton genannt zu werden verdienen. Es möchte kaum irgend einen der als Declamatoren berühmteren Leute gelingen, ein vollkommeneres Ensemble zu Stande zu bringen, in dem Gewirre dieser von den tiefsten Leidenschaften und Seelenerregungcn erzitternden Stimmen. Die Kerkerscene namentlid) war unübertrefflich gut wiedergegeben und verdient wegen der ergreifenden, trotz der tiefen Leidenschaftlichkeit des Wahnsinns und der Verzweiflung, um des Fluchtversuches aus dem Kerken willen gedämpften, aber mächtig zu,n Herzen dringendtn Sprache die vollste Anerkennung, welche das Publikum in der That dem Impulse seiner Empfindung folgend durch lebhaften Applaus Herrn Alberti zollte.

Es wäre zu wünschen, daß ein so hockbegabter Dcclamator, wie Herr Alberti, öfters bedeutendere Dramen, deren Aufführung die räumlichen und decorativen Mittel der hiesigen Bühne nicht gestatten, durch solche schöndurchdachtc Vorträge dem für dramatische Literatur sich intercssirenden Publikum vorführen wollte.

Handel und Verkehr.

Frankfurt, 1. Mai. ,Fruchtbcricht.) Weizen ab unserer Umgegend V4L 20, fremder <X 20203/4, wirklich hochfeine Qualitäten viel über Notiz. Roggen konnte sich von seiner flauen Stimmung noch nickt erholen, ein positiver Preis-Rückgang ist inbeflen nicht zu melden. Prima-Sorten verhielten sich sehr ruhig; ernstliche Kauflust würde sich ohne Zweifel etwas billiger befriedigen lasten. Feinste Sorten JL !5l/4 -Vz, andere Sorten 1314» 2- Gerste grschäftslos. Hafer konnte cs bei seinem hohen Preisen nicht übet Detailgeschäft hinausbringen : ab auswärts verhält man sick passiv und kauft nur von Hano zu Mund JL 131/2 bis Jt 14 ; feine Sorten über Cours. Raps und Rüböl ohne Umsatz Für Mehl hat das Geschäft kein- Ausdehnung gewonnen und sick, auf Detailverkauf an den Platzconsum zu ziemlich unveränderten Preisen beschränkt. Futterstoffe fest, aber nicht lebhaft.

Temperatur in Gießen.

April 1879.

Niederste..........4,5 o r.

Mittlere..........-(-5,26

Mittel früherer Jahre........4-6,69

Höchste........' . . 4-15,2

Niederschlag an 15 Tagen ....... 2,52 Par. Zoll

Niederschlag im Mittel früherer Jahre an 12 Tagen . / 1,50 p

NB Der Niederschlag im März betrug nicht 2,8-* sondern 0,47 Par. Zoll.

Die Vegetations-Entwickelung ist im Vergleiche zum Mittel um etwa 11 Tage verspätet.

Irilchbücker in Gießen.

Sonntag den 4. Mai. Ludwig Kroneberg, Neustadt. Carl Plank Wolkcngaste. Gustav Cger, Lindenplatz.

Kirchliche Anzeigen

der evangelischen Gemeinde zu Gießen.

Gottesdienst:

Sonntag den 4. Mai. Morgens: Pfarrvicar Schöner. Nachmittags: Pfarrer Schlosser.

Die Pfarrgeschäfte für die Woche vom 4. bis 10. Mai besorgt Pfarrer Dr Seel.

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